Kopenhagen, Dienstag abend. (Von Elisabeth Heisenberg’s Handschrift: September 1941)

Meine liebe Li! Nun bin ich wieder in der Stadt, die mir so vertraut ist und in der ein Teil meines Herzens seit jener Zeit vor fünfzehn Jahren hängen geblieben ist. Als ich dicht vor dem Fenster meines Hotelzimmers die Glocken vom Rathausturm zum ersten mal wieder hörte, ging es mir ganz durch und durch, und alles ist so dasselbe geblieben, als sei draussen in der Welt nichts geschehen. Es ist so merkwürdig, wenn einem plötzlich ein Stück der eigenen Jugend entgegen tritt, wie als ob man sich selbst begegnete. Auch die Reise hierher hat mir gefallen: in Berlin hatten wir strömenden Regen, über Neustrelitz Sturm und gussartige Schauer, in Rostock klärte es auf, von Wenemünde ab war der Himmel blankgeputzt, fast wolkenlos, nur immer noch scharfer Nordwind; so blieb es bis hierher. Am späten Abend ging ich unter sternklarem Himmel durch die verdunkelte Stadt zu Bohr.

 

Bohr und seiner Familie geht es gut; er selbst ist etwas älter geworden, seine Söhne sind nun alle voll erwachsen. Das Gespräch ging schnell zu den menschlichen Fragen und Unglücken unserer Zeit; über die menschlichen ist die Einigkeit von selbst gegeben; bei den politischen Fragen werde ich schwer damit fertig, dass selbst bei einem Mann wie Bohr Denken, Fühlen und Hassen nicht ganz getrennt werden können. Aber wahrscheinlich soll das auch garnie getrennt werden. Auch Frau Bohr war wohl, sie erkundigte sich sehr nach Dir und den Kindern, besonders nach Maria. Die Bilder zeig ich ihr morgen Abend, von Maria hab ich eine nette Vergrösserung dabei, die ich für Mama hatte machen lassen. Später sass ich lange mit Bohr allein; erst nach Mitternacht brachte er mich mit Hans zusammen an die Trambahn.

Donnerstag abend. Diesen Brief will ich jetzt doch nach Deutschland mitnehmen und dort abschicken. Nach allem, was ich höre, würde die Censur auch die Ankunft um mehrere Tage verzögern, so sehe ich nicht ein, warum ein Censor diesen Brief lesen soll. Leider musst Du dann fast acht Tage auf meinen Brief warten. Auch umgekehrt hab ich hier noch keine Post bekommen. - Gestern {abend crossed out, JH} war ich wieder den ganzen Abend bei Bohr; ausser Frau Bohr und den Kindern war noch eine junge Engländerin dort, die von Bohrs aufgenommen ist, weil sie nicht nach England zurück kann. Es ist doch etwas merkwürdig, jetzt mit einer Engländerin zu sprechen. Bei den unvermeidbaren politischen Gesprächen, bei denen mir natürlich von selbst die Rolle zufiel, unser system zu verteidigen, zog sie sich zurück, und ich fand das eigentlich ganz nett von ihr. - Heut früh bin ich mit Weizsäcker an der Mole gewesen, weisst Du, da am Hafen entlang, wo die "Langelinie" liegt. Dort sind jetzt deutsche Kriegsschiffe festgemacht, Torpedoboote, Hilfskreuzer und ähnliches. Es war der erste warme Tag, der Hafen und der Himmel drüber in ein ganz helles, lichtes Blau getaucht. An dem ersten Leuchtfeuer am Molenende haben wir uns lange das Leben im Hafen angeschaut. Zwei grosse Frachter fuhren in Richtung Helsingor hinaus; ein Kohlenschiff kam, wahrscheinlich von Deutschland her, herein, zwei Segelboote, etwa so gross wie das, mit dem wir hier früher gesegelt sind, verliessen offenbar für einen Nachmittagsausflug den Hafen. Am Langeliniepavillon haben wir gegessen, rings um uns gab es eigentlich nur frohe, vergnügte Menschen, wenigstens sah es für uns so aus. Überhaupt, wie glücklich sehen hier die Menschen aus. Am Abend sieht man auf der Strasse so viele strahlend glückliche Paare junger Leute, die offenbar zum Tanzen gehen u. an nichts anderes denken. Etwas verschiedeneres als das Strassenbild hier und in Leipzig kann man sich kaum denken. - Im Bohrschen Institut hatten wir einige wissenschaftliche Diskussionen, die Kopenhagener wissen aber auch nicht sehr viel mehr als wir. Morgen beginnen die Vorträge im Deutschen wissenschaftl. Institut; der erste offizielle Vortrag ist meiner, morgen Abend. Leider werden die Mitglieder des Bohr’schen Instituts aus politischen Gründen nicht kommen. Es ist merkwürdig, wie man hier, obwohl die Dänen ja völlig ungestört leben können u. es ihnen ausgezeichnet geht, verstanden hat, so viel Hass oder Angst zu erzeugen, dass auch eine Verständigung auf kulturellem Gebiet - wo sie früher selbstverständlich war - fast unmöglich geworden ist. Im Bohr’schen Institut hab ich einen kleinen Vortrag auf Dänisch gehalten, das war natürlich genau so wie früher (die Leute vom Deutschen wissensch. Institut hatten das ausdrücklich gebilligt) aber in das Deutsche Institut will man aus grundsätzlichen Erwägungen nicht gehen, weil bei und nach der Gründung eine Reihe von zackigen Reden über die Neue Ordnung in Europa gehalten worden sind. - Mit Kienle und Biermann hab ich schon kurz gesprochen, die meiste Zeit hatten sie aber auf der Sternwarte zu tun.

 

Samstag Abend. Nun ist nur noch die eine Nacht in Kopenhagen. Wie wohl die Welt aussehen wird, wenn ich wieder hier her komme. Dass inzwischen hier alles so weiter geht, die Glocken auf dem Rathausturme jede Stunde schlagen und Mittags und Mitternachts das kleine Lied spielen, kommt mir so merkwürdig vor. Doch sind ja die Menschen, wenn ich wieder hier her komme, älter, das Schicksal von jedem Einzelnen hat sich verändert und ich weiss nicht, was mit mir selbst sein wird. Gestern abend hab ich meinen Vortrag gehalten, dabei hab ich eine nette Bekanntschaft gemacht. Der Architekt Merck, der das Reichssportfeld in Berlin gebaut hat, soll hier in Kopenhagen eine neue deutsche Schule bauen, und kam in meinen Vortrag. Wir haben uns auf einer gemeinsamen Trambahnfahrt ganz gut unterhalten. An Leuten, die irgend etwas besonders gut können, freue ich mich immer. - Heut mittag war grosse Einladung auf der deutschen Gesandtschaft, an der das Essen bei weitem das Beste war. Der Gesandte unterhielt sich angelegentlich auf Englisch mit seiner Tischdame, der amerikanischen Gesandtin. Beim Abschied glaubte ich sie zu jemandem sagen hören: Wir treffen uns doch spätestens an Weihnachten, wenn nicht etwas ganz unvorhergesehenes dazwischen kommt. Man muss solche Diplomatenessen humoristisch nehmen.

 

Heut abend war ich nocheinmal, zusammen mit Weizsäcker, bei Bohr’s. Das war in vieler Weise besonders nett, das Gespräch drehte sich einen grossen Teil des Abends um rein menschliche Probleme, Bohr las etwas vor, ich spielte eine Mozart-Sonate (A-dur). Beim Heimweg war wieder sternklarer Himmel. - Übrigens war hier vorgestern Abend ein wunderbares Nordlicht zu sehen, der ganze Himmel war mit grünen, schnell wechselnden Schleiern überzogen.

Es ist jetzt dreiviertel ein Uhr und ich bin reichlich müde. Morgen werf ich den Brief in Berlin in den Kasten, dann bekommst Du ihn wohl am Montag. In einer Woche bin ich wieder bei Dir und erzähl Dir von allem, was ich erlebt hab. Und dann sind wir alle den Winter in Leipzig zusammen.

 

Gute Nacht für heute!

Dein Werner

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