I.
Wer sein Leben für die Aufgabe bestimmt, einzelnen Zusammenhängen der Natur nachzugehen, der wird von selbst immer wieder vor die Frage gestellt, wie sich jene einzelnen Zusammenhänge harmonisch dem Ganzen einordnen, als das sich uns das Leben oder die Welt darbietet. Zwar wird ihm vielfach das Forschen nach einzelnen Naturgesetzen ein unendlich spannendes Spiel sein, das um so glücklicher macht, je sicherer er die Regeln der Natur zu beherrschen glaubt, aber im Laufe eines Lebens würde auch das abwechslungsreichste und noch so kunstvoll geführte Spiel inhaltslos, wenn es sich nicht auf das Aligemeine bezöge. So kreisen die Gedanken immer wieder um das Problem, wie jenes Ganze zusammenhängt, das wir Welt oder Leben nennen (-je nachdem wir uns aus- oder eingeschlossen denken-), und an welcher Stelle in diesem Ganzen die besonderen Zusammenhänge stehen, denen etwa ein grosser Teil der Lebensarbeit gilt. Diese Frage steht mit einer anderen, weiteren Aufgabe im Zusammenhang:
Immer dann, wenn an einer besonderen Stelle des geistigen Lebens eine grundlegende neue Erkenntnis in das Bewusstsein der Menschen tritt, muss die Frage, was denn eigentlich die Wirklichkeit sei, von neuem geprüft und beantwortet werden. In der Geschichte der Menschen heben sich verschiedene Epochen heraus, in denen die Struktur der Wirklichkeit deutliche Änderungen durchgemacht hat. Dabei kann die Frage unentschieden bleiben, ob diese Strukturänderung ihren Grund in einer neuen Erkenntnis gehabt habe, oder ob die neue Erkenntnis erst durch die Änderung in der Struktur der Wirklichkeit möglich geworden sei. Jedenfalls ahnen wir einen sinnvollen Zusammenhang, wenn wir erfahren, dass etwa in der beginnen den Neuzeit drei scheinbar völlig unabhängige, aber innerlich verwandte Ereignisse zeitlich eng beieinander liegen: die erste Fahrt des Columbus nach Amerika, die Gespräche zwischen Luther und Zwingli über die Frage, ob im Abendmahl das Brot der Leib Christi sei oder ihn bedeute, und die Entdeckung des Kopernikus.
Viele Anzeichen deuten darauf hin, dass auch in unserer Zeit eine tiefgehende Änderung der Wirklichkeit sich vorbereite. Die stürmischen und fruchtbaren Jahre nach dem letzten Weltkrieg haben die ersten Wellen einer neuen geistigen Luft in unsere nur scheinbar sichere Welt geweht, und niemand weiss, was nach den jetzt beginnenden Kriegen für die Mensehen »wirklich« sein wird. Es kann kaum Zufall sein, dass sich in den letzten Jahrzehnten auch innerhaib der Naturwissenschaften das Bild der Wirklichkeit grundlegend gewandelt hat. Selbst wenn wir den Zusammenhang dieser Wandlung mit jenen grösseren Veränderungen noch nicht durchschauen, so mag zu irgendeiner späteren Zeit das Verständnis dieser besonderen Vorgänge in der Naturwissenschaft einer allgemeinen geistigen Entwicklung die Wege ebnen. So wird unserer Zeit die Aufgabe gestellt, die allgemeinen Züge der modernen Naturwissenschaft als natürliche Folgerung einer bestimmten Stellung zur Wirklichkeit zu erkennen. Um diese Stellung zur Wirklichkeit soll es sich hier handeln, obwohl sie auch wieder nur Ausdruck einer Zeit und ihrer Hoffnungen sein kann.
1. Die verschiedenen Bereiche der Wirklichkeit
Dass die uns umgebende Welt einfach und einheitlich sei - ein Garten, den wir von der Geburt bis zum Tod durchwandern, uns gewachsen zur Lust oder zur Beschwerde -, das wird uns heute nicht mehr gelehrt. Zu Bedenken und Zweifeln an dieser Einfachheit durch die Wissenschaft geneigt oder durch die Stürme der Zeit gezwungen, besinnen wir uns darauf, dass sich schon in unserem eigenen Leben die Wirklichkeit mehrfach geändert hat - nicht nur allmählich, wie eine Landschaft, die wir durchwandern, sondern plötzlich und unvorhergesehen; dass diese Veränderungen vielleicht eine tiefe Beunruhigung im Bewusstsein hervorgerufen, vielleicht die harmonische Einheit unseres Lebens gefährdet haben.
Die Kindheitserinnerungen reichen zurück in eine in Raum und Zeit eng begrenzte Welt; eine Welt, in der »Bedeuten« und »Sein« noch nicht getrennt waren und in der wir mit magischer Kraft die Wirklichkeit nach unseren Wünschen und Vorstellungen formen konnten. Wie war das doch damals: Der Faden aus dem Nähkorb der Mutter, auf den Boden gelegt, ist das hohe Seil des Akrobaten, der am vergangenen Sonntag auf dem Jahrmarkt seine Kunststücke zeigte; und ich bin der Akrobat. Em Stück Holz ist das Pferd, das mich als Reiter trägt. Es ist wirklich das Pferd, die materiellen Eigenschaften des Steckens sind nur Schein. Im Lauf der Jahre weitet sich die Welt in Raum und Zeit, die magische Kraft zum Verwandeln wird geringer, durch mancherlei Erfahrungen gezwungen räumen wir auch der materiellen Gesetzmässigkeit ihren Platz in der Wirklichkeit ein. Aber noch ist diese Wirklichkeit die einfache Fortsetzung jener von uns geformten kindlichen Welt.
Da erscheint in unserer Erinnerung ein anderer Tag: Das Kind besteigt eines Morgens wie schon so oft die Schaukel im heimatlichen Obstgarten und schaut über die Wiesen hinunter zum Fluss und auf die Höhen am anderen Ufer. Alles ist wie früher. Doch auf emmal fängt der Kirchturm drüben jenseits der Brücke an, in der Sonne zu glänzen. Das Leuchten breitet sich aus Über die Brückenpfeiler und die Pappeln in der schrägen Wiese, es steigt mit den Windungen des Feldweges hinauf bis zum grossen Holzlager und von dort zum Buchenwald auf der Höhe, bis sich wie mit einem Zauberschlag die ganze Welt verwandelt hat. Zum ersten Mal, wenn auch nur für kurze Zeit, betritt das Kind den neuen Bereich der Wirklichkeit, in dessen Allerheiligstem später die Liebe wohnt. Es wird noch manche Jahre dauern, bis die kindliche Welt ganz versunken ist, aber zwischen der Wirklichkeit, die das Kind umgibt, und jener späteren gibt es keinen allmählichen Übergang. Der Ton der Silbersaite, von der Gottfried Keller gesungen hat, kann von keiner anderen Saite erklingen.
Auch in die Jahre des tätigen Schaffens, in denen dem er wachsenen Manne neue Erfahrungen kaum mehr die Welt verändern, kann eine plötzliche und unheimliche Verwandlung der Wirklichkeit einbrechen. Zu leicht etwa verweben wir in unser Leben eine leitende Idee, einen Wunsch, der bald als der einzige Sinn dieses Lebens erscheint. An diesem Wunsch entwickeln sich alle guten Kräfte, der Glaube an seine Erfüllbarkeit erscheint als die Quelle des Lebens schlechthin. Dann kann es geschehen, dass das Schicksal die Grundlage des Wunsches plötzh\lich zerstört, dass es seine Unerfüllbarkeit ein für allemal festlegt. In diesem Augenblick kann sich die Welt in der unheimlichsten Weise verändern. Menschen und Dinge, die lebendig zu uns gesprochen haben, bleiben stumm und sehen starr und unwirklich aus. Dort, wo ein sinnerfüllter Zusammenhang unser Leben enthalten hatte, waltet ein starres Gesetz, das nur nach Ursache und Wirkung und ohne Ansehen höherer Zusammenhänge entscheidet. - Frühere Zeiten sprachen davon, dass Gott einen Menschen verlassen könnte. Vielleicht aber gibt es in unserer Zeit viele Menschen, für die die Welt ein graues und starres Antlitz trägt.
Es ist oft gesagt worden, dass auch für die verschiedenen Epochen in der Entwicklung der Menschheit die Wirklichkeit sehr verschieden ausgesehen habe. Jugendliche Völker scheinen über eine ähnliche magische Kraft des Verwandelns zu verfügen, wie sie uns aus der eigenen Kindheit in der Erinnerung ist. In der Blütezeit Griechenlands fand sich der Grieche in einer von Göttern und Damonen ringsum belebten Welt, unzählige Spuren verbanden die Gegenwart mit der mythischen Vorzeit. In der Einsamkeit der Wälder war die Nähe Pans unmittelbar zu spüren, und in Gottesdiensten konnte der Gott in einer Weise gegenwärtig sein, die von uns wohl nicht mehr vollzogen werden kann.
Die Geschichte lehrt, dass diese Kraft zum Leben in nichtmateriellen Zusammenhängen in späteren Zeiten geringer geworden ist; in der späthellenistischen Zeit zeigt die Ausbreitung von Naturwissenschaft und Technik deutlich, wie die gesetzmässigen Zusammenhänge der materiellen Welt in der Wirklichkeit an Kraft gewinnen. Dann aber bedeutet der Einbruch des Christentums eine plötzliche, unvermittelte Wandlung der Wirklichkeit. Wir wissen, dass diese Wandlung für den einzelnen Menschen, der von ihr betroffen wurde, zu den schwersten inneren Erschütterungen geführt hat. Die Bekenntnisse Augustins etwa sind ein ergreifendes Dokument für den völligen Bruch, den die Bekehrung in dem Laufe emes Lebens hervorgerufen hat.
Die Beispiele für solche grundlegenden Umgestaltungen der Wirklichkeit in der Geschichte oder im Leben des einzelnen Menschen könnten unendlich vermehrt und vertieft werden. Wir müssen uns also wohl fürs erste damit abfinden, dass sehr verschiedenartige Zusammenhänge unser Leben bestimmen können; und wenn das Wort Wirklichkeit nichts anderes bedeutet, als die Gesamtheit der Zusammenhänge, von denen unser Leben durchwirkt und getragen wird, so ist es wohl wahr, dass es sehr verschiedene Bereiche oder Schichten der Wirklichkeit geben muss.
Vielleicht sollte in dieser Verbindung auch darauf hingewiesen werden, dass die Welt, in der andere Organismen unserer Erde leben, sich noch so viel weiter von den unsrigen unterscheidet, dass wir nur indirekt aus den völlig anderen äusseren Bedingungen ihres Lebens auf jene Welt schliessen können, die unmittelbar unserer Vorstellung entzogen ist. Es sei hier etwa an die Untersuchungen Uexkülls über die Umwelt der Tiere erinnert, in denen aus dem anatomischen Bau des Organismus und den physikalischen Gesetzen eine Rekonstruktion der betreffenden Umwelt unternommen wird. Dabei stehen einer solchen Untersuchung eben nur die äusseren physikalischen Bedingungen des Lebens als Ausgangspunkt zur Verfügung; und wenn man sich daran erinnert, wie wenig aus diesen äusseren Bedingungen erst für die verschiedenen Bereiche des menschlichen Lebens geschlossen werden könnte, so kann man sich eine entfernte Vorstellung von der Fülle der Möglichkeiten bilden, die sich vielleicht hinter diesen physischen Voraussetzungen entfaltet.
Wenn nun in dieser Weise von verschiedenen Bereichen der Wirklichkeit oder gar von verschiedenen Wirklichkeiten gesprochen wird, so kann freilich leicht der Einwand erhoben werden, dass es sich hier doch nur um eine einheitliche Wirklichkeit handele, die verschiedenen Wesen oder unter verschiedenen Bedingungen eben verschieden erscheine; dass also die Unterschiede nur etwa durch die körperlichen oder geistigen Werkzeuge bedingt seien, mit deren Hilfe der lebendige Organismus in Beziehung zu der nach unabänderlichen Gesetzen ablaufenden Welt trete. Gegen diese Überzeugung von der Einheit der Welt wird sich auch wohl nichts anführen lassen, wenn man sie in der allgemeinen Form ausspricht, dass wir doch letzten Endes die ganze Welt in einem sinnvollen Zusammenhang aufzufassen wünschen sollten. Aber im Bewusstsein der grossen naturwissenschaftlichen Epoche, die im Beginn des 20. Jahrhunderts ihren Abschluss gefunden hat, verband sich die Vorstellung von der Einheit der Welt mit der anderen Vorstellung, dass diese Einheit ihren unmittelbaren Ausdruck finde in dem streng gesetzlichen Ablauf der äusseren materiellen Welt. Dieser objektive, in Raum und Zeit ablaufende Zusammenhang war ja offenbar für alle Wesen - gleichviel ob es sich um lebendige Organismen oder um tote Materie handelte -ohne Ausnahme verbindlich, er erschien als die eigentlich »reale« Welt, die sich in dem Bewusstsein der lebenden Wesen wie in einem - manchmal verzerrten oder trüben - Spiegel abbildete. Diese Auffassung konnte für sich geltend machen, dass auch das geistige Geschehen stets irgendwie mit materiellen Vorgängen verknüpft sei, dass es also - da ja an der eigenen Gesetzmässigkeit der materiellen Vorgänge nicht gezweifelt werden könne - vielleicht durch die materiellen Vorgänge bedingt und vorgeschrieben sei. Selbst wenn dann die selbstverständhche Tatsache hervorgehoben wurde, dass sich das geistige Geschehen qualitativ von dem materiellen Ablauf durchaus unterscheide, so stand doch scheinbar der objektiven materiellen Welt eine subjektive geistige Welt gegenüber, und die physische Gesetzmässigkeit erschien zum mindesten als das feste Skelett, das den Bau der Welt trüge.
Aber eben in dieser Frage hat die Durchforschung der Natur in den letzten Jahrzehnten zu einer Änderung der Anschauungen gezwungen. Für uns ist der gesetzmässige Ablauf in Raum und Zeit nicht mehr das feste Skelett der Welt, sondern eher nur ein Zusammenhang unter anderen, der durch die Art, wie wir ihn untersuchen, durch die Fragen, die wir an die Natur richten, aus dem Gewebe von Zusammenhängen herausgelöst wird, das wir die Welt nennen. Diese Auffassung ist herbeigeführt worden durch die im Fortschreiten der Naturwissenschaft gewonnene Einsicht in Gesetzmässigkeiten, die sich nicht mehr einfach auf Abläufe in Raum und Zeit zuruckführen lassen.
Damit wird von Neuem die Aufgabe gestellt, die verschiedenen Zusammenhänge oder »Bereiche der Wirklichkeit« zu ordnen, zu verstehen und in ihrem gegenseitigen Verhältnis zu bestimmen; sie in Beziehung zu setzen zur Einteilung in eine »objektive« und eine »subjektive« Welt; sie gegeneinander abzugrenzen und einzusehen, wie sie durch einander bedingt sind; schliesslich so zu einem Verständnis der Wirklichkeit vorzudringen, das die verschiedenen Zusammenhänge als Teile einer einzigen sinnvoll geordneten Welt begreift.
Die Beschreibung der Wirklichkeit als ein Gewebe verschiedenartiger Zusammenhänge ist natürlich nicht erst eine Folge neuerer wissenschaftlicher Entwicklungen. Im Gegenteil handelt es sich um das Aufgreifen uralter, oft verfolgter Gedankenketten, und die Berechtigung dazu, oft Gesagtes zu wiederholen, liegt nur in dem Umstand begründet, dass jene Auffassung durch die Entwicklung der Naturwissenschaften in den letzten Jahrzehnten in ein eigenartiges neues Licht gerückt worden ist.
Diese Entwicklung rechtfertigt vielleicht die Hoffnung, dass es möglich sein müsste, genauer als bisher die gegenseitigen Verhältnisse der verschiedenen Wirklichkeitsbereiche zu bestimmen. Die meisten Verwirrungen in den Gedanken über die Wirklichkeit entspringen ja wohl dem Umstand, dass jedes Ding gleichzeitig an verschiedenartigen Zusammenhängen teilhat, ebenso wie jedes Wort sich gleichzeitig auf verschiedene Zusammenhänge bezieht. Dass bei dieser Sachlage überhaupt eine klare Scheidung möglich ist, bedarf des Beweises; und erst em Beispiel, an dem die gegenseitigen Verhältnisse zweier Wirklichkeitsbereiche in mathematischer Klarheit aufgewiesen werden können, wird von der Möglichkeit überzeugen, die verschiedenen Schichten der Wirklichkeit klar zu ordnen und abzugrenzen.
2. Die Sprache
Wer es nun unternimmt, die Wirklichkeit in dieser Weise zu untersuchen, der bedarf dazu, wie zu allem geordneten Nachdenken, der Form, in der menschliche Gedanken gefasst und weitergegeben werden können: der Sprache. Damit steht aber die Untersuchung schon mit dem ersten Schritt an dem Abgrund, an dessen Rand alle menschliche Erkenntnis sich abspielt: Ist es denn überhaupt möglich, mit der Sprache etwas ganz Bestimmtes auszudrücken? Die Frage sei nicht in der Weise gemeint, dass es zwar völlig klare bestimmte Gedanken gebe, dass aber die Sprache nicht immer in der Lage sei, diese auszudrücken. Sondern die Frage zielt auf jenes unvermeidbare Element der Unbestimmtheit, jenes eigentümlich "Schwebende", in Denken und Sprechen, das die Philosophen so eindringlich beschrieben haben.
Wie erlernt das Kind die Sprache? In jenem merkwürdigen Wechselspiel zwischen Aufnehmen und eigenem Tätigsein ungefähr nach dem ersten Lebensjahr versucht das Kind Laute hervorzubringen und gehörte nachzuahmen. Irgendwann gelingt dann etwa zum ersten Mal das Wort "Ball". Die Zustimmung der Erwachsenen und der Erfolg, den das Aussprechen des Wortes bewirkt, müssen diesen Laut zu einer Art Zauberformel machen, deren Tragweite nun durch vielfaches Wiederholen unbewusst abgemessen wird. Nach kurzer Zeit hat jedes Spielzeug, dessen Herbeiholen durch die Erwachsenen gewünscht wird, vielleicht jeder Wunsch an die Grossen überhaupt den Namen "Ball". Erst das Ausbleiben der gewünschten Wirkung oder der Widerspruch der Grossen belehren im Lauf der Zeit - unbewusst - darüber, dass die Zauberformel nicht missbraucht werden kann, und langsam schränkt sich der Anwendungsbereich des Wortes ein. Erst im Lauf der Jahre entwickelt sich der Sinn des Wortes, der dem gewöhnlichen Sprachgebrauch entspricht; ganz scharf werden die Grenzen zwischen den Dingen, die man "Ball" nennen darf, und denen, auf die dieser Name nicht passt, überhaupt nie gezogen.
Ganz allgemein wird also der Anwendungsbereich eines Wortes nicht scharf abgegrenzt. Aber die Unbestimmtheit der Sprache hat noch andere, wichtigere Ursachen. Fürs erste ist hier hervorzuheben, dass die Bedeutung eines Wortes weitgehend von dem Zusammenhang abhängen kann, in dem das Wort gebraucht wird. Es gibt bei genauerer Betrachtung ja gar keine isolierten Begriffe und ihnen zugeordnete Wörter, aus denen sich ein Gedanke in einem Satz wie aus einzelnen Bausteinen aufbaut. Vielmehr bildet jeder Gedanke eine untrennbare Einheit, und jeder Begriff, der in ihm enthalten ist, erhält in diesem Gedanken seine besondere charakteristische Faäbung. Der Dichter kann Gedanken ausdrücken, die in gewöhnlicher Sprache nicht mehr gesagt werden können, eben weil die Wörter durch den Zusammenhang, in dem sie stehen, durch das Mitschwingen anderer Ideen, durch die dichterische Form des Satzes eine neue Bedeutung erhalten. Der Inhalt eines Gedichtes kann nicht in Prosa wiederholt werden.
Ferner kann sich jeder Begriff auf ganz verschiedenartige Zusammenhänge beziehen, die alle an diesem Begriff in gegenseitige Beziehung treten. Etwa das Wort "Farbe" kann die Farbe als Inhalt unseres Bewusstseins bezeichnen, kann sie als Eigenschaft eines Körpers, z. B. einer Blume bedeuten, kann auf das technische Mittel angewandt werden, das zum Färben benützt wird, kann die Farbe als physikalisch objektivierbare Realität, charakterisiert durch eine Wellenlänge, zum Gegenstand haben und kann schliesslich übertragen und verallgemeinert feinere Unterschiede ganz andersartiger Qualitäten bezeichnen. Es kann auch nur dieses Wortsymbol "Farbe" selbst meinen, eben als Symbol, das erst Strukturen der Wirklichkeit "bedeutet". Die Begriffe sind gewissermassen die ausgezeichneten Punkte, an denen die verschiedenen Schichten der Wirklichkeit miteinander verflochten sind. Wenn die Frage nach den gesetzmässigen Zusammenhängen der Wirklichkeit gestellt wird, so finden sich solche Zusammenhänge jeweils innerhalb einer bestimmten Schicht der Wirklichkeit; anders kann der Begriff "Schicht" der Wirklichkeit wohl kaum gedeutet werden. (Von der Wirkung einer Schicht auf die andere zu sprechen, ist nur bei einem sehr allgemeinen Gebrauch des Begriffs "Wirkung" möglich.) Dagegen hängen die verschiedenen Schichten zusammen in den Ideen und den zu ihnen gehörenden Wörtern, die sich von vornherein auf viele Zusammenhänge zugleich beziehen.
Trotz der Mehrdeutigkeit und Unbestimmtheit der Begriffe eignet sich die Sprache dazu - und ist dafür entstanden, - Sachverhalte der Wirklichkeit oder Gedanken über solche Sachverhalte irgendwie "darzustellen" oder "abzubilden". Diese Abbildung kann nicht vollständig und nicht genau sein; sie kann aber, um einen etwas unbestimmten Ausdruck zu gebrauchen, das "Wesentliche" enthalten. Damit ist gemeint, dass wir bei jeder Darstellung auf gewisse Züge in erster Linie unser Augenmerk richten, die wir dann als "wesentlich" bezeichnen. Ähnlich, wie etwa das menschliche Auge nur in einem kleinen Bezirk der Netzhaut zur schärfsten Beobachtung fähig ist und dazu stets unbewusst so gerichtet wird, dass der wichtigste Teil des Bildes diese Stelle trifft, so greift auch das menschliche Denken jeweils einen bestimmten kleinen Teilinhalt heraus, der in das klarste Licht des Bewusstseins tritt, während der übrige Inhalt des Gedankens nur in einem unklaren Halbdunkel miterscheint. Dieses "Wesentliche" eines Gedankens kann in der Sprache dargestellt werden.
Dabei kann die Abbildung von Sachverhalten in der Sprache in zwei verschiedenen Weisen erfolgen, die man etwa als "statisch" und "dynamisch" unterscheiden, wenn auch nicht scharf trennen kann. Die Sprache kann einerseits versuchen, durch eine immer weitergehende Verschärfung der Begriffe zu einer immer genaueren Abbildung des gleichen gemeinten Sachverhalts zu kommen. Diese Verschärfung erfolgt durch eine ins Einzelne gehende Festlegung von Beziehungen zwischen den Begriffen - etwa Zurückführung spezieller Begriffe auf allgemeinere - oder durch die ad hoc vorgenommene Zuordnung der Begriffe zu ganz speziellen Erfahrungsinhalten. Die wissenschaftlichen Sprachen - etwa die der Rechtslehre oder die mathematisch formulierte Naturbeschreibung - geben Beispiel für solche Verschärfungen. Dabei kann schliesslich ein völlig starres Schema von Verknüpfungsregeln zwischen den Begriffen und von Begriffen zu Erfahrungsinhalten gebildet werden, so dass von jedem Satz, der dieses Begriffssystem benützt, emindeutig entschieden werden kann, ob er "richtig" oder "falsch" ist. Dabei wird freilich die Frage, wie genau dieses Begriffssystem den gemeinten Teil der Wirklichkeit abbildet, ausschliesslich durch den Erfolg entschieden. Ein vollständiges und exaktes Abbild der Wirklichkeit kann nie erreicht werden. Aber es wird erlaubt sein - wenn das betreffende Begriffssystem sich bewährt - von einem exakten Abbild des "wesentlichen Teiles" des betreffenden Sachverhaltes zu sprechen; denn dadurch wird ja nur festgesetzt, auf welche Teile wir unser Augenmerk richten wollen. Das berühmteste Beispiel für ein solches Begriffssystem ist die Newton'sche Mechanik, die ja - in einem verallgemeinerten Sinn - einfach als Bestandteil der naturwissenschaftlichen Sprache aufgefasst werden kann. Durch die Definitionen und Axiome ist in ihr vollständig festgelegt, wie die Begriffe "Masse", "Kraft", "Geschwindigkeit", "Beschleunigung" usw. angewandt und verknüpft werden sollen. Zur Ordnung und Beschreibung der mechanischen Vorgänge bewährt sich dieses System so vollkommen, dass wir kaum daran zweifeln können, dass der Ausschnitt der Wirklichkeit, über den mit diesen Wörtern "Masse" usw. gesprochen werden kann, durch die Newton'sche Mechanik exakt abgebildet wird.
Diese Verschärfung der Sprache, auf Grund derer dann von jedem Satz entschieden werden kann, ob er "richtig" oder "falsch" ist, geht freilich in vielen Fällen Hand in Hand mit einer Verarmung der in ihr vorkommenden Begriffe. Die Wörter einer solchen Kunstsprache beziehen sich - im Gegensatz zu den Wörtern der gewöhnlichen Sprache - nur noch auf ganz bestimmte Zusammenhangsbereiche. Dabei kann der Teil der Wirklichkeit, der durch die Kunstsprache abgebildet wird und der für den eingenommenen wissenschaftlichen Standpunkt "wesentlich" ist, von anderen Gesichtspunkten aus als unwichtig erscheinen. Diese vorhin als "statisch" bezeichnete Darstellung eines Teiles der Wirklichkeit ist also unvermeidbar mit einem schwerwiegenden Verzicht verknüpft: dem Verzicht auf jenes unendlich vielfache Bezogensein der Worte und Begriffe, das in uns erst das Gefühl erweckt, etwas von der unendlichen Fülle der Wirklichkeit verstanden zu haben.
Der "statischen" kann nun eine andere Art der Darstellung der Wirklichkeit gegenübergestellt werden, die eben durch das unendlich vielfache Bezogensein der Worte erst ermöglicht wird und die man als "dynamisch" bezeichnen kann. In ihr soll der ausgesprochene Gedanke nicht ein möglichst getreues Abbild der Wirklichkeit sein, sondern er soll den Keim zu weiteren Gedankenreihen bilden; nicht auf die Genauigkeit, sondern auf die Fruchtbarkeit der Begriffe kommt es an. An einen Gedanken gliedern sich durch die vielfachen Bezüge neue Gedanken an, aus diesen entstehen wieder neue, bis schliesslich durch die inhaltliche Fülle des von den Gedanken durchmessenen Raumes nachträglich ein getreues Abbild des gemeinten Wirklichkeitsbereichs entsteht. Diese Art der Darstellung beruht auf der Lebendigkeit des Wortes. Hier kann ein Satz im allgemeinen nicht "richtig" oder "falsch" sein. Aber man kann einen Satz, der fruchtbar zu einer Fülle weiterer Gedanken Anlass gibt, als "wahr" bezeichnen. Das Gegenteil eines "richtigen" Satzes ist ein "falscher" Satz. Das Gegenteil eines "wahren" Satzes wird aber häufig wieder ein "wahrer" Satz sein. Die berühmteste systematische Fassung dieser "dynamischen" Darstellung der Wirklichkeit ist die Hegel'sche Dialektik.
Im Bereich des "statischen" Denkens wird erklärt - wie überhaupt die Klarheit das eigentliche Ziel dieser Denkform ist -, im Bereich der "dynamischen" wird gedeutet. Denn hier werden unendlich vielfältige Beziehungen zu anderen Bereichen der Wirklichkeit gesucht, auf die wir deuten können.
Man kann den charakteristischen Unterschied der beiden Denkmethoden auch durch einen Vergleich verständlicher machen: Wer eine Landschaft genau kennen lernen will, der kann sich entweder im Flugzeug über diesen Landstrich erheben und von präzisen optischen Geräten Kartenbilder des Landes zeichnen lassen, die bis zu den letzten Einzelheiten mikroskopisch analysiert werden können. Solche Karten enthalten ein genaues und vollständiges Bild der Landschaft. Der Forscher kann aber auch das Land, dem sein Interesse gilt, kreuz und quer durchwandern, er kann in ihm leben und, von jeder neuen Beobachtung zu neuen Zielen angeregt, der Natur des Landes immer neue Seiten abgewinnen. So wird er im Lauf der Zeit seine Landschaft auch sehr gut kennenlernen.
Das Bild, das er in dieser Weise gewinnt, ist nicht im gleichen Sinne genau, wie die Vermessungsaufnahme, aber es enthält dafür Züge, die in der Aufnahme fehlen, obwohl diese genau und in gewissem Sinne vollständig ist.
Auch die Dichtung will Erkenntnis der Wirklichkeit vermitteln. Ihre Darstellung trägt stets den eben geschilderten dynamischen Charakter. Aber sie geht ilber die Verwendung der unendlichen inhalflichen Bezüge aller Begriffe noch insofern hinaus, als die Worte in ihr noch in einen formalen Zusammenhang verwoben sind, der durch Rhythmus, Versmass, die ganze gebundene Form der Sprache gegeben ist. Diese Bindung der Begriffe in einem formalen - also im allgemeinsten Sinn "mathematischen" - Zusammenhang hat die Dichtung daher mit den vollendeten Formen der als "statisch" bezeichneten Darstellungsart gemein. Die Dichtung steht gewissermassen an der Stelle, an der die Extreme sich berühren: das rein inhaltliche Denken unter voller Ausnützung der Lebendigkeit des Wortes auf der einen Seite, die Verkettung der Begriffe in einem strengen mathematischen Schema auf der anderen.
Im allgemeinen wird jeder Versuch, über die Wirklichkeit zu sprechen, gleichzeitig "statische" und "dynamische" Züge tragen. Dem klaren, rein statischen Denken droht die Gefahr, zur inhaltlosen Form zu entarten. Das dynamische Denken kann vage und unverständlich werden.
Das Ziel der exakten Naturwissenschaft bilden zwar stets in sich geschlossene Systeme von Begriffen und Axiomen, die den gemeinten Teil der Wirklichkeit streng abbilden. Der Gang der Forschung aber, die von bekannten Begriffssystemen ausgehend die Ordnung eines neuen Erfahrungsbereichs anstrebt, kann nicht auf den durch logische Schlussketten vorgezeichneten Pfaden erfolgen. Der Abgrund zwischen den schon bekannten und den neuen Begriffssystemen kann durch intuitives Denken übersprungen, nicht durch formales Schliessen überbrückt werden.
Wenn wir von einem klar verstandenen, wissenschaftlich schon geordneten Bereich der Wirklichkeit zu einem neuen übertreten, so geraten wir von Neuem in die Situation des Kindes, das gleichzeitig Denken und Sprechen lernen muss; das noch nicht sprechen kann, da ihm ausdrückbare Gedanken fremd sind; und das noch nicht denken kann, da ihm die Begriffe fehlen, an denen sich Gedanken ordnen und verknüpfen können.
Obwohl hieraus die engen Grenzen deutlich werden, die jeder speziellen wissenschaftlichen Beschreibung der Wirklichkeit gesteckt sind, so besteht doch andererseits kein Grund dafür, prinzipielle Grenzen anzunehmen für die Fähigkeit des Menschen, irgendwelche Bereiche der Wirklichkeit schliesslich zu verstehen. Im Gegenteil erscheint diese Fähigkeit der Menschen: zu verstehen, sich in der Wirklichkeit zurechtzufinden, durchaus unbegrenzt. Ebenso wie das Kind die besondere Welt, in die es durch die Geburt versetzt ist, scheinbar mühelos kennen und begreifen lernt - was auch die Sprache, das Tun oder die Forderungen der Erwachsenen sein mögen-, so wird ganz allgemein der Forscher zu jedem Bereich der Wirklichkeit, den er erfahren kann, auch schliesslich in das Verhältnis kommen, das man als Verständnis bezeichnen muss, selbst wenn hierbei erst nachträglich gesagt werden kann, was unter dem Wort "Verständnis" gemeint sei. Obwohl also unser Denken stets gewissermassen über einer grundlosen Tiefe schwebt - da wir nie von dem festen Grund klarer Begriffe aus Schritt für Schritt in das unbekannte Neuland vordringen können -, so wird dieses Denken doch schliesslich jeder neuen Erfahrung, jedem zugänglichen Bereich der Welt gerecht werden können. Es wird sich immer wieder eine Sprache entwickeln, die eben zu dem ins Auge gefassten Bereich der Wirklichkeit passt und die Sachverhalte in diesem Gebiet genau abbildet.
Freilich wird, wie weit das Denken auch dringen mag, stets das Gefühl übrigbleiben, dass es jenseits des Erforschten noch andere Zusammenhänge gebe, die sich der sprachlichen Formulierung entziehen und deren Geltungsbereich jeweils mit dem Verständnis eines neuen Bezirks der Wirklichkeit noch einen Schritt weiter hinausgeschoben wird in das undurchdringliche Dunkel, das hinter den durch die Sprache formulierbaren Gedanken liegt. Dieses Gefühl bestimmt die Richtung des Denkens, aber es gehört zu seinem Wesen, dass die Zusammenhänge, auf die es gerichtet ist, nicht in Worte gefasst werden können.
Vielleicht kann man den Inhalt dessen, was in den letzten Abschnitten gesagt werden sollte, so zusammenfassen:
Jeder Bereich der Wirklichkeit kann schliesslich in der Sprache abgebildet werden. Der Abgrund, der verschiedene Bereiche trennt, kann nicht durch logisches Schliessen oder folgerichtiges Weiterentwickeln der Sprache überbrückt werden.
Die Fähigkeit des Menschen, zu verstehen, ist unbegrenzt. Über die letzten Dinge kann man nicht sprechen.
3. Die Ordnung
Zu allen Zeiten ist der Versuch unternommen worden, unser Wissen von der Wirklichkeit einer allgemeinen Ordnung zu unterwerfen. Seit der Entwicklung der Naturwissenschaft in der Neuzeit und wohl durch deren Beispiel beeinflusst, haben solche Versuche meist mit der Feststellung begonnen, dass es gewisse Erkenntnisse gebe, an deren Richtigkeit nicht gezweifelt werden könne. Eine solche Erkentnis bildet dann den Ausgangspunkt eines Systems, in dem versucht wird, von der einen Feststellung ausgehend Schritt für Schritt zu anderen ähnlich sicheren Feststellungen über die Wirklichkeit zu gelangen, bis sich von hier aus eine allgemeine Ordnung alles Erkennbaren erschliesst.
Freilich sind diese Ausgangspunkte zu verschiedenen Zeiten ausserordentlich verschieden gewesen. So liegt es etwa für die naturwissenschaftliche Einstellung der letzten hundert Jahre nahe, die sinnliche Wahrnehmung zum Ausgangspunkt einer solchen Betrachtung zu machen, wobei dann vorausgesetzt wird, dass die unmittelbare sinnliche Erfahrung, deren Richtigkeit von anderen Menschen kontrolliert werden kann, zu einer unbezweifelbaren Kenntnis der Wirklichkeit führe. Zu dieser Auffassung steht in schroffem Gegensatz die Anschauung friüherer Jahrhunderte, in der etwa gerade auf das Trügerische der Sinneswahrnehmung hingewiesen wird und für die etwa die "reinen Ideen der sich abschliessenden, in sich selbst zurilckkehrenden Seele" als der Ausgangspunkt der Erkenntnis er scheinen. Man denke hier an die Sätze bei Malebranche: "Ein Mensch, der nur durch die Sinne über die Dinge in der Welt urteilt..., wird sich in dem allerbetrübtesten Zustand von der Welt befinden, in dem er von der Wahrheit und seinem Glück ausserordentlich weit entfernt ist. Wenn aber ein anderer nur vermittelst der reinen Ideen seiner Seele über die Gegenstände urteilt..., dann ist es unmöglich, dass er in Irrtum falle."
In verschiedenen Systemen gilt die mathematische Wahrheit als das Vorbild einer unbezweifelbaren Erkenntnis. In der Tat kann man an den mathematischen Sätzen, die sich aus den Axiomen des betreffenden mathematischen Gebiets beweisen lassen, nicht zweifeln. Es ist aber oft darauf hingewiesen worden, dass es sich hier um »analytische Urteile« handele, d. h. um Sätze, die durch ein eindeutiges Schlussverfahren aus gemachten Voraussetzungen und zu Grunde gelegten Definitionen folgen; dass solche Sätze aber nichts über die Wirklichkeit aussagen können, da ja kein Schlussverfahren zeigen kann, dass die Voraussetzungen und Definitionen die Wirklichkeit getreu abbilden. Die mathematischen Wahrheiten können also nicht als Ausgangspunkt für eine Ordnung der Wirklichkeit gebraucht werden.
Trotzdem können sie allerdings in jeder derartigen Ordnung eine entscheidende Rolle spielen. Denn eben weil die mathematischen Sätze eigentlich eine von allem Inhalt losgelöste Form oder Ordnung darstellen, so kann auch umgekehrt jede Ordnung, und zwar um so eher, je vollendeter sie ist, in mathematischer Form dargestellt werden. Dieses Auftauchen mathematischer Formen in jedem verstandenen Bereich der Wirklichkeit hat schon früh das Nachdenken der Menschen bewegt. Die Untersuchungen der Pythagoräer über die rationalen Verhältnisse harmonisch schwingender Saiten, die Gedanken Platons über die symmetrischen Körper legen Zeugnis ab von der Bedeutung, die der mathematischen Form im Verständnis der Natur zugeschrieben wurde. Die exakte Naturwissenschaft seit Newton beruht auf der stillschweigenden Voraussetzung, dass es stets möglich sein müsse, die unserer Erfahrung zugänglichen Gebiete der Natur nach strengen, mathematisch fassbaren Gesetzen zu ordnen. Aber auch Darstellungen der Wirklichkeit, die der exakten Naturwissenschaft ganz fern stehen, wie die Musik oder die bildende Kunst, offenbaren bei genauerer Analyse innere Ordnungen, die mit mathematischen Gesetzen aufs engste verwandt sind. Diese Ordnungen können so deutlich in Erscheinung treten wie etwa in einer Bach'schen Fuge oder einem symmetrischen Bandornament, oder sie können sich zunächst nur durch eine besondere Ausgewogenheit, eine unmittelbar einleuchtende Schönheit einer Melodieführung bemerkbar machen, wie etwa in dem berühmten Seitenthema des ersten Satzes im D-Dur Violinkonzert von Beethoven - immer zeigt eine nähere Untersuchung einfache mathematische Symmetrien ähnlich denen, die von den Mathematikern in der Gruppentheorie behandelt werden. Die Mathematik ist also die Ordnung schlechthin, in ihrer reinsten, von allem Inhalt befreiten Form.
Sie kann daher nicht inhaltlich den Ausgangspunkt bilden für eine Ordnung der Wirklichkeit. Ganz allgemein scheint es dem wissenschaftlichen Bewusstsein unserer Zeit unwahrscheinlich, dass eine Ordnung der Wirklichkeit mit einer unbezweifelbaren Erkenntnis anfangen und von ihr aus Schritt für Schritt alle Bereiche der Welt ergreifen könnte. Denn unbezweifelbare Sätze sind, so scheint es uns trotz Kant, stets analytisch, enthalten also keine Aussage über die Wirklichkeit; und synthetische Sätze können, selbst wenn sie a priori sind, nicht für alle Zeiten als bindend angesehen werden. Die Geschichte unserer Ansichten über Raum und Zeit lehrt, dass selbst die Anschauungsformen, die schon vor aller Erfahrung stehen und insofern a priori genannt werden müssen, nicht notwendig inhaltliche Bestandteile geschlossener Theorien von Raum und Zeit zu sein brauchen. Die Biologen haben darauf hingewiesen, dass die a priori'schen Anschauungsformen vielleicht als "angeborene Schemata" aufzufassen, die als solche dem Selektionsvorgang unterworfen und im Lauf der Jahrtausende veränderlich sind. Und selbst wenn es eine unbezweifelbare Erkenntnis gäbe und sie nicht sogleich mit einem Schlage die ganze Wirklichkeit umfasste, so führte ja kein Weg von einem Bereich der Wirklichkeit, den wir zu kennen glauben, zu einem anderen neuen.
Am Anfang einer Ordnung der Wirklichkeit muss also etwas anderes stehen, als eine sichere Erkenntnis, und dieses andere ergibt sich, so lehrt es die Geschichte, durch eine freie Entscheidung wohl nicht des Einzelnen, aber grosser menschlicher Gemeinschaften oder der Menschheit im Ganzen.
Ein Weg zur Ordnung der Welt führt durch den Glauben. In der Religion wendet sich der menschliche Geist unmittelbar an jene schöpferischen Kräfte, die uns stets unbedingt verpflichten, wo wir in ihren Wirkungskreis treten. Über die letzten Dinge aber kann man nicht sprechen: daher beginnt alle Religion mit dem Gleichnis. Durch das Gleichnis wird gewissermassen erst die Sprache festgesetzt oder geschaffen, in der über die Zusammenhänge der Welt gesprochen werden soll. Die Worte des Gleichnisses sind dunkel: In der Religion wird von vornherein darauf verzichtet, den Worten einen wissenschaftlich scharf bestimmten Sinn zu geben, damit dieser Sinn erst jeweils zu Tage treten kann in dem Mass, in dem der einzelne im Lauf seines Lebens und die Menschheit im Laufe der Jahrhunderte Zusammenhänge verstehen lernen. Die heilige Schrift ist unendlicher Auslegung fähig; daher kann sie die Jahrtausende überdauern.
Die gemeinsame Sprache, die im Gleichnis der Religion geschaffen wird, bindet die Menschen fester als irgendeine andere gemeinsame Sprache. Denn Menschen gleicher Zunge werden sich zwar über das Tun und Leiden des täglichen Lebens verständigen können. Menschen des gleichen Glaubens aber können sich über die Grundlage aller Zusammenhänge und damit auch, wie wir seit Platon wissen, über die Ordnung der Werte verstehen.
Die alte Frage nach dem Sinn des Lebens findet ihre Beantwortung in dem Gleichnis, das der Religion zu Grunde liegt. Einerseits kann das Gleichnis unmittelbar vom Sinn des Lebens sprechen, andererseits kann die Sprache, die im Gleichnis gebildet wird, so geartet sein, dass in ihr die Frage nach dem Sinn des Lebens nicht mehr gestellt wird.
Ein ganz anderer Weg zur Ordnung der Welt wird von der Wissenschaft oder spezieller: der empirischen Wissenschaft eingeschlagen. In der Wissenschaft drückt sich die Hoffnung aus, dass die Menschheit im Lauf der Jahrhunderte in ähnlicher Weise lernen kann, über die ganze Wirklichkeit zu sprechen, wie etwa das Kind in seinen ersten Lebensjahren die gewöhnliche Sprache erlernt. Während die Religion von vornherein darauf verzichtet, den Worten einen scharfen bestimmten Sinn zu geben - denn dadurch können ihre Grundformeln die Jahrtausende überdauern -, geht die Wissenschaft von der Erwartung aus, es würden im Lauf der Zeit die Wörter schliesslich einen scharf bestimmten Sinn erhalten können. Die Sprache der Wissenschaft ist wandelbar, sie entwickelt sich zugleich mit den Erfahrungen der Menschen, und die Grundhaltung der Wissenschaft ist die Skepsis. In der Wissenschaft gibt es nicht im gleichen Sinne wie in der Religion endgültige Formulierungen. Nur dort, wo ein erdrückendes Material von Erfahrungen uns zu ganz bestimmten Formulierungen gezwungen hat und wo diese Formeln sich ausserdem in vielfaltigen anderen Erfahrungen immer von neuem bewährt haben, fühlen wir uns genötigt anzuerkennen, dass der betreffende Erfahrungsbereich eben durch diese Formeln exakt dargestellt wird. Diese Formeln werden damit zu einem endgültigen Bestandteil der wissenschaftlichen Sprache. Die Frage nach den Grenzen dieses Erfahrungsbereichs und damit des Gültigkeitsbereichs der genannten Formeln kann aber wieder nur durch neue Erfahrungen beantwortet werden.
Die Geschichte lehrt, dass es der Menschheit auch in dieser Weise gelingt, sich in der Wirklichkeit zurechtzufinden. So wie das Kind zunächst mit den einfachsten Gegenständen seines täglichen Lebens vertraut wird, dann zu komplizierteren Begriffen wie etwa Farbe, Form usw. vordringt und schliesslich auch abstrakte Begriffe zu gewinnen lernt, so hat auch die Menschheit zunächst die praktisch wichtigsten Erfahrungsbereiche zu ordnen verstanden - so entwickelten sich Astronomie, Geometrie und Statik und gleichzeitig mit ihnen stets die Mathematik - und ist dann zu anderen, schwerer zugänglichen Bereichen vorgedrungen. Am Anfang steht hier nicht eine sichere Erkenntnis, sondern der praktische Erfolg, der mit dem ersten tastenden Vorwärtsschreiten erzielt wird. Wie das Kind die Worte nur in dem ständigen Wechselspiel von Handeln, Sprechen und Erfahren lernen kann, so entwickelt sich die Wissenschaft im unmittelbaren Zusammenhang mit der praktischen Anwendung, und diese bleibt letzten Endes der eigentliche Massstab fur die Richtigkeit einer gewonnenen Erkenntnis. Daher entwickeln sich Physik und Chemie im Zusammenhang mit der Technik, Geologie und Mineralogie mit dem Bergbau, Biologie, Physiologie und Psychologie mit der Heilkunde.
Der Wahrheitsanspruch der Wissenschaft wird also stets vom Objekt hergeleitet; denn ihre Sprache bildet sich in der Wechselbeziehung zu diesem Objektiven und das ideale Ziel einer wissenschaftlichen Darstellung ist die "objektive" Darstellung eines bestimmten Sachverhalts. Dabei wird vorausgesetzt, dass sich der betreffende Sachverhalt soweit von uns und von seiner Darstellung ablösen lasse, dass es eben zum reinen "Objekt" gemacht werden kann. Es gibt nun aber weite Bereiche der Wirklichkeit, die sich gar nicht in diesem Sinne objektivieren, d. h. von dem unserer Betrachtungsweise zu Grunde liegenden Erkenntnisverfahren ablösen lassen. Diese Bereiche sind deshalb nicht etwa sogleich der Darstellung in der wissenschaftlichen Sprache entzogen; denn wenn sich auch ein Sachverhalt nicht im genannten Sinne objektivieren lässt, so kann doch eben diese Tatsache selbst wieder objektiviert und in ihrem Zusammenhang mit anderen Tatsachen untersucht werden. Die wissenschaftliche Sprache kann sich also mit dem Streben nach Objektivität auf einer höheren Stufe auch den weiteren Bereichen der Wirklichkeit anpassen. Es ist aber verständlich, dass diese Sprache um so schwieriger wird, je mehr sie sich der Beschreibung von Wirklichkeitsbereichen zuwendet, die nicht einfach objektiviert werden können. Auch das Kind lernt zuerst nur seine Spielsachen benennen, und erst viel später kann es über Freude oder Bewunderung oder gar über sich selbst sprechen.
Die vom Glauben und von der Wissenschaft eingeschlagenen Wege zur Ordnung der Welt nehmen also von genau entgegengesetzten Polen ihren Ausgang. Während die Wissenschaft in den Bereichen der Wirklichkeit anfängt, in denen wir von uns und unserer Art der Darstellung scheinbar ganz absehen können, beginnt die Religion im Gegenteil gerade in dem Bereich, dessen uns sichtbare Form von uns allein geprägt werden muss; also in dem Bereich der schöpferischen Kräfte, in dem wir die Wirklichkeit selbst gestalten.
Es ist deshalb oft die religiöse Ordnung der Welt als "subjektiv" der "objektiven" wissenschaftlichen Ordnung gegenübergestellt worden. Es muss zugegeben werden, dass der Wahrheitsanspruch einer bestimmten Religion historisch gesehen räumlich und zeitlich beschränkt ist - im Gegensatz zu dem der Wissenschaft. Die Götter Griechenlands haben für immer aufgehört, die Welt zu regieren, seit ihnen keine Opfer mehr gebracht werden; die Hebelgesetze des Archimedes dagegen gelten auch heute noch. Aber die alten Götter haben zu ihrer Zeit doch wirklich die griechische Welt regiert. Wer sagen wollte, dies sei nur in der Einbildung der Menschen so gewesen, der mag mit solch einer Formulierung darauf hinweisen, dass es eben im Prinzip auch damals hat Ungläubige geben können. Aber eine derartige Formulierung gäbe ein völlig falsches Bild der Geschehnisse, die den Menschen jener Zeit wirklich zugestossen sind. Wer etwa an den Festen des Dionysos teilnahm, dem konnte der Gott wirklich begegnen.
Der zentrale Bereich, von dem aus wir die Wirklichkeit selbst gestalten, bildet für die wissenschaftliche Sprache gewissermassen die unendlich ferne Singularität, die zwar für die Ordnung im Endlichen Entscheidendes bedeutet, die aber nie erreicht werden kann. Umgekehrt kann die Sprache des Glaubens dem Bereich der objektivierbaren, von uns abgelösten Wirklichkeit nicht gerecht werden. Denn die Worte dieser Sprache haben ihren Sinn gerade durch die Beziehung auf uns erhalten.
Über den Sinn des Lebens kann nur die Religion sprechen. Denn "Sinn" bedeutet, dass wir selbst gemeint sind - und bis zu diesem Punkt kann die Wissenschaft nicht vordringen. Daher kann in der wissenschaftlichen Sprache über den Sinn des Lebens nur so gesprochen werden, wie Bohr es tut: "Der Sinn des Lebens besteht darin, dass es keinen Sinn hat zu sagen, dass das Leben keinen Sinn hat." Deshalb gewährt die Wissenschaft so wenig Trost. Nur für den Weisen, der erfahren hat, dass alle Gedanken, mit denen wir den Sinn des Lebens zu ergründen suchen, im Kreis zum Ausgangspunkt zurückkehren, bedeutet eben diese Erkenntnis Trost genug.
Die Begriffe "objektiv" und "subjektiv" bezeichnen zwei Pole, von denen eine Ordnung der Wirklichkeit ihren Ausgang nehmen kann. Sie bezeichnen auch zwei Seiten der Wirklichkeit selbst: aber es wäre eine viel zu grobe Vereinfachung, wenn man die Welt in eine objektive und eine subjektive Wirklichkeit einteilen wollte. Manche Härten in der Philosophie der letzten Jahrhunderte sind durch diese reine Schwarz-Weiss-Malerei entstanden. Auch die Bewertung dieser beiden Seiten der Welt ist zu verschiedenen Zeiten sehr verschieden gewesen. Gelegentlich hat eine der beiden Seiten fast nur als trügerischer Schein gegolten. Unserer Zeit scheint es natürlicher, die Bewertungsfrage hier nicht zu stellen und eine feinere und klarere Einteilung der Wirklichkeit anzustreben. Da diese Einteilung wissenschaftlich sein soll, wird sie schrittweise vom objektiven zum subjektiven aufsteigen; die Beschreibung und Abgrenzung der einzelnen Wirklichkeitsbereiche soll mit all der Sorgfalt erfolgen, die der durch Jahrhunderte entwickelten neueren Naturwissenschaft angemessen ist.
Next>>