Tagebuch der Zeit vom 15.4 - 15.5.45

Von Werner Heisenberg

 

Sonntag, den 15.4. In der Früh Volkssturmdienst beim Schützenhaus. Alle drei Kompanien sollen Schiessen mit der Panzerfaust ansehen. Ein grosses Blechschild, in einer Mulde aufgestellt, bedeutet den Panzer. Von den drei vorhandenen Panzerfäusten geht die erste überhaupt nicht los, beim zweiten Mal geht der Schuss zu kurz, ebenso beim dritten, der auf kurze Entfernung geschossen war. Es sollen zwei neue Panzerfäuste geholt werden. Unter einem Vorwand gehe ich den beiden Leuten nach, die sie holen sollen, ins Schützenhaus hinein, um zu sehen, wo die Munition liegt. Die Leute müssen aber bis nach Hechingen fahren. Inzwischen stelle ich mich zu den N.S.Honorationen: Weidle, Holzheuer, Kirner, und höre zu, was über die Lage gesprochen wird. Nur Kirner glaubt noch an neue Waffen, fabelt etwas von 2000 deutschen Raketenjägern; Holzheuer meint: "die Botschaft hör ich wohl". Gesamteindruck: der Volkssturm wird im Ernstfall nichts machen. Nach Ankunft der beiden Panzerfäuste geht der erste Schuss zu weit rechts, der letzte, von Kirner nach grosser Vorbereitung geschossen, gut 30 Meter zu weit. Riesiger Heiterkeitserfolg. Beim Rückweg nehmen C.F. (Carl Friedrich von Weizsäcker) und ich blühende Weissdornzweige nach Haus. - Nach dem Essen Sonnenbad beim Säuweiherle, um vor den Tieffliegern Ruhe zu haben. Gefechtslärm von Horb und Freudenstadt her. Abends kommt die beabsichtigte Reise Weizsäckers nach Radolfzell nicht zustande. Feuerschein am Horizont, wahrscheinlich brennen Freudenstadt und Nahgold.

16.4.45. Gleich nach meiner Ankunf im Institut beschiessen Tiefflieger einen Zug im Bahnhof. Frl.Pletz kommt nicht, Gespräch mit Tailfingen, wo Frl.Pletz zum Glück nicht abgefahren ist. Verschiedene Spaziergänge zum Säuweiherle, um die Gefechtslage zu erkunden. Mittags bei Fecker Soldaten, die von Wildbad kommen; sie waren dort plötzlich angegriffen worden, ihr Kommandeur war gefallen, jetzt wollten sie nach Ulm zu einer Sammelstelle. Gegen Abend grosser Rückzugsbetrieb auf allen Strassen. Heftiger Kanonendonner aus der Richtung von Horb. Am späten Abend rings Blitze, aber keine Detonationen; wir entdecken erst spät, dass es ein gewöhnliches Wetterleuchten ist. Ich arbeite bis gegen Mitternacht, versuche dann noch vergeblich, auf der Luftwaffenleitung mit Urfeld zu sprechen. Nachts gegen 1 Uhr Alarm vom Institut, durch unnötige Meldung Sauerweins hervorgerufen. Bis halb drei Uhr bleibe ich im Institut, dann gehe ich endlich schlafen.

17.4.45. In der Früh Fahrt mit Wirtz, Bopp, Fischer nach Haigerloch, um den Platz für das U-Metall festzulegen. Beim Seehof liegt ein Divisionsstab, der in der nächsten Nacht bis zur Alb will. In der Ferne Rauchwolken brennender Dörfer, am Horizont zum ersten Mal Granateneinschläge. Die geschlagene deutsche Artillerie ist in der Nacht durch Haigerloch gekommen und in Richtung Balingen weitergefahren. Horb soll in der Früh besetzt worden sein. In Haigerloch selbst alles ruhig, nur Tiefflieger. Rückkehr gegen Mittag; nach dem Essen Besprechung bei Laue mit Hahn, Götte und Wirtz. Reise von C.F. nach Reutlingen und Tübingen notwendig für doppelte U.K.Stellung; C.F. soll am nächsten Tag fahren. Für 19h wird Betriebsappell im Institut angesetzt. Viel Störung durch Tiefflieger. Um 17h kommt Pahl auf der Strasse auf mich zu: Können Sie Trauzeuge sein, ich heirate in einer halben Stunde Frl. Wolfram. Trauung im Standesamt 17:30-18:30, dabei Tieffliegerei. 19h Appell: Beginn der Räumungsaktion, Geheimhaltung, ich selbst werde abreisen. Nach 20h Abfahrt der Werkstatt nach Haigerloch, das Uranmetall wird nachts vergraben. Abends Besuch von Vater Reinebeck in meiner Wohnung, der mir rührender Weise Wein, Cigaretten, Schokolade mitbringt.

18.4.45. In aller Früh Spaziergang zum Fasanenwald, um Blütenzweige zu holen, Gratulieren bei Pahls. Fahrt C.F.s nach Tübingen und Reutlingen. Die Wege zum Säuweiherle zeigen mir, dass bei Rottenburg gekämpft wird. Haigerloch jedoch noch nicht besetzt. Auf dem Rückweg bin ich kurz bei Wirtz. Bombenangriff einiger JaBo's (Jagd-Bomber), den wir in W's Keller mitmachen. Vorbereitungen zur Abreise, die ich auf den nächsten Morgen festsetze. Gegen 18h Abschiedsbesuch bei v.Laue. Erkundigungen am Bahnhof: Strecke Hechingen - Jungingen zerstört. Also muss ich zunächst bis Jungingen mit dem Rad fahren. 21h bis 23h Besuch bei Frau v.W. und Wirtz bei mir; letzte Besprechungen, ich bin sehr müde, aber mit den Vorbereitungen fertig. Das Fahrrad ist nocheinmal durchgesehen. Bis 23h ist C.F. noch nicht von Reutlingen zurück; Abschied von Wirtz und G.v.W.(Gund. von Weizsäcker), dann ins Bett. Gegen 24h kommt C.F., berichtet über den guten Erfolg seiner Fahrt, also kann ich beruhigt abreisen. 1/2 1h Abschied von C.F., ich schlafe schlecht und unruhig. Um 1/2 3h klingelt der Wecker.

19.4.45. Eiliges Frühstück, um 1/2 4h Abfahrt mit dem Rad. Die Strassen sind ziemlich leer, klarer Sternenhimmel, aber sehr kalt. 4:15h Ankunft in Jungingen, der Zug steht abfahrtsbereit auf dem Bahnhof, der Schaffner drängt. Fahrkarte bis Hettingen. Da bei unserer Ankunft in Gammertingen schon die Sonne aufgeht, beschliesse ich, dort auszusteigen, um keine Tieffliegerangriffe zu riskieren. Von dort Radfahrt über die Alb, viele zerstörte Autos neben der Strasse; zunächst etwa 25 km bis Riedlingen an der Donau, wo ich gegen 8h ankomme. Klarer, blauer Himmel, Ostwind, der beim Radfahren etwas hinderlich ist. Weiter Richtung Biberach, davor Abzweigung nach Kleintissen, Frühstück im warmen Sonnenschein, schöner Blick über Felder und Waldstücke. Gegen 10h in Kleintissen. Dort treffe ich Erwin, der nach einer 6-tägigen abenteuerlichen Fahrt von Bitterfeld nach Haus gekommen ist, und seine ganze Familie. Nochmal Frühstück, Spaziergang zum Schmied wegen eines Wagens, nach dem Mittagessen langer, tiefer Schlaf. Gegen 19h Abfahrt mit dem Rad nach Aulendorf, schöner Weg durch das Hügelland hinter Saulgau. Hier sehe ich zum ersten Mal die Oberstdorfer Berge. Ankunft in Aulendorf gegen 20:30h. Ich will ein Stück mit dem Zug weiterfahren; der Zug nach Leutkirch-Memmingen geht aber erst 24:40h. Wirkliche Abfahrt schliesslich gegen 1:30h. Der Zug fährt nur wenige km, Maschinendefekt. Wir bekommen eine zweite Maschine, auch die geht nicht besser. Gegen 6h erst in Waldsee, 8 km hinter Aulendorf. Daher beschliesse ich, mit dem Rad weiterzufahren.

20.4.45. Zuerst eine lange, recht anstrengende Radfahrt von Waldsee bis Diepoldshofen; dort zeigt mir ein Franzose den Weg zur "Grosser Mühle", in der Frl. Reinebeck mit ihrer Mutter wohnt. Es ist erst 8:15h, beide haben noch nicht gefrühstückt. Ich bekomme ein gutes Frühstück mit und fahre gegen 9:30h mit dem Rad weiter nach Leutkirch, wo mir hohe Parteistäbe in Autos begegnen. Bald hinter Leutkirch kommen über mir grosse Verbände amerikanischer Bomber, von JaBo's begleitet. Aus einer Deckung neben einer kleinen Kapelle sehe ich zu, wie Memmingen zerstört wird. Riesige Rauchpilze und Detonationswellen; so bin ich froh, nicht über Memmingen gefahren zu sein. In Krugzell im Illertal ein brauchbares Mittagsessen im Witshaus, dann langer Mittagsschlaf unter Bäumen auf einem Moränenhügel, etwa 9 km nördlich von Kempten. Von dort sieht man die ganzen Allgäuer Alpen, besonders die Berge der Sonthofener Gegend, in denen ich vor sieben Jahren bei den Gebirgsjägern geübt hatte. 17h Aufbruch in Richtung Kaufbeuren. Stets wolkenloser Himmel. Da ich an diesem Tag schon über 50 km gefahren bin, macht mir der Aufstieg vom Illertal Mühe. Gegen 20h Ankunft in Kaufbeuren, Kampf um ein Glas Tee im überfüllten Wartesaal, ich habe Hunger und fühle jetzt die Anstrengungen der letzten Tage. 22h Abreise nach Schongau mit dem Zug, dort von 1h bis 5h Herumlaufen im Wartesaal, der mit einem Haufen halbwüchsiger Buben in SS-Uniform, vermutlich vom Balkan, gefüllt ist. Ich wage nicht zu schlafen, da ich für Rad und Gepäck fürchte. Um 5h Abfahrt des Zuges nach Weilheim.

21.4.45. In Weilheim kommen wir etwa 1/2 7h vor dem Bahnhof aan, der einige Tage vorher zerstört worden war. Dort warte ich mit einigen hundert Menschen auf dem Bahndamm neben unserem bisherigen Zug auf den Zug von und nach Garmisch. Plötzlich ein Tiefflieger im 20 m Höhe, volle Deckung! Die Menschen kugeln mit Gepäck und Kindern den Bahndamm hinunter. Aber es war nur ein deutscher Flieger, dem das Spass machte. Da der Himmel jetzt bedeckt ist, die Wolken tief hängen, will ich die Bahnfahrt bis Ohlstadt riskieren. Die Garmischer Berge, von Krugzell am Tage vorher nur in weiter Ferne sichtbar, liegen jetzt im Süden unmittelbar vor uns, aber nur die unteren Umrisse sind zu erkennen. Gegen 9h kommen wir nach Ohlstadt, am Fuss des Heimgarten. Von dort Radfahrt über Grossweil, Schlehdorf durch's Moor nach Kochel. Vor der Holzbrücke im Moor stehen SS-Autos, deren Insassen unter zwei Heuhaufen Waffen verstecken und mich mit Misstrauen ansehen. Aber sie lassen mich meines Weges ziehen. Von der Kocheler Post rufe ich in Urfeld an, um meine Ankunft zu melden. Dann noch der lange Aufstieg über den Kesselberg, ich bin sehr müde. Endlich gegen 1/2 12h bin ich auf der Passhöhe, der Walchensee liegt blau vor mir, dahinter halb im Nebel die Soiernspitze. So ist dieser Teil des Kampfes gewonnen, bald bin ich oben beim Haus, Elisabeth und die Kinder sind wohlauf. - Nachmittags Radfahrt nach Sachenbach, um Milch zu holen. Im Haus gibt es Neuerungen, an die ich mich erst gewöhnen muss. Die Hühner im unteren Stockwerk stören mich etwas, obwohl mir ihre Nützlichkeit in jeder Weise einleuchtet.

22.4.45. Sonntag. Nach langem Schlaf ein richtiger Ruhetag. Elisabeth und Frau Linder haben Kuchen gebacken, die Kinder spielen auf der Terasse in der Sonne, so feiern wir den Sonntag als sei tiefster Frieden. Nach Radionachrichten könnte Hechingen inzwischen längst besetzt sein, auch um Ulm wird offenbar schon gekämpft. Tiefflieger scheint es in Urfeld nicht zu geben. Unter uns, im Fischer am See, ist eine Gebietsführerschule einquartiert. Urfeld ist doch ein richtiges N.S.Nest. Aber unter der Hand beraten Viele, wohin sie fliehen könnten.

23.4.45. Früh Bomberverbände über Urfeld, Richtung Osten. Arbeit im Gemüsegarten, die letzten Beete werden bepflanzt. Dann Radfahrt nach Sachenbach, um Milch zu holen. Dabei wird das Tretlage defekt, ich muss in Zukunft das andere Rad benützen. Beratungen über die weiteren Kriegsvorbereitungen; Hauptsache: Heranschaffen der Lebensmittel. Leider kann ich keine Telefonverbindung nach Mittenwald bekommen, also auch Mama nichts von meiner Ankunft mitteilen, weil das Telefonamt Weilheim zerstört ist. Nachmittags wird eine Kiste Lebensmittel vergraben. Radio: Kämpfe in Ulm, Regensburg. Berlin ist eingeschlossen, der Führer in Berlin.

24.4.45. Fahrt nach Kochel. Einkauf bei Demharter, aber vergebliche Verhandlungen um Kartoffeln mit Helmer, der mich als Fliegerbeobachter engagieren will. Lebensmittelkarten für mich, Rückkehr zum Mittagsessen. In Urfeld stellt sich heraus, dass der Garten in der Nacht durch Hirsche zertrampelt worden ist. So arbeite ich am Nachmittag wieder, um den Garten in Ordnung zu bekommen. Radio: Überschreitung der Donau bei Dillingen, die Amerikaner bei Augsburg.

25.4.45. Aufräumungsarbeiten im Haus. Beratungen über die Unterbringung von Mama, Telefongespräche mit Dr. Hermann und Frl. Pensberger. Rückkehr Waltrauts aus Garmisch.

26.4.45. Fahrt nach Kochel, Einkauf von Stoffen und Lebensmitteln. Dort noch alles ruhig. Gerüchte sagen, die Amerikaner seien an Augsburg vorbei in die Gegend von Weilheim vorgestossen. Also muss ich Mama möglichst bald aus Mittenwald holen. Herrichten des Zimmers bei Leonhardt.

27.4.45. Radfahrt nach Mittenwald. Auf der Strasse bei Krün viele Soldaten; Generäle, die in der Sonne spazieren gehen und offenbar den Krieg aufgegeben haben. 1/2 12h in Mittenwald, Mama treffe ich im Wirtshaus beim Essen. Abfahrt Mama's gegen 1/2 16h mit dem Wagen von Dr. Hermann. Das Zimmer ist recht gemütlich geworden, so hoffen wir, dass Mama sich wohlfühlt. Ich selbst komme gegen 17h nach Urfeld.

28.4.45. Fahrt nach Kochel, um Trockenmilch und Nährmittel einzukaufen. Ich muss längere Zeit bei Demharter anstehen, bekomme aber einen ganzen Rucksack voll Lebensmittel. Auch bei Schermer stelle ich mich an, es gibt riesige Mengen Käse. Nach der Rückkehr höre ich, dass der Münchner Sender die "Bayerische Freiheitsbewegung" verkündet hat. Singer ist begeistert; aber gegen Mittag hat der Sender wieder aufgehört. Nachmittags besorge ich Holz für Mama, mache etwas klein und schichte es bei Singer auf. Auf der Fahrt zum Milchholen in Sachenbach begegnen mir, kurz vor dem Badeplatz, Colin Ross und seine Frau. Sie fahren einen Koffer auf einem Schubkarren, kommen offenbar von Sachenbach. Ich springe ab und begrüsse sie vergnügt: wir würden uns ja jetzt wohl öfters treffen. Colin Ross antwortet, er sei sehr glücklich, dass ich doch noch nach Urfeld gekommen sei. Aber sonst sind beide etwas kurz und verabschieden sich schnell. Ich dachte nicht an die Möglichkeit, dass dies unsere letzte Begegnung sein könnte. Gegen Abend verkündet der Münchner Sender, die bayrische Freiheitsbewegung sei niedergeschlagen. Der Gauleiter Giesler und der Bürgermeister Fiehler sprechen im Radio vom Siegreichen Durchhalten u.s.w. Ein Telefongespräch mit Frl. Pensberger zeigt, dass offenbar Weilheim von den Amerikanern besetzt worden ist.

29.4.45. Sonntag. Eigentlich ist der 29. Unser Hochzeitstag, und ich hatte gehofft, etwas in Ruhe feiern zu können. Aber ich muss nach Kochel, um bei Demharter einzukaufen; das Geschäft soll trotz des Sonntags von 10h bis 15h offen sein. Unten stellt sich bald heraus, dass ich bis zum späten Nachmittag werde stehen müssen. Ich bin darüber etwas unglücklich, telefoniere mit Elisabeth. Später kommt denn Elisabeth noch mit dem Rad und etwas Proviant, damit wir abwechselnd stehen. Kochel ist ein Ameisenhaufen; Soldaten, SS, ausländische Arbeiter. Auf dem Bahnhof steht ein Güterzug mit Gefangenen aus Dachau, die schrecklich verhungert und bleich aussehen. In der Zeit, in der Elisabeth bei Demharter steht, gehe ich auf den Hügel hinter dem Bahnhof, um in der Sonne zu liegen. Von dort erkenne ich nun auch in unserer Gegend die ersten Granateneinschläge, offenbar in der Linie Murnau - Ohlstadt. Gegen Mittag gehen Elisabeth und ich einal gemeinsam durch Kochel; plötzlich steht Oberleutnant Schuster vor mir. Er hat mit Resten seiner Einheit in Schongau übernachtet, dort den Einmarsch fast mitgemacht und ist jetzt mit einem Auto und einem Fahrer in Kochel. Er wird für den Abend nach Urfeld eingeladen. Später gehe ich nocheinmal auf unseren Hügel, versuche mir ein Bild von der Gefechtslage zu machen, und nehme auf Grund der Rauchfahnen an, dass der Vorstoss im Tale Weilheim - Murnau - Garmisch erfolgt. - Elisabeth hat plötzlich erfahren, dass Colin Ross und seine Frau sich in der Nacht erschossen haben. Darüber wird viel gesprochen unter den Leuten; Colin Ross war beliebt, seine Handlung gilt als anständig. "Die anständigen Nazi's ziehen die Konsequenz, die Lumpen bleiben übrig". Gegen 1/2 17h bekommen wir bei Demharter unsere Waren, beim Rückweg ist die alte Kesselbergstrasse schon gesperrt, wir müssen auf der langen, neuen Strasse das Rad hinaufschieben. Als wir um 18h nach Urfeld kommen, werden wir von der Tochter Brackendorfer gebeten, sofort zum Begräbnis des Ehepaares Ross zu kommen. So gehen wir, wie wir sind, mit Lederhose und Rucksack. Die Toten liegen in dem Wohnzimmer aufgebahrt, in dem wir sie öfters besucht haben; in Zeltbahnen eingehüllt, nur die Gesichter offen. Das Gesicht von Colin Ross sieht sehr markant, dabei ruhig und ausgeglichen aus. Dieses Gesicht macht mir einen tieferen Eindruck, aber im Ganzen ist die Zeit so geladen mit Spannung und Ereignissen, dass selbst der Tod mich nicht mehr sehr bewegt. Elisabeth empfindet ähnlich. Die Toten werden von Soldaten zum Grab getragen, das wenige Meter oberhalb des Hauses geschaufelt ist. Leutnant Schneider verliest einen letzten Brief von Colin Ross: "Er wolle den Untergang Deutschlands und der neuen Idee nicht überleben. Seine Frau, Reisegefährtin auf so vielen Wanderungen, wolle ihn auch auf dieser Wanderung begleiten". Zum letzten Mal grüssen wir mit dem Hitlergruss. Gegen 19h kommen wir müde nach Hause. Nach dem Abendessen besucht uns Schuster. Wir beschliessen, dass er den Einmarsch bei uns mitmacht, also bis auf weiteres bei uns wohnen soll. - Nach den Nachrichten vollzieht sich der Vormarsch offenbar auf der Linie Murnau - Mittenwald - Innsbruck. Wir können also von Norden oder von Süden her besetzt werden. Gleichzeitig schliesst sich der Ring um Berlin enger, der Führer wird also eines Tages verschwinden, ausserdem soll Himmler die Kapitulation den Westmächten angeboten haben. So gibt es einen Wettlauf zwischen vier Möglichkeiten, die den Krieg für uns beenden können. Aber wie wird dieses Ende in Urfeld aussehen?

30.3.45. Autofahrt mit Schuster nach Kochel. Leider keinerlei Erfolg bei Schermer oder Demharter, nur etwas Fleisch bekomme ich bei Pfleger. Der Zug Dachauer Gefangener steht nicht mehr in Kochel. Im Ort lungern ausländische SS-Leute herum, junge Burschen, die ihr Brot offenbar durch Plündern verdienen. Einen organisierten Widerstand versuchen auch die nicht aufzubauen. - Da Schusters Auto defekt ist, können wir nicht bis Benedikbeuren fahren, also gibt es kein Brot mehr. Gegen Mittag sind wir wieder zu Hause. Herrichten des Kellers, Fahrt nach Sachenbach. In unserem Heuboden haben sich Soldaten einquartiert, die dort schlafen oder sich verbergen wollen. Es wird kälter und fängt an zu schneien. Auf der Fahrt nach Sachenbach sehe ich beim Badeplatz Pak-Geschütze die auf unsere Strasse gerichtet sind. Auch in Sachenbach steht Pak (Panzer Abwehr Kanone). Gegen Abend steige ich mit Schuster zu den Hütten unter dem Herzogstand, um Zufluchtsstellen für den Ernstfall zu finden. Dort oben liegt aber eine intakte Kompagnie Gebirgsjäger. Gefechtsstand auf Höhe 995, weiter oben Pak; in der Hütte unter der Herzogstandwand, an die ich zuerst gedacht hatte, kochen Soldaten. Die Hütten sind alle besetzt, für uns nicht benützbar. Die anderen Urfelder sind längst nach dem anderen Seeufer geflohen, aber dort in Altlach soll auch SS stehen. Ausserdem kann man bei dem Schneetreiben kaum mehr mit unseren kleinen Kindern über den See fahren. Als es vorübergehend aufklärt, sehen wir von oben Feuer in Grossweil und Schlehdorf. Mir wird plötzlich der ganze Ernst der Lage klar; Beschluss: Keller herichten und dableiben. Auf der Strasse noch viel Autoverkehr. Frl. Pensberger erzählt im Telefon, dass Kochel beschossen worden sei, Tochter Blessing gefallen. Die amerikanischen Panzer seien bis zur Brücke Schlehdorf - Kochel gefahren, dort aber umgekehrt, weil die Brücke gesprengt ist. Mittenwald ist besetzt, die Amerikaner können also auch von Süden kommen. - Als Schuster und ich vom Sattel zum Haus abstiegen, war noch einmal eine ganz kritische Situation entstanden: der Führer der Gerbigsjägerkompagnie stellt Schuster und mich, und fragt, was wir da oben machen wollten. Schuster antwortet sehr geschickt, seine Ausweispapiere legitimieren ihn genügend. Nachts noch viel Autoverkehr, diesmal von Süden nach Norden. Schusters Wagen mit dem Fahrer weggeschickt.

1.5.45. Der Autoverkehr auf der Strasse ist nun fast zum Stillstand gekommen, Krün soll schon besetzt sein. Ich telefoniere mit Walchensee und Ensiedeln, dort sind aber noch keine Panzer eingetroffen. Radfahrt nach Sachenbach, schon durch den Schnee erheblich erschwert. Gespräch mit Soldaten dort über das bevorstehende Kriegsende. Die Genesungskompagnie Urfeld wird aufgelöst. Die Jungen von der Gebietsführerschule verbrennen ihre Liederbücher, Hitlerbilder u.s.w. unten auf der grossen Wiese. Den ganzen Vormittag über hören wir schwere Detonationen, die Brücken und Strassen werden gesprengt. Wir haben die Fenster geöffnet, die Läden geschlossen. - Wolfgang ist etwas krank, er sieht bleich und verängstigt aus und wird ins Bett gelegt. Elisabeth meint, es sei nur die Aufregung über die Sprengungen und das Gefühl der Gefahr; er spürt am deutlichsten die Seelenregungen der Grossen, auch wenn sie gut verborgen werden. Am frühen Nachmittag Anruf von Frl. Pensberger aus Pessenbach: "Jetzt kommen die Panzer, wir hören sie auf der Strasse". Zwei Stunden später berichtet sie, dass die Panzer durch Pessenbach durchgefahren sind und Kochel besetzt haben. Offenbar nur Panzerspähwagen und Lastwagen. Auch Schwarze sollen dabei sein, wir wissen aber noch nicht ob Amerikaner oder Franzosen. Die deutschen Truppen in Kochel sollen sich ergeben haben, die SS hat sich wahrscheinlich in unsere Gegend oder in die Jachenau zurückgezogen. Das Wetter wird immer schlechter, man sieht nur die nächste Umgebung des Hauses. Gegen Abend bekommt Wolfgang hohes Fieber, Erbrechen, Schmerzen auf der rechten Seite. Wir bekommen Angst, es könnte dich um akute Blinddarmentzündung handeln. In Urfeld gibt es keinen Arzt mehr; Frau Dr. Otto ist nach Altlach geflohen, das Lazarett in der Jugendherberge ist abgerückt. So bleibt nichts übrig, als nach Walchensee zu fahren. Da wir keine Telefonverbindung bekommen, fahre ich zunächst allein trotz Schneesturm mit dem Rad. Auf etwa 200 m Breite ist die Strasse mit herabgesprengtem Geröll bedeckt, ich muss das Rad hinübertragen. Der Militärarzt, Chirurg, meint, Wolfgang müsse auf jeden Fall sofort gebracht werden. Ich fahre zurück, so schnell ich kann, inzwischen ist es ganz dunkel geworden. Wolfgang wird in Decken eingewickelt, in den Handwagen gelegt, Elisabeth und Schuster fahren ihn im Schneesturm zur Strassensperre, tragen ihn hinüber, drüben wird er vom Lazarettauto abgeholt. Ich gehe inzwischen zu Mama hinunter, um sie zu trösten. Schuster kommt zurück, merkwürdigerweise ohne den Handwagen. Gegen 23h komme ich nach oben, Frau Linder ruft mir schon von der Türe aus zu: Hitler ist tot! - Vielleicht kommen wir jetzt doch ohne Kampf in Urfeld aus. - Ich bekomme keine Verbindung mit Walchensee. Gegen Mitternacht Rufe von der Strassensperre her. Elisabeth kommt mit Wolfgang zurück. Der Arzt hält eine Operation doch nicht für nötig, wollte aber Wolfgang dort behalten. Damit war Elisabeth nicht einverstanden, so kommen beide zurück. Wolfgang fühlt sich auch schon etwas besser. Schliesslich gehen Schuster und ich nochmal die 2 km bis zur Strassensperre und zurück, um den Handwagen zu holen. Gegen 1h nachts beschliessen wir den Tag mit Hoffnungen und Befürchtungen für den nächsten. Da es vollständig ruhig ist, verzichten wir auch auf die geplante Nachtwache.

2.5.45. Tiefer Schnee. Der Versuch, mit dem Rad nach Sachenbach zu kommen, misslingt. Also gehe ich zu Fuss. Beim "Jäger am See" treffe ich Brackenhofer in der Radwerkstatt. Er hat die weisse Fahne gehisst, erzählt mir aber mit allen Zeichen des Schreckens, dass in der Nacht 16 Soldaten der Genesungskompagnie auf ihrem Abmarsch dirch SS gestellt und aufgehängt worden seien. Die SS treibe sich in den Wäldern nach Sachenbach - Jachenau zu herum. So gehe ich mit etwas gemischten Gefühlen nach Sachenbach. Dort treffe ich noch Soldaten, aber die Pakgeschütze sind weggebracht. Die Nachricht vom Tod Hitlers ist dort neu, aber die Soldaten reagieren auch darauf völlig gleichgültig. Den Namen von Dönitz kannten nur einige von ihnen. Die Bäuerin erzählt, dass die SS in den Wäldern sitze, in der Jachenau Häuser mit weisser Fahne geplündert und angesteckt habe. Niemand wagt eine Meinung darüber zu sagen, ob das recht oder unrecht sei. Im Grunde hoffen wohl alle, dass die Amerikaner bald kommen sollten. Nach der Rückkehr höre ich durch Frl. Pensberger, dass jetzt mehrere hundert Amerikaner in Kochel eingetroffen seien. Vom Süden her noch viel Gefechstlärm. Der Fischer Lexer kommt zu mir und teilt mir mit, ich müsse auf Befehl der Ortsgruppe zum Schanzen an die Strassensperre. Man habe über die Kapitulation verhandelt und die Strasse müsse freigemacht werden. Ich lehne vorsichtig ab, mache mit Schuster Holz für Mama's Zimmer. Gegen Mittag Gewehrschiesserei auf dem Weg nach Sachenbach; Schuster und ich versuchen, mit Ferngläsern die Schützen festzustellen; wir wissen nicht, was los ist. Frau Linder ist in gehobener Stimmung "wie vor Heiligabend". Nachmittags gehe ich mit Ria zu Mama. Während oben Elisabeth und Schuster in den Lehnstühlen im Esszimmer sitzen, erscheinen plötzlich auf der Terasse drei Bewaffnete, die die Tür aufstossen und mit vorgehaltener Maschinenpistole auf Schuster und Elisabeth zugehen. Beide denken im ersten Moment, es handle sich um SS, die Amerikaner fragen aber sofort nach mir. Ich werde telefonisch benachrichtigt, komme nach oben. Colonel Pash, der Anführer der Gruppe, will mich allein sprechen. Wie wir zu zweit in den Sesseln sitzen, fängt draussen eine wilde Schiesserei an. Colonel Pash springt mit der M.P. im Anschlag auf die Terrasse. Ich selbst bin noch zu bewegt davon, dass nun endlich das eingetreten ist, was ich seit vielen Jahren erwartet, gefürchtet, gehofft hatte, dass ich dem kleinen Feuergefecht mit völliger Ruhe und in bester Stimmung zusehe. Nur die übrigen Hausbewohner, besonders die Kinder werden schnell in den Keller geschickt. Nach etwa zehn Minuten Schiesserei mit M.G. und Gewehren wird es ruhig. Ein Major meldet dem Colonel, dass ein SS-Mann getötet, zwei verwundet und gefangen seien, der Rest sei geflohen. Dann geht die Unterredung mit Pash weiter: Er habe den Befehl, mich zu verhaften, er würde aber für die Familie und für mich in jeder Weise sorgen. Die Abreise sollte etwa am nächsten Tag sein, bis dahin könnte ich noch für die Familie sorgen und Vorbereitungen treffen. Wir besprechen besonders die schwierige Ernährungslage: wir haben seit vier Tagen kein Brot mehr kaufen können; die nächste Stelle, an der es Brot gibt, ist etwa 20 km entfernt, die Strassen dahin sind zum Teil zerstört. Pash meint, die Brücke über die Klamm an der Kesselbergstrasse würde wohl über Nacht von den Amerikanern repariert werden. Einstweilen sei er auch nur zu Fuss mit etwa zehn Leuten gekommen. Die Lage in Urfeld ist nun militärisch recht merkwürdig: in Urfel sind etwa zehn Amerikaner, 500 m oberhalb, am Herzogstandsattel, steht eine Kompagnie deutscher Gebirgsjäger, die sich wahrscheinlich ergeben will, in den Wäldern verstreut die SS. Pash verhandelt mit einem Offizier der Kompagnie, die am nächsten Tag um 10h die Waffen strecken soll. Bis dahin hofft er auch auf Verstärkung. Mein Haus soll streng bewacht werden, nachts darf niemand vom Hause weg. Am Abend gibt es eine kleine Friedensfeier mit den letzten Resten Alkohol, wir gehen gegen 23h schlafen. Alle sind in der besten Stimmung, besonders Frau Linder, nur Elisabeth ist sehr müde. Wolfgang geht es etwas besser, aber der kleine Kerl sieht noch schlecht aus; er fragt mich immer wieder, warum ich nun wieder wegreiste; ich hätte doch versprochen, dass ich im Frieden immer bei ihm bleiben wollte. - In der Nacht liege ich noch lange wach. Gegen 1h höre ich Schritte am Haus, ich weiss nicht, ob es SS oder Amerikaner sind. Zum Glück haben wir die Pistolen Schusters in der Nähe; ich wecke niemanden und schlafe schliesslich wieder ein.

3.5.45. Gegen 4h morgens nocheimal eine riesige Detonation. Die Kinder weinen; vermutlich haben die Amerikaner irgendeine Sprengung vorgenommen. Um 7h tritt die amerikanische Patrouille ins Haus, verlangt Frühstück: 2 Eier. Elisabeth ist verzweifelt, da so etwas für uns ein Vermögen bedeutet. Später kommt Colonel Pash. Er bietet mir an, ich könne im amerikanischen Militärwagen nach Benediktbeuren fahren. Die Brücke sie repariert, so könnte ich Brot einkaufen. Inzwischen sind Lastautos und kleine Panzer in Urfeld eingetroffen, die militärische Lage ist jetzt klar. Pash erzählt, dass nachts SS in Urfeld gewesen sei; die Kompagnie am Herzogstand sei nicht zur Waffenübergabe erschienen, offenbar durch SS daran gehindert. Pash meint, er habe jetzt soviel Truppen und Material in Urfeld, dass nichts mehr passieren könnte. Fahrt nach Benediktbeuren, Ergebnis: 20 Pfund Brot, 15 Pfund Mehl, 1 Pfund Butter, 7 Pfund Käse. Die ganze Gegend voll von Panzern, Lastwagen, Truppen. Dei riesige Materialüberlegenheit liegt vor aller Augen. Bei der Rückkehr gibt mir Pash noch eine Kiste Lebensmittel für Elisabeth mit. Ausserdem bekommen wir einen Schutzbrief für das Haus und einen Waffenschein für Schuster. Waltraut geht zu Fuss nach Sachenbach, um Milch zu holen; bei der Rückkehr erzählt sie, dass in Sachenbach noch deutsche Truppen und SS liegen. Ich mache mir nachträglich Vorwürfe, dass ich sie in Gefahr gebracht habe. - Das Wetter wird langsam besser, es wird klar, bleibt aber sehr kalt. Abschiedsbesuch bei Mama, gegen 16h Abfahrt nach Heidelberg. Der Abtransport macht in Urfeld grosses Aufsehen: vorne ein Panzer, dann zwei Militärwagen mit M.G.'s Abendessen in Augsburg; zum ersten Mal seit vielen Monaten werde ich so satt, dass ich nichts mehr essen möchte. Gegen 1/2 3h nachts kommen wir, völlig durchgefrohren, in Heidelberg an. Ich nehme noch ein warmes Bad, dann schlafe ich schnell ein.

 

 

 

 

 

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