Hechingen, Sonntag 7.1.45

Meine liebe Li -

abend
heut abend ist hier ein greulicher Fliegerbetrieb. Seit fast vier Stunden haben wir jetzt Vollalarm und seit dieser Zeit fliegen fast ununterbrochen Kampfverbände über unsere Gegend. Der eigentliche Angriff scheint zwar weit entfernten Zielen gegolten zu haben, denn man hört keine Bomben, aber man fühlt sich nicht wohl dabei. Schön, dass wir uns gestern abend telephonisch gesprochen haben. Mir fällt es diesmal recht schwer, mich an das Alleinsein zu gewöhnen. Am Werktag ist die Arbeit eine gute Ablenkung, aber der Samstag und Sonntag könnte zu Haus so viel schöner sein. Leider reicht der Schnee nicht zum Schilaufen. So bin ich viel bei Weizsäckers drüben gewesen; Karl-Friedrich liegt leider mit Grippe zu Bett. Aber heut abend war er wieder etwas munterer, so haben wir zwei Stunden des Alarms mit Bridgespielen verbracht. Jetzt gehts bald auf Mitternacht zu, aber immer noch hört man droben die Flugzeuge brummen und da mag man nicht ins Bett gehen. Heut früh hab ich lange Klavier gespielt, nach dem Essen einen kleinen Spaziergang in den Wald gemacht, um etwas Holz zum Anfeuern zu sammeln.

Meine Zimmer hab ich heut gut geheizt, das will ich jetzt immer nur zum Wochenende tun, dann werd ich mit dem Rest Kohlen vom letzten Jahr vielleicht bis zum März reichen. Die Woche über muss es ohne Kohlen mit dem elektrischen Ofen gehen.

Und wie steht es mit Euern Kohlen? Ruf mal wieder beim Wirtschaftsamt an. Noch eine kleine Bitte: Ruf bitte bei Penzberger an und frag ihn, ob er beim Ausladen unseres Möbelwagens die beiden Kisten an Pahls Verwandte in Oberaudorf geschickt hat. Pahl hatte zwei Kisten mitgegeben, die besonders bezeichnet waren; darüber hatte ich an Penzberger geschrieben (Pahl auch). Hat Penzberger meine Schier gebracht? Mir liegt auch sehr viel daran, dass sie nicht im Revier stehen bleiben, sondern nach oben kommen. Kannst Du Anna bitten, sie zu holen, wenn sie noch unten sind? - Hoffentlich kommen die Kinder viel zum Schilaufen; das ist so eine gute Methode, den ganzen Körper zu üben und zu kräftigen. Wenn Waltraut wegen ihrer Rippenfellreizung nicht heraus kann, solltest Du versuchen gelegentlich mit den Kindern etwas Schi zu laufen. Es würde Dir so gut tun, mal ein bisschen herauszukommen. - So, jetzt endlich kommt die Entwarnung; für den Rest der Nacht werden wir jetzt hoffentlich Ruhe haben. Ich schreibe Dir nächstens wieder, dann geht hoffentlich alles besser. Leb wohl für heut! Dein Werner.


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Hechingen, 11.1.45

Meine liebe Li -

heut ists wieder spät geworden; ich hab bei Weizsäckers zu abend gegessen und dann mit Karl-Friedrich Schach gespielt. Also ein halbwegs netter Abschluss für einen sonst etwas verunglückten Tag. Ich kann mich seit Weihnachten schlecht an die Trennung von Euch gewöhnen; auch bedrückt mich die Atmosphäre der Frontnähe, die man mit jedem Tag deutlicher spürt. Ich finde es sehr gut, dass wir nicht nach Hechingen gezogen sind.- Es war in den letzten Tagen barbarisch kalt, heut früh wohl etwa -20Grad, jetzt ists etwas wärmer geworden. Mit dem kleinen Öfchen kann man die Stube dann natürlich nicht warm bekommen, deshalb hab ich heute wieder ein bisschen geheizt. Aber wenn ich garkeine Kohlen bekomme, kann ich mir diesen Luxus nur noch selten leisten.

- Leider höre ich garnichts von Euch, die Post dauert jetzt wohl unberechenbar lange; vielleicht kann ich morgen über die Luftwaffenleitung wieder Verbindung bekommen, allerdings scheint der letzte Angriff auf München auch da einiges zerstört zu haben.-

Am Sonntag früh gibts wieder Volkssturmdienst, da werden wir also früh aufstehen und einen Vormittag frieren müssen. Gestern Abend hatten wir zwei Stunden Dienst und haben dabei die Lieder: "Die Wacht am Rhein" und "Deutschland hoch in Ehren" gelernt. Am Schluss gings sogar mehrstimmig. Über die Verwendung beim Einsatz war ich mir nicht ganz klar.

- Wirtz ist wieder nach Berlin gefahren; Pahl und Fräulein Troll wollen morgen zum Singen kommen. Anfang Februar soll ein öffentliches Konzert in Hechingen stattfinden, bei dem auch die beiden als Sänger mitwirken. Die Begleitung (Opern-Duette aus Figaro, Zauberflöte und Verdi) soll ich übernehmen. Herr Bausch wollte auch eine Solo-Nummer von mir haben, aber das hab ich, schon im Hinblick auf das wahrscheinlich unmögliche Klavier, abgelehnt. - Im Grunde mag ich den ganzen Betrieb hier nicht und möchte zu Euch. Da das nicht geht, zehre ich von der Erinnerung an Weihnachten, besonders das Krippenspiel. Treib nur viel Musik mit den Kindern, und grüsse sie sehr von mir. Mach Dir keine Sorgen um mich, ich werde schon wieder in die Reihe kommen. Also alles,alles Gute! Dein Werner.


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Hechingen, (Sonntag,) 14.1.45

Meine liebe Li -

Jetzt ists wirklich schwierig geworden, in Verbindung mit Euch zu kommen. Die Post wird sehr lange dauern, da offenbar seit dem letzten Sonntag viele Verbindungen zerstört sind, und selbst die Luftwaffenleitung sagte mir, dass deren Anschluss nach Kochel noch gestört sei. Nun versuch ichs heut mal wieder über das Fernamt, aber ich bin skeptisch hinsichtlich des Erfolges.- Hier geht so alles ganz normal weiter. Heut früh musste ich um 7 h aufstehen, um zur Volkssturmübung zurecht zu kommen. Die Ausbeute eines solchen mehrstündigen Frierens im Freien ist ja wirklich sehr gering. Ich habe für etwa drei Minuten ein Gewehr in der Hand gehabt und einen Schuss abgegeben. Der Rest war Herumstehen und Frieren. Zum Glück wurde ich plötzlich unerwartet von einigen hohen Offizieren, die mit einem vornehmen Auto ankamen, besucht und zu einer Besprechung abgeholt; dadurch war ich schon gegen 11 h zu Hause und hab mit den Herren einige Gläser Wermuth aus dem letzten Speerpaket getrunken. Ausserdem imponiert so ein Vorkommnis den guten Hechingern natürlich gewaltig, und das schadet auch nichts. Den Rest des Sonntags war ich zu Hause, Frau Wirtz hatte mir rührender Weise etwas Kuchen gebracht, sodass ich auch für den (echten!) Kaffee wohl versehen war. Frau Wirtz u. Frau v. Weizsäcker waren zum Schilaufen weg, aber vielleicht werd ich sie noch heute abend zum Bridgespielen sehen. In die Physik bin ich seit Weihnachten noch nicht so recht hineingekommen, aber ich hab mich heute doch wieder energisch daran gemacht. - Dass ich so wenig von Euch höre, bedrückt mich etwas. Ich hab ja keinen Grund, mir Sorgen um Euch zu machen, aber ich möchte doch wissen, wie alles steht; ob Mama inzwischen nach Mittenwald gereist ist, wie es Frau Linder geht, ob die Kinder noch Windpocken haben, u.s.w.- Meine eigenen Reisepläne nach Berlin sind einstweilen ziemlich weit verschoben, ich werde wohl nicht vor März reisen müssen. Dagegen soll ich in der letzten Januarwoche an den Bodensee; obwohl auch das dienstlich ist, weiss ich nicht, ob ichs tun werde; denn wenn man kann, soll man die Strapazen einer solchen Reise vermeiden. Aber vielleicht wäre es nett, die Eltern zu sehen. Nun alles Gute, Liebes, mach Dir keine Sorgen, wenn Du wenig von mir hörst. Grüss die Kinder. Dein Werner.


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Hechingen, 21.1.45

Meine liebe Li -

durch die Ereignisse der letzten Wochen ist der Weg von Urfeld hierher jetzt sehr weit geworden. Seit ich von Euch weg bin, hab ich keine Nachricht mehr, ausser dem einen Telefongespräch. Gestern kam noch ein Brief von Mama, der war vor dem Gespräch geschrieben. Mit der Luftwaffenleitung komme ich zwar bis München, aber das Vorortnetz scheint hoffnungslos zerstört, von München nach Kochel gibt es keine Verbindung. Natürlich weiss ich, dass ich mir nicht deswegen Sorgen zu machen brauche, aber es ist nicht schön, so garnichts zu wissen. Von morgen ab fallen ja auch fast alle Züge aus. Wenn jetzt, zu einer Zeit, wo alle Strassen tief verschneit sind, etwas besonderes passieren sollte, so weiss ich nicht, ob ich schnell genug bis zu Euch kommen kann. Dass ich tun werde, was ich kann, ist selbstverständlich. Inzwischen hat der Krieg im Osten Formen angenommen, die zu ganz plötzlichen und unerwarteten Wendungen führen können. Sollten die Russen durch die Tschechei bis an die bayrische Grenze vorstossen, so würde ich versuchen, zu Euch zu kommen - obwohl es nicht leicht wäre, den nötigen Urlaub vom Volkssturm dafür zu bekommen. Aber man muss sehen, wie sich alles entwickelt. Hier ist in den letzten Wochen viel Fliegertätigkeit gewesen. Reutlingen hat schwer gelitten, in Tübingen ist der Bahnhof und die Umgebung betroffen. Heute waren wieder etwa 800 Flugzeuge über unserer Gegend, aber ich weiss noch nicht, wo angegriffen wurde. Im Grunde hat diese Kriegsführung der Angelsachsen etwas Klägliches verglichen mit der der Russen; in einer Zeit, wo die Russen grosse Teile Europas erobern, bombardieren sie Dörfer in Württemberg.

- Neben all diesen grossen Ereignissen blüht in Hechingen immer noch so ein bisschen Leben aus friedlicheren Zeiten: heute früh haben wir, da der Volkssturm ausfiel, eine Schitour aufs Zeller Horn gemacht, und heute abend wird hier Quartett gespielt. Also mach Dir keine Sorgen um mich! Noch eins: kauf alles ein, was Du auf Marken bekommen kannst: Brot, Mehl, Butter u.s.w.; auch Salz, das vielleicht bald sehr knapp wird! Kannst Du für den Fall, dass Anna fortgeht, nicht Schwester Frieda für längere Zeit bekommen? Nun bleibt mir alle gesund, und haltet Euch tapfer! Dein Werner.


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Hechingen, 28.1.45

Meine liebe Li -

seit gestern soll es wieder erlaubt sein, Briefe zu schreiben; das will ich gleich ausnützen, bevor wieder irgendwelche neuen Sperren dazwischen kommen. Hier geht es so leidlich weiter; die Hoffnung, Kohlen zu bekommen, hab ich aufgegeben; ich komme auch mit meinem elektrischen Öfchen durch, solange ich es noch brennen darf. Ich trage zwei Unterjacken, zwei Unterhosen, - Pullover und Wintermantel aussen drüber -, da geht es schon. Auch die Institute können vom Montag ab nicht mehr geheizt werden. Gleichzeitig ist der Strom für alle Betriebe gesperrt; seit 10 Tagen arbeitet in ganz Württemberg keine Fabrik mehr und das soll bis auf weiteres so bleiben. Ich versuche, den Institutsbetrieb in kleinstem Massstab weiterzuführen; es muss auf jeden Fall vermieden werden, dass es ganz geschlossen wird und die Leute dann weggeholt werden. Dass ich nun auch tagsüber nirgends mehr warm sitzen kann, wird das Allgemeinbefinden zwar etwas beeinträchtigen, - etwas Husten und Gelenkrheumatismus hängt mir schon seit einigen Wochen an -, aber es gibt ja noch schlimmere Sorgen. Ich stelle mir vor, dass Waltrauts Mutter aus Hirschberg fliehen muss, und in Berlin rüsten sich offenbar auch schon viele für den Abtransport. Auch für mein Institut dort hab ich für den Notfall Anordnungen getroffen. Die Nachrichten aus dem Osten sind ja sehr alarmierend, und man kann sich noch nicht so recht vorstellen, wie der Krieg weitergeführt werden wird, wenn einmal Berlin besetzt sein sollte. Aber man muss eben das beste hoffen.- Heute früh hatten wir wieder Volkssturmdienst, wir wurden etwas im Gelände spazierengeführt. Waffen haben wir noch nicht.- Gestern abend gaben Weizsäckers ein Festessen: Truthahn, verschiedene Weine, hinterher Kaffee und Benediktiner; es war ein Besuch aus Strassburg, ein Pianist da, der jetzt hier in der Nähe als Soldat Kabelrollen trägt und Drähte spannt. Heute nachmittag wollen die zu mir kommen; da will ich den Kaffee spendieren, Frau v.W. will für Brot und Marmelade sorgen, und dann will der Pianist ein kleines Hauskonzert geben. Wie schön wärs, wenn Du dabei sein könntest; ohne Dich weiss man doch nicht so recht, wozu das alles gut ist. Hoffentlich gehts Dir und den Kindern gut. Die Telefonverbindung scheint ja leider endgültig vorbei zu sein; ich hörte bei einem Anruf in München, dass das Vorortsnetz auch nicht mehr repariert werden sollte. Könntest Du Dich einmal beim Dr. Herrmann erkundigen, ob und wie er noch nach auswärts telefonieren kann? Und schreib bitte öfters, dass ich oft von Euch höre. Vielleicht kann ich in nicht zu ferner Zeit mal wieder zu Euch fahren. Also alles Gute! Dein Werner.


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Hechingen, 1.2.45

Meine liebe Li -

seit gestern ist es hier warm und beinahe frühlingsmässig; da erwachen meine Lebensgeister neu, nachdem es mir in der letzten Zeit nicht besonders gut gegangen war. Am meisten stören mich noch meine Fingergelenke; die vordersten Fingergelenke waren -, vielleicht durch das Spielen auf dem kalten Klavier oder sonstwie - durch die Kälte so mitgenommen, dass sie nachts immer noch stark anschwellen und schmerzen. Aber das wird jetzt wohl auch vergehen. Jedenfalls fühl ich mich wohl und dem Kampf ums Dasein wieder gewachsen. In unserem Kernphysikerverein ist der innere Kampf (Diebner contra K.W.I.) neu entflammt, was wohl mit der neuen Einziehungswelle und der drohenden Gefahr von Osten zusammenhängt. Vielleicht muss ich deswegen in den nächsten Tagen nach Thüringen reisen (Stadtilm); das tu ich zwar ungern, aber vielleicht muss es sein, ausserdem könnte ich dann vielleicht auf der Rückfahrt über München reisen. Solange ich gesund bin, werde ich schon mit den Problemen fertig, und die Tatsache, dass Bewegung in den Dingen ist, gibt mir eben neuen Mut.

Wenn ich mir Sorgen mache, dann ists eigentlich nur um Euch. Du solltest mit Waltraut ruhig ausführlich über ihre Zukunftspläne sprechen; es ist ja nur zu begreiflich, dass ihr die Einsamkeit von Urfeld auf die Dauer drückend wird und dass sie wieder unter andere Menschen möchte, und an eine neue Arbeit, bei der sie noch mehr lernen kann. Da Waltraut nett und vernünftig ist, wird sie aber auch einsehen, dass sie augenblicklich ihre Wünsche kaum befriedigen kann, selbst wenn wir sie freigäben. Denn ihre Mutter wird wohl auf der Flucht sein, ihr Vater muss in Berlin auf das Anrücken der Russen gefasst sein. Ganz Deutschland ist von einem Flüchtlingsstrom aus dem Osten überschwemmt, also ist Urfeld für Waltraut immer noch der beste Ort. Vielleicht ist sie auch gerade deswegen niedergeschlagen, weil sie sich jetzt zum ersten Mal die Realitäten dieses Krieges klar macht, und weil sie die Gefahr für ihre Angehörigen spürt. Ich finde, Du solltest oft mit Waltraut über das alles sprechen und sie zu trösten suchen; kannst Du nicht für ihre Mutter in der Nähe ein Flüchtlingsquartier finden? Waltraut muss das Gefühl haben, dass Du menschlich für sie sorgen willst - und das willst Du ja auch.- Deinem Wunsch entsprechend hab ich etwas Medikamente eingekauft und werde es noch weiter tun; natürlich kann ich sie nicht schicken, aber vielleicht das nächste Mal mitnehmen. Du musst in Urfeld dafür sorgen, dass alle Lebensmittel, die irgendwie auf Marken zu haben sind, sofort gekauft werden, damit ein Vorrat da ist. Dann könntest Du vielleicht mit Frl. Penzberger sprechen, sie solle mal den Oswaldbauern anrufen und dem sagen, dass er im Notfall uns mit Milch versorgen muss; und die Verbindung mit Schmidt's halten! Im übrigen glaube ich eigentlich, dass die Front vor Berlin nochmal zum Stehen kommt. Wie geht es der Tochter von Dr. Ross? Was tun Jacobis - wenn sie in Zittau sein sollten? Hoffentlich kommt bald wieder Post. Alles Gute! Dein Werner.


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Hechingen, 15.2.45

Meine liebe Li -

heut war draussen ein richtiger Frühlingstag, ganz wolkenlos und warm und der Himmel stahlblau. Ich bin nach dem Essen ein wenig auf die Höhen westlich der Stadt gegangen und fand das alles sehr schön. Einen weiteren Ausflug wollte ich nicht machen, einerseits wegen der vielen Flieger, die bei solchem Wetter auch einzelne Leute auf den Feldern stören, andererseits weil ich gestern schon den halben Tag, allerdings bei scheusslichem Wetter, im Volkssturmdienst draussen war. Dieser Dienst war übrigens wieder sehr komisch: es handelte sich nicht um eine Übung, sondern um "Einsatz", d.h. wir sollten Wälder und Felder nach Flüchtlingen durchkämmen. Da wir keine Waffen hatten, war schwer einzusehen, wie wir bewaffnete Leute verhaften sollten. Da man übrigens auch eine Militärkompanie in aufgelöster Ordnung fast nie durch einen Wald führen kann, ohne dass die Hälfte verloren geht, war ich auf alles gefasst. Es spielte sich dann so ab, dass wir mir unserem Zug bei strömendem Regen zum Hauser-Hof (bei Sindich) marschierten; da wir sehr nass waren, kam die Bäuerin mit einem grossen Tablett voller Schnapsgläser u. schenkte jedem ein, soviel er wollte. Daher dauerte der Aufenthalt dort fast zwei Stunden und die Stimmung wurde sehr heiter. Dann stellten wir fest, dass der Anschluss an den Nachbarzug hoffnungslos verpasst war, und liefen in kleinen Trüpplein vergnügt nach Hause, ohne irgendeinen Feind zu erblicken.- Vom Finanzamt kam der beiliegende Schrieb. Ich finde, wir brauchen die Säumniszuschläge nicht zu bezahlen, sofern die Verspätung durch die Postbeförderung, also ohne unsere Schuld, entstanden ist. Aber das Übrige musst Du bezahlen! - Sonst gibts nichts Neues.- Bei klarem Wetter musst Du auch in Urfeld aufpassen, dass die Kinder nicht von Tieffliegern überrascht werden! Hoffentlich hast Du nicht allzu grosse wirtschaftliche Sorgen. Alles Gute Dir und den Kindern! Dein Werner.


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Hechingen, 18.2.45

Meine liebe Li -

heut ist nun wieder Sonntag, seit meinem Besuch bei Euch ist wieder ein Woche vergangen. Im Ganzen hab ich mich jetzt auf das Hiersein eingestellt; ich arbeite viel, auch an richtiger Wissenschaft, ausserdem geniesse ich den beginnenden Vorfrühling, der alle Lebensgeister wachruft und die ganze Zukunft voller Hoffnungen erscheinen lässt. Ich war in den letzten Tagen ein paarmal draussen, immer bei hellstem Sonnenschein; heut ist der Himmel zum ersten Mal wieder zugezogen. Dafür gibts heute weniger Alarm als sonst. An den Abenden bereiten wir das Konzert vor, das am Donnerstag stattfinden soll.

Programm:




Pause:













1. Mozart, Trio in B-dur
2. Mozart, Arie f. Sopran u. Violine
3. Mozart, Duett aus Figaro (Graf u. Susanne)

Duett aus Figaro (Figaro u. Susanne)

4. Mozart, Arie des Pagen aus Figaro

5. Beethoven Frühlingssonate
6.Schubert Lieder: Schwager Kronos

Wanderer an den Mond
Wegweiser
Post

7. Schumann, Duette: Wiegenlied

Ich bin hinausgegangen

8. Klengel: Adagio f. Cello
9. Hugo Wolf: Verborgenheit

Musikant
Gärtner
Heimweh

10. Richard Strauss: Zueignung

Die Lieder singen Pahl u. Frl Troll, im zweiten Teil hauptsächlich Pahl, die Geige spielt ein Musiker, der früher studiert u. dann im Kaffeehaus gegeigt hat, mit ordentlicher Technik, das Cello soll ein Berufscellist aus Ehringen übernehmen. Am Klavier werde ich ununterbrochen wirken, Es ist ja vielleicht verrückt, so etwas in der heutigen Zeit zu machen, aber man redet dann wenigstens mal ein paar Abende nicht von Politik.- Ob Du mit den Kindern auch tüchtig Musik machst? Wenn wir später wieder zusammen wohnen, wird es jedenfalls viel Musik geben. Hoffentlich habt Ihr heute einen netten Sonntag! Alles Liebe! Dein Werner.


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Hechingen, 21.2.45

Meine liebe Li -

eben haben wir wieder den ganzen Abend für das morgige Konzert geübt; das macht so richtig Freude, man vergisst alles Übrige dabei und überhört selbst das Gebrumm der Flieger, die in Scharen wie im Herbst die Zugvögel beim Mondenschein über unser Städtchen ziehen. Hechingen gefällt mir in diesen Tagen wirklich gut, der beginnende Frühling macht einen lebendig und weckt tausend Hoffnungen, vielleicht wird auch alles besser als wir denken.

Heute war Wolfgang Finkelnburg zu Besuch bei mir. Ich hatte ihn zu einem guten Kaffee eingeladen und es war wirklich nett. Auch über die Zukunft konnte man sehr vernünftig mit ihm sprechen. Er wohnt jetzt bei seinen Schwiergereltern in Nördlingen und scheint es auch mit seiner Arbeitsstätte gut getroffen zu haben.

Von Euch hab ich seit meiner Abreise nichts mehr gehört, aber das ist wohl auch nicht verwunderlich. Dieser Brief hier ist der vierte, den ich seit der Ankunft in Hechingen geschrieben hab.-

Nun bleibt gesund - fahrt so wenig wie möglich mit der Eisenbahn (Penzberg u.s.w.) und schreibt mir öfter. Alles Gute! Dein Werner.


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Hechingen, 23.2.45

Meine liebe Li -

ob Du überhaupt von mir hörst? Ich hab seit meiner Rückkehr nur Briefe bekommen, die schon vor meinem Urfelder Besuch geschrieben waren. Gestern kam einer vom 18.1. Aber es wird Euch ja wohl gut gehen; ein Glück, dass Urfeld nicht an der Bahn liegt. Der Fliegerbetrieb ist hier jetzt ganz enorm. Trotzdem waren die letzten Tage in Hechingen richtig schön; herrlichstes warmes Frühlingswetter, dazu die ganzen Abende Proben für das Konzert. Nachdem gestern von 10 h morgens bis 6 h abends fast ununterbrochen Vollalarm war u. wir trotz der Flieger noch eifrig geübt hatten, ging das Konzert abends von 8 h bis 1/2 11 h ohne Alarm und mit etwas 500 Zuhörern glänzend von statten. Für den Druck des beiliegenden Programms kann ich nichts, aber es ist wirklich sehr gut gesungen und gespielt worden. Pahl hat den grossen Saal mit seiner Stimme spielend gefüllt und sang so gut wie noch nie. Das Publikum tobte vor Begeisterung, besonders nach der "Zueignung" von Richard Strauss, die natürlich ein wunderbarer Abschluss war. Er musste dann noch zugeben und sang als letztes das "Heimweh", natürlich mit ungeheurer Wirkung. Dein Mann bekam eine Reihe von Freundlichkeiten zu hören und zwei Bücher geschenkt; als ich im Vorübergehen die Bemerkung hörte: "wie Raucheisen", ging mirs natürlich glatt herunter. Ich hab auch wirklich gut gespielt. Ja, wenn Du dabeigewesen wärst! Viele haben mich darauf angesprochen, ob Du nicht mal hier sein könntest. Wenn die Reiseschwierigkeiten und -gefahren nicht wäre, müsstest Du mal kommen; auch für Dich wär es eine Abwechslung und Belebung. Nach dem Konzert haben wir bei mir zu siebt noch "ausgewertet", Frau v. Weizsäcker u. Frau Wirtz waren dabei, die Sänger und zwei Damen der Biologie. Tee, Wein, Brötchen u. Kuchen. Nachts um 1 h wurde die Figaro-Aufführung sozusagen fortgesetzt, indem Pahl noch "Will der Herr Graf.." und "Nun vergiss leises Flehn" sang, Frl. Troll noch die Rosenarie und die Arie der Gräfin. Erst gegen 1/2 2 h gingen wir auseinander.

In den nächsten Tagen wird wohl Wirtz auch von Thüringen zurückkommen. Weizsäcker ist leider immer noch krank; er wechselt zwischen Angina u. Bronchitis und Grippe und ist in einem schlechten Zustand. Man merkt bei vielen Menschen jetzt einen gewissen Kräfteverfall. Auch Kühn sieht sehr alt aus und leidet infolge der Kälte im Januar an rheumatischen Beschwerden.- Mir selbst geht es unberufen körperlich und seelisch sehr gut. Nur auf der Radtour nach Haigerloch hab ich gemerkt, dass die körperlichen Kraftreserven kleiner sind, als ich selbst gedacht hätte. Ob sie zu einer Radtour von hier bis Urfeld reichen würden, weiss ich nicht recht. Aber ich fühle mich lebendig und aktiv und schmiede Pläne für unser Zusammensein nach dem Kriege. Das wird sicher trotz allem sehr schön werden.

Liebes, hoffentlich habt Ihrs in Urfeld so einigermassen. Sieh zu, dass Du die Russin durch eine tüchtige Deutsche, etwa aus dem Osten, ersetzen kannst. Der Zeitpunkt dafür ist jetzt genau richtig.

Dir und den Kindern alles Gute! Dein Werner.


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Hechingen 1.3.45

Meine liebe Li!

Du wirst in diesen Tagen viel Sorge um mich haben, und ich habe viel Sorge um Euch. Die Luftoffensive, die seit acht Tagen über Deutschland hereingebrochen ist, wird wohl das Ensetzlichste sein, was seit dem 30-jährigen Krieg ein Volk in Europa zu ertragen hatte. Ich möchte Dir auf Grund der Erfahrungen der letzten Tage einige Sicherungsmassnahmen schreiben, die ich für euch in Urfeld für nötig halte, besonders wenn die Front noch näher an Euer Gebiet heranrückt. Die grösste Gefahr für so einen kleinen Ort sind Tieffliegerangriffe. Nun sind die in Urfeld nur bei klarem Wetter möglich; aber sie erfolgen dann sicher vom See aus so, dass die Flieger von Süden durch den Kesselbergsattel abfliegen. Dabei ist unser Haus und die Wiese davor sehr gefährdet. Das Ziel wird in den meisten Fällen wohl die Strasse sein, insbesondere wenn etwa Autos dort fahren oder vor dem Fischer am See stehen. Das Schlimme ist, dass solche Angriffe so schnell gehen, dass man meist keine Zeit hat, in den Keller zu laufen. Sicher wirst Du keine Zeit haben, etwa noch Christinchen in den Keller zu bringen; das spielt sich alles in Sekunden ab. Als Sicherungsmassnahmen möchte ich Dich nun um folgendes bitten: An klaren Tagen sollen die Kinder nie unten auf die Strasse gehen. Am besten wäre es, dass einer von Euch an solchen Tagen dauernd von dem Haus sitzt und die Luftlage beobachtet. sobald man Jagdbomber hört oder sieht, sollten alle in den Keller. Aber das ist wohl nicht durchzuführen. Nur wenn etwa unten auf der Strasse grössere Autokolonnen fahren oder wenn die Kompanie auf dem Hang übt und M.G.'s aufgebaut hat und wenn dann bei klarem Wetter Ja-Bo's sich zeigen, dann müsst Ihr unbedingt alle sofort in den Keller. Die Kinder sollten an solchen Tagen nur auf der Terrasse spielen. Wenn plötzlich an solchen Tagen ein Flugzeug angebraust kommt, so müssen sich am besten alle einfach hinter die Terrassenmauer werfen (dicht an den Boden geschmiegt) und ich würde das einfach mit den Kindern üben. Ich glaube, man könnte die Kinder daran gewöhnen, dass man sich vor jedem Flugzeug decken muss, ohne dass sie deswegen sehr nervös werden. Auch hab ich gelernt, dass man bei sich selbst folgende Hemmung überwinden muss: Man hört ein Flugzeug, scheut sich aber, sich hinzuwerfen, weil man sozusagen die Blamage vermeiden will, dass man es unnötig getan hat. Das ist aber ganz verkehrt und durch den kleinen Zeitverlust kann es schon zu spät sein. Denn wenn schon geschossen wird, muss man ja schon gedeckt liegen. Im Keller müsstest Du vielleicht ein Fenster noch mit Sandsäcken abdecken und für Dich u. die Kinder Plätze einrichten, an denen Ihr vor M.G.Kugeln wirklich sicher seid; etwa an der Mauer, an der der Waschofen steht. An Tagen mit viel Luftbetrieb müsst Ihr eben doch längere Zeit im Keller bleiben. Ich könnte mir denken, dass dann, wenn die Front näher an Urfeld heranrückt, gelegentlich grössere Wagenkolonnen auf der Strasse entlangfahren. Dann müsst Ihr bei klarem Wetter unbedingt die ganze Zeit im Keller bleiben; es können dann ja auch Bomben geworfen werden. Aber Du wirst das alles ja schon richtig machen; nimm jedenfalls die Gefahren nicht zu leicht. Im Ganzen ist doch wohl Urfeld ein verhältnismässig sicherer Ort, wegen der Berge u. weil es keine Bahn gibt.-

Sehr zweifelhaft ist mir, ob ich in der nächsten Zeit nochmal nach Urfeld kommen kann. Fahrten mit der Eisenbahn kann man nicht mehr riskieren; für das Rad ist der Weg recht weit, ausserdem sind auch die Landstrassen gefährlich. Jedenfalls mach Dir keine Sorgen, wenn ich nicht so bald komme und wenn Du längere Zeit nichts von mir hörst. Ich will es alles so machen, wie es für uns am besten ist, und das kann man erst im Augenblick entscheiden.

Sonst geht hier alles soweit gut, ein Brief von Dir ist in acht Tagen von Urfeld hierhergekommen, das war sehr schön. Beim Mittagessen vor dem Haus müsst Ihr aber sehr vorsichtig sein vor den Fliegern!

Alles Gute! Dein Werner.

 


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Hechingen 4.3.45

Meine liebe Li -
meinen letzten Brief über die Sicherungsmassnahmen gegen die Tieffliegerangriffe hast Du wohl bekommen. Sei bitte bei klarem Wetter sehr vorsichtig, denn davon hängt Dein Leben u. das der Kinder ab. Da wir hier seit drei Tagen schlechtes Wetter haben, war es hier etwas ruhiger, wofür ich sehr dankbar war. Die Tage vorher waren scheusslich, aber jetzt hat sich das seelische Gleichgewicht wieder einigermassen hergestellt.

Gestern früh war ich unter Führung durch Baurat Genzmer auf dem Hohenzollern und hab mir eine Anzahl schöner Bilder aus dem Wallraff-Richarz-Museum angeschaut: Die Madonna von Stephan Lochner, ein grosses Porträt von Rembrandt, französische Impressionisten (Renoir u.a.), die berühmte Kanalbrücke von van Gogh, und einige sehr gute Bilder von Leibl. Das war ein grosser Genuss, besonders da man die Bilder einfach in die Hand nehmen und genau studieren kann. Ein ganz kleines Bildchen von Caspar David Friedrich: ein Baum vor dem halbdunkler Abendhimmel, dahinter eine dünne Mondsichel, hat mir auch einen grossen Eindruck gemacht.

Heut früh bin ich zu Ehren des Sonntags in den Wald hinter dem Zollern gelaufen, nachmittags hab ich mir einen anständigen Kaffee gebraut und zum Abendessen soll ich zu Weizsäckers gehen. An solchen Tagen ist es recht gemütlich, auch Musik hab ich viel getrieben. Leider ist lange keine Nachricht mehr von Dir gekommen, aber das ist ja kein Wunder u. kein Grund zur Besorgnis. Die Telefonleitungen nach Bayern scheinen auch alle gestört.

Der Wehrmachtsbericht spricht von Kämpfen bei Düsseldorf und Trier. Man hat die Sorge, dass auch die Westfront noch in rückläufige Bewegung geraten könnte. In unserer Gegend sieht es einstweilen nicht nach grösseren Kampfhandlungen aus, es sei denn, dass man den Luftkrieg so deuten soll. Aber das glaube ich nicht.

Abends: Inzwischen sind unerwartet mit einem Auto aus Berlin Dr. Telschow und Diebner gekommen, morgen früh kommt noch Gerlach aus Tübingen. Das ist gut, es gibt ja viele wichtige Dinge zu besprechen. Gerlach fährt nach München weiter; ich bin in Versuchung mitzufahren, aber ich glaube, ich darf hier jetzt nicht weg. Aber zum mindesten kann Gerlach Post an Dich mitnehmen, vielleicht auch mit Dir telefonieren. Dann höre ich auch, wies' bei Euch steht. - So, jetzt bin ich müde u. morgen ist wieder ein arbeitsreicher Tag. Nur noch eins: sieh zu, dass Du Vorräte im Haus hast, und besprich die Frage der Ernährung mal mit Frl. Pensberger! Und fahr nie untertags Eisenbahn oder Auto! Gut Nacht für heut, und alles Gute!Dein Werner.

 


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Hechingen 9.3.45

Meine liebe Li!

Neulich kam ein Brief von Dir, der nur 5 Tag alt war, aber seitdem ist keine neuere Nachricht da. Ich denke, es wird Euch schon gutgehen; bei dem schlechten Wetter ist die Fliegergefahr geringer, nur werdet Ihr wohl wieder Schnee haben. Meine grösste Sorge ist die Frage, wie Ihr später zu essen kriegen sollt. Ich bitte Dich, in dieser Richtung alles nur irgendmögliche zu tun. Pflege die Beziehung zu Schmidts u. Frl. Pensberger. Da ist noch eine besondere Schwierigkeit: der Garten muss diesmal sehr gut gedüngt und angebaut werden. Es ist mir sehr zweifelhaft, ob ich vor dieser Zeit nach Urfeld kommen und Euch Samen mitbringen kann; jedenfalls darf man sich darauf auf keinen Fall verlassen. Du musst also alles daransetzen, Samen von Leitersdorfer oder Niklas zu bekommen.

Die Anna muss mit den Kindern nach Sachenbach und dort Mist holen. Das Vernünftigste wäre, wenn wir noch neues Land, etwa auf der grossen Wiese, umgraben und dort z.B. Kartoffeln säen würden. Man muss sich ja auf jeden Fall so einrichten, dass man den Sommer über in Urfeld bleiben kann. Ob ich in der nächsten Zeit nach Urfeld kommen kann, weiss ich nicht; ich denke immer wieder über diese Frage nach und habe jetzt eher das Gefühl, dass es für die Zukunft besser ist, wenn ich hierbleibe. Aber das hängt dann alles von Einzelheiten ab, die man nicht vorausrechnen kann; ich hoffe, dass ich schliesslich den richtigen Entschluss finde.

In den letzten Tagen war es hier infolge des schlechten Wetters ruhig, das habe ich sehr genossen. Nun sieht es so aus, als ob es klarer würde, dann muss man eben wieder leben wie das Wild im Wald, das auf jeden Laut horcht und sich durch einen schnellen Sprung in Sicherheit bringen kann. Du sollst Dir nicht zu viel Sorge um mich machen; wir leben hier noch auf einem sehr günstigen Fleckchen Erde. Ich hab da auch mehr Sorge um euch als um mich. Auch verhungern werde ich hier nicht, es gibt viele Freunde, die mir in der Not helfen können. Gestern kam ein Brief von den Eltern mit der guten Nachricht, dass Ediths Mann aus der Gefangenschaft geschrieben hat. Damit ist für Edith ja die wichtigste Lebensfrage zum Guten entschieden. Aber natürlich drohen auch in Überlingen noch Gefahren. Sonst war Muttis Brief sehr traurig; man spürt, wie schwer er ihr wird, das zu verstehen, was geschieht.- Von Mama hatte ich lang keine Nachricht. Schreib mir bitte, ob du sie nach Urfeld bekommen konntest oder ob Du wenigstens regelmässig Verbindung mit ihr hast. Ich habe Sorge um sie, sowohl wegen des Hungers als auch wegen der Nähe des Bahnhofs. Hier sind sehr viele, auch kleine Bahnhöfe zerstört worden. Es wäre schön, Euch alle beisammen zu wissen. Ja, wenn wir uns das nächste Mal treffen, wird alles ganz anders aussehen; hoffen wir, dass es dann besser aussieht, gelt! Dir und den Kindern und Euch allen alles Gute! Dein Werner.

 


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Hechingen 13.3.45

Meine liebe Li -

seit langem ist keine Nachricht mehr von Euch gekommen. Ein Soldat erzählte, dass die Donaubrücke bei Ulm zerstört sei, dann kann man ja verstehen, wenn die Post nicht mehr durchkommt; also versuche ich, mir keine Sorgen zu machen.

Heut nachmittag bin ich bei wolkenlosem Himmel und warmer Sonne mit dem Rad nach Haigerloch gefahren, wo jetzt ein Teil meiner Institutsarbeiten läuft. Dieser Vorfühling kann unglaublich schön sein. Besonders auf der Heimfahrt, als die Sonne schon tief stand, wurden die Farben der Berge so ganz zart, wie in einen bläulichen Schimmer getaucht, so wie es die französischen Impressionisten malen konnten. Diese Art von Dienst, bei der man allein in der Natur draussen sein kann, gehört zum Besten, was der Krieg mit sich gebraht hat. Dass man dabei gelegentlich mit den Fliegern das Maus- und Habichtspiel spielen muss, beeinträchtigt die Freude nur wenig; denn man ist dabei wegen der vielen Deckungsmöglichkeiten eigentlich immer im Vorteil, wenn man Augen und Ohren offen hält.

Am letzten Sonntag hab ich bei recht schlechtem Wetter mit Pahl und zwei Damen einen Ausflug nach Jungingen gemacht. Dort gab es Bekannte der Damen, die uns mit Kaffee und ausgezeichnetem Kuchen bewirteten. Man freut sich jetzt doch schon auf jeden Extrabissen, den man so nebenher erhaschen kann. Häusslers schenken mir auch immer wieder Äpfel, und gelegentlich ein Stück Kuchen, es geht mir also nicht schlecht.

Heut nacht muss ich wieder als Volkssturmmann eine Brücke bewachen. Eigentlich hätte ich schon um sieben Uhr im Wachlokal sein müssen, Durch eine glückliche Verwechslung liess sich aber erreichen, dass mein Dienst erst um elf Uhr anfängt, so kann ich noch diesen Brief schreiben. Es ist ja etwas anstrengend, wenn man den Tag über mit dem Rad fort war, noch eine Nacht zu wachen und den nächsten Tag wieder im Institut Dienst zu tun. Aber irgendwie geht es dann schon.-

In Deinem letzten Brief schriebst Du von Woi's Musik. Ich bin gespannt darauf, was der kleine kerl bei meinem nächsten Besuch können wird. Es ist sehr schön, dass Du die beiden Zwillinge so zur Musik anhältst. Das Können und Wissen ist ja doch der einzige dauerhafte Besitz; und die Musik wahrscheinlich der wichtigste Teil der Vergangenheit in Deutschland, der noch an die nächste Generation weitergegeben werden kann.-Hoffentlich höre ich doch bald mal wieder von Euch; ich entbehre es sehr, wenn ich scheinbar gar keinen Kontakt mehr habe, auch von Mama kam keine Nachricht. Telefonverbindungen nach Bayern sind offenbar auch für die Luftwaffe nicht mehr möglich.- Wann wir uns wohl wiedersehen? Ich warte hier einfach ab, wie alles weitergeht; die Entwicklung vollzieht sich immer wieder langsamer als man denkt. Jedenfalls schreib ich regelmässig; ob Du die Briefe bekommst, ist freilich eine andere Frage. Also bleibt gesund ,und geniesst diesen Vorfrühling! (Noch zwei Mahnungen: Nehmt Euch, bes. die Kinder, vor den Tieffliegern in Acht; und vergiss den Anbau des Gartens nicht). So,jetzt muss ich zur Wache; also gute Nacht für heut! Dein Werner.

 


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Hechingen 16.3.45

Meine liebe Li -

eben kommt Dein Brief vom 1.3., seit langer Zeit das erste Lebenszeichen. Du schreibst ja wichtige Neuigkeiten: dass Frau Linders Kind zu uns kommen soll und dass Frau Krieger in Ufeld ist. Wo Frau Krieger untergekommen ist, kann ich aus Deinem Brief nicht entnehmen; ich hoffe sehr, dass sie wenigstens ernährungsmässig unabhängig von uns ist. Mit Hans-Christoph ist das Ernährungsproblem natürlich der schwierigste Punkt. Hoffentlich bekommst Du wenigstens Kartoffeln für ihn. Sonst könnte ich mir denken, dass Maria Linder wieder auflebt, wenn sie ihn bei sich hat, und dass dadurch vieles einfacher wird. Andererseits darf Waltraut keine Mehrarbeit durch ihn bekommen; auch darf das Problem des Vaters nicht diskutiert werden. Aber das wirst Du Dir wohl alles überlegt haben. Ich halte es für wichtig, dass Du in der nächsten Zeit einmal Schmidts in Starnberg besuchst (aber bei gutem Wetter keinesfalls mit der Eisenbahn; am besten mit dem Rad als zweitägige Radtour). Denn es geht mit der Ernährung jetzt wirklich ans Leben. Schon hier in Hechingen werde ich nicht mehr entfernt satt. Die Speerpakete sind aufgebraucht, nur die Äpfel von Häusslers helfen ein wenig. Ich werde dauernd magerer und körperlich weniger leistungsfähig. Bei Euch wird es auf die Dauer aber noch viel schlimmer werden. Auf Marken wirst Du in einigen Wochen oder Monaten so gut wie nichts mehr bekommen. Du musst also Vereinbarungen treffen, dass Du auf Geld etwas bekommst. Man kann dieses Problem garnicht ernst genug nehmen. Auch muss unser Garten voll angebaut werden. Am besten wäre es, Ihr würdet noch einen Kartoffelacker anlegen und ausgekeimte Kartoffeln als Saatgut verwenden oder Euch bei Schmidts Saatgut verschaffen. Das Problem wird noch dringender, wenn Mama in Urfeld sein sollte. Leider hab ich von ihr seit Wochen nichts mehr gehört. Also Liebes, es fängt jetzt wirklich der Kampf ums Dasein an, und ich finde es schrecklich, dass ich Euch jetzt nicht helfen kann. Du kannst leider in den nächsten Wochen (auch z.B. mit der Gartenbestellung) garnicht auf meine Hilfe rechnen. Ob ich in der nächsten Zeit mal zu Euch reisen kann, ist ganz unsicher. Es ist wahrscheinlich besser, es nicht zu tun.

- Freitag abend. Inzwischen war ich nachmittags mit dem Rad in Haigerloch. Draussen ists so warm, dass ich ohne Mantel gefahren bin; ein ganz wunderbares Wetter. Die Offensive im Westen hat für uns eine erheblich Verbesserung der Luftlage gebracht, aber das wird wohl nicht lange anhalten.- Ich will noch ein wenig zu Häusslers oder zu Weizsäckers gehen, denn zum Arbeiten bin ich zu müde.- Also, Liebes, alles Gute, hoffentlich ist es in Euerm "Flüchtlingslager" Urfeld einigermassen harmonisch. Für Maria Linder wird es ja menschlich viel leichter sein, wenn sie ihren Jungen bei sich hat, und dann wird auch das Zusammensein für alle leichter. Grüss die Kinder sehr von mir, und nimm Dich auch der kleinen Ria an! Dein Werner.

 


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Hechingen 24.3.45

Meine liebe Li -

Morgen ist Palmsonntag und draussen ist voller Frühling. Heut war den ganzen Tag kaum ein Wölkchen am Himmel; ich bin in der Früh ohne Mantel nach Haigerloch gefahren und hab mir auf dem Rückweg Veilchen und Anemonen für mein Zimmer mitgenommen. Das war überhaupt ein gelungener Tag: Nachmittags hatte ich mir zum Kaffee Herrn u. Frau Thomer eingeladen, die gerne Musik hören wollten und von denen ich hoffte, gelegentlich etwas zu essen zu bekommen. Pahl, Hiby, Frl. Troll und zwei andere Damen der Biologie waren ebenfalls geladen. Merkwürdigerweise kamen die Thomers nicht - vielleicht wegen der vielen Flieger -, dafür haben wir aber den ganzen Nachmittag Musik gemacht und schliesslich Kaffee und den von mir gebackenen Kuchen allein verzehrt. Am Schluss waren wir alle so guter Dinge, dass noch eine Mondscheinexpedition auf den Zollern geplant und durchgeführt wurde; von der komm ich jetzt eben zurück. Der einzige Minuspunkt ist der ausgebliebene Besuch von Thomers, denn ich hab jetzt immer sehr Hunger und komme mit den Marken einfach nicht mehr aus.-Was werdet Ihr wohl an diesen wunderbaren Frühlingstagen machen? Wenn ich daran denke, dass es in acht Tagen an Ostern vielleicht genau so warm ist und dass die Kinder draussen Ostereier suchen, dann scheint es mir doch recht bitter, wenn ich nicht zu Euch kommen kann. Vielleicht kommt in einigen Tagen Gerlach hierher und nimmt mich im Auto mit; das ist noch eine kleine Hoffnung. Mit der Bahn will ich nicht fahren, ich hab ja auch keinen dienstlichen Grund.
Also brauchst Du Dir keine Sorgen zu machen. Es sieht ja jetzt beinahe so aus, als ob Bayern von Franken her eher bedroht sein könnte, als Württemberg. Aber auch dann liegt Urfeld weit vom Schuss.

Nachmittags. Eben war ich einkaufen, jetzt will ich mir auf dem leider nur kümmerlichen Gas etwas Tee machen, bevor ich ins Institut gehe. Das Einkaufen ist auch so eine ärgerliche Tätigkeit; erst steht man endlos lange an. Dann sieht man ganz genau, dass die Waage nur 140g anzeigt, wenn man 150g Marken abegegeben hat, aber man wagt nichts zu sagen, da man ja sonst bestimmt keine Streichhölzer oder Salz mehr bekommt. Na ja, das geht ja auch mal vorüber.-

Abends. Inzwischen ist der Abend mit Musik und Gästen noch ganz nett geworden, jetzt ist es 1 h Nachts, die Gäste sind eben weg und ich warte, bis das Wasser warm wird, ums Geschirr abzuwaschen. Zum Abendessen waren Pahl und ich Gäste der Damen der Biologie, die uns hier in meiner Wohnung ungeheuer nahrhaft bewirtet haben. Dann musste ich kurz zum Volkssturm, später kamen noch Weizsäckers, auch die Schwester der Frau v. Weizsäcker, so wurde bis Mitternacht musiziert. Das was ja alles sehr nett; aber ich hab schrecklich Sehnsucht nach Euch, möchte an Ostern dabei sein, wenn die Kinder im Garten Ostereier suchen, und möchte die Krokusse am Springbrunnen blühen sehen und dahinter den See und die Berge. Und Du wirst in diesen Tagen immer drauf warten, dass das Telefon klingelt und ich Dir sage, ich käme jetzt. Aber es geht eben nicht. Liebes, bleibt gesund, mach Dir keine Sorgen um mich und nimm alle Kraft zusammen, dass Du durchhältst. Sobald es irgend geht, komm ich zu Euch, Dein Werner.

 


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Hechingen 29.3.45

Meine liebe Li!

Heut kam ein Brief vom 23. von Dir hier an; das ist ja wunderbar schnell gegangen. Was Du von Maria Linder schriebst, macht mir grosse Sorgen; es kann gut sein, dass sie infolge ihrer Krankheit zu wenig isst und dass es ihr dann immer noch schlechter geht.- Ich hoffe sehr, dass Du die Verbindung mit Schmidts noch verstärken kannst. Wenn ich nach Urfeld komme, könnte ich vielleicht Schmidts besuchen und direkt eine geschäftliche Basis für diese Verbindung anstreben, Aber wann kann ich kommen? Meine Hoffnung, dass Gerlach hier durchkäme und mich mitnimmt, hat sich nicht erfüllt. Obwohl ich mit dem Rad bis Urfeld fahren könnte, scheint es mir aus dienstlichen Gründen unmöglich. Ich will Dir diese Gründe später genau schildern, ich bin sicher, dass Du sie billigen würdest. Aber ich muss gestehen, dass ich unter diesem Konflikt der Pflichten sehr leide; denn Ihr würdet mich auch dringend brauchen. Es tröstet mich noch ein wenig, dass ich Euch so nicht noch etwas wegesse, denn Du hast sowieso für zu viele zu sorgen. Hoffentlich hast Du Kartoffeln u. Mehl noch bekommen; hoffentlich reichen Deine eigenen Kräfte für die kommenden Zeiten aus.- Gestern hab ich hier 5 Pf. Mehl und 1 Pf. Nudeln geschenkt bekommen, Du siehst also, in der Not komme ich hier schon irgendwie zurecht.- Der Volkssturm bereitet sich hier auf Panzerbekämpfung vor; nach Ansicht der Fachleute werden wir davor aber noch einige Wochen Ruhe haben. Ausserdem werde ich dann dienstlich zuerst für das Institut zu sorgen haben, die Panzerbekämpfung wird nicht in erster Linie mein Auftrag sein.

Ostersamstag, Abends.

Meine liebe, gute Li! Nun ist Gerlach doch noch gekommmen und fährt heut Nacht nach München. Aber er sagt, dass er niemanden mitnehmen darf. Vielleicht lässt sich dieser Befehl umgehen; aber selbst dann darf ich nur fahren, wenn ich nach Ostern wieder hierherkomme. Das habe ich eingesehen, aber es wird mir schrecklich schwer. Vielleicht ist es dann sogar besser, wenn ich hierbleibe, der Abschied würde mir sonst vielleicht zu schwer. Liebes, sei nicht zu traurig und mach Dir nicht zu viel Sorgen um mich. Sei ruhig und tapfer, wenn es bei Euch gefährlich wird. Bereite Dich auf jede Gefahr vor und sieh zu, dass Du in Kochel und Walchensee Bekannte hast, die Dir Nachricht geben, wenn Gefahr droht. Im Notfall ist die Hütte, die wir verabredet haben, ein guter Zufluchtsort. Aber nimm genug zum Essen mit. Eventuell könntest Du Dich mit Trinkelts (?) zusammentun; ein Mann kann viel helfen in solchen Situationen, Vielleicht kann ich Dir auch noch einen Mann vom Institut schicken.- Ich gebe diesen Brief Gerlach mit, der soll ihn in München einwerfen. Also, Liebes, sei tapfer, ich komm dann bald zu Euch! Dein Werner.

 


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Hechingen 11.4.45

Meine liebe Li -

ich hab Dir länger nicht geschrieben, wohl weil ich das Gefühl hatte, Briefe kämen jetzt doch nicht durch, ausserdem könnte ich wohl bald zu Euch kommen. Die Aussichten dafür, zu Euch zu fahren, sind jetzt wieder grösser geworden, weil es einen neuen Erlass des Führeres gibt, aus dem das unter Umständen folgt. -Freilich würde ich dann nur im letzten Augenblick hier abreisen können, und auch sonst gibt es einige "tabu".

Im Ganzen geht hier alles gut und ich bin guten Mutes hinsichtlich der nächsten Zukunft. Meine Schwierigkeiten sind so ganz anderer Art, als die bei Euch. Ihr habt eben immer zu viel Arbeit. Das kann ich ganicht sagen; denn selbst wenn ich einen Tag lang beim Volkssturm schanzen muss, so ist die Anstrengung dabei - ebenso wie der Nutzeffekt - minimal. Dazu dieses wunderbare Frühlingswetter! Ein Tag ist schöner und wärmer wie der andere; einen solchen Frühling haben wir doch seit Jahren nicht mehr gehabt. Es gibt nur zwei Hauptübel, die diese Zeit hier verderben (abgesehen von der Trennung und den menschlichen Problemen): der Hunger und die Flieger. Obwohl ich gelegentlich etwas zu Essen geschenkt bekomme, bleibt es im Ganzen zu wenig. Wer hätte vor zehn Jahren gedacht, dass man einmal um jedes Stück Brot dankbar sein würde, das man geschenkt bekommt. Und dann sind die Flieger immer da und stören jede Ruhe zur Arbeit. Sie kommen so schnell, dass man gerade Zeit hat, etwa vom Wohnzimmer in die gedecktere Küche zu laufen, dann schiessen sie, meist auf Autos oder Züge, werfen ein paar Bomben (kleineren Kalibers) und sind wieder weg. Gestern früh ging ein M.G.-Schuss ins Institut, zum Glück ohne jemand zu treffen. Wir sind sehr vorsichtig geworden und springen stets schnell in Deckung; das öffentliche Alarmieren ist stets viel zu spät. Man muss Ohren u. Augen offenhalten, das ist alles.

Zwei Tage lang zogen hier endlose Kampfverbände vorbei und warfen ihre Last etwa 20 km östlich von Hechingen in einen Wald. Dort liegen, wie ich hörte, grosse Munitionsdepots unter der Erde. Die Verbände warfen Bombenteppich auf Bombenteppich, bis schliesslich wieder ein Teil des Depots in die Luft flog. Dann entwickelte sich nach dem unbeschreiblichen Donnern der Explosionen ein richtiger Rauchpilz, der für eine Stunde dann als einzige weisse Wolke im dunkelblauen Himmel über uns weg nach Westen zug. Obowhl wir nach kurzer Zeit verstanden, dass dies alles für uns keine Gefahr bedeutet, ist die seelische Wirklung solcher elementarer Ereignisse sehr gross. Die Gewalt der Druckwellen war trotz der 20 km so stark, dass in meiner Küche ein Fenster zerbrach; - gegen Abend wird man dann müde und schlapp, ohne irgendetwas gearbeitet oder geleistet zu haben. Ja, das ist wirklich ein merkwürdiges Leben! Wenn ich Zeit habe, geh ich oft einfach in den Wald, nehm mir meine Arbeit mit und geniesse dort die Ruhe der Gefahrlosigkeit. So hab ichs auch heut nachmittag gehalten, um einen Vortrag für eine hiesige Coronella vorzubereiten, die heut abend zu mir kommt. Thema: Interpretation der chromatischen Fantasie u. Fuge von Bach. Mit dem Waldaufenthalt hab ich noch ein Sonnenbad verbunden. Übrigens war es heute etwas besser mit der Fliegerei; aber manchmal denkt man an den alten Soldatenspruch: "Lieber Gott, lass es Abend werden - Morgen wirds dann ganz von selber."
So, jetzt ists sechs Uhr, ich will noch etwas üben, dann mein Abendessen kochen und mich auf die Gäste vorbereiten. Wann und ob ich zu Euch fahren kann, weiss noch niemand, aber einige Tage muss ich wohl sicher noch hierbleiben.

Liebes, bleib gesund, und bereitet Euch auf die schlimmeren Zeiten vor. Sieh zu, dass Vorräte zum Essen da sind; und grüss die Kinder! Dein Werner.

 


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