III.

 

 

 

 

 

Die Zeit, in der wir leben, bedroht mit ihrer Unruhe und ihrem Ung1ück die Werte, die uns bisher gesichert schienen; und wenn man die politischen Wirren als Massstab nimmt für Bewegungen in den Fundamenten des Denkens, so deuten die Katastrophen dieser Jahrzehnte darauf hin, dass sich die Gewichte des menschlichen Denkens verlagern und dass sie die Fundamente verschieben. Wie die Welt aussehen wird, wenn diese Verschiebung ihr Ende erreicht hat, wissen wir nicht. Aber wahrscheinlich deutet man die Zeichen der Zeit richtig, wenn man annimmt, dass die Bereiche der Wirklichkeit, die wir selbst unbewusst gestalten, an Wichtigkeit wieder zunehmen werden gegen dem objektivierbaren Bereich; zunächst scheinen freilich die finstern Dämonen aus diesen Bereichen die Hauptrolle zu spielen. Vielleicht wird diese Verschiebung so weit gehen, wie jene beim Beginn unserer Zeitrechnung, sodass die Verbindung mit der Vergangenheit nur noch von ganz kleinen, abgeschlossenen Menschengruppen aufrecht erhalten werden kann. Aber vielleicht wiederholt sich nicht das Gleiche noch einmal, vielleicht wird doch das Wesentliche an der Erkenntnis der Vergangenheit übrigbleiben und die Verschiebung dort ihr Ende erreichen, wo das Nebeneinander und Ineinander der verschiedenen Schichten der Wirklichkeit nicht mehr als Widerspruch erscheint, sondern als fruchtbare Spannung ertragen wird. Der Einzelne kann dazu nichts tun, als sich innerlich bereitmachen für die Veränderungen, die ohne sein Zutun geschehen.

Frühere Generationen konnten an dem Werk weiterbauen, das sie von ihren Vorfahren übernommen hatten. Unserer Zeit, in der auch die alten geistigen Werte mit eingeschmolzen werden, ist notwendig ein bescheideneres Ziel gesteckt. Uns bleibt zunächst nichts, als das Zurückwenden zum Einfachen: wir sollen die Pflichten und Aufgaben, die uns das Leben selber stellt, gewissenhaft erfüllen, ohne viel nach dem Woher und Wohin zu fragen; wir sollen das, was uns noch schön dünkt, an die nächste Generation weitergeben, Zerstörtes aufbauen und den anderen Menschen, über den Lärm der Leidenschaften hinweg, Vertrauen schenken. Und dann sollen wir abwarten, was geschieht; das Neue braucht ja nicht gleich sichtbar zu sein, auch so soll es uns recht sein - die Wirklichkeit wandelt sich ohne unser Zutun von selber.

Wenn wir an die nächste Zeit denken, so droht uns die stärkste Gefahr wohl von der Verwechslung der bösen und der guten Mächte. Gerade in einer Epoche, in der sich die Bindung zur alten Religion löst, ist die Gefahr, dass Dämonen die Herrschaft der Götter übernehmen, grösser als je; und die Dämonen verbünden sich stets mit jenem glänzenden Phantom, das die Menschen zu allen Zeiten irregeführt hat, mit der politischen Macht.

Um hier den Blick zu schärfen, müssen wir uns vor allem daran erinnern, dass die politische Macht noch stets durch Verbrechen begründet worden ist. Dies wird nicht dadurch gebessert, dass die politische Macht, wenn sie einer grossen menschlichen Gemeinschaft als Ordnung aufgeprägt ist, schliesslich auch gute Wirkungen hervorbringt. Bei der Ausbreitung der Macht versuchen die Menschen doch stets, die anderen, die sich nicht von selbst der Gemeinschaft einordnen, durch brutale Gewalt einzugliedern. Das banale Leitwort: »Und willst du nicht mein Bruder sein, so schlag ich dir den Schädel ein« gilt auch heute noch für jeden der grossen politischen Machtbereiche. Daher sollen wir hier misstrauisch sein; zwar wird es stets politische Macht geben, und stets werden ungezählte Scharen von Menschen im Kampf um die politische Macht leiden und sterben. Aber darauf kommt es nicht an, dadurch wird nichts über den Wert der Sache entschieden, für die die Menschen sterben. Vielleicht wird der neue Sinn, der dieser Welt gegeben wird, noch lange Zeit fern und unbemerkt von der politischen Macht weiterwachsen, bis er eines Tages wie von selbst grosse Gemeinschaften zusammenordnet.

Auch müssen wir uns wohl damit abfinden, dass es grosse Massen von Menschen gibt und geben wird, denen, um im Gleichnis zu sprechen, der Liebe Gott nicht mehr begegnen kann. Daran wird nichts gebessert dadurch, dass man diesen Massen materielle Güter als Compensation gibt. Auch sind hier garnicht die gemeint, denen es äusserlich schlecht geht oder die nicht denken können: sondern eben die, für die die Welt ein graues und starres Antlitz trägt. In einer grossen geordneten Gemeinschaft nehmen diese Menschen, geführt von der kleineren Gruppe der anderen oder von der Jugend, doch noch irgendwie teil an dem Sinn, der alle verbindet. Aber in einer Zeit, in der dieser Sinn unklar geworden ist und neu gefunden werden muss, sind sie in einer hoffnungslosen Lage, in der auch die Fürsorge der anderen keinen Trost (mehr) bedeutet. Aber auch darauf kommt es nicht an. Vielleicht kann niemand diese Massen vor dem Schicksal bewahren, auf irgendeiner Seite erbittert um politische Macht kämpfen zu müssen. Aber es kommt jetzt darauf an, dass die wenigen, für die die Welt noch leuchtet, zusammenhalten und sich über die anderen hinweg erkennen. Denn nur denen kann sich der Sinn erschliessen, der der Welt neu gegeben wird.

Nicht der Mächtige ist wichtig, der im Bewusstsein seines Rechts den Feind vernichtet und die Widerstrebenden ins Gefängnis wirft, sondern der Gefangenenwärter, der es entgegen dem Verbot doch nicht lassen kann, den Gefangenen gelegentlich ein Stück Brot zuzustecken. Wir müssen uns immer wieder klar machen, dass es wichtiger ist, dem Anderen gegenüber menschlich zu handeln, als irgendwelche Berufspflichten, oder nationale Pflichten oder politische Pflichten zu erfüllen. Auch das lauteste Getöse grosser Ideale darf uns nicht verwirren und nicht hindern, den einen leisen Ton zu hören, auf den alles ankommt. Es ist so oft gesagt worden, dass das Schwache untergeht und nur das Starke sich im Lebenskampf siegreich behauptet. Das wird wohl richtig sein. Aber was ist das Starke? In der Musik sind oft nicht die Stellen am lautesten, an denen das volle Orchester den ganzen Raum mit Tönen füllt, sondern die Takte, in denen eine einzelne Geige ganz leise eine Melodie singt. Deshalb müssen sich jetzt die verbinden, die noch die weisse Rose kennen, oder die den Klang der Silbersaite vernehmen können.

Vielleicht wird bei der zukünftigen Gestaltung der Welt die Wissenschaft eine noch wichtigere Rolle spielen als bisher. Nicht so sehr deshalb, weil sie zu den Voraussetzungen der politischen Macht gehört, sondern weil sie die Stelle ist, an der die Menschen unserer Zeit der Wahrheit gegenübertreten. Während im politischen Leben ein dauernder Wechsel der Werte, der Kampf verlogener Ideale gegen andere verlogene Ideale garnicht vermieden werden kann, betreten wir in der Wissenschaft einen Bereich, in dem das, was wir sagen, eben letzten Endes entweder wahr oder falsch ist, hier gibt es noch eine höhere Macht, die unbeeinflusst durch unsere Wünsche endgültig entscheidet und damit wertet. Am wichtigsten sind daher auch die Gebiete der reinen Wissenschaft, in denen von praktischen Anwendungen nicht mehr die Rede ist, in denen vielmehr das reine Denken den verborgenen Harmonien in der Welt nachspürt. Dieser innerste Bereich, in dem Wissenschaft und Kunst kaum mehr unterschieden werden können, ist vielleicht für die heutige Menschheit die einzige Stelle, an der ihr die Wahrheit ganz rein und nicht mehr verhüllt durch menschliche Ideologien oder Wünsche gegenübertritt. Freilich hat die grosse Masse der Menschen zu diesem Bereich ebensowenig den Zugang wie früher zum Allerheiligsten des Tempels. Aber für die Masse genügt es auch, zu wissen, dass einige Menschen dorthin vordringen, und dass dort nicht betrogen werden kann, dass dort eben der Liebe Gott entscheidet und nicht wir.

Solange dieser zentrale Bereich der Wissenschaft unangetastet bleibt, ist wohl auch die Gefahr nicht allzugross, die dadurch heraufbeschworen wird, dass wir die Kräfte der Natur in viel höherem Mass beherrschen als frühere Zeiten. Diese Kräfte können in ihrer Wirkung zum Guten geleitet werden, solange sie noch durch uns von einer Mitte her geordnet werden, die nicht von uns, sondern von einer höheren Macht gesetzt ist. Nur wenn die ordnende Mitte fehlt, führen die Kräfte ins Chaos. Auch für die Menschheit im Ganzen gelten hier die Verse von Stephan George: »Wer je die Flamme umschritt...«. In gewisser Weise wiederholt sich jetzt im Grossen eine Ordnung, die früher bei primitiven Völker-stämmen bestanden hat. Der Forscher ist, wenn auch gegen seinen Willen, für das Volk der Magier, dem die Kräfte der Natur gehorchen. Aber seine Macht kann nur dann zum Guten ausschlagen, wenn er gleichzeitig Priester ist und nur im Auftrag der Gottheit oder des Schicksals handelt.

Daher ist es wohl auch kein Zufall, dass gerade in der Wissenschaft die Verwandlung der Wirklichkeit klarer in Erscheinung getreten ist, als in irgendeinem anderen Bereich. Hier zeigt uns das Schicksal selber den Weg, der von der Welt beschritten wird; nicht erst auf dem Umweg über die Erfahrungen und Leiden, die der Menschheit in ihrer Geschichte gesetzt sind, sondern unmittelbar bei dem Versuche, die Wahrheit zu finden. Daher bedeutet auch die Erkenntnis von der Grenze der Objektivierbarkeit wohl mehr als nur eine neue naturwissenschafuiche Erfahrung nach vielen anderen; sie bedeutet, dass wir uns mit der Seite der Wirklichkeit auseinandersetzen müssen, bei deren Erkenntnis vom Erkenntnisprozess nicht mehr abgesehen werden kann. Freilich ist diese Erkenntnis auch wieder nur ein Baustein, so wie etwa früher der Gedanke von der Existenz der Atome oder der von der Stellung der Sonne im Planetensystem; und erst viele hunderte solcher Bausteine genügen, um mit dem Fundament eines Verständnisses der Wirklichkeit zu beginnen. Alle Erkenntnis beruht eben letzten Endes auf Erfahrung, und dieser Weg der Anpassung des Denkens durch die Jahrhunderte kann durch nichts verkürzt werden. Oft ist ein Jahrhundert von Erfahrungen nötig, um einen neuen entscheidenden Gedanken hervorzubringen. Auf die Frage, wie denn die Wirklichkeit eigentlich sei, kann man daher kaum anders antworten als auf die alte Frage im Märchen:

»Wie lange dauert die Ewigkeit?« »Am Ende der Welt steht ein Berg, ganz aus Diamant, und alle hundert Jahre fliegt ein Vögelchen dorthin und wetzt dort seinen Schnabel, und wenn der ganze Berg abgetragen ist, dann wird erst eine Sekunde der Ewigkeit vergangen sein.«

 

 

 

RETURN TO TABLE OF CONTENT

 

RETURN TO INDEX