Einleitung

VON HELMUT RECHENBERG

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Physiker Werner Heisenberg (1901 - 1976) gehört zu den grossen Naturwissenschaftlern, die das Weltbild über unser Jahrhundert hinaus geprägt haben. Ihm gelang der erste Ansatz zur heute gültigen Quantenmechanik, der erfolgreichen Beschreibung der Atome und Moleküle, zu der er im einzelnen wesentliche Beiträge lieferte. Seine Unbestimmtheitsrelationen gaben den Schlüssel zur physikalisch-erkenntnistheoretischen Deutung dieser neuen Theorie. Schliesslich leistete er entscheidende Pionierarbeit zur Erweiterung und Vereinigung von Quanten- und Relativitätstheorie: Dabei packte er Probleme vor allem der innersten Struktur der Materie an, er betrieb also das, was wir heute Kern- und Elementarteilchenphysik nennen.

In Vorträgen und Aufsätzen nahm Heisenberg häufig Stellung zu Fragen, die über die engeren Grenzen seiner Fachwissenschaft hinausgingen. Er trachtete insbesondere danach, die Ergebnisse der "modernen Physik", ihre erkenntnistheoretischen Grundlagen und philosophischen Folgerungen einem breiten Publikum näherzubringen. So entstanden Einzelveröffentlichungen ebenso wie Sammlungen von Aufsätzen mit Titeln wie Die Einheit des naturwissenchaftlichen Weltbildes oder Wandlungen in den Grundlagen der Naturwissenschaften. Darüber hinaus hat Heisenberg drei grössere Texte geschrieben, die sich mit philosophischen Fragen der Naturbeschreibung beschäftigen: die als Buch Physik und Philosophie (1958 bzw. 1959) veröffentlichten "Gifford Lectures" aus dem Wintersemester 1955/56; seine Erinnerungen Der Teil und das Ganze (1969); und den hier vorliegenden umfangreichen Essay, der vor der Herausgabe der Gesammelten Werke nur als Manuskript ohne Titel und Datum vorlag und hier erstmalig als Eigenpublikation vorgestellt wird.

Der Essay, den wir nach einer Charakterisierung des Autors in seinem Text "Ordnung der Wirklichkeit" nennen, entstand vor Ende des Jahres 1942 und stellt einerseits Heisenbergs früheste ausführliche, andererseits überhaupt seine thematisch umfassendste Äusserung zum philosophischen und erkenntnistheoretischen Inhalt des Weltbildes der modernen Physik dar. Wie nie vorher oder später versucht Heisenberg hier, die gesamte, dem Menschen entgegentretende Wirklichkeit - die von den physikalisehen und chemischen Erscheinungen über die biologischen Systeme bis hin zu den sozialen Ordnungen und den künst1erischen und re1igiösen Ideen reicht - systematisch zu beschreiben. Viele dieser Fragen werden zwar auch in späteren Schriften behandelt oder in den Erinnerungen Der Teil und das Ganze angesprochen, in "Ordnung der Wirklichkeit" aber erscheinen sie in so origineller und programmatischer Zusammenstellung, dass wir diesen grossen Essay als eine Art erkenntnistheoretisches Schlüsselwerk Heisenbergs bezeichnen dürfen.

Heisenbergs Text gliedert sich in drei Teile. Die Einleitung (Teil I) umreisst in drei Abschnitten die angesprochenen "Bereiche der Wirklichkeit", die zur Beschreibung der Bereiche benutzte "Sprache" und die "Ordnung" der Bereiche. Im Hauptteil (Teil II) wird, nach einem einleitenden Abschnitt (1.) über Goethes poetische Ordnung der Bereiche der Wirklichkeit - die Heisenberg den Anstoss zu seiner Abhandlung lieferte -, ein sechsteiliges Schema der Ordnung der Wirklichkeit aufgestellt, das sich vom niedersten Bereich her wie folgt aufbaut: 2. Die klassische Physik; 3. Die Chemie (einschliesslich der Quantentheorie), 4. Das organische Leben; 5. Das Bewusstsein; 6. Symbol und Gestalt; 7. Die schöpferischen Kräfte. Im Schlussteil (Teil III) nimmt der Autor Stellung zu den politischen Verhältnissen der Zeit, in der die Beschäftigung mit der geschilderten Ordnung als eine Art "Trost der Philosophie" erscheinen mag.

Aufgabe dieser einleitenden Bemerkungen ist nicht, den vielgestaltigen Inhalt zu analysieren - das sei dem Leser selbst vorbehalten. Wir wollen jedoch einige wenige Hinweise geben, die vielleicht das Verständnis erleichtern und die Einordnung des Essays in die Tradition ähnlicher Schriften, in seine Entstehungszeit und Heisenbergs Biographie ermöglichen. Wir beschränken uns hier auf die Erörterung von drei Fragen: Zunächst, wie ordnet sich Heisenberg unter die philosophierenden Physiker seiner Zeit ein? Zweitens, wie und wann ist der vorliegende Text entstanden? Drittens schliesslich weisen wir auf Folgerungen hin, die sich aus dem Text über einige besondere Ansichten des Autors ziehen lassen.

 

 

Die philosophisch interessierten Physiker

aus Heisenbergs Umgebung

 

Das Verhältnis von Physik und Philosophie, die im alten Griechenland aus einer gemeinsamen Wurzel entstanden waren, hatte sich in Mitteleuropa seit der Mitte des 19. Jahrhunderts wesentlich verschlechtert, wenn nicht völlig aufgelöst: Die exakte Naturwissenschaft hatte sich vor allen Dingen energisch gegen die spekulative Naturwissenschaft der Schellingschen Schule gewandt. Obwohl einige bedeutende Pioniere der neuen "spekulationsfreien" Physik wie Hermann von Helmholtz oder Ernst Mach wichtige erkenntnistheoretische Fragen erörterten, haben sich die Physiker im allgemeinen auf ihre speziellen Aufgaben beschränkt und dadurch die physikalischen Kenntnisse gewaltig vertieft und erweitert. Die entscheidenden Veränderungen in den Grundlagen der Physik zu Beginn unseres Jahrhunderts, die die Quanten- und die Relativitätstheorie mit sich brachten, mussten aber eine Diskussion ihrer philosophischen Konsequenzen erzwingen, um so mehr als die frühere "klassische Physik" einen festen Platz in der philosophischen Aufarbeitung - etwa die Newtonsche Mechanik in der Kantschen Kritik - gefunden hatte. Wieder begannen gerade diejenigen Physiker, die den Umbruch wesentlich gestaltet hatten, nämlich Albert Einstein und Max Planck, zuerst zur philosophisch-erkenntnistheoretischen Diskussion beizutragen. Wir wollen an dieser Stelle nicht auf die umfangreichen Auseinandersetzungen über die Relativitätstheorie eingehen, die der an Machs erkenntnistheoretischen Methoden geschulte Einstein auslöste, auch nicht auf die Debatten über die Grundlagen und Folgerungen der Quantentheorie, die noch heute fortdauern. Hier sei nur an einige wichtige Beispiele erkenntnistheoretischer und philosophischer Fragen erinnert, mit denen sich die Physiker aus Heisenbergs Umkreis beschäftigen und die aus ihren fachlichen Ergebnissen hervorgingen.

Von Heisenbergs Lehrern in der Physik hat sich Arnold Sommerfeld kaum, Max Born erst spät in seinem Leben mit philosophischen Problemen beschäftigt. Das war bei Niels Bohr (1885-1962) ganz anders. Gerade von ihm sollte der junge Heisenberg, der nicht nur von seinem Freunde Wolfgang Pauli als "unphilosophisch" bezeichnet worden war, "eine philosophische Einstellung seiner Gedanken nach Hause bringen." (Pauli an Bohr, 11. Februar 1924)1. Der Lehrer Bohr hatte Erfolg, wie Pauli später bestätigte: "Mit Freude habe ich auch wahrgenommen, dass Heisenberg in Kopenhagen bei Bohr ein bisschen das philosophische Denken gelernt hat und sich vom rein Formalen doch merklich abwendet." (Pauli an Hendrik Kramers, 27. Juli 1925).

Bemerkenswerterweise hat Bohr bis etwa 1930 eigentlich gar nicht öffentlich zu über die reine Physik hinausgehenden Fragen Stellung genommen. Pauli hatte sich eher auf die besondere Art und Weise bezogen, mit der der Kopenhagener Physiker die Probleme der Quantentheorie anging, nämlich durch genaue und logisch saubere Diskussion der physikalischen Erscheinungen und ihrer Grundlagen. Diese Diskussion lernte Heisenberg dann in längeren Aufenthalten bei Bohr kennen und schätzen, ehe sie sich in dessen Vorträgen und Schriften für ein Publikum jenseits der Physik niederschlug. In den dreissiger Jahren versuchte Bohr insbesondere, sein zuerst 1927 formuliertes "Komplementaritätsprinzip" - nämlich die Tatsache, dass gewisse Erscheinungen zwei sich gänzlich ausschliessende Beschreibungen zulassen und erst die Zusammenschau der beiden "komplemänteren" Beschreibungsmethoden ein vollständiges Bild liefert -von der Atomphysik auf viele andere Gebiete zu erweitern: so diskutierte er chemische Probleme (1930), biologische Prozesse (1932, 1937, 1957, 1962) und das Verhältnis von Physiologie zur Psychologie (1938). Auch in die Untersuchung der menschlichen Kulturen (1938, 1954, 1960) versuchte er, den Komplementaritätsgedanken einzubringen. Bohrs Vorträge und Aufsätze wurden in zwei Bänden mit dem Titel Atomphysik und menschliche Erkenntnis (1958, 1966) gesammelt.

Heisenberg verdankte Bohrs erkenntnistheoretisch-philosophischen Erörterungen wesentliche Einsichten. Bereits in seinen ersten Publikationen für allgemeines Publikum schliesst er sich in Inhalt und Form eng an die Gedankengänge seines Lehrmeisters in der Atomphysik an. Zum 50. Geburtstag von Niels Bohr schreibt er insbesondere:

"Für die Wissenschaftler, die das Glück gehabt haben, eine Zeitlang in Bohrs Institut in Kopenhagen arbeiten zu dürfen ist ein anderer Teil seines Werkes [neben der Physik an sich] fast noch wichtiger: Die Schaffung einer geistigen Mitte, in der sich die verschiedensten Fäden der modernen Naturwissenschaft vereinigen und in Beziehung zu dem allgemeinen philosophischen Untergrund aller Wissenschaft treten. Der ausserordentliche persönliche Einfluss, den Bohr auf seine Schüler ausgeübt hat und ausübt, liegt eben in dieser Einheitlichkeit des Denkens begründet, in dem jede wissenschaftliche Frage ebenso wie das Leben selbst auf die gleiche unveränderliche Mitte bezogen wird. "2

Die angesprochene Mitte bildete natürlich das Komplementaritätsprinzip, das auch in Heisenbergs Denken eine zentrale Stelle einnahm.

Ein zweiter Begründer der modernen Atomphysik, der freilich nicht zu Heisenbergs akademischen Lehrern gehörte, hat ihn vor allem nach 1930 zunehmend durch seine Schriften über das Verhältnis von Physik zu philosophischen, politischen und religiösen Fragen beeinflusst: es war Max Planck (1858-1947), der Vater der Quantentheorie. Planck begann erst mit 50 Jahren, sich über Themen zu äussern, die über den physikalischen Inhalt hinausgingen: 1908 entwickelte er in seinem Leydener Vortrag "Die Einheit des physikalischen Weltbildes" eine polemische Haltung gegen die positivistischen und antiatomistischen Anschauungen Ernst Machs. Weitere Vorträge Plancks tragen bezeichnende Titel wie: "Die Stellung der neueren Physik zur mechanischen Naturanschauung" (1910), "Dynamische und statistische Gesetzmässigkeit" (1914), "Kausalgesetz und Willensfreiheit" (1923), "Positivismus und reale Aussenwelt" (1930), "Ursprung und Auswirkung wissenschaftlicher Ideen" (1933), "Die Physik im Kampf um die Weltanschauung" (1935), "Religion und Naturwissenschaft" (1937), "Determinismus und Indeterminismus" (1938), "Sinn und Grenzen der exakten Wissenschaft" (1941), "Warum kann Wissenschaft nicht populär sein?" (1942), "Wissenschaftliche Streitfragen" (1945) und "Scheinprobleme der Wissenschaft" (1946). Gerade die Tatsache, dass der weltweit geachtete und integre Gelehrte trotz persönlicher Ablehnung des "Dritten Reiches" in der für die Wissenschaft und die Wissenschaftler schwierigen Zeit nicht verstummte, sondern im Gegenteil seine Vortragstätigkeit ausbaute, gab vielen Fachkollegen und interessierten Laien einen bedeutenden geistigen und moralischen Rückhalt.

Der Entschluss, Deutschland nach 1933 nicht zu verlassen, liess Heisenberg damals näher an Planck rücken, obwohl dieser in der physikalischen Interpretation der Quantenmechanik eher einen entgegengesetzten Standpunkt vertrat. So beendete Heisenberg eine Besprechung des Sammelbandes Wege zur physikalischen Erkenntnis (1933) mit den Worten: "Den Gesamteindruck, den die Lektüre der Planckschen Vorträge hervorruft, möchte der Referent am liebsten dahin zusammenfassen, dass es eben jene religiös-sittliche Lebensauffassung ist, die letzten Endes die Stellung Plancks gegenüber der erkenntnistheoretischen Situation der modernen Physik bestimmt, die es ihm ermöglicht, einen geraden und fast zu sicheren Weg zu gehen auch dort, wo unermessliche erkenntnistheoretische Abgründe rechts und links vom Wege drohen."3 Mit dem "fast zu sicheren Weg" meinte Heisenberg vor allem Plancks entschiedenes Eintreten für die strenge Gültigkeit des Kausalgesetzes.

Heisenbergs positive Kritik rief den Tadel Paulis hervor: Er schrieb Heisenberg, ihm seien "manche Wendungen in [der] Besprechung des Planckschen Buches unangenehm aufgefallen" - etwa das Zugeständnis Heisenbergs, die von Planck vertretene "Realität der Aussenwelt" sei ein sinnvoller Begriff -und beschwor ihn: "Möge der Geist, der über Plancks wissenschaftlicher Produktion und seinem persönlichen Leben herrscht, in Deinen Publikationen und in Deinem Leben nicht allzu stark überhand nehmen!" (Pauli an Heisenberg, 29. September 1933)4. Pauli, der Planck dessen Polemik von 1908 gegen seinen Taufpaten Mach nie vergab, glaubte "Züge in Plancks Aktivität" zu entdecken, die er "im tiefen - nicht oberflächlichen! - Sinne als schlampig" empfand. Er meinte nun, nicht nur den Wissenschaftler, sondern auch den Politiker Planck kritisieren zu müssen, der sich nach dem Regierungsantritt der Nationalsozialisten bemühte, einige Kollegen in Deutschland zu halten. Heisenberg stimmte zwar teilweise Paulis Einwänden gegen die Plancksche Philosophie zu, nicht aber dem Tadel von Plancks politischer und moralischer Haltung. So endete seine Buchbesprechung aus dem Jahr 1935:

"Am Schluss betont Planck mit dem ganzen Ernst seiner Persönlichkeit, der ihn über den Bereich wissenschaftlicher Leistung hinaus zum Sprecher der deutschen Naturforschung macht, dass die Wissenschaft durch ihr eigentliches Wesen zur Wahrhaftigkeit erzieht und dass ihr mit dem Hüten dieses Erbes heute die wichtigste und grösste Aufgabe gestellt wird."5

Heisenberg fand nicht nur in der politischen und menschlichen Haltung Plancks eine Stütze, er nahm selbst zu den Themen von dessen Vorträgen und Aufsätzen Stellung - ja übernahm öfters die Titel -, wenngleich seine Folgerungen gelegentlich von denen des Vorbildes abwichen. Heisenberg wandte sich auch mit Planck gegen die "unentwegten Positivisten a la [Philipp] Frank", während sein nahezu gleichaltriger früherer Göttinger Kollege Pascual Jordan (1902-1980) sich eindeutig zur positivistischen Methode bekannte. Jordan legte seit den dreissiger Jahren eine grössere Anzahl von Aufsätzen vor, in denen er die philosophischen Konsequenzen aus der Quantenmechanik zu ziehen versuchte. Die Titel seiner Bücher geben Hinweise auf die Richtung, in die Jordan zielte: Physikalisches Denken in der neuen Zeit (1935), Die Physik und das Geheimnis des organischen Lebens (1945), Eiweissmoleküle (1947), Verdrängung und Komplementarität (1947), Atom und Weltall (1952) und Der gescheiterte Aufstand (1956). Jordan überschritt nach 1930 auch die Grenzen des Faches Physik durch seine Beiträge zur Biologie, mit denen er half, die sogenannte Treffertheorie der Genetik zu begründen. Jedenfalls galt er seinerzeit als ein Pionier der neuen interdisziplinären Biophysik.

Wolfgang Pauli (1900-1958) stand ebenfalls dem Positivismus nahe, besonders aber der erkenntnistheoretisch-kritischen Methode Ernst Machs. "Zur Orientierung der Philosophen möchte ich gleich bemerken, dass ich selbst keiner philosophischen Richtung angehöre, die einen mit den Silben >-ismus< endenden Namen trägt", gestand er 1954 und erläuterte, er habe die Tendenz, "zwischen extremen Richtungen eine gewisse Mitte einzuhalten"6 Pauli veröffent1ichte selbst nur wenig über allgemeinere philosophische Probleme der Wissenschaft; so enthalten seine Aufsätze und Vorträge über Physik und Erkenntnistheorie (1961) nur fünf derartige Titel, darunter die wichtigen Aufsätze "Phänomen und physikalische Realität" (1954), "Naturwissenschaftliche und erkenntnistheoretische Aspekte der Idee des Unbewussten" (zu C. G. Jungs 80. Geburtstag, 1954) und "Die Wissenschaft und das abendländische Denken" (1955).

Heisenberg profitierte oft entscheidend von der freimütigen Kritik des Freundes an seinen philosophischen Schriften: So veranlasste Pauli an einigen Stellen eine Verschärfung der Formulierungen im Aufsatz "Der Begriff >abgeschlossene Theorie< in der modernen Naturwissenschaft"7. Heisenberg hat seinerseits Paulis philosophisehen Auffassungen eine ausführliche Darstellung gewidmet8; in ihr weist er besonders auf zwei gänzlich verschiedene Seiten im Wesen und Denken des Freundes hin: "Die Kraft der Faszination, die von Paulis Analysen physikalischer Probleme ausging, entsprang wohl nur zum Teil der bis ins einzelne durchsichtigen Klarheit seiner Formulierungen, zum anderen aber auch dem ständigen Kontakt mit dem Bereich produktiver geistiger Vorgänge [im Unbewussten], für die es noch keine rationale Formulierung gibt" 9.

Unter den jüngeren Zeitgenossen Heisenbergs sei hier nur der Schüler Carl Friedrich von Weizsäcker (geboren 1912) angeführt, dessen Interesse an philosophischen Fragestellungen frühzeitig feststand: er wollte eigentlich Philosophie studieren, aber Heisenberg veranlasste ihn, als Grundlage erst einmal Physik zu lernen. Nach 1940 hat von Weizsäcker systematisch den Schwerpunkt seiner Arbeit auf die erkenntnistheoretische Analyse der neuen Theorien verlegt. In einem seiner ersten grösseren Aufsätze über "Das Verhältnis der Quantenmechanik zur Philosophie Kants" schlug er bereits ein zentrales Thema an. Heisenberg, der früher Kant im wesentlichen aus der Diskussion der Kausalitat kennengelernt hatte, erhielt durch seinen Schüler eine gründliche Vorstellung von der kritischen Philosophie, die sich an manchen Stellen in seinen eigenen Vorträgen und Schriften niederschlug.

Man kann sagen, dass seither unter den Physikern die Bereitschaft zurückgegangen ist, sich mit erkenntnistheoretischen Fragen oder philosophischen Folgerungen ihrer Wissenschaft zu beschäftigen. Andererseits haben die Diskussionen von Nichtphysikern - oft wenig durch genaues Wissen abgestützt - keineswegs aufgehört. Es wäre zu begrüssen, wenn der Austausch von Physik und Philosophie auch in Zukunft zu beider Nutzen auf ähnlichem Niveau fortgesetzt werden könnte wie zu den Zeiten Plancks, Einsteins, Bohrs, Schrödingers und Heisenbergs.

 

 

Zur Entstehung des Philosophie-Manuskriptes

"Ordnung der Wirklichkeit"

 

Mit der Bemerkung "Ich habe es in den ersten Kriegsjahren niedergeschrieben" umriss Heisenberg selbst die Entstehungszeit seines umfangreichen philosophischen Essays (Heisenberg an F. Kraus, 10. Februar 1947). Die Genesis seines Inhalts reicht aber viel weiter zurück. Wir wollen hier einige wesentliche Aspekte aus dieser Entstehungsgeschichte zusammenstellen.

Heisenberg begann unmittelbar nach seiner Entdeckung der Unschärferelationen (1927) über grundsätzliche Folgerungen nachzudenken, die sich aus ihnen für die menschliche Erkenntnis der Natur ergaben. Bezeichnenderweise richtete sich sein erster erhaltener Vortrag dieser Art, "Erkenntnistheoretische Probleme in der modernen Physik" (1928), an die Philosophen:

Er skizziert darin die Schwierigkeiten, die die Ergebnisse von Relativitätstheorie (neue Auffassung von Raum und Zeit) und Quantentheorie (Komp1ementarität, Unschärfere1ation) der durch Kant formulierten klassischen Erkenntnistheorie bereiteten10. Besonders das Verhältnis von Kausalgesetz und Quantenmechanik beschäftigte Heisenberg in den dreissiger Jahren, angefangen mit seinem programmatisehen Vortrag bei der Königsberger Naturforscherversammlung von 193011. Daneben berichtete er gelegentlich von den vor allem von Niels Bohr vorgetragenen Erweiterungen der Komplementaritätsidee über die Atomphysik hinaus (Biologie, Psychologie) und formulierte seine Vorstellung von "abgeschlossenen Systemen" in der Physik, d. h. von Theorien, die mit einer gewissen Konsistenz und Vollständigkeit bestimmte Erfahrungsbereiche der Physik wiedergeben12

Heisenbergs vermehrte Vortragstätigkeit nach 1933 ausserhalb reiner Fachtagungen stand im Zusammenhang mit den ideologischen Angriffen, die von einflussreichen Stellen im "Dritten Reich" gegen die modernen physikalisehen Theorien und ihre Vertreter gerichtet wurden. Heisenberg nahm einen hervorragenden Platz in der Verteidigung der als "jüdisch" abqualifizierten Physik ein. Die Auseinandersetzung, die Gelegenheit bot, die erkenntnistheoretischen Grundlagen zu vertiefen und die philosophischen Konsequenzen klarer darzustellen, endete schliesslich in den ersten Jahren des Zweiten Weltkrieges mit einem Rückzug der gegnerischen, der sogenannten "Deutschen Physik", die von Philipp Lenard, Johannes Stark und ihren Anhängern propagiert worden war13.

Die dunkle, für Heisenberg auch persönlich und beruflich gefährliche Zeit von 1933 bis 1939 wurde durch Auslandsaufenthalte bei Freunden wie Niels Bohr in Kopenhagen und Wolfgang Pauli in Zürich aufgehellt, ebenso durch den Verkehr mit gleichgesinnten Kollegen in Deutschland. Ein kleiner Kreis von Professoren der Leipziger Universität, dem Heisenberg angehörte, erlaubte einen entspannten und lehrreichen Austausch über Fragen, die über den engen Bereich der Spezialgebiete hinausgingen. Zu diesem "Coronella" genannten Kreis zählten neben Heisenberg der Kunsthistoriker Theodor Hetzer, der nordische Philologe Konstantin Reichardt, die Historiker Helmut Berve und Hermann Heimpel, der Archäologe Bernhard Schweitzer und die Altphilologen Friedrich Klingner und Wolfgang Schadewaldt. Man traf sich regelmässig privat zu Vorträgen - die öffentlichen Akademievorträgen entsprachen oder Generalproben für diese darstellten - und anschliessender zwangloser Diskussion. Heisenberg hat später die Verbindung mit den Mitgliedern der "Coronella" über lange Jahre aufrechterhalten.

Am 1. September 1939 begann der Krieg, und Heisenberg wurde einige Wochen später zum Heereswaffenamt nach Berlin einberufen. Man verpflichtete ihn, am geheimen deutschen Uranprojekt mitzuarbeiten und zunächst zu erkunden, ob man die Spaltung des Urankernes in einer Kettenreaktion fur die Energiegewinnung oder Sprengstoffherstellung ausnutzen könne. Heisenbergs grundlegende theoretische Untersuchungen (Dezember 1939, Februar 1940) liessen die Möglichkeit einer Energieerzeugung zu; die bis Anfang 1942 an verschiedenen Instituten im Deutschen Reich - besonders auch von Robert und Klara Döpel mit Heisenberg in Leipzig - durchgeführten Probemessungen zeigten, dass eine "Uranmaschine" mit Natururan und schwerem Wasser (als Moderator) funktionieren würde. Als sich dieser Erfolg abzeichnete, schrieb Heisenberg an den "Coronella"-Kollegen Heimpel, dem er für den ihm zugesandten Band Deutsches Mittelalter dankte:

"Sehr gefallen hat mir in Ihrem Buch die Stelle über das Zeitgefühl des Mittelalters, im Gegensatz zu unserer Epoche. Dabei kam mir im Augenblick der Gedanke, es könnte sich in naher Zukunft noch einmal eine solche Umwandlung vollziehen. Denn vielleicht erkennen wir Menschen eines Tages, dass wir tatsächlich die Macht besitzen, die Erde vollständig zu zerstören, dass wir also durch eigene Schuld durchaus einen

>jüngsten Tag< oder so etwas, was ihm nahe verwandt ist, heraufbeschwören können. Doch es ist wohl noch Phantasterei, das zu denken." (Heisenberg an Heimpel, 1. Oktober 1941)

Die "Phantasterei" - Heisenberg meinte wohl die Atombombe - lag näher, als er sich vorstellte. In Deutschland blieb es allerdings den Physikern erspart, den Weg zur Bombe einzuschlagen.

Die intensiven Bemühungen der ersten beiden Kriegsjahre um das Uranprojekt, für die Heisenberg ständig zwischen Leipzig und Berlin hin- und herreiste, liessen ihm wenig Zeit, an anderen Problemen seiner Wissenschaft und darüber hinaus zu arbeiten. Allerdings brachte es seine Stellung als Berater am Kaiser Wilhelm-Institut für Physik - in dem damals die zentrale Leitung der deutschen Uranarbeiten vom Heereswaffenamt eingerichtet worden war - mit sich, dass er während der Semester dort Kolloquien über verschiedene Themen einrichten konnte, so im Sommersemester 1941 ein "biologisch-physikalisches Kolloquium" mit Vorträgen über Strahlungsbiologie (Referenten U. a. N. W. Timofe'eff-Ressovsky, Ernst Zimmerund Karl Friedrich Bonhoeffer) und die "Physik bzw. Chemie der Eiweissstoffe" (Referenten U. a. Adolf Butenandt, Karl Wirtz, Heisenberg und Carl Friedrich von Weizsäcker). Zu diesen Kolloquien lud Heisenberg auch Pascual Jordan ein, der damals beim Flugstützpunktkommando Bremen-Neuenlanderfeld Militärdienst tat. Weitere Kolloquien beschäftigten sich mit kosmischer Strahlung und Elementarteilchentheorie (ab Wintersemester 1941/42); ein Teil dieser Vorträge wurde ausgearbeitet und in dem Buch Kosmische Strahiung 1943 veröffentlicht.

Die Kriegsarbeit und die Nebenbeschäftigungen schränkten Heisenbergs Vortragstätigkeit etwas ein. Auf einer seiner wenigen Auslandsreisen während der ersten Kriegsjahre sprach er am 5. Mai 1941 in Budapest über "Die Goethe'sche und die Newton'sche Farbenlehre im Lichte der modernen Physik"14 Das Thema war ihm nicht neu, denn Elisabeth Heisenberg erinnert sich:

"Als wir heirateten, zeigte mir mein Mann eines Tages Bilder, die er wohl verwahrt in seinem Schreibtisch liegen hatte. Es waren einzelne Blumenbilder, die aber offensichtlich in einem inneren Zusammenhang standen. Diese Bilder waren gemalt von der Leipziger Malerin Hildegard Kress. Sie hatte in der Akademie einen Vortrag meines Mannes gehört über die Goethe'sche Farbenlehre und war derart inspiriert davon, dass sie diese Bilder malte nach den gehörten Prinzipien aus der Farbenlehre. Dann schenkte sie sie meinem Mann, das muss etwa 1935 gewesen sein."15

 

Heisenbergs Budapester Vortrag und seine entsprechende Veröffentlichung hatten eine ziemlich grosse Resonanz, die den Autor anregten, sich wieder häufiger mit ähnlichen Themen zu beschäftigen. Jedenfalls sprach er in den nächsten eineinhalb Jahren wenigstens viermal vor einem breiteren Publikum, nämlich über "Die Einheit des naturwissenschaftlichen Weltbildes" (Leipzig, 26. November 1941), "Das physikalische Weltbild" (erweiterter Leipziger Vortrag, Ort und Zeit unbekannt), "1OO Jahre Energiegesetz" (Rundfunkrede, August 1942) und "Über das Weltbild der Naturwissenschaft" (erneut erweiterte Variante des Leipziger Themas, wohl in Zürich am 27. November 1942 vorgetragen)16. Diese Vorträge enthalten, wie auch der von Budapest über die Farbenlehre, wesentliche Gedanken, die dann im Philosophiemanuskript ("Ordnung der Wirklichkeit") verwendet oder weiter ausgeführt wurden; z. B. schliesst der letztgenannte Vortrag wie das Philosophiemanuskript mit dem Zitat des Märchens über die Dauer der Ewigkeit.

Der naheliegende Schluss, der Autor habe das Philosophiemanuskript Mitte bis Ende 1942 beendet, wird durch weitere Einzelheiten in seinem Inhalt gestützt. So zitiert Heisenberg im Abschnitt über "Symbol und Gestalt" die Meinung des Biologen Konrad Lorenz, die Kantschen "a-priori"-Anschauungsformen seien als "angeborene Schemata" des Menschen aufzufassen und den Instinkthandlungen der Tiere gleichzusetzen; diese Ansicht wurde von Lorenz ausführlich im Februar 1942 in der Zeitschrift "Die Naturwissenschaften" dargelegt17. Die Datierung ins Jahr 1942 deckt sich mit der Erinnerung von Frau Heisenberg, ihr Mann hätte das Manuskript im Kreise seiner Familie niedergeschrieben; diese folgte nämlich Heisenberg im Herbst 1942 nicht nach Berlin, sondern zog (etwas später) nach Urfeld in Bayern18

Den Beginn der Niederschrift des Manuskriptes darf man um die Zeit des Budapester Vortrages vom Mai 1941 ansetzen, zumal er an dessen Ende die im Manuskript verwendete "Organisation der Wirklichkeit" zitiert. Einige Passagen aus der Einleitung lassen sogar daran denken, dass Heisenberg den Hauptteil in den Sommerferien 1941 und 1942 in Urfeld ausarbeitete, wo er 1939 das ehemalige Haus des Malers Lovis Corinth gekauft hatte. Frau Heisenberg bestätigte jedenfalls, dass er sehr konzentriert und "mit grossem Engagement" schrieb. Im Herbst 1942 ging Heisenberg nach Berlin, um das geplante Grossexperiment für den Uranreaktor vorzubereiten. In der Tat begann für ihn nun wieder eine unruhige, hektische Zeit, die kaum Gelegenheit zu philosophischen "Extratouren" bot.

 

 

Anmerkungen zum Inhalt und Folgerungen

 

Der Physiker wird sich zunächst über die wichtige Rolle wundern, die der Autor dem grossen Dichter und "Amateurwissenschaftler" Goethe bei der Organisation seiner Gedanken zuweist. Heisenberg verehrte Goethe schon seit frühester Jugend. Als er im Juni 1925 nach Helgoland fuhr - um seinen Heuschnupfen zu kurieren und die Quantenmechanik zu entdecken - befand sich der "West-Östliche Diwan" in seinem Reisegepäck. Heisenberg besass später das Gesamtwerk des Dichters in seiner Bibliothek; er las die grossen Romane ebenso sorgfältig wie alle Dramen; er kannte den Faust und viel Lyrik (auswendig) und Eckermanns Gespräche; in der Familie wurden die verschiedenen Versionen der "Italienischen Reise" vorgetragen. "Goethe hat ihn durch sein ganzes Leben begleitet." (E. Heisenberg)

Woher aber stammt die Wertschätzung auch des Physikers Goethe? Urteilt doch Heisenberg über dessen berühmten Streit mit dem Physikheroen Newton:

"Allen denen, die sich in neuerer Zeit mit der Goethe'schen und Newton'schen Farbenlehre beschäftigt haben, ist es klar gewesen, dass sich offenbar nicht viel Einsicht gewinnen lässt durch die Untersuchung der Frage, welche der beiden Lehren richtig oder falsch sei. Zwar lässt sich eine Entscheidung hierüber in allen sachlichen Einzelheiten fällen, und die naturwissenschaftliche Methode Newtons trägt an den wenigen Stellen, an denen ein wirklicher Widerspruch vorliegt, wohl den Sieg über die intuitive Kraft Goethes davon. Aber die beiden Theorien handeln eben im Grunde von verschiedenen Dingen, und es bleibt eher die Frage übrig, wie es möglich ist, dass mit dem Begriff Farbe so verschiedene Gegenstände verknüpft werden können."19

Die Vorstellung, die sich Heisenberg vorher von den verschiedenen physikalischen Theorien, die er als "abgeschlossene Systeme" bezeichnete, gemacht hatte, liess sich nun in der Tat auch auf Systeme ausserhaib der Physik übertragen. Wie sich verschiedene "abgeschlossene" physikalische Theorien in bestimmten Folgerungen widersprechen konnten - auch solche, die denselben Gegenstand behandelten wie die klassische und die Quantenmechanik -, so durfte das auch bei anderen Systemen zutreffen. Es hatte wirklich keinen Sinn, grundsätzlich zu fragen, welche Lehre richtig sei: bei Newtons und Goethes Farbenlehre musste es sich einfach um verschiedene "Ebenen der Beschreibung", also um verschiedene "Ordnungen der Wirklichkeit" handeln.

Zu beachten bleibt freilich, dass Heisenberg das System der gesamten "Ordnung der Wirklichkei"t von Goethe übernahm. Das mag einerseits an seiner Vorliebe für die Schriften des Dichters liegen, andererseits an seiner grundsätzlichen Überzeugung: "Es ist wohl richtiger zu glauben, dass allen wirklich grossen Naturforschern auch die Sprache der Dichtung wohl vertraut gewesen ist"20. Der Dichter gibt daher die Ordnung der Themen, also: "Zufällig, Mechanisch, Physisch, Chemisch, Organisch, Psychisch, Ethisch, Religiös, Genial", der Naturforscher füllt sie mit Inhalt.

Wenn man Heisenbergs Ausführungen mit denen seiner Fachkollegen und Vorbilder (Planck, Bohr) vergleicht, so fällt die Bedeutung auf, die er der Sprache beimisst. Für den Enkel des Altphilologen Nikolaus Wecklein und den Sohn des Byzantinisten August Heisenberg mag diese Betonung der grundlegenden Funktion der Sprache eigentlich als natürlich erscheinen; dass aber schon der junge Heisenberg den entscheidenden Wert der Sprache in seinen physikalischen Entdeckungen immer wieder herauskehrte, muss auffallen. Allerdings hat der Begriff "Sprache" bei ihm eine viel umfassendere Definition, wie der Autor ausführlich in Abschnitt 1.2 seines Essays auseinandersetzt: sie bedeutet zugleich auch jede Abbildung der Wirklichkeit, etwa die der physikalischen Phänomene durch die mathematischen Formeln der theoretischen Physik. Verschiedene Sprachen sind dann einfach unterschiedliche Abbildungen entweder derselben Wirklichkeitsbereiche - wie im Falle der atomphysikalischen Erscheinungen durch die Göttinger Quantenmechanik und die Wellenrnechanik - oder verschiedener Bereiche. Wichtig ist Heisenbergs Ausgangspunkt: "Jeder Bereich der Wirklichkeit kann schliesslich in der Sprache abgebildet werden. Der Abgrund, der verschiedene Bereiche trennt, kann nicht durch logisches Schliessen oder folgerichtiges Weiterentwickeln der Sprache überbrückt werden." (S. 45 dieser Ausgabe)

Bei Heisenbergs verschiedenen "Ordnungen der Wirklichkeit" handelt es sich sowohl um verschiedene "Bereiche der Wirklichkeit" als auch um verschiedene "Idealisierungen der Wirklichkeit", denn eigentlich gibt es für den Menschen nur eine einzige Welt (Wirklichkeit), die ihm gegenübertritt21. Der erste Bereich "Klassische Physik" (Abschnitt 11.2) umfasst Mechanik, Elektrizität und Magnetismus und die Lehre von Raum-Zeit-Kontinuum einschliesslich der Gravitation der Materie (d. h. die Spezielle und die Allgemeine Relativitätstheorie sowie ihre Konsequenzen für den Aufbau der Welt im Grossen) Die Wärmelehre und das chemische Verhalten bilden den zweiten Ordnungsbereich "Chemie", dessen Gesetzmässigkeiten durch die diskontinuierliche, atomare Struktur der Materie, die Quantenrnechanik und den teilweisen Einbruch des Zufalls in die physikalische Beschreibung bestimmt werden (Abschnitt 11.3). Die klassische Physik und die oben definierte Chemie beschreiben viele, aber nicht alle Eigenschaften des dritten Bereichs "Organisches Leben"; in ihm stellt "das Ganze" vielleicht mehr dar als die blosse "Summe aller Teile", gibt es doch zielgerichtete Selektion und Evolution ebenso wie vererbte Verhaltensweisen (Abschnitt 11.4). Noch weniger scharf definieren lässt sich der fünfte Bereich, "Das Bewusstsein": Dieses hebt menschliches Handeln vom rein biologischen Mechanismus ab und liegt selbst den höheren geistigen und seelischen Vorgängen zugrunde (Abschnitt 11.5). Hier, wie in den letzten, obersten Bereichen "Symbol und Gestalt" (Abschnitt 11.6) und "Die schöpferischen Kräfte" (Abschnitt 11.7), entwickelte Heisenberg eine Reihe von Vorstellungen, die weit über das hinausgehen, was seine Vorgänger und Nachfolger behandelten. Ja, er scheute sich sogar nicht, gelegentlich seinem verehrten Lehrer Bohr zu widersprechen (etwa im Abschnitt II.6a über die Vererbbarkeit geistiger Begabung).

Der kurze, abschliessende Teil III, der keine Überschrift trägt, fällt etwas aus dem Rahmen und Stil des Essays heraus, indem er den objektiven Ordnungen des Teils II - und den ebenfalls im wesentlichen rein sachlichen Vorbernerkungen des Teils I - eine mehr individuelle und zugleich politisch-moralische Dimension hinzufügt. Hier enthällt der Autor seine persönliche Haltung zu den Problemen des Tages, auch wenn er sie in grossen, die Zeiten übergreifenden Zusammenhänge stellt. Eigentlich kann man den Beginn dieser Ausführungen schon früher ansetzen, etwa im Abschnitt 11.6, wo Heisenberg von den Kräften spricht, die menschliche Gemeinschaften zusammenhalten, wobei er mit dem "primitiven Gefühl der gleichen Rasse, das schon im Tierreich geläufig ist", anfängt, dann die "gemeinsame Sprache", und schliesslich als "selbst Völker verschiedener Rasse und Sprache zusammenschweissende" noch stärkere Kräfte den "gemeinsamen Glauben" und vor allem das "gemeinsame Recht" erwähnt (S. 152). In den Auseinandersetzungen des Zweiten Weltkrieges stützten sich Deutschland, Russland und Japan auf eine "Ideologie, die sich eng an die alte Ideologie der Nationalstaaten anlehnt", die Angelsachsen dagegen auf "das gemeinsame Recht und der aus ihm erblühenden Wohlstand" (S. 153). Der Autor verhehlt keineswegs seine persönliche Einstellung zu den sich damals bekämpfenden Bewegungen, wenn er etwa im Abschnitt 11.7 den Nationalsozialisrnus eine "merkwürdige Diesseitsreligion" nennt, das die angelsächsische Welt vereinigende Band dagegen wie folgt charakterisiert: "Diese andere Bindung knüpft an die Erlebnisse der ersten grossen Geister der beginnenden Neuzeit an, die neben der aus der Offenbarung stammenden christlichen Wirklichkeit noch jene andere objektive Realität entdeckten, die dann in der entstehenden Naturwissenschaft der Neuzeit ihren Siegeszug angetreten hat." (S. 161 - 162)

Man hat gelegentlich im Kriege und nachher vor allem im Ausland Vermutungen über die politische Haltung Werner Heisenbergs angestellt, vorzüglich über die Art, in der er Massnahmen der nationalsozialistischen Regierung unterstützte. Während manche Vermutungen - darunter die, er habe die Atombombe für Hitler bauen wollen - durch die Tatsachen eindeutig widerlegt wurden, zeigen bereits die oben zitierten Äusserungen aus "Ordnung der Wirklichkeit", dass die Sympathien des Physikers Heisenberg keineswegs der "merkwürdigen Diesseitsreligion", sondern natürlich der durch die "ersten grossen Geister der beginnenden Neuzeit entdeckten objek tiven Realität" galten. In den Schlussbemerkungen (Teil III) des Essays wird er noch deutlicher, wenn er von der Pflicht spricht, "Zerstörtes aufzubauen und den anderen Menschen, über den Lärm der Leidenschaften hinweg, Vertrauen zu schenken" (S. 172); auch sollten "die wenigen, für die die Welt noch leuchtet", die Führung übernehmen, denn: "Wir müssen uns immer wieder klar machen, dass es wichtiger ist, dem anderen gegenüber menschlich zu handeln, als irgendwelche Berufspflichten, oder nationale Pflichten oder politische Pflichten zu erfüllen".

(S. 173)

Heisenberg hat tatsächlich auch in den letzten Kriegsjahren versucht, sich an diese Maximen zu halten: seine Handlungen in Deutschland und ausserhalb - etwa bei Besuchen in den von Deutschen besetzten Ländern - bestätigen dies. Und noch eine weitere politische Vorstellung kann man den Schlussbemerkungen des Essays entnehmen. Der Autor denkt darin über die zukünftige Gestaltung der Welt nach, in der "die Wissenschaft eine noch wichtigere Rolle spielen wird als bisher". Er weist vor allem der reinen Wissenschaft die grösste Bedeutung zu und äussert: "Solange dieser zentrale Bereich der Wissenschaft unangetastet bleibt, ist wohl auch die Gefahr nicht allzugross, die dadurch heraufbrechen wird, dass wir die Kräfte der Natur in viel höherem Masse beherrschen als frühere Zeiten". (S. 174). Wir wissen, dass sich diese Hoffnung Heisenbergs nicht erfüllte, gerade dort, wo im Kriege das "höhere Mass der Naturbeherrschung" erreicht wurde. Noch heute nützt der Mensch die neue, aus der Naturwissenschaft wachsende Macht nach den herkömmlichen Prinzipien der niederen politischen Moral. Aber Heisenberg blieb stets Optimist, der glaubte: "Die Fähigkeit des Menschen zu verstehen [er meinte auch: zu lernen ist unbegrenzt". (S. 45).

Dem aufmerksamen Leser wird ohne weiteres deutlich, warum dieser philisophische Essay Heisenbergs vor dem Ende des nationalsozialistischen Deutschlands nicht veröffentlicht werden konnte. Sein Umfang und seine "zu persönliche" Natur veranlassten den Autor, auch nach dem Krieg von einer Publikation abzusehen. Einerseits verschärfte und erweiterte er manche, vor allen Dingen die physikalischen und chemischen Abschnitte 11.2 und 11.3 betreffende, Aussagen in späteren Aufsätzen und Vorträgen22. Andererseits mussten manche Aussagen, etwa im Abschnitt über das organische Leben (11.4), angesichts der neuen mikrobiologischen Erkenntnisse eingeschränkt werden. Heute, über 45 Jahre nach seiner Entstehung aber treten die zeitbezogenen ebenso wie die persönlichen Elemente zurück gegenüber der historischen Bedeutung des Dokumentes. "Ordnung der Wirklichkeit" ist trotz aller Einschränkungen und Einwendungen der grosse Entwurf einer "Weltanschauung", und stellt zugleich ein philosophisch-erkenntnistheoretisches Testament und ein ehrliches Bekenntnis des grossen Physikers Werner Heisenberg dar.

Das Philosophiemanuskript existiert in einer Urschrift und zwei maschinengetippten Abschriften, die geringfügig voneinander abweichen23. Dem hier abgedruckten Text wurde die Heisenbergsche Urschrift zugrunde gelegt, die gegenüber den Schreibmaschinenabschriften einige Verbesserungen enthält. Frau Elisabeth Heisenberg danke ich herzlich für ihre Mühe, mit der sie die Frage der Entstehung und des Umfeldes des Philosophiemanuskriptes zu klären half, den Herren Professoren Klaus Gottstein, Hermann Heimpel, Friedrich Hund und Carl Friedrich von Weizsäcker sowie Herm Dr. Gerald Wiemers für hilfreiche Hinweise, Herrn Dr. Walter Blum und Frau Barbara Blum und nicht zuletzt Herrn Ulrich Wank für die kritische Durchsicht.

 

München, im Juli 1988

 

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Anmerkungen

 

1 Die Zitate aus den Pauli-Briefen stammen aus Wolfgang Pauli: Wissenschaftlicher Briefwechsel/Scientific Correspondence, Band 1 und Band 2 (Springer-Verlag, Berlin-Heidelberg-New York-Tokyo, 1979 und 1985).

2 W. Heisenberg, Niels Bohr zum fünfzigsten Geburtstage am 7. Oktober 1935. Naturwissenschaften 23, 679 (1935); wieder abgedruckt in Werner Heisenberg: Gesammelte Werke/Collected Works, Band CIV (R. Piper Verlag, München-Zürich, 1986), S. 41.

3 W. Heisenberg, Max Planck: Wege zur physikalischen Erkenntnis (Buchbesprechung). Naturwissenschaften 21, 608 (1933); wieder abgedruckt in Gesammelte Werke CIV, S. 239.

4 Siehe Zitat 1, Band 2, S. 214.

5 W. Heisenberg, Max Planck: Physik im Kampf urn die Weltanschauung (Buchbesprechung). Naturwissenschaften 23, 321(1935); wieder abgedruckt in Gesammelte Werke CIV, S. 240.

6 W. Pauli, Phänomen und physikalische Realität, in Wolfgang Pauli: Aufsätze und Vorträge über Physik und Erkenntnistheorie (Fr. Vieweg & Sohn, Braunschweig 1961), SS.93-101, bes. S. 93.

7 W. Heisenberg, Der Begriff »abgeschlossene Theorie« in der modernen Naturwissenschaft. Dialectica 2, 331-336 (1948), wieder abgedruckt in Gesammelte Werke CI (R. Piper Verlag, Munchen 1984), SS. 335-340.

8 W. Heisenberg, Wolfgang Paulis philosophische Auffassungen. Naturwissenschaften 46, 661-663 (1960); wieder abgedruckt in Gesammelte Werke CIV, S. 113-115.

9 Zitat 8, S. 113. Pauli bezog sich insbesondere auf C. G. Jungs Archetypen und benutzte gelegentlich die Symbolik der Alchemisten.

10 W. Heisenberg, Erkenntnistheoretische Probleme in der modernen Physik. In Gesammelte Werke CI, SS.22-28.

11 W. Heisenberg, Kausalgesetze und Quantenmechanik. Erkenntnis, zu­gleich Annalen der Philosophie 2, 172-182 (1931); wieder abgedruckt in Gesammelte Werke CI, SS.29-39.

12 Siehe dazu Heisenbergs Vortrag auf der Hannoverschen Naturforscherversammlung von 1934: »Wandlungen der Grundlagen der exakten Naturwissenschaft in jüngster Zeit«, veröffentlicht in Angewandte Chemie 47, 697-702 (1934), wieder abgedruckt in Gesammelte Werke CI, SS.96-101.

13  Siehe auch den Aufsatz: W. Heisenberg, Die Bewertung der »modernen theoretischen Physik«, von 1940, veröffentlicht in Zeitschrift für die gesamte Naturwissenschaft 9, 202-212 (1943).

14  W. Heisenberg, Die Goethe'sche und die Newton'sche Farbenlehre im Lichte der modernen Physik. Geist der Zeit. Wesen und Gestalt der Völker (Hochschule im Ausland), Neue Folge, 19, 261-275 (1941); wieder abgedruckt in Gesammelte Werke CI, SS.146-160.

15  Es ist nicht gelungen, den genauen Zeitpunkt von Heisenbergs Vortrag über Goethes Farbenlehre an der »Leipziger Akademie« zu finden. Die Datierung ins Jahr 1935 erhält aber eine gewisse Bestärkung durch den Inhalt der Besprechung von Plancks Broschüre, Zitat 5; dort erwähnt Heisenberg explizit Goethe und Newton als Naturforscher entgegengesetzter Natur, obwohl der Vergleich bei Planck nur eine untergeordnete Rolle spielt.

16  Die genannten Vorträge sind wieder abgedruckt in Gesammelte Werke CI, SS.161-192, 193-201, 202-206 und 207-215.

17  Siehe K. Lorenz: »Induktive und teleologische Psychologie«, veröffentlicht in Naturwissenschaften 30,133-143 (1942). Heisenberg zitiert die Vorstellung von Lorenz auch im letzten der in Zitat 16 erwähnten vier Vorträge, in der Züricher Vorlesung vom Oktober 1942.

18  »Später als 1942 wurden die Zeiten doch derart unruhig und schwierig, dass zu einer solchen >Extratour< weder Zeit noch Kraft vorhanden war«. (E. Heisenberg an H. Rechenberg, 12.4.1984).

19  W. Heisenberg, Zitat 14, S. 265.

20  W. Heisenberg, Zitat 14, S. 267.

21  So kann etwa die klassische Physik ausser durch ihre einzelnen Gebiete dadurch bestimmt werden, dass »wir von dem Erkenntnisverfahren [d. h. der Beobachtungsmethode], das uns über die Wirklichkeit unterrichtet, ganz absehen können« (S. 59 dieser Ausgabe).

22  Siehe etwa den Aufsatz über die »abgeschlossenen Theorien«, Zitat 7, oder die Gifford - Vorlesungen Physik und Philosophie.

23  Unter den maschinengetippten Abschriften ist die eine wohl später nach Korrekturen (die zumeist ins handschriftliche Original eingetragen sind) angefertigt worden.

24  Schreibweise und Interpunktion des Autors wurden nach Möglichkeit - soweit es sich nicht um eindeutige Fehler handelt oder das Verständnis des heutigen Lesers unnötig erschwert wird - beibehalten.