Einleitung
VON HELMUT RECHENBERG
Der Physiker Werner Heisenberg (1901 -
1976) gehört zu den grossen Naturwissenschaftlern, die das Weltbild über unser
Jahrhundert hinaus geprägt haben. Ihm gelang der erste Ansatz zur heute
gültigen Quantenmechanik, der erfolgreichen Beschreibung der Atome und Moleküle,
zu der er im einzelnen wesentliche Beiträge lieferte. Seine
Unbestimmtheitsrelationen gaben den Schlüssel zur
physikalisch-erkenntnistheoretischen Deutung dieser neuen Theorie. Schliesslich
leistete er entscheidende Pionierarbeit zur Erweiterung und Vereinigung von
Quanten- und Relativitätstheorie: Dabei packte er Probleme vor allem der
innersten Struktur der Materie an, er betrieb also das, was wir heute Kern-
und Elementarteilchenphysik nennen.
In Vorträgen und Aufsätzen nahm
Heisenberg häufig Stellung zu Fragen, die über die engeren Grenzen seiner
Fachwissenschaft hinausgingen. Er trachtete insbesondere danach, die Ergebnisse
der "modernen Physik", ihre erkenntnistheoretischen Grundlagen und
philosophischen Folgerungen einem breiten Publikum näherzubringen. So
entstanden Einzelveröffentlichungen ebenso wie Sammlungen von Aufsätzen mit
Titeln wie Die Einheit des naturwissenchaftlichen Weltbildes oder Wandlungen
in den Grundlagen der Naturwissenschaften. Darüber hinaus hat Heisenberg
drei grössere Texte geschrieben, die sich mit philosophischen Fragen der
Naturbeschreibung beschäftigen: die als Buch Physik und Philosophie (1958
bzw. 1959) veröffentlichten "Gifford Lectures" aus dem Wintersemester 1955/56;
seine Erinnerungen Der Teil und das Ganze (1969); und den hier
vorliegenden umfangreichen Essay, der vor der Herausgabe der Gesammelten
Werke nur als Manuskript ohne Titel und Datum vorlag und hier erstmalig
als Eigenpublikation vorgestellt wird.
Der Essay, den wir nach
einer Charakterisierung des Autors in seinem Text "Ordnung der Wirklichkeit"
nennen, entstand vor Ende des Jahres 1942 und stellt einerseits Heisenbergs
früheste ausführliche, andererseits überhaupt seine thematisch umfassendste
Äusserung zum philosophischen und erkenntnistheoretischen Inhalt des Weltbildes
der modernen Physik dar. Wie nie vorher oder später versucht Heisenberg hier,
die gesamte, dem Menschen entgegentretende Wirklichkeit - die von den
physikalisehen und chemischen Erscheinungen über die biologischen Systeme bis
hin zu den sozialen Ordnungen und den künst1erischen und re1igiösen Ideen
reicht - systematisch zu beschreiben. Viele dieser Fragen werden zwar auch in
späteren Schriften behandelt oder in den Erinnerungen Der Teil und das Ganze
angesprochen, in "Ordnung der Wirklichkeit" aber erscheinen sie in so
origineller und programmatischer Zusammenstellung, dass wir diesen grossen
Essay als eine Art erkenntnistheoretisches Schlüsselwerk Heisenbergs bezeichnen
dürfen.
Heisenbergs Text gliedert
sich in drei Teile. Die Einleitung (Teil I) umreisst in drei Abschnitten die
angesprochenen "Bereiche der Wirklichkeit", die zur Beschreibung der Bereiche
benutzte "Sprache" und die "Ordnung" der Bereiche. Im Hauptteil (Teil II) wird,
nach einem einleitenden Abschnitt (1.) über Goethes poetische Ordnung der
Bereiche der Wirklichkeit - die Heisenberg den Anstoss zu seiner Abhandlung
lieferte -, ein sechsteiliges Schema der Ordnung der Wirklichkeit aufgestellt,
das sich vom niedersten Bereich her wie folgt aufbaut: 2. Die klassische Physik;
3. Die Chemie (einschliesslich der Quantentheorie), 4. Das organische Leben;
5. Das Bewusstsein; 6. Symbol und Gestalt; 7. Die schöpferischen Kräfte. Im
Schlussteil (Teil III) nimmt der Autor Stellung zu den politischen Verhältnissen
der Zeit, in der die Beschäftigung mit der geschilderten Ordnung als eine Art
"Trost der Philosophie" erscheinen mag.
Aufgabe dieser
einleitenden Bemerkungen ist nicht, den vielgestaltigen Inhalt zu analysieren -
das sei dem Leser selbst vorbehalten. Wir wollen jedoch einige wenige Hinweise
geben, die vielleicht das Verständnis erleichtern und die Einordnung des Essays
in die Tradition ähnlicher Schriften, in seine Entstehungszeit und Heisenbergs
Biographie ermöglichen. Wir beschränken uns hier auf die Erörterung von drei Fragen:
Zunächst, wie ordnet sich Heisenberg unter die philosophierenden Physiker
seiner Zeit ein? Zweitens, wie und wann ist der vorliegende Text entstanden?
Drittens schliesslich weisen wir auf Folgerungen hin, die sich aus dem Text
über einige besondere Ansichten des Autors ziehen lassen.
Die philosophisch
interessierten Physiker
aus Heisenbergs
Umgebung
Das Verhältnis von Physik und
Philosophie, die im alten Griechenland aus einer gemeinsamen Wurzel entstanden
waren, hatte sich in Mitteleuropa seit der Mitte des 19. Jahrhunderts
wesentlich verschlechtert, wenn nicht völlig aufgelöst: Die exakte Naturwissenschaft
hatte sich vor allen Dingen energisch gegen die spekulative Naturwissenschaft
der Schellingschen Schule gewandt. Obwohl einige bedeutende Pioniere der neuen
"spekulationsfreien" Physik wie Hermann von Helmholtz oder Ernst Mach wichtige
erkenntnistheoretische Fragen erörterten, haben sich die Physiker im
allgemeinen auf ihre speziellen Aufgaben beschränkt und dadurch die
physikalischen Kenntnisse gewaltig vertieft und erweitert. Die entscheidenden
Veränderungen in den Grundlagen der Physik zu Beginn unseres Jahrhunderts, die
die Quanten- und die Relativitätstheorie mit sich brachten, mussten aber eine
Diskussion ihrer philosophischen Konsequenzen erzwingen, um so mehr als die
frühere "klassische Physik" einen festen Platz in der philosophischen Aufarbeitung
- etwa die Newtonsche Mechanik in der Kantschen Kritik - gefunden hatte. Wieder
begannen gerade diejenigen Physiker, die den Umbruch wesentlich gestaltet
hatten, nämlich Albert Einstein und Max Planck, zuerst zur
philosophisch-erkenntnistheoretischen Diskussion beizutragen. Wir wollen an
dieser Stelle nicht auf die umfangreichen Auseinandersetzungen über die
Relativitätstheorie eingehen, die der an
Machs erkenntnistheoretischen Methoden geschulte Einstein auslöste, auch nicht
auf die Debatten über die Grundlagen und Folgerungen der Quantentheorie, die
noch heute fortdauern. Hier sei nur an einige wichtige Beispiele
erkenntnistheoretischer und philosophischer Fragen erinnert, mit denen sich die
Physiker aus Heisenbergs Umkreis beschäftigen und die aus ihren fachlichen
Ergebnissen hervorgingen.
Von Heisenbergs Lehrern
in der Physik hat sich Arnold Sommerfeld kaum, Max Born erst spät in seinem
Leben mit philosophischen Problemen beschäftigt. Das war bei Niels Bohr
(1885-1962) ganz anders. Gerade von ihm sollte der junge Heisenberg, der nicht
nur von seinem Freunde Wolfgang Pauli als "unphilosophisch" bezeichnet worden
war, "eine philosophische Einstellung seiner Gedanken nach Hause bringen."
(Pauli an Bohr, 11. Februar 1924)1. Der Lehrer Bohr hatte Erfolg, wie Pauli
später bestätigte: "Mit Freude habe ich auch wahrgenommen, dass Heisenberg in
Kopenhagen bei Bohr ein bisschen das philosophische Denken gelernt hat und sich
vom rein Formalen doch merklich abwendet." (Pauli an Hendrik Kramers, 27. Juli
1925).
Bemerkenswerterweise hat
Bohr bis etwa 1930 eigentlich gar nicht öffentlich zu über die reine Physik
hinausgehenden Fragen Stellung genommen. Pauli hatte sich eher auf die
besondere Art und Weise bezogen, mit der der Kopenhagener Physiker die Probleme
der Quantentheorie anging, nämlich durch genaue und logisch saubere Diskussion
der physikalischen Erscheinungen und ihrer Grundlagen. Diese Diskussion lernte
Heisenberg dann in längeren Aufenthalten bei Bohr kennen und schätzen, ehe sie
sich in dessen Vorträgen und Schriften für ein Publikum jenseits der Physik
niederschlug. In den dreissiger Jahren versuchte Bohr insbesondere, sein zuerst
1927 formuliertes "Komplementaritätsprinzip" - nämlich die Tatsache, dass
gewisse Erscheinungen zwei sich gänzlich ausschliessende Beschreibungen
zulassen und erst die Zusammenschau der beiden "komplemänteren"
Beschreibungsmethoden ein vollständiges Bild liefert -von der Atomphysik auf
viele andere Gebiete zu erweitern: so diskutierte er chemische Probleme (1930),
biologische Prozesse (1932, 1937, 1957, 1962) und das Verhältnis von
Physiologie zur Psychologie (1938). Auch in die Untersuchung der menschlichen
Kulturen (1938, 1954, 1960) versuchte er, den Komplementaritätsgedanken
einzubringen. Bohrs Vorträge und Aufsätze wurden in zwei Bänden mit dem Titel Atomphysik
und menschliche Erkenntnis (1958, 1966) gesammelt.
Heisenberg verdankte
Bohrs erkenntnistheoretisch-philosophischen Erörterungen wesentliche
Einsichten. Bereits in seinen ersten Publikationen für allgemeines Publikum schliesst
er sich in Inhalt und Form eng an die Gedankengänge seines Lehrmeisters in der
Atomphysik an. Zum 50. Geburtstag von Niels Bohr schreibt er
insbesondere:
"Für die
Wissenschaftler, die das Glück gehabt haben, eine Zeitlang in Bohrs Institut in
Kopenhagen arbeiten zu dürfen ist ein anderer Teil seines Werkes [neben der
Physik an sich] fast noch wichtiger: Die Schaffung einer geistigen Mitte, in
der sich die verschiedensten Fäden der modernen Naturwissenschaft vereinigen
und in Beziehung zu dem allgemeinen philosophischen Untergrund aller
Wissenschaft treten. Der ausserordentliche persönliche Einfluss, den Bohr auf
seine Schüler ausgeübt hat und ausübt, liegt eben in dieser Einheitlichkeit des
Denkens begründet, in dem jede wissenschaftliche Frage ebenso wie das Leben
selbst auf die gleiche unveränderliche Mitte bezogen wird. "2
Die angesprochene Mitte bildete
natürlich das Komplementaritätsprinzip, das auch in Heisenbergs Denken eine
zentrale Stelle einnahm.
Ein zweiter Begründer der modernen Atomphysik, der freilich nicht zu
Heisenbergs akademischen Lehrern gehörte, hat ihn vor allem nach 1930 zunehmend
durch seine Schriften über das Verhältnis von Physik zu philosophischen,
politischen und religiösen Fragen beeinflusst: es war Max Planck (1858-1947),
der Vater der Quantentheorie. Planck begann erst mit 50 Jahren, sich über
Themen zu äussern, die über den physikalischen Inhalt hinausgingen: 1908
entwickelte er in seinem Leydener Vortrag "Die Einheit des physikalischen
Weltbildes" eine polemische Haltung gegen die positivistischen und
antiatomistischen Anschauungen Ernst Machs. Weitere Vorträge Plancks tragen
bezeichnende Titel wie: "Die Stellung der neueren Physik zur
mechanischen Naturanschauung" (1910), "Dynamische und statistische
Gesetzmässigkeit" (1914), "Kausalgesetz und Willensfreiheit" (1923),
"Positivismus und reale Aussenwelt" (1930), "Ursprung und Auswirkung
wissenschaftlicher Ideen" (1933), "Die Physik im Kampf um die Weltanschauung" (1935),
"Religion und Naturwissenschaft" (1937), "Determinismus und
Indeterminismus" (1938), "Sinn und Grenzen der exakten Wissenschaft" (1941),
"Warum kann Wissenschaft nicht populär sein?" (1942), "Wissenschaftliche
Streitfragen" (1945) und "Scheinprobleme der Wissenschaft" (1946). Gerade die
Tatsache, dass der weltweit geachtete und integre Gelehrte trotz persönlicher
Ablehnung des "Dritten Reiches" in der für die Wissenschaft und die
Wissenschaftler schwierigen Zeit nicht verstummte, sondern im Gegenteil seine
Vortragstätigkeit ausbaute, gab vielen Fachkollegen und interessierten Laien
einen bedeutenden geistigen und moralischen Rückhalt.
Der Entschluss,
Deutschland nach 1933 nicht zu verlassen, liess Heisenberg damals näher an
Planck rücken, obwohl dieser in der physikalischen Interpretation der
Quantenmechanik eher einen entgegengesetzten Standpunkt vertrat. So beendete
Heisenberg eine Besprechung des Sammelbandes Wege zur physikalischen
Erkenntnis (1933) mit den Worten: "Den Gesamteindruck, den die Lektüre der
Planckschen Vorträge hervorruft, möchte der Referent am liebsten dahin
zusammenfassen, dass es eben jene religiös-sittliche Lebensauffassung ist, die
letzten Endes die Stellung Plancks gegenüber der erkenntnistheoretischen
Situation der modernen Physik bestimmt, die es ihm ermöglicht, einen geraden
und fast zu sicheren Weg zu gehen auch dort, wo unermessliche
erkenntnistheoretische Abgründe rechts und links vom Wege drohen."3 Mit
dem "fast zu sicheren Weg" meinte Heisenberg vor allem Plancks entschiedenes
Eintreten für die strenge Gültigkeit des Kausalgesetzes.
Heisenbergs positive
Kritik rief den Tadel Paulis hervor: Er schrieb Heisenberg, ihm seien "manche
Wendungen in [der] Besprechung des Planckschen Buches unangenehm aufgefallen" -
etwa das Zugeständnis Heisenbergs, die von Planck vertretene "Realität der
Aussenwelt" sei ein sinnvoller Begriff -und beschwor ihn: "Möge der Geist, der
über Plancks wissenschaftlicher Produktion und seinem persönlichen Leben
herrscht, in Deinen Publikationen und in Deinem Leben nicht allzu stark
überhand nehmen!" (Pauli an Heisenberg, 29. September 1933)4. Pauli, der Planck
dessen Polemik von 1908 gegen seinen Taufpaten Mach nie vergab, glaubte "Züge
in Plancks Aktivität" zu entdecken, die er "im tiefen - nicht oberflächlichen!
- Sinne als schlampig" empfand. Er meinte nun, nicht nur den Wissenschaftler,
sondern auch den Politiker Planck kritisieren zu müssen, der sich nach dem
Regierungsantritt der Nationalsozialisten bemühte, einige Kollegen in
Deutschland zu halten. Heisenberg stimmte zwar teilweise Paulis Einwänden gegen
die Plancksche Philosophie zu, nicht aber dem Tadel von Plancks politischer und
moralischer Haltung. So endete seine Buchbesprechung aus dem Jahr 1935:
"Am Schluss betont Planck mit dem ganzen
Ernst seiner Persönlichkeit, der ihn über den Bereich wissenschaftlicher
Leistung hinaus zum Sprecher der deutschen Naturforschung macht, dass die
Wissenschaft durch ihr eigentliches Wesen zur Wahrhaftigkeit erzieht und dass
ihr mit dem Hüten dieses Erbes heute die wichtigste und grösste Aufgabe
gestellt wird."5
Heisenberg fand nicht nur in der
politischen und menschlichen Haltung Plancks eine Stütze, er nahm selbst
zu den Themen von dessen Vorträgen und Aufsätzen Stellung - ja übernahm öfters die Titel -, wenngleich seine Folgerungen gelegentlich von denen des Vorbildes abwichen.
Heisenberg wandte sich auch mit Planck gegen die "unentwegten Positivisten a la
[Philipp] Frank", während sein nahezu gleichaltriger früherer Göttinger Kollege Pascual Jordan (1902-1980) sich eindeutig zur positivistischen Methode
bekannte. Jordan legte seit den dreissiger Jahren eine grössere Anzahl von
Aufsätzen vor, in denen er die philosophischen Konsequenzen aus der
Quantenmechanik zu ziehen versuchte. Die Titel seiner Bücher geben Hinweise auf
die Richtung, in die Jordan zielte: Physikalisches Denken in der neuen Zeit
(1935), Die Physik und das Geheimnis des organischen Lebens (1945),
Eiweissmoleküle (1947), Verdrängung und Komplementarität (1947), Atom
und Weltall (1952) und Der gescheiterte Aufstand (1956). Jordan
überschritt nach 1930 auch die Grenzen des Faches Physik durch seine
Beiträge zur Biologie, mit denen er half, die sogenannte Treffertheorie
der Genetik zu begründen. Jedenfalls galt er seinerzeit als ein Pionier
der neuen interdisziplinären Biophysik.
Wolfgang Pauli
(1900-1958) stand ebenfalls dem Positivismus nahe, besonders aber der
erkenntnistheoretisch-kritischen Methode Ernst Machs. "Zur Orientierung der
Philosophen möchte ich gleich bemerken, dass ich selbst keiner philosophischen
Richtung angehöre, die einen mit den Silben >-ismus< endenden
Namen trägt",
gestand er 1954 und erläuterte, er habe die Tendenz, "zwischen extremen
Richtungen eine gewisse Mitte einzuhalten"6 Pauli veröffent1ichte selbst nur
wenig über allgemeinere philosophische Probleme der Wissenschaft; so
enthalten seine Aufsätze und Vorträge über Physik und Erkenntnistheorie (1961)
nur fünf derartige Titel, darunter die wichtigen Aufsätze
"Phänomen und physikalische Realität" (1954), "Naturwissenschaftliche und
erkenntnistheoretische Aspekte der Idee des Unbewussten" (zu C. G. Jungs 80.
Geburtstag, 1954) und "Die Wissenschaft und das abendländische Denken" (1955).
Heisenberg profitierte
oft entscheidend von der freimütigen Kritik des Freundes an seinen
philosophischen Schriften: So veranlasste Pauli an einigen Stellen eine
Verschärfung der Formulierungen im Aufsatz "Der Begriff >abgeschlossene
Theorie< in der modernen Naturwissenschaft"7. Heisenberg hat
seinerseits Paulis philosophisehen Auffassungen eine ausführliche Darstellung
gewidmet8; in ihr weist er besonders auf zwei gänzlich verschiedene
Seiten im Wesen und Denken des Freundes hin: "Die Kraft der Faszination, die
von Paulis Analysen physikalischer Probleme ausging, entsprang wohl nur zum
Teil der bis ins einzelne durchsichtigen Klarheit seiner Formulierungen, zum
anderen aber auch dem ständigen Kontakt mit dem Bereich produktiver geistiger
Vorgänge [im Unbewussten], für die es noch keine rationale Formulierung gibt"
9.
Unter den jüngeren Zeitgenossen
Heisenbergs sei hier nur der Schüler Carl Friedrich von Weizsäcker (geboren
1912) angeführt, dessen Interesse an philosophischen Fragestellungen
frühzeitig feststand: er wollte eigentlich Philosophie studieren, aber
Heisenberg veranlasste ihn, als Grundlage erst einmal Physik zu lernen. Nach
1940 hat von Weizsäcker systematisch den Schwerpunkt seiner Arbeit auf die
erkenntnistheoretische Analyse der neuen Theorien verlegt. In einem seiner
ersten grösseren Aufsätze über "Das Verhältnis der Quantenmechanik zur
Philosophie Kants" schlug er bereits ein zentrales Thema an. Heisenberg, der
früher Kant im wesentlichen aus der Diskussion der Kausalitat kennengelernt
hatte, erhielt durch seinen Schüler eine gründliche Vorstellung von der kritischen
Philosophie, die sich an manchen Stellen in seinen eigenen Vorträgen und
Schriften niederschlug.
Man kann sagen, dass
seither unter den Physikern die Bereitschaft zurückgegangen ist, sich mit
erkenntnistheoretischen Fragen oder philosophischen Folgerungen ihrer
Wissenschaft zu beschäftigen. Andererseits haben die Diskussionen von
Nichtphysikern - oft wenig durch genaues Wissen abgestützt - keineswegs
aufgehört. Es wäre zu begrüssen, wenn der Austausch von Physik und Philosophie
auch in Zukunft zu beider Nutzen auf ähnlichem Niveau fortgesetzt werden könnte
wie zu den Zeiten Plancks, Einsteins, Bohrs, Schrödingers und Heisenbergs.
Zur Entstehung des
Philosophie-Manuskriptes
"Ordnung der
Wirklichkeit"
Mit der Bemerkung "Ich habe es in den
ersten Kriegsjahren niedergeschrieben" umriss Heisenberg selbst die Entstehungszeit
seines umfangreichen philosophischen Essays (Heisenberg an F. Kraus, 10.
Februar 1947). Die Genesis seines Inhalts reicht aber viel weiter zurück. Wir
wollen hier einige wesentliche Aspekte aus dieser Entstehungsgeschichte
zusammenstellen.
Heisenberg begann
unmittelbar nach seiner Entdeckung der Unschärferelationen (1927) über
grundsätzliche Folgerungen nachzudenken, die sich aus ihnen für die menschliche
Erkenntnis der Natur ergaben. Bezeichnenderweise richtete sich sein erster
erhaltener Vortrag dieser Art, "Erkenntnistheoretische Probleme in der modernen
Physik" (1928), an die Philosophen:
Er skizziert darin die Schwierigkeiten,
die die Ergebnisse von Relativitätstheorie (neue Auffassung von Raum und Zeit)
und Quantentheorie (Komp1ementarität, Unschärfere1ation) der durch Kant
formulierten klassischen Erkenntnistheorie bereiteten10. Besonders
das Verhältnis von Kausalgesetz und Quantenmechanik beschäftigte Heisenberg in
den dreissiger Jahren, angefangen mit seinem programmatisehen Vortrag bei der
Königsberger Naturforscherversammlung von 193011. Daneben berichtete er
gelegentlich von den vor allem von Niels Bohr vorgetragenen Erweiterungen der
Komplementaritätsidee über die Atomphysik hinaus (Biologie, Psychologie) und
formulierte seine Vorstellung von "abgeschlossenen Systemen" in der Physik, d.
h. von Theorien, die mit einer gewissen Konsistenz und Vollständigkeit
bestimmte Erfahrungsbereiche der Physik wiedergeben12
Heisenbergs vermehrte
Vortragstätigkeit nach 1933 ausserhalb reiner Fachtagungen stand im
Zusammenhang mit den ideologischen Angriffen, die von einflussreichen Stellen
im "Dritten Reich" gegen die modernen physikalisehen Theorien und ihre
Vertreter gerichtet wurden. Heisenberg nahm einen hervorragenden Platz in der
Verteidigung der als "jüdisch" abqualifizierten Physik ein. Die
Auseinandersetzung, die Gelegenheit bot, die erkenntnistheoretischen
Grundlagen zu vertiefen und die philosophischen Konsequenzen klarer darzustellen,
endete schliesslich in den ersten Jahren des Zweiten Weltkrieges mit einem
Rückzug der gegnerischen, der sogenannten "Deutschen Physik", die von Philipp
Lenard, Johannes Stark und ihren Anhängern propagiert worden war13.
Die dunkle, für Heisenberg auch persönlich und beruflich gefährliche Zeit von 1933 bis 1939 wurde durch Auslandsaufenthalte bei Freunden wie Niels Bohr in Kopenhagen und Wolfgang Pauli in Zürich aufgehellt, ebenso durch den Verkehr mit gleichgesinnten Kollegen in Deutschland. Ein kleiner Kreis von Professoren der Leipziger Universität, dem Heisenberg angehörte, erlaubte einen entspannten und lehrreichen Austausch über Fragen, die über den engen Bereich der Spezialgebiete hinausgingen. Zu diesem "Coronella" genannten Kreis zählten neben Heisenberg der Kunsthistoriker Theodor Hetzer, der nordische Philologe Konstantin Reichardt, die Historiker Helmut Berve und Hermann Heimpel, der Archäologe Bernhard Schweitzer und die Altphilologen Friedrich Klingner und Wolfgang Schadewaldt. Man traf sich regelmässig privat zu Vorträgen - die öffentlichen Akademievorträgen entsprachen oder Generalproben für diese darstellten - und anschliessender zwangloser Diskussion. Heisenberg hat später die Verbindung mit den Mitgliedern der "Coronella" über lange Jahre aufrechterhalten.
Am 1. September 1939
begann der Krieg, und Heisenberg wurde einige Wochen später zum Heereswaffenamt
nach Berlin einberufen. Man verpflichtete ihn, am geheimen deutschen
Uranprojekt mitzuarbeiten und zunächst zu erkunden, ob man die Spaltung des Urankernes
in einer Kettenreaktion fur die Energiegewinnung oder Sprengstoffherstellung
ausnutzen könne. Heisenbergs grundlegende theoretische Untersuchungen
(Dezember 1939, Februar 1940) liessen die Möglichkeit einer Energieerzeugung
zu; die bis Anfang 1942 an verschiedenen Instituten im Deutschen
Reich - besonders auch von Robert und Klara Döpel mit Heisenberg in Leipzig -
durchgeführten Probemessungen zeigten, dass eine "Uranmaschine" mit Natururan
und schwerem Wasser (als Moderator) funktionieren würde. Als sich dieser Erfolg
abzeichnete, schrieb Heisenberg an den "Coronella"-Kollegen Heimpel, dem er für
den ihm zugesandten Band Deutsches Mittelalter dankte:
"Sehr gefallen hat
mir in Ihrem Buch die Stelle über das Zeitgefühl des Mittelalters,
im Gegensatz zu unserer Epoche. Dabei kam mir im Augenblick der Gedanke, es
könnte sich in naher Zukunft noch einmal eine solche Umwandlung
vollziehen. Denn vielleicht erkennen wir Menschen eines Tages, dass wir
tatsächlich die Macht besitzen, die Erde vollständig zu
zerstören, dass wir also durch eigene Schuld durchaus einen
>jüngsten Tag<
oder so etwas, was ihm nahe verwandt ist, heraufbeschwören können. Doch es ist
wohl noch Phantasterei, das zu denken." (Heisenberg an Heimpel, 1. Oktober
1941)
Die "Phantasterei" - Heisenberg
meinte wohl die Atombombe - lag näher, als er sich vorstellte. In Deutschland blieb es allerdings den Physikern erspart, den Weg zur Bombe einzuschlagen.
Die intensiven Bemühungen der ersten
beiden Kriegsjahre um das Uranprojekt, für die Heisenberg ständig zwischen Leipzig
und Berlin hin- und herreiste, liessen ihm wenig Zeit, an anderen Problemen
seiner Wissenschaft und darüber hinaus zu arbeiten. Allerdings brachte es seine
Stellung als Berater am Kaiser Wilhelm-Institut für Physik - in dem damals die
zentrale Leitung der deutschen Uranarbeiten vom Heereswaffenamt eingerichtet
worden war - mit sich, dass er während der Semester dort Kolloquien über
verschiedene Themen einrichten konnte, so im Sommersemester 1941 ein
"biologisch-physikalisches Kolloquium" mit Vorträgen über
Strahlungsbiologie (Referenten U. a. N. W. Timofe'eff-Ressovsky,
Ernst Zimmerund Karl Friedrich Bonhoeffer) und die "Physik bzw. Chemie der
Eiweissstoffe" (Referenten U. a. Adolf Butenandt, Karl Wirtz, Heisenberg
und Carl Friedrich von Weizsäcker). Zu diesen Kolloquien lud Heisenberg
auch Pascual Jordan ein, der damals beim Flugstützpunktkommando
Bremen-Neuenlanderfeld Militärdienst tat. Weitere Kolloquien
beschäftigten sich
mit kosmischer Strahlung und Elementarteilchentheorie (ab Wintersemester
1941/42); ein Teil dieser Vorträge wurde ausgearbeitet und in dem Buch
Kosmische Strahiung 1943 veröffentlicht.
Die Kriegsarbeit und
die Nebenbeschäftigungen schränkten Heisenbergs
Vortragstätigkeit etwas ein. Auf
einer seiner wenigen Auslandsreisen während der ersten Kriegsjahre
sprach er am 5. Mai 1941 in Budapest über "Die Goethe'sche und die
Newton'sche Farbenlehre im Lichte der modernen Physik"14 Das Thema war ihm nicht neu, denn
Elisabeth Heisenberg erinnert sich:
"Als wir heirateten,
zeigte mir mein Mann eines Tages Bilder, die er wohl verwahrt in seinem
Schreibtisch liegen hatte. Es waren einzelne Blumenbilder, die aber
offensichtlich in einem inneren Zusammenhang standen. Diese Bilder waren gemalt
von der Leipziger Malerin Hildegard Kress. Sie hatte in der Akademie einen
Vortrag meines Mannes gehört über die Goethe'sche Farbenlehre und
war derart inspiriert davon, dass sie diese Bilder malte nach den
gehörten Prinzipien aus
der Farbenlehre. Dann schenkte sie sie meinem Mann, das muss etwa 1935 gewesen
sein."15
Heisenbergs Budapester Vortrag und seine
entsprechende Veröffentlichung hatten eine ziemlich grosse Resonanz,
die den Autor anregten, sich wieder häufiger mit ähnlichen Themen
zu beschäftigen. Jedenfalls sprach er in den nächsten eineinhalb
Jahren wenigstens viermal vor
einem breiteren Publikum, nämlich über "Die Einheit des
naturwissenschaftlichen Weltbildes" (Leipzig, 26. November 1941),
"Das physikalische Weltbild"
(erweiterter Leipziger Vortrag, Ort und Zeit unbekannt), "1OO Jahre
Energiegesetz" (Rundfunkrede, August 1942) und "Über das Weltbild der
Naturwissenschaft" (erneut erweiterte Variante des Leipziger Themas, wohl in
Zürich am 27. November 1942 vorgetragen)16. Diese Vorträge enthalten, wie auch
der von Budapest über die Farbenlehre, wesentliche Gedanken, die dann im
Philosophiemanuskript ("Ordnung der Wirklichkeit") verwendet oder weiter
ausgeführt wurden; z. B. schliesst der letztgenannte Vortrag wie das
Philosophiemanuskript mit dem Zitat des Märchens über die Dauer der Ewigkeit.
Der naheliegende Schluss, der Autor habe
das Philosophiemanuskript Mitte bis Ende 1942 beendet, wird durch weitere
Einzelheiten in seinem Inhalt gestützt. So zitiert Heisenberg im Abschnitt über "Symbol und Gestalt" die Meinung des Biologen Konrad Lorenz,
die Kantschen "a-priori"-Anschauungsformen seien als "angeborene Schemata" des Menschen
aufzufassen und den Instinkthandlungen der Tiere gleichzusetzen; diese Ansicht
wurde von Lorenz ausführlich im Februar 1942 in der Zeitschrift "Die
Naturwissenschaften" dargelegt17. Die Datierung ins Jahr 1942 deckt sich mit
der Erinnerung von Frau Heisenberg, ihr Mann hätte das Manuskript im Kreise
seiner Familie niedergeschrieben; diese folgte nämlich Heisenberg im Herbst
1942 nicht nach Berlin, sondern zog (etwas später) nach Urfeld in Bayern18
Den Beginn der Niederschrift des
Manuskriptes darf man um die Zeit des Budapester Vortrages vom Mai 1941
ansetzen, zumal er an dessen Ende die im Manuskript verwendete "Organisation
der Wirklichkeit" zitiert. Einige Passagen aus der Einleitung lassen sogar
daran denken, dass Heisenberg den Hauptteil in den Sommerferien 1941 und 1942
in Urfeld ausarbeitete, wo er 1939 das ehemalige Haus des Malers Lovis Corinth
gekauft hatte. Frau Heisenberg bestätigte jedenfalls, dass er sehr
konzentriert
und "mit grossem Engagement" schrieb. Im Herbst 1942 ging Heisenberg nach
Berlin, um das geplante Grossexperiment für den Uranreaktor vorzubereiten. In
der Tat begann für ihn nun wieder eine unruhige, hektische Zeit, die kaum Gelegenheit
zu philosophischen "Extratouren" bot.
Anmerkungen zum Inhalt
und Folgerungen
Der Physiker wird sich zunächst
über die wichtige Rolle wundern, die der Autor dem grossen Dichter
und "Amateurwissenschaftler"
Goethe bei der Organisation seiner Gedanken zuweist. Heisenberg verehrte
Goethe schon seit frühester Jugend. Als er im Juni 1925 nach Helgoland fuhr -
um seinen Heuschnupfen zu kurieren und die Quantenmechanik zu entdecken -
befand sich der "West-Östliche Diwan" in seinem Reisegepäck. Heisenberg besass
später das Gesamtwerk des Dichters in seiner Bibliothek; er las die grossen
Romane ebenso sorgfältig wie alle Dramen; er kannte den Faust und viel Lyrik
(auswendig) und Eckermanns Gespräche; in der Familie wurden die verschiedenen
Versionen der "Italienischen Reise" vorgetragen. "Goethe hat ihn durch sein
ganzes Leben begleitet." (E. Heisenberg)
Woher aber stammt die
Wertschätzung auch des Physikers Goethe? Urteilt doch Heisenberg über dessen
berühmten Streit mit dem Physikheroen Newton:
"Allen denen, die
sich in neuerer Zeit mit der Goethe'schen und Newton'schen Farbenlehre
beschäftigt haben, ist es klar gewesen, dass sich offenbar nicht viel Einsicht
gewinnen lässt durch die Untersuchung der Frage, welche der beiden Lehren
richtig oder falsch sei. Zwar lässt sich eine Entscheidung hierüber in allen
sachlichen Einzelheiten fällen, und die naturwissenschaftliche Methode Newtons
trägt an den wenigen Stellen, an denen ein wirklicher Widerspruch vorliegt,
wohl den Sieg über die intuitive Kraft Goethes davon. Aber die beiden Theorien
handeln eben im Grunde von verschiedenen Dingen, und es bleibt eher die Frage
übrig, wie es möglich ist, dass mit dem Begriff Farbe so verschiedene
Gegenstände verknüpft werden können."19
Die Vorstellung, die sich Heisenberg
vorher von den verschiedenen physikalischen Theorien, die er als
"abgeschlossene Systeme" bezeichnete, gemacht hatte, liess sich nun in der
Tat auch auf Systeme ausserhaib der Physik übertragen. Wie sich
verschiedene "abgeschlossene" physikalische Theorien in bestimmten
Folgerungen widersprechen konnten - auch solche, die denselben Gegenstand
behandelten wie
die klassische und die Quantenmechanik -, so durfte das auch bei anderen Systemen
zutreffen. Es hatte wirklich keinen Sinn, grundsätzlich zu fragen, welche Lehre
richtig sei: bei Newtons und Goethes Farbenlehre musste es sich einfach um
verschiedene "Ebenen der Beschreibung", also um verschiedene "Ordnungen der
Wirklichkeit" handeln.
Zu beachten bleibt
freilich, dass Heisenberg das System der gesamten "Ordnung der Wirklichkei"t
von Goethe übernahm. Das mag einerseits an seiner Vorliebe für
die Schriften des Dichters liegen, andererseits an seiner grundsätzlichen Überzeugung: "Es ist
wohl richtiger zu glauben, dass allen wirklich grossen Naturforschern auch die
Sprache der Dichtung wohl vertraut gewesen ist"20. Der Dichter gibt
daher die Ordnung der Themen, also: "Zufällig, Mechanisch, Physisch, Chemisch,
Organisch, Psychisch, Ethisch, Religiös, Genial", der Naturforscher füllt sie
mit Inhalt.
Wenn man Heisenbergs Ausführungen mit
denen seiner Fachkollegen und Vorbilder (Planck, Bohr) vergleicht, so fällt die
Bedeutung auf, die er der Sprache beimisst. Für den Enkel des Altphilologen
Nikolaus Wecklein und den Sohn des Byzantinisten August Heisenberg mag diese
Betonung der grundlegenden Funktion der Sprache eigentlich als natürlich
erscheinen; dass aber schon der junge Heisenberg den entscheidenden Wert der
Sprache in seinen physikalischen Entdeckungen immer wieder herauskehrte, muss
auffallen. Allerdings hat der Begriff "Sprache" bei ihm eine viel umfassendere
Definition, wie der Autor ausführlich in Abschnitt 1.2 seines Essays auseinandersetzt:
sie bedeutet zugleich auch jede Abbildung der Wirklichkeit, etwa die der
physikalischen Phänomene durch die mathematischen Formeln der theoretischen
Physik. Verschiedene Sprachen sind dann einfach unterschiedliche Abbildungen
entweder derselben Wirklichkeitsbereiche - wie im Falle der atomphysikalischen
Erscheinungen durch die Göttinger Quantenmechanik und die Wellenrnechanik - oder
verschiedener Bereiche. Wichtig ist Heisenbergs Ausgangspunkt: "Jeder Bereich
der Wirklichkeit kann schliesslich in der Sprache abgebildet werden. Der Abgrund,
der verschiedene Bereiche trennt, kann nicht durch logisches Schliessen oder
folgerichtiges Weiterentwickeln der Sprache überbrückt werden." (S. 45 dieser
Ausgabe)
Bei
Heisenbergs verschiedenen "Ordnungen der Wirklichkeit" handelt es sich sowohl
um verschiedene "Bereiche der Wirklichkeit" als auch um verschiedene
"Idealisierungen der Wirklichkeit", denn eigentlich gibt es für den Menschen
nur eine einzige Welt (Wirklichkeit), die ihm gegenübertritt21. Der
erste Bereich "Klassische Physik" (Abschnitt 11.2) umfasst Mechanik,
Elektrizität und Magnetismus und die Lehre von Raum-Zeit-Kontinuum
einschliesslich der Gravitation der Materie (d. h. die Spezielle und die
Allgemeine Relativitätstheorie sowie ihre Konsequenzen für den
Aufbau der Welt
im Grossen) Die Wärmelehre und das chemische Verhalten bilden den zweiten
Ordnungsbereich "Chemie", dessen Gesetzmässigkeiten durch die
diskontinuierliche, atomare Struktur der Materie, die Quantenrnechanik und den
teilweisen Einbruch des Zufalls in die physikalische Beschreibung bestimmt
werden (Abschnitt 11.3). Die klassische Physik und die oben definierte Chemie
beschreiben viele, aber nicht alle Eigenschaften des dritten Bereichs
"Organisches Leben"; in ihm stellt "das Ganze" vielleicht mehr dar als die
blosse "Summe aller Teile", gibt es doch zielgerichtete Selektion und Evolution
ebenso wie vererbte Verhaltensweisen (Abschnitt 11.4). Noch weniger scharf definieren
lässt sich der fünfte Bereich, "Das Bewusstsein": Dieses hebt menschliches
Handeln vom rein biologischen Mechanismus ab und liegt selbst den höheren
geistigen und seelischen Vorgängen zugrunde (Abschnitt 11.5). Hier, wie in den
letzten, obersten Bereichen "Symbol und Gestalt" (Abschnitt 11.6) und "Die
schöpferischen Kräfte" (Abschnitt 11.7), entwickelte Heisenberg eine Reihe von
Vorstellungen, die weit über das hinausgehen, was seine Vorgänger und
Nachfolger behandelten. Ja, er scheute sich sogar nicht, gelegentlich seinem
verehrten Lehrer Bohr zu widersprechen (etwa im Abschnitt II.6a über die
Vererbbarkeit geistiger Begabung).
Der kurze,
abschliessende Teil III, der keine Überschrift trägt, fällt etwas aus dem
Rahmen und Stil des Essays heraus, indem er den objektiven Ordnungen des Teils
II - und den ebenfalls im wesentlichen rein sachlichen Vorbernerkungen des
Teils I - eine mehr individuelle und zugleich politisch-moralische Dimension
hinzufügt. Hier enthällt der Autor seine persönliche Haltung zu den Problemen
des Tages, auch wenn er sie in grossen, die Zeiten übergreifenden Zusammenhänge
stellt. Eigentlich kann man den Beginn dieser Ausführungen schon früher
ansetzen, etwa im Abschnitt 11.6, wo Heisenberg von den Kräften spricht, die
menschliche Gemeinschaften zusammenhalten, wobei er mit dem "primitiven Gefühl
der gleichen Rasse, das schon im Tierreich geläufig ist", anfängt, dann die
"gemeinsame Sprache", und schliesslich als "selbst Völker verschiedener Rasse
und Sprache zusammenschweissende" noch stärkere Kräfte den "gemeinsamen
Glauben" und vor allem das "gemeinsame Recht" erwähnt (S. 152). In den Auseinandersetzungen
des Zweiten Weltkrieges stützten sich Deutschland, Russland und Japan auf eine
"Ideologie, die sich eng an die alte Ideologie der Nationalstaaten anlehnt",
die Angelsachsen dagegen auf "das gemeinsame Recht und der aus ihm erblühenden
Wohlstand" (S. 153). Der Autor verhehlt keineswegs seine persönliche Einstellung
zu den sich damals bekämpfenden Bewegungen, wenn er etwa im Abschnitt 11.7 den
Nationalsozialisrnus eine "merkwürdige Diesseitsreligion" nennt, das die
angelsächsische Welt vereinigende Band dagegen wie folgt charakterisiert:
"Diese andere Bindung knüpft an die Erlebnisse der ersten grossen Geister der
beginnenden Neuzeit an, die neben der aus der Offenbarung stammenden christlichen
Wirklichkeit noch jene andere objektive Realität entdeckten, die dann in der
entstehenden Naturwissenschaft der Neuzeit ihren Siegeszug angetreten hat." (S.
161 - 162)
Man hat gelegentlich im Kriege und
nachher vor allem im Ausland Vermutungen über die politische Haltung
Werner Heisenbergs angestellt, vorzüglich über die Art, in der
er Massnahmen der
nationalsozialistischen Regierung unterstützte. Während manche
Vermutungen - darunter die, er habe die Atombombe für Hitler bauen
wollen - durch die
Tatsachen eindeutig widerlegt wurden, zeigen bereits die oben zitierten
Äusserungen aus "Ordnung der Wirklichkeit", dass die Sympathien des
Physikers Heisenberg keineswegs der "merkwürdigen Diesseitsreligion",
sondern natürlich der durch die "ersten grossen
Geister der beginnenden Neuzeit entdeckten objek tiven Realität"
galten. In den
Schlussbemerkungen (Teil III) des Essays wird er noch deutlicher, wenn er
von der Pflicht spricht, "Zerstörtes
aufzubauen und den anderen Menschen, über den Lärm der
Leidenschaften hinweg, Vertrauen zu schenken" (S. 172); auch sollten "die
wenigen, für die die Welt noch leuchtet", die Führung
übernehmen, denn: "Wir müssen uns immer wieder klar machen,
dass es wichtiger ist, dem anderen gegenüber menschlich zu handeln,
als irgendwelche Berufspflichten, oder nationale Pflichten oder politische
Pflichten zu erfüllen".
(S. 173)
Heisenberg hat
tatsächlich
auch in den letzten Kriegsjahren versucht, sich an diese Maximen zu halten:
seine Handlungen in Deutschland und ausserhalb - etwa bei Besuchen in den von
Deutschen besetzten Ländern - bestätigen dies.
Und noch eine weitere politische
Vorstellung kann man den Schlussbemerkungen des Essays entnehmen. Der Autor
denkt darin über die zukünftige Gestaltung der Welt nach, in der
"die Wissenschaft eine noch wichtigere Rolle spielen wird als bisher".
Er weist vor allem der reinen Wissenschaft die grösste Bedeutung zu
und äussert: "Solange
dieser zentrale Bereich der Wissenschaft unangetastet bleibt, ist wohl auch
die Gefahr nicht allzugross, die dadurch heraufbrechen wird, dass wir die
Kräfte der Natur in viel höherem Masse beherrschen als frühere
Zeiten". (S. 174). Wir wissen, dass sich diese Hoffnung Heisenbergs nicht
erfüllte, gerade dort, wo im Kriege das "höhere Mass der
Naturbeherrschung" erreicht wurde.
Noch heute nützt der Mensch die neue, aus der Naturwissenschaft wachsende Macht
nach den herkömmlichen Prinzipien der niederen politischen Moral. Aber Heisenberg
blieb stets Optimist, der glaubte: "Die Fähigkeit des Menschen zu verstehen [er
meinte auch: zu lernen ist
unbegrenzt".
(S. 45).
Dem aufmerksamen Leser
wird ohne weiteres deutlich, warum dieser philisophische Essay Heisenbergs vor
dem Ende des nationalsozialistischen Deutschlands nicht veröffentlicht werden
konnte. Sein Umfang und seine "zu persönliche" Natur veranlassten den
Autor, auch nach dem Krieg von einer Publikation abzusehen. Einerseits
verschärfte
und erweiterte er manche, vor allen Dingen die physikalischen und chemischen
Abschnitte 11.2 und 11.3 betreffende, Aussagen in späteren Aufsätzen und
Vorträgen22. Andererseits mussten manche Aussagen, etwa im
Abschnitt über das organische Leben (11.4), angesichts der neuen
mikrobiologischen Erkenntnisse eingeschränkt werden. Heute, über
45 Jahre nach seiner Entstehung aber treten die zeitbezogenen ebenso wie die
persönlichen
Elemente zurück gegenüber der historischen Bedeutung des
Dokumentes. "Ordnung der Wirklichkeit" ist trotz aller Einschränkungen
und Einwendungen der grosse
Entwurf einer "Weltanschauung", und stellt zugleich ein
philosophisch-erkenntnistheoretisches Testament und ein ehrliches Bekenntnis
des grossen Physikers Werner Heisenberg dar.
Das
Philosophiemanuskript existiert in einer Urschrift und zwei maschinengetippten
Abschriften, die geringfügig voneinander abweichen23. Dem hier abgedruckten
Text wurde die Heisenbergsche Urschrift zugrunde gelegt, die gegenüber den
Schreibmaschinenabschriften einige Verbesserungen enthält. Frau Elisabeth
Heisenberg danke ich herzlich für ihre Mühe, mit der sie die Frage der
Entstehung und des Umfeldes des Philosophiemanuskriptes zu klären half, den
Herren Professoren Klaus Gottstein, Hermann Heimpel, Friedrich Hund und Carl
Friedrich von Weizsäcker sowie Herm Dr. Gerald Wiemers für hilfreiche Hinweise,
Herrn Dr. Walter Blum und Frau Barbara Blum und nicht zuletzt Herrn Ulrich Wank
für die kritische Durchsicht.
München, im Juli 1988
Anmerkungen
1 Die
Zitate aus den Pauli-Briefen stammen aus Wolfgang Pauli: Wissenschaftlicher
Briefwechsel/Scientific Correspondence, Band 1 und Band 2 (Springer-Verlag,
Berlin-Heidelberg-New York-Tokyo, 1979 und 1985).
2 W.
Heisenberg, Niels Bohr zum fünfzigsten Geburtstage am 7. Oktober
1935.
Naturwissenschaften 23, 679 (1935);
wieder abgedruckt in Werner Heisenberg: Gesammelte Werke/Collected
Works, Band CIV (R. Piper Verlag, München-Zürich, 1986), S. 41.
3 W.
Heisenberg, Max Planck: Wege zur physikalischen Erkenntnis (Buchbesprechung). Naturwissenschaften
21, 608 (1933); wieder abgedruckt in Gesammelte Werke CIV, S. 239.
4 Siehe
Zitat 1, Band 2, S. 214.
5 W.
Heisenberg, Max Planck: Physik im Kampf urn die Weltanschauung
(Buchbesprechung). Naturwissenschaften 23, 321(1935); wieder abgedruckt
in Gesammelte Werke CIV, S. 240.
6 W.
Pauli, Phänomen und physikalische Realität, in Wolfgang Pauli: Aufsätze und
Vorträge über Physik und Erkenntnistheorie (Fr. Vieweg & Sohn,
Braunschweig 1961), SS.93-101, bes. S. 93.
7 W.
Heisenberg, Der Begriff »abgeschlossene Theorie« in der modernen
Naturwissenschaft. Dialectica 2, 331-336 (1948), wieder abgedruckt in Gesammelte
Werke CI (R. Piper Verlag, Munchen 1984), SS. 335-340.
8 W.
Heisenberg, Wolfgang Paulis philosophische Auffassungen. Naturwissenschaften
46, 661-663 (1960); wieder abgedruckt in Gesammelte Werke CIV, S.
113-115.
9 Zitat
8, S. 113. Pauli bezog sich insbesondere auf C. G. Jungs Archetypen und
benutzte gelegentlich die Symbolik der Alchemisten.
10 W.
Heisenberg, Erkenntnistheoretische Probleme in der modernen Physik. In Gesammelte
Werke CI, SS.22-28.
11 W.
Heisenberg, Kausalgesetze und Quantenmechanik. Erkenntnis, zugleich Annalen
der Philosophie 2, 172-182 (1931); wieder abgedruckt in Gesammelte Werke
CI, SS.29-39.
12 Siehe
dazu Heisenbergs Vortrag auf der Hannoverschen Naturforscherversammlung von
1934: »Wandlungen der Grundlagen der exakten Naturwissenschaft in jüngster
Zeit«, veröffentlicht in Angewandte Chemie 47, 697-702 (1934), wieder
abgedruckt in Gesammelte Werke CI, SS.96-101.
13 Siehe
auch den Aufsatz: W. Heisenberg, Die Bewertung der »modernen theoretischen
Physik«, von 1940, veröffentlicht in Zeitschrift für die gesamte
Naturwissenschaft 9, 202-212 (1943).
14 W. Heisenberg, Die Goethe'sche und die Newton'sche
Farbenlehre im Lichte der modernen Physik. Geist der Zeit. Wesen und Gestalt
der Völker (Hochschule im Ausland), Neue Folge, 19, 261-275 (1941);
wieder abgedruckt in Gesammelte Werke CI, SS.146-160.
15 Es ist nicht gelungen, den genauen Zeitpunkt
von Heisenbergs Vortrag über Goethes Farbenlehre an der »Leipziger Akademie« zu
finden. Die Datierung ins Jahr 1935 erhält aber eine gewisse Bestärkung durch
den Inhalt der Besprechung von Plancks Broschüre, Zitat 5; dort erwähnt Heisenberg
explizit Goethe und Newton als Naturforscher entgegengesetzter Natur, obwohl
der Vergleich bei Planck nur eine untergeordnete Rolle spielt.
16 Die genannten Vorträge sind wieder abgedruckt
in Gesammelte Werke CI,
17 Siehe K. Lorenz: »Induktive und teleologische
Psychologie«, veröffentlicht in Naturwissenschaften 30,133-143 (1942).
Heisenberg zitiert die Vorstellung von Lorenz auch im letzten der in Zitat 16
erwähnten vier Vorträge, in der Züricher Vorlesung vom Oktober 1942.
18 »Später als 1942 wurden die Zeiten doch derart
unruhig und schwierig, dass zu einer solchen >Extratour< weder Zeit noch
Kraft vorhanden war«. (E. Heisenberg an H. Rechenberg, 12.4.1984).
19 W. Heisenberg, Zitat 14, S. 265.
20 W. Heisenberg, Zitat 14, S. 267.
21 So kann etwa die klassische Physik ausser
durch ihre einzelnen Gebiete dadurch bestimmt werden, dass »wir von dem
Erkenntnisverfahren [d. h. der Beobachtungsmethode], das uns über die
Wirklichkeit unterrichtet, ganz absehen können« (S. 59 dieser Ausgabe).
22 Siehe etwa den Aufsatz über die
»abgeschlossenen Theorien«, Zitat 7, oder die Gifford - Vorlesungen Physik
und Philosophie.
23 Unter den maschinengetippten Abschriften ist
die eine wohl später nach Korrekturen (die zumeist ins handschriftliche
Original eingetragen sind) angefertigt worden.
24 Schreibweise und Interpunktion des Autors wurden
nach Möglichkeit - soweit es sich nicht um eindeutige Fehler handelt oder das
Verständnis des heutigen Lesers unnötig erschwert wird - beibehalten.