Donnerstag abend (Juni 39)

Liebe Li!

Nun geht der erste Tag der Reise schon zu Ende und ich spüre, dass man an einem solchen Tag viel erlebt. Dein Telegramm hat mich zuerst etwas erschreckt. Aber nachher war ich doppelt froh über das Telefongespräch.

Die Fahrt war bei wolkenlosem Himmel recht schön; in der Nähe von Goslar hatten wir lange Zeit die ganze Nordseite des Harzes und den Brocken vor uns; so sind viele Erinnerungen lebendig geworden: an unseren Flug nach Frankfurt und an die Schifahrten mit Ernst und an frühere Fahrten. Auch Osnabrück steckt mir noch voll von Erinnerungen und ich mag manche Stellen, die objektiv wohl ziemlich scheusslich sind. Tante Grete fand ich ganz wohl. Guste war gerade heute früh durch einen Steinwurf eines Schülers im Gesicht verletzt worden, es ging ihr aber schon wieder besser. - Die Grenze haben wir vorhin überschritten. Jetzt fahren wir gerad durch ein dünenartiges Waldgebiet, an dem man merkt, dass wir bald ans Meer kommen. Darauf freu ich mich.-

Nun muss ich aber noch Deine Fragen beantworten: Meine Adressen sind: vom 22.-26.6. New York, bei Karl Heisenberg, Woosterstr. 69/71. Vom 27.6.-1.7. Purdue University, Physics Departm., La Fayette (Indiana). Vom 23.7.-2.8. New York.-- (..)

Inzwischen sind wir bis Utrecht gekommen. In Hoek oder Rotterdam will ich versuchen, den Brief einzuwerfen. Alles alles Gute Dir und den Kleinen! Dein Werner.

 

Montag mittag auf dem Schiff, Vlissingen (39)

Meine liebe Li!

Seit einer Stunde bin ich hier auf dem Schiff, habe eben zu Mittag gegessen und warte darauf, dass wir abfahren, was aber noch einige Zeit zu dauern scheint. Vielleicht kann ich den Brief noch an Land in den Kasten stecken. Das Wetter ist unglaublich schön, die Felder sind hier schon viel grüner als bei uns zu Hause, Holland sieht so friedlich und ruhig aus verglichen mit Deutschland. Trotz des blauen Himmels weht ein kräftiger Wind, der unser Schiff selbst im Hafen manchmal ein wenig in Bewegung setzt. Auf die Fahrt über das Wasser freu ich mich schrecklich, schon der Blick von hier auf die Wellen draussen ist herrlich.

Dich und die Kleinen vermisse ich sehr. Ich male mir aus, wie sie gefüttert werden, draussen auf dem Balkon in der Sonne stehen und gelegentlich schreien, Hoffentlich erholst Du dich recht, leg Dich nur auch oft im Liegestuhl neben den Kleinen auf den Balkon und geniesse die Freiheit von den vielen Pflichten in Leipzig. So nun schnell Schluss, damit der Brief noch an Land kommt. Alles alles Gute! Dein Werner.

 

Liverpool, 17.Juni nachm. 39

Meine liebe Elisabeth!

Inzwischen bin ich schon ein Stück weiter nach Westen gekommen. Ich sitze jetzt im Büro der Cunard-Linie, nicht weit vom Schiff und nütze die drei Stunden bis zur Abfahrt zum Schreiben aus. Seit meiner Ankunft in London gestern morgen hab ich fast ununterbrochen über Physik geredet und eine ganze Menge gelernt. Die einzige Unterbrechung dieser wissenschaftlichen Tätigkeit war ein kurzes Zusammensein mit Deinem Bruder Fritz. Der hat mir dieses Mal besonders gut gefallen: er war sehr lebendig, von allen möglichen Problemen und Aufgaben bewegt und wir haben uns gut verstanden. Er schien trotz aller Schwierigkeiten optimistisch und guter Dinge. Abends war ich bei den Blacketts und hab auch dort übernachtet. Blackett war recht krank gewesen (Streptokokkeninfektion), sah aber wieder ganz gut aus. In seinem Institut sah ich viele schöne und neue Aufnahmen von kosmischen Strahlenschauern. Hier in Liverpool hatte ich zuerst einige Aufregung, weil mein Koffer nicht angekommen zu sein schien. Schliesslich stellte es sich heraus, dass er auf merkwürdige Weise bereits auf das Schiff gekommen ist, ohne dahin aufgegeben zu sein. Das Schiff hab ich bisher nur von aussen gesehen, erst um 1/2 5 h dürfen wir es betreten.

Bei den vielen wechselnden Ereignissen der Reise bin ich bisher kaum dazu gekommen, einzusehen, dass ich weit wegfahre. Wenn ich einmal dazu kam, hab ich mir die Bilder von Euch angeschaut und mir vorgestellt, dass wohl alles zu Hause in Ordnung ist. Das hoff ich, so oft ich an Euch denke und ich freu mich schrecklich auf Deine erste Nachricht.

Bleibt alle gesund und vergnügt! Ich bin in Gedanken viel bei Euch. Dein Werner.

 

"Mauretania", (18.Juni 39)

Liebe Li!

Gestern vor der Abfahrt hab ich Dir nochmal ausführlich geschrieben. Nun will ich eine Art Tagebuch anfangen, das freilich erst mit unserer Ankunft in New York abgeschickt werden kann.

Die Abfahrt in Liverpool war sehr festlich und man spürte deutlich, wie populär in England der Name "Mauretania" ist. Unzählige Menschen standen am Kai und auf den Hafenstrassen, um das Schiff wimmelte es von kleinen Fahrzeugen und im Moment der Abreise ertönte ein ohrenbetäubendes Tuten und Pfeifen aller grüssenden Boote.- Das Wetter war bei der Ausfahrt wechselnd, recht kühl und nur selten Sonnenschein. Im halben Dunkel bin ich noch lange mit Herrn v. Wartburg auf dem Deck herumgelaufen. Es gefällt mir, mich mit ihm über ernsthafte Dinge zu unterhalten.-Unsere gemeinsame Kabine ist wie ein hübsches modernes Schlafzimmer, einfach aber äusserst bequem.

Heute vormittag haben wir nochmal in Irland angelegt. Ich konnte deutlich einen grossen Felsen wiedererkennen, an dem ich vor zehn Jahren einen grossen gestrandeten Personendampfer hatte liegen sehen. Der Himmel war heut ganz klar und die braungrünen Felsen der irischen Küste sahen herrlich aus. Gegen Mittag fuhren wir von Cobh ab, seit etwa 6 Uhr kann man kein Land mehr sehen. Es sieht auch so aus, als ob es schlechteres Wetter geben könnte. Der Himmel hat sich überzogen, auf dem Deck bläst uns ein scharfer Wind entgegen und eine wohl von weit her kommende Dünung hebt und senkt das Schiff in gleichmässigen Abständen.- v.Wartburg hat sich, da er sich nicht recht wohl fühlte, schon schlafen gelegt. Ich will jetzt noch ein wenig im Wind herumlaufen, dann muss man sehen, wie's morgen wird. Was Du wohl jetzt treibst? Die Kinder sind sicher schon längst im Bett. Also gut Nacht für heute! -

Montag abend: Nun ist wieder ein Tag Seefahrt vergangen. Die Wetterzeichen von gestern abend haben sich schon in der Nacht in Regen und Nebel verwandelt. Von Mitternacht an war alle anderthalb Minuten das tiefe Brummen des Nebelsignals zu hören, dessen Klang das Schiff mit einer etwas unheimlichen Atmosphäre umgibt. Zum Glück wurde es gegen mittag heller; die See ist jetzt ganz ruhig. Den Nachmittag haben wir mit Spielen auf Deck in der Sonne verbracht. Aber jetzt geht schon wieder das Nebelhorn. - Nachmittags gab es später an Bord ein Kinostück, das ich mir nach Überwindung einiger Hemmungen angehört hab. Ich ärgere mich dabei jedes Mal über die glatten und langweiligen Gesichter, in denen auch die entfernteste Spur von Geist sorgfältig vermieden ist. Aber das Stück handelte, wenn man es seiner äusseren Aufmachung entkleidete, vom alten Kampf des Teufels gegen den lieben Gott, wobei der erstere in Form von Telefonen und Geschäftstelegrammen fast persönlich auftrat; der liebe Gott hatte natürlich die Gestalt eines 'sweet girl' angenommen. Schade, dass er vielen heutigen Menschen nur noch so erscheinen will.--Ausser Herrn v. Wartburg hab ich noch keinen Menschen an Bord entdecken können, dessen Bekanntschaft ich mir wünschen würde. Es kann sie aber trotzdem gut geben, nur ist es auf einem grossen Schiff nicht leicht, sie herauszufinden. Aber auch, wenn es hier garkeine Menschen gäbe: das 'dolce far niente' geniesse ich sehr. Ich kann für Stunden in einem Stuhl sitzen und mich an den Wolken und den Wellen freuen.

Dienstag abend.- Seit einigen Stunden ist es zum ersten Mal vollständig klar. Das Meer ist noch ziemlich bewegt von dem schlechten Wetter heute mittag, aber die Luft ist ruhig, im Nordwesten stehen noch ein paar breite Wolkenbänder am Horizont, die von der untergegangenen Sonne einen roten Saum tragen. Das Wasser spielt im Schein dieser Wolken in hellblauen und gelbroten Farben.-Ich merke jetzt manchmal, wie weit ich schon von Euch weg bin und komme in Gefahr, etwas Heimweh zu bekommen. Wie gut, dass ich wenigstens die Bilder der Kleinen bei mir hab. Aber vom Jochen hab ich kein solches Zeichen, und wenn ich wieder komme, sieht er sicher ganz anders aus, als ich ihn mir vorstelle.

Mittwoch abend. Heute ist herrlichstes Wetter, das Meer ganz dunkelblau; bis vor einigen Stunden war es sehr warm; inzwischen sind wir offenbar aus dem Golfstrom heraus und geraten in das kalte Gebiet der Neufundland-Bänke. Wenn man auch nur für Minuten auf Deck geht, wird man vom kalten Wind ganz durch- und durchgeblasen. Leider zeigt ein Blick auf die Karte, auf der ja unser täglicher Mittagsstandort eingetragen wird, dass wir noch über zweitausend Kilometer von New York entfernt sind. Von einer Ankunft morgen kann also keine Rede sein, selbst am Freitag wird es kaum mehr möglich sein. Also kommen wir wohl erst Samstag früh dort an. Das verkürzt meine Zeit bei Onkel Karl erheblich und macht vielleicht den Aufenthalt in Princeton unmöglich. Und Du wirst in Sorge sein, wenn ich meine Ankunft so spät melde; vielleicht telegraphiere ich Dir morgen früh vom Schiff aus.

Donnerstag abend. Das Telegramm hab ich heute mittag abgeschickt. Hoffentlich hast Du aus dem etwas lakonischen Inhalt doch alles Notwendige entnommen und hast auch Frau v. Wartburg angerufen. Die Verspätung hat eigentlich keinen vernünftigen Grund. Es scheint, dass das Reisebüro uns in Leipzig einfach falsch berichtet hat; die Mauretania ist eben nicht als ganz schnelles Schiff gebaut. Trotzdem geniesse ich auch die verlängerte Seereise. Mit Herrn v. Wartburg spiele ich oft für Stunden oben auf Deck in der Sonne und die Reise ist wahrschienlich gerade kurz genug, dass uns die Spiele nicht langweilig werden. Das Meer war heute schon für einige Stunden ganz lichtblau; aber das richtige amerikanische Wetter wird erst morgen kommen.

Freitag mittag. Heut ist der Himmel fast wolkenlos und das Meer ist so still, wie auch der Walchensee nur bei ruhigstem Wetter sein kann. Die ersten Segelboote tauchen auf, ein paar Vögel fliegen um das Schiff und mit jeder Stunde spürt man das Näherrücken der Küste. Vielleicht wird noch heute spät abends Long Island in Sicht kommen. Morgen früh um 1/2 9 h sollen wir in New York sein. Da die Post noch vor unserer Ankunft das Schiff verlässt, will ich damit das Tagebuch schliessen, Ich freu mich sehr auf alles Neue drüben. Und hoffentlich höre ich bald von Dir. Euch vieren alles Gute! Dein Werner.

 

New York, Sonntag abends 25.6.(39)

Meine liebe gute Li!

Eigentlich bin ich schon sehr müd, aber mein Tagebuch vom Dampfer wirst Du leider erst mit einiger Verspätung bekommen; so will ich heut noch schreiben, bevor ich nach Chicago weiter fahre. Den Brief vom Schiff hatt ich an Land mitgenommen, um ihn mit Flugpost abzuschicken, Da hörte ich, dass die Flugpost eben abgegangen sei u. erst in acht Tagen wieder verkehre; dann steckte ich den Brief in den Kasten. Heut aber hörte ich, dass doch am Mittwoch noch Flugpost nach Europa geht. Da will ich lieber gleich schreiben.

Die Einfahrt in den Hafen von New York ist jedes Mal ein sehr starker Eindruck. Die grossen Gebäude von Manhattan waren lange Zeit in der etwas dunstigen Atmosphäre nur als Silhouette zu sehen. Die ganze Stadt sieht dann aus wie ein ungeheures Märchenschloss. Am Pier entdeckte ich bald Onkel Karl und Ottto Bauermeister. Ich hab mich richtig gefreut, beide wiederzusehen. Nach Erledigung der praktischen Dinge hab ich Dir dann telegraphiert und bin in Ottos Wohnung gefahren, wo ich seitdem untergebracht bin. Tante Helen war leider garnicht wohl, so konnte ich nicht draussen in Larchmont wohnen. Gestern abend sind wir dann mit dem Auto von Bekannten dorthin gefahren und haben beide besucht. Tante Helen war noch nicht sehr kräftig, aber sie war vergnügt und freute sich offensichtlich über das Wiedersehn.

Heute war ich den Sonntag über bei Otto in Flushing. Den Nachmittag haben wir zum Besuch der Weltausstellung benützt. Wie ungeheuer verschiedenartige Menschen es doch hier gibt! Weisse, schwarze, alle Arten von Mischlingen, greuliche Grimassen und auch wunderbar kräftige, frische Gesichter - alles läuft hier durcheinander. Dass dieses Gemisch einen Staat abgibt, erscheint wie ein Wunder, wenn man an das denkt, was wir mit dem Worte "Volk" meinen. Die Weltausstellung selbst ist interessant, aber eigentlich nicht so, dass man froh davon würde. Überall nur Technik und Propaganda. Das beste noch dort, wo die Technik an der Grenze ihrer Leistungen ist: bei den neuesten Lokomotiven, Automobilen u.s.w. Auch Italien und Russland haben zwei grosse Gebäude errichtet; Deutschland fehlt. Italien zeigt viel Kunsthandwerk, auch Technik (Flugzeuge u.s.w.). Bei den Russen war das beste: die grossen Skulpturen. Das Innere des Gebäudes z. Teil mit der billigsten und geistlosesten Propaganda angefüllt. Interessant aber, worauf die einzelnen Staaten stolz sind: Bei den Russen z.B. steht die Statue einer Frau, die gewohnt ist, einen Traktor zu führen; eines Bergarbeiters; Bilder von berühmten Fliegern. Ein Staat wie Amerika dagegen bezeichnet sich als: "The worlds most famous play-grounds", " The happiest city" etc. Alles in allem aber schildert die Ausstellung eine völlig inhaltslose, wenn auch äusserlich glänzende Welt.-

Heut früh hab ich mit Theo v. Laue telephonisch gesprochen, Es ist noch zweifelhaft, ob ich ihn sehen kann. Er wohnt jetzt bei Freunden in einem Bergland, das etwas 300 km von hier entfernt ist. Vielleicht kann ich dahin mit dem Auto von Onkel Karl kommen. Aber erst nach meiner Rückkehr von Purdue.

Ich finde es greulich, dass ich so lange nichts mehr von Dir und Euch gehört hab. Natürlich ist es nicht möglich, aber ich vermisse es sehr. Ich erlebe so viel Neues und hab doch eigentlich niemand, mit dem ich richtig darüber sprechen kann. Die Menschen denken ja hier auch so ganz anders als bei uns; besonders die Jungen. Eine 18-jährige Cousine von Mary wohnt hier mit im Haus, wird ausserdem viel von einem recht netten boy-friend besucht. Die völlig selbstverständliche Voraussetzung ist, dass das Leben dazu da sei, "to have a good time". Wenn sie merkten, dass das bei mir etwas anders aussieht, so würden sie mich für verrückt oder einen Schwindler halten. Aber ich lasse mir natürlich nichts merken. Eins ist sehr schön hier: es geht alles gewissermassen von selbst, ohne Aufwand.- Von Deutschfeindlichkeit hab ich übrigens bisher nichts gemerkt; alle Amerikaner haben mich sehr nett behandelt.-- Hoffentlich höre ich recht bald von Dir! Dir und den Kleinen alles Gute! Dein Werner.

P.S. (26.6.)Montag abend. In einer halben Stunde geht mein Zug nach Chicago. Für den Fall, dass mein nächster Brief doch nicht mehr rechtzeitig kommen sollte, schickich Dir vorsorglich recht viel gute Wünsche zum Geburtstag; aber ich will Dir noch einen richtigen Brief schreiben, der am Sonnabend hier weggeht. Alles, alles Gute! D.W.

 

Chicago, Dienstag vormittag (27.6.39)

Meine liebe Li!

Vor allem anderen will ich Dir jetzt viele gute Wünsche zum Geburtstag schicken. Ich finde es greulich, dass ich Dir nicht selbst den Geburtstagstisch richten kann; hoffentlich hast Du Besuch von Deiner Mutter und feierst mit ihr und den drei Kleinen. Wie es Euch allen jetzt wohl geht? Ich hab noch garnichts gehört von Euch, aber das ist ja wohl auch kaum möglich; doch entsteht so ein Gefühl von Unsicherheit, wenn man vierzehn Tag lang ohne jede Nachricht ist. Hoffentlich bekommst Du regelmässig Post von hier. Ich werde alle Briefe mit Luftpost schicken, die scheint hier immer am Mittwoch und Sonnabend wegzugehen (hier: d.h. von New York). Erkundige Dich doch mal, wenn bei Euch die Luftpost abgeht. Ich sammle dann in jedem Brief so ein Tagebuch von den drei Tagen.

Die Fahrt von New York hierher war wunderschön. Die ersten paar Stunden fährt man immer am Hudson entlang, der in vierlerlei Weise an den Rhein erinnert. Er ist breiter, aber auch durch Hügelketten auf beiden Seiten begrenzt, Die Ufer sind nur wenig besiedelt, ab und zu steht auf der Höhe ein Dorf aus lauter Holzhäusern. Auf dem Fluss selbst schwimmen Dampfschiffe und Paddelboote und die Ufer sind oft mit nackten Gestalten besetzt, die sich von der Hitze ins Wasser retten wollen. In der Nacht kamen wir einmal durch einen Wald, der von Millionenen von Glühwürmchen glitzerte, es sah aus wie im Märchen.- Heute früh hab ich mich zuerst in Chicago etwas verfahren, kam aber schliesslich dahin, wo ich wollte. Leider ist mein Koffer noch nicht da, ich kann also noch keine Wäsche wechseln. Dabei ist es unbeschreiblich heiss; der Himmel bedeckt und die Luft ganz feucht, Hoffentlich gibt es heut nachmittag Regen.

Mittwoch abend (28.6.). Inzwischen hab ich Deinen Brief bekommen; hab vielen, vielen Dank dafür. Wie viel bei Euch allein in den wenigen Tagen geschehen ist! Hoffentlich ist Jochen wieder ganz wohl; es ist ja nichts ungewöhnliches, dass er einen Leistenbruch hat; das wird sicher bald vergehen, aber man muss eben sehr aufpassen. Jetzt bist Du mit dem kleinen Kerl ganz allein in Leipzig. Die "Grossen" werden hoffentlich in Berlin keinen zu grossen Unfug machen. Dass sie am 4. Juli wieder zu Dir kommen, ist schön. Hoffentlich bekommst Du gute Hilfe. Es war so schön, von Euch zu hören; vielleicht kommt bald wieder Post.- Der heutige Tag war recht anstrengend, ich hab den ganzen Tag nichts wie Physik gehört u. getrieben.- Mein grosser Koffer scheint wirklich verloren zu sein; eine greuliche Geschichte. Ich hab bisher keine rechte Zeit gehabt, mich darum zu kümmern. Morgen früh muss ich alle Physik aufgeben und zuerst Erkundigungen einziehen. In einem fremden Land, in dem man die Organisationsformen nicht kennt, ist das eine unerfreuliche Aufgabe. Ich schreib deshalb auch lieber morgen weiter, denn durch diese Sache bin ich garnicht recht in der Stimmung zu schreiben.

Donnerstag abend (29.6.). Nun sieht es so aus, als ob ich meinen Koffer doch noch bekommen sollte. Er soll schon in Chicago sein und bald hierherkommen. Hoffentlich stimmt das. Ich hab mir gestern schon zwei neue Hemden gekauft, um wenigstens einigermassen anständig angezogen zu sein.- Auch der heutige Tag war vollständige mit Physik (und Koffersuchen) ausgefüllt. (Eben wird der Koffer ins Zimmer gebracht - hurrah!!). Ich freu mich, so viele alte Bekannte wieder zu treffen. Es ist überhaupt merkwürdig, nach zehn Jahren an eine entfernte Stelle der Welt zurückzukommen, die man einmal sehr gut gekannt hat. Viel ist nicht geändert, Die Menschen sind alle ein bisschen älter geworden - wahrscheinlich ich selbst auch. Aber alle sind sehr nett zu mir. Vorgestern war ich in dem Haus eingeladen, in dem ich ein halbes Jahr gewohnt hab. Das Klavier stand noch an der gleichen Stelle und ich hab natürlich auch drauf spielen müssen.-Bonhoeffer traf ich heute auch. Der fährt schon bald heim und soll Dir Grüsse bringen u. erzählen.-Die Hitze ist immer noch unbeschreiblich. Nachts schläft man auf dem Bett "ohne alles" -. Heut nacht wurde plötzlich vor meinem Fenster mehrfach geschossen, was mich an die "guten alten Zeiten - von Chicago" erinnerte, sonst erheblich störte. Es schien nur irgendein Unsinn zu sein. So, ich soll schon gleich wieder weg; ausserdem will ich keinen neuen Briefbogen anbrauchen, um Porto zu sparen (daher auch die enge Schrift). Also nochmal alles, alles Gute! Und feiere vergnügt mit den Kleinen! Dein Werner.

 

 

Freitag abend. (Chicago-Lafayette, 30.6.39)

Liebe, gute Li!

Jetzt ist der Kongress hier zu Ende; ich hab heut noch meinen Vortrag gehalten und jetzt bin ich unendlich müde von all den vielen Diskussionen. Im Ganzen hab ich sehr viel Neues erfahren und bin sehr froh, dass ich teilgenommen habe. Aber heut abend wär es schön, wenn ich gemütlich bei Dir sitzen könnte und Dir alles erzählen. Statt dessen bin ich allein in einem ziemlich langweiligen Hotelzimmer, bin so müde, dass ich kaum mehr denken kann, und könnte wahrscheinlich vor Hitze trotzdem noch nicht schlafen. Ich tröste mich mit Bildern aus Leipzig, teils im Kopf, teils mit denen aus meiner Tasche. Hoffentlich bekomme ich bald wieder Post von Dir. Wie es wohl mit dem Haus am Walchensee weitergeht? Und wieviel wiegt der Jochen jetzt? Was treiben die "Grossen"? - Die sind ja jetzt wohl in Berlin und führen sich hoffentlich ordentlich auf.- Morgens will ich mittags von hier wegfahren - ein Bekannter nimmt mich im Auto mit - zunächst in ein Landhaus am Michigansee, zum Baden, dann später nach Purdue.

Sonntag vormittag; Lafayette (2.7.). Gestern sind wir erst um Mitternacht hier angekommen. Am Vormittag hab ich noch verschiedene Kleinigkeiten in Chicago erledigt, den deutschen Konsul und die Parteivertretung besucht, um 1/2 3 h sind wir zu dritt mit dem Auto nach Michigan City gefahren (..) von dort noch zehn Kilometer weiter zu einem kleinen Badeort, Grand Beach genannt. Dort trafen wir auch gleich die Bekannten, eine Familie mit zwei sehr netten Kindern (Bub von etwas 6 Jahren u. Mädel etwa 4 Jahren). Zehn Minuten nach der Ankunft schwammen wir bereits im See, eine wunderbare Abkühlung nach der Hitze der vergangenen Tage. Dann haben wir alle möglichen Spiele betrieben, Spaziergänge am Strand und auf die Dünen unternommen, sind schliesslich nochmal für längere Zeit ins Wasser und kamen erst mit Einbruch der Dunkelheit in unsere Kleider. Nach dem Abendessen u. einem gemütlichen Beisammensein sind wir dort kurz vor zehn Uhr abgefahren. Es war ausnahmsweise etwas kühler geworden, bei herrlichstem Vollmond gings auf einer fast leeren Strasse nach Süden. Es war so hell, dass man auch ohne Scheinwerfer hätte fahren können. Die Landschaft erinnert ein wenig an Westfalen, viele Getreidefelder und Wiesen, dazwischen Laubwald.

Ich wohne hier in einem Gästehaus der Universität, die ganze Anlage des 'Campus' hat eine gewisse Ähnlichkeit mit den Kaiser-Wilhelm-Instituten in Berlin u. dem Harnackhaus. Ein kleiner Spaziergang (leider wieder bei greulicher Hitze) hat mir gezeigt, dass man schon in etwa einer halben Stunde ganz aus der Stadt herauskommt. Schon auf der anderen Seite des Campus fangen Viehweiden an, neben einem grossen Farmgebäude weiden die Universitätskühe, dahinter ist der Flugplatz, noch etwas weiter der Wald. Ich glaube, ich werde es hier drei Wochen lang recht nett haben.

Abends: Inzwischen gab es eine Einladung beim "Head of Department", der ganz gut Geige und Viola spielt. Natürlich: Kegelstatttrio und Vivaldi. Er wohnt auf einem Hügel auf der anderen Seite des Flusses; der Fluss heisst Wabash-River, ist ein wenig mehr als die Saale und geht mitten durch die Stadt. Die Stadt selbst ist kaum so gross wie Göttingen; es gibt natürlich keine alten Häuser, nur moderne Steinbauten im englischen Stil, dann viele meist aus Holz gebaute Villen. Man hat den Eindruck einer gewissen Wohlhabenheit, insbesondere die Universität scheint sehr reich zu sein.

Montag abend (3.7.) Nun kann ich nur noch in aller Eile ein paar Zeilen dazufügen, da ich oben erwartet werde und der Brief weg muss, um rechtzeitig zu kommen. Eben kam Dein zweiter Brief und einer von Mama. Hab vielen, vielen Dank dafür. Ich freu mich, dass bei Euch alles so einigermasssen geht. Dass Du jetzt Ruhe und Zeit hast, ist schön; Du kannst es so nötig brauchen.- Wenn der Jochen in die Gebirgsluft kommt, so wird er schon weniger nervös werden. Ich freu mich jetzt schon oft auf den Walchensee.

Um 1/2 8 Uhr ist meine erste, etwas offizielle Vorlesung, also muss ich ganz schnell schliessen. Euch Vieren alles, alles Gute, ich denke so viel an Euch und Ihr spürt das vielleicht auch ein wenig. Dein Werner.

 

La Fayette 4.7.39

Mein liebes "Geburtstagskind"!

Heute musst Du nun ohne mich feiern; aber die Kleinen kommen wohl zusammen mit Deiner Mutter um zu gratulieren, - die sind ja wohl auch eine Art Gruss von mir, - dann bekommst Du ein paar Kleinigkeiten, von denen ich freilich nicht so recht weiss, ob Du sie magst, und schliesslich hab ich vorhin ein Telegramm abgeschickt. Leider bekommst Du das wohl ziemlich spät. Denn unsere Zeitrechnung unterscheidet sich von der Euren um 6 Stunden, sodass es jetzt bei Euch schon Abend wird. In einem Winkel meines Herzens hab ich dran gedacht zu telephonieren. Aber erstens ist es unheimlich teuer und zweitens wären von diesem kleinen Nest aus so viele Zwischenverbindungen nötig, dass es mir zweifelhaft scheint, ob die Sache funktionieren würde. So tröste ich mich damit, dass ich in einem Monat schon wieder auf der Rückreise bin.

Über Deinen Brief hab ich mich so sehr gefreut. Ich kann mir den Garten gut vorstellen und entbehre es, dass es hier keine Rosen gibt. Dein Gespräch mit Jacobi kann ich auch gut verstehen; er hat schon recht damit, dass man nicht alles haben kann. Aber wenn das, was wir tun, nicht im Oberflächlichen stecken bleiben soll, so wird es doch wohl immer so sein, dass wir es so mit unserem ganzen Leben tun müssen, dass wir auf die meisten Möglichkeiten von selbst verzichten. Darin sehe ich kein Unglück. Ich bin auch fest davon überzeugt, dass wir später, wenn die Zeiten dem geistigen Leben günstiger werden, auch viel mehr als bisher daran teilnehmen werden. Wie sehr diese Möglichkeiten von der ganzen Atmosphäre um uns abhängen, empfinde ich hier besonders stark. Hier gibt es sehr lebendige Menschen; gerade die Jungen bemühen sich mehr als bei uns um die geistigen Dinge.

Mittwoch abend (5.7.) Heut hab ich wieder einen Brief von Dir bekommen. Hoffentlich bist Du inzwischen recht vorsichtig gewesen, es tat mir so leid, dass Du krank warst. Aber herrlich, dass Du geschrieben hast. Ob ich den kleinen Jochen wohl überhaupt wiedererkenne, wenn ich heimkomme? - Wie steht es mit dem Walchenseehaus? Wird es fertig, bis wir einziehen? (..) Und treib nur recht viel Musik so lang ich fort bin. Vielleicht wirds Dir dann doch leichter, auch wenn ich zu Hause bin. Ich bin hier auch ziemlich fleissig. Nur ist das Klavier leider schlecht, und die Zimmer sind zu warm dazu (..); aber ich versuche, jeden Tag eine Stunde zu lernen.-

Der gestrige Tag, Dein Geburtstag, hat bei uns noch einen schönen Abschluss gehabt. Wir fuhren gegen Abend weit hinaus in ein Hügelland, das sich, von Wäldern überzogen, von hier nach Süden ausdehnt. Draussen blieben wir, an einem merkwürdigen Wasserfall zwischen Felsen, bis fast um Mitternacht. Dabei wurde ein kleines Feuer gemacht und es kamen langsam Erinnerungen aus ganz früher Zeit zurück; es ergab sich von selbst, dass ich allein das Feuer versorgte und ich hab wie von selbst nach den alten Regeln Scheit auf Scheit ins Feuer gelegt, bis es ganz regelmässig und rund aussah und wunderbar gleichmässig brannte. Über dem Feuer wölbte sich ein herrlich klarer Sternhimmel, der nur ein wenig anders aussah als bei uns zu Haus. Später kam der Mond herauf und verwandelte das ganze Bild noch einmal, im Mondlicht sah der Wald heimatlich und vertraut aus; als ich da so hineinschaute und noch dazu den Rauch vom Feuer in meinen Kleidern spürte, war es mir, als sei eine ganz tiefe Saite angeschlagen worden, die lange nicht mehr geklungen hat.

Donnerstag abend(6.7.). Der Brief muss fort und in fünf Minuten soll ich im Institut sein. Heut hab ich Vorlesung gehalten, Tennis gespielt, viele Diskussionen geführt. Ich hab das Gefühl, ich werde hier jünger und beweglicher. Auch in die Zeitung schau ich nur ganz selten. Amerika hat merkwürdige Wirkungen, auch bei mir. Aber ich freu mich doch darauf, dass ich bald wieder heimkomm. In vier Wochen reise ich wieder ab. Also in Eile tausend herzliche Grüsse! Dein Werner.

 

 

La Fayette, Freitag 7.7. abends (39)

Meine liebe Li!

Heut hab ich wieder einen Brief von dir bekommen, und noch dazu einen, der nur eine Woche von Leipzig hierher gebraucht hat. Wie schön, dass es Euch allen gut geht! Aber sag mal, ist das vernünftig, dass Du im Juli die ganze Arbeit allein tun willst? Kannst Du nicht wenigstens am 15. Hilfe bekommen? Natürlich musst Du es selbst am besten wissen, aber Du darfst Dich nicht überarbeiten, Und es wäre wohl auch gut, wenn die Nachfolgerin von Frl. Örtel schon ein bisschen eingearbeitet wäre, wenn wir nach Bayern fahren. Aber richt es so ein, wie es Dir am besten passt.--Es ist schon bald Mitternacht u. ich bin greulich müde; heut war ein etwas langweiliger Tag - bis auf Deinen Brief. Ausserdem ist selbst jetzt draussen eine Temperatur (laut Thermometer) von etwas über 30 Grad, das drückt doch etwas auf die Stimmung.

Samstag nachmittag(8.7.). So recht werd ich noch nicht mit diesen unwahrscheinlichen Wärmegraden fertig, Ich bin schlapp und hab zu keinerlei Arbeit Lust. Ich hab so wenig an, wie irgendwie zulässig, trotzdem genügen fünf Minuten Klavierüben, um so zu schwitzen, wie nach zwei Stunden Kasernenhofexerzieren. Es ist doch sehr gut, dass ich in einem Monat wieder bei Euch ankommen soll. Wie die Kleinen wohl aussehen? Ich schau mir immer wieder die Bilder an und merke dann, dass sie sich ja inzwischen schon wieder vollständig verändert haben können. Ob die beiden Grossen schon ein bisschen sprechen können? Ich bin ungeheuer gespannt.

Sonntag abend(9.7.). Gestern abend wurde noch Musik gemacht. Leclair, Händel, Brahms (Horn-trio). Ebenso heute abend: Ich begleitete die Frau eines amerikanischen Kollegen, die wirklich recht gut singen kann. Alte italienische Lieder, Rossini, Mozart, Debussy. Ausserdem wurden noch ein paar Violinsonaten gespielt. Aber die Klaviere hier sind alle schlecht - wohl durch das feucht-warme Wetter. Mir macht die Musik hier nur halb Freude. Auf diesen holprigen Klavieren spiele ich noch ungenauer, als zu Hause. - Sonst war heute herrliches Wetter: völlig klarer blauer Himmel und trockene Luft. Da empfindet man die Hitze nur wenig und jetzt gegen Abend ist es viel kühler als sonst geworden. Mittags war ich beim Präsidenten (Rektor) eingeladen, danach haben wir einen Autoausflug in ein hübsches Tal in der Nähe gemacht. Der morgige Tag soll auch so halb als Feiertag gelten, wir wollen an einen See fahren, der 40 km von hier entfernt liegt und dort baden. Leider bin ich etws durch einen kaputten Fuss behindert: ein Moskitostich an der Ferse hat sich offenbar entzündet und der Fuss ist ganz angeschwollen; ich humple kümmerlich herum. Hoffentlich wirds bis morgen besser.

Montag mittag(10.7.). Der Fuss ist zwar noch nicht viel anders, aber das Baden kann ja nur gut dafür sein. In einer Viertelstunde werde ich mit dem Auto von hier abgeholt. Ich hab heute einen Brief von Mama bekommen, der es ja ganz gut zu gehen scheint. Ist Mama wohl schon am Walchenseehaus gewesen? Was soll übrigens mit dem einen komischen Zimmer dort werden, das ganz geändert werden muss? Sollen wir diese Änderungen erst machen lassen, wenn wir dort sind? Dann können wir das Zimmer natürlich lange Zeit nicht benützen. Aber vielleicht ist das kein allzu grosses Unglück.

Ich bin so gespannt, wie Du in Leipzig jetzt alles einrichtest. Mama schrieb mir, sie habe eine ganz nette Hilfe für Dich gefunden, Du hättest aber abgeschrieben. Willst Du die nicht jetzt doch nehmen? Aber natürlich kann ich von hier aus nicht beurteilen, wie vernünftig das wäre. Neue Post von Dir kann wohl frühestens morgen oder übermorgen hier sein. Gerade jetzt, wo ich nicht so ganz gut beieinander bin, hab ich grosse Sehnsucht nach Nachricht von Euch. In der Zeitung lese ich, dass jedenfalls in den nächsten Wochen keine Kriegsgefahr besteht. Das beruhigt mich sehr wegen meiner Heimreise. Es ist übrigens jetzt ziemlich genau die Hälfte der Zeit meiner Abwesenheit von Leipzig verstrichen, Also kann man schon so ein bisschen die Tage zählen. Lass es Dir und den Kleinen nur recht gut gehen. Grüss sie alle, besonders auch unseren Kleinsten, von dem ich garnicht recht weiss, wie er jetzt aussieht. Alles alles Gute! Dein Werner.

 

(Lafayette) Dienstag 11.7.39

Liebe Li!

Seit dem letzten Samstag hab ich nun nichts mehr von Dir gehört, aber das ist auch kaum anders möglich, da der letzte Brief ungewöhnlich schnell hierhergekommen war. Hoffentlich bekommst Du meine Briefe regelmässig. Wenn ich wieder nach New York komme, kann ich die Abfahrtszeiten der Flugpost besser kontrollieren, Ich verlass mich einstweilen darauf, dass sie immer am Mittwoch u. Sonnabend New York verlässt.

Der Ausflug an den See, von dem ich Dir gestern schon schrieb, war sehr erfreulich. Ein für hiesige Verhältnisse herrlich kühler Tag mit wolkenlosem klaren Himmel. In der Luft konnte man - in Badehose - beinahe frieren. Dafür war das Wasser von der vergangenen Woche brühwarm (wohl mindestens 28C), konnte stundenlang herumschwimmen ohne kalt zu werden. Wir sind deshalb auch quer über den See ans andere Ufer geschwommen und wieder zurück. Der See ist künstlich durch Stauwehre entstanden; ist beinahe 25 km lang, aber an vielen Stellen ziemlich schmal. Die Landschaft um den See ist flach, Laubwald und Getreidefelder.--Meinem Fuss gehts heute etwas besser, er ist zwar noch ganz dick, tut aber weniger weh als die letzten Tage über.-- Meine Vorlesung geht ganz ordentlich vorwärts und die Leute passen sehr gut auf. Es macht mir Freude, hier vorzutragen. In Leipzig sähe man in der gleichen Vorlesung nur den zehnten Teil von Leuten, die die Sache wirklich verstehen.

Mittwoch abend (12.7.). Allmählich wächst auch hier schon die Anzahl der Verpflichtungen so stark an, dass ich wie in Leipzig zu wenig Zeit habe. Dazu komme ich jetzt von den Vorlesungsgegenständen, die ich schon in Leipzig behandelt habe, zu denen, die ich erst hier ausarbeiten muss. Dafür brauch ich mehr Zeit, als die Leute mir hier lassen. Ich mag auch nicht gern so viel absagen. So muss ich morgen vormittag zum Chef des Board of Trustees, nach dem Mittagessen zum Musik einstudieren mit einer Collegenfrau, die gut singen kann u. mit der ich am Freitag bei einer Einladung konzertieren soll, um 1/2 4h hab ich Vorlesung, danach will ich eine Stunde Tennis spielen, um1/2 8h Abends hab ich nochmal Vorlesung. Du siehst also, kaum ist man in einer Stadt etwas bekannt geworden, so geht der alte Betrieb wieder an, bei dem man nicht recht zum Nachdenken kommmt. Ich tröste mich also wieder einmal wie so oft mit dem Walchensee. Manchmal hab ich ein wenig Angst davor, dass es doch am Anfang schrecklich ungemütlich sein wird, weil ja natürlich alles umgeändert werden muss. Aber es ist sicher auch ganz schön, zur Abwechslung als Handwerker und Gärtner zu arbeiten. Wie steht es inzwischen mit dem Haus, wie weit sind die Arbeiten an der Terrasse gediehen? Ich möchte so gern einmal von hier aus nach dem Rechten sehen können, aber das muss ich jetzt alles Dir überlassen. Übrigens kann man ausrechnen, dass heute wirklich die Hälfte der Trennungszeit vorbei ist, das ist doch schön. Hoffentlich kommt morgen wieder Post von Dir.

Donnerstag mittag (13.7.). Leider gabs noch keine Post - vielleicht heut nachmittag. Ich warte eben auf die Musikerin und benutze die freie Zeit. Heut früh hatte ich wieder ein langes Gespräch mit dem Head of Department, der mich gerne öfters hierher einladen will. Auch bin ich von anderer Seite mehrfach gefragt worden, unter welchen Bedingungen ich ganz hierher ginge. Die Licht- und Schattenseite sind beide so ungeheuer deutlich. Ich werde in jeder Weise fabelhaft behandelt. Ich hätte hier sofort zehn mal so viele gescheite Schüler wie bei uns. Es würde also wohl auch aus meiner Arbeit mehr herauskommen. Aber wir sind eben nicht hier zu Hause. Die Kinder würden Englisch sprechen und in einer uns fremden Atmosphäre aufwachsen. Das wär garnicht schön und deshalb bleiben wir eben zu Hause.-

Eben sind wir mit der Musik zu Ende, lauter italienische, französische, moderne holländische Musik, die mir völlig unbekannt ist. Die französischen Lieder sind ungeheuer wirkungsvoll, raffiniert in der Harmonik, aber auch "leicht verdächtig". (Böse Leute würden sagen; Champagner mit Schlagsahne).

Donnerstag abend. Nun kann ich Dir doch keine Antwort auf einen Brief mehr schreiben, vielleicht bekomme ich morgen Post. Aber dieser Brief hier muss weg, um sicher übermorgen früh die Flugpost in New York zu erreichen. Grüss die drei Kleinen, die hoffentlich recht brav sind u. Dir keine Sorgen machen, und lass Dirs selbst recht gut gehen. In Gedanken bin ich so viel bei Euch. Lebt wohl! Dein Werner.

 

Freitag, 14.7.39 (Lafayette)

Meine liebe kleine Li!

Es ist jetzt gleich Mitternacht und ich rechne mir aus, dass jetzt bei euch schon wieder die Sonne scheint, dass vielleicht der kleine Jochen schon Hunger hat, schreit und Dich im Schlaf stört. Das ist eigentlich merkwürdig, dass bei Euch Tag und Nacht anders sind als bei uns. In einem Gedicht aus dem Freischarheft, das Du kennst, kommt der Vers vor: "Der Glanz des Tages, der uns froh gemacht, läuft still und leuchtend um die Welt."

Das stimmt ja wohl; hoffentlich geht bei Euch alles gut. Bei uns ist heut ganz wunderbares Wetter; nachdem noch vorgestern das Thermometer auf 37C im Schatten geklettert war, ist die Luft heut kühl und draussen ist jetzt so eine richtige frische Sommernacht. Wir haben lange bei Bekannten musiziert, diesmal auch wirklich gute Musik und danach Mozart u. Beethoven auf Schallplatten gehört. Das Violinkonzert von Beethoven hat mich wieder ganz lebendig gemacht, eine ganz unglaubliche Musik. Im Winter müssen wir viel Musik hören u. selber machen. Ich freu mich jetzt auf morgen; da muss eigentlich Post von Dir kommen, denn ich hab jetzt eine Woche lang nichts mehr von Dir gehört. Also gut Nacht für heut!

Samstag abend (15.7.). Mit Deinen Briefen muss irgendein Unglück bei der Post geschehen sein. Ich bekam heut einen Brief von Euler, der war eine Woche nach Deinem letzten Brief abgeschickt, aber noch nichts von Dir. Wenn irgendetwas bei Euch in Unordnung wäre, so hättest Du ja wohl telegraphiert, also will ich noch bis übermorgen warten (morgen kommt wohl keine Post, da Sonntag ist). Wenn ich da wieder nichts höre, telegraphiere ich. - Der heutige Tag ist ohne Besonderheiten verlaufen; ich hab meine Vorlesung vorbereitet, etwas Klavier geübt, an Tante Helen geschrieben.

Sonntag abend (16.7.). Den heutigen Tag hab ich in der gemütlichsten Weise vertrödelt: Lange geschlafen, Zeitung gelesen, Briefe geschrieben am Vormittag. Mittags war ich von den Nordheimern eingeladen, danach sind wir etwas in der Gegend spazierengefahren. Dann haben wir die Zauberflöte auf Schallplatten angehört, abends war das ganze Institut beim Mechanikermeister eingeladen. Der hat ein reizendes eigenes Haus, eine ausgezeichnete Bibliothek, Klavier und Grammmophon, und betrachtet sich als gleichberechtigt mit den Professoren, was er dadurch auch eigentlich ist. Der Abend verlief sehr vergnügt: es wurde Ping-Pong gespielt, Musik gemacht (Violine u. Klavier), Grammophonplatten wurden angehört (Händel,Mozart, Liszt). Darin, dass so etwas möglich ist, liegt die eigentliche Kraft Amerikas. Die Klassengegensätze existieren jedenfalls an dieser Stelle nicht. Und wer auf seine Arbeit stolz ist, kommt nicht in die Versuchung, andere zu beneiden.

Montag mittag (17.7.). Endlich ist heut Nachricht von Dir gekommen; Du hattest offenbar übersehen, dass die Schiffe der Hapag (Deutschland, Hansa, Hamburg u.s.w.) alle sehr langsam fahren (ca.9-10 Tage) und daher hat Dein Brief, den Du der Deutschland übergeben hattest, so lange gebraucht. Hab vielen, vielen Dank, dass Du mir so ausführlich geschrieben hast; es ist so schön, von Euch zu hören. (...)

Dass der kleine Jochen mit dem Leistenbruch so zu tun hat, macht mir richtig Sorge. Er hat es ja offenbar viel schlimmer als der Wolfgang früher. Aber Du sorgst ja für ihn so gut es überhaupt geht; da wird es wohl von selbst bald besser werden. Er ist ja gestern 2 Monate alt geworden; jetzt wird er auch schon kräftiger und er würde wohl im ungünstigsten Fall auch eine Operation ganz gut überstehen.

Auf ihn und die beiden Grossen bin ich sehr gespannt. Ich bezweifle ja doch, ob die Grossen mich wiedererkennen werden. Ich freu mich jetzt darauf, dass ich in gut drei Wochen wieder bei Euch bin; das ist ja garnicht mehr sehr lange. Am Freitag oder Samstag fahr ich von hier im Auto nach Ann Arbor im Staate Michigan, um die Fermis zu sehen. Dort bleibe ich den Sonntag über und beginne am Montag, also heut in acht Tagen, den Dienst in New York. (...)

Nun lasst es Euch in den drei Wochen recht gut gehen! Der Brief muss heut fort, um noch mit der Luftpost abzugehen. Viele viele Grüsse! Dein Werner!

 

Lafayette 18.7.39

Meine liebe Li!

Manchmal geht die Post unglaublich schnell: heut hab ich Deinen Brief vom letzten Dienstag bekommen, er hat also weniger als eine Woche gebraucht. Hab vielen Dank für alles, was Du mir erzählst! Ich hatte das Gefühl, dass Du ein wenig überarbeitet bist und dass die Arbeit mit den Kindern dich doch zu müde macht. Hoffentlich hast Du inzwischen gute Hilfe; d.h. hoffentlich bewährt sich der neue dienstbare Geist, den Du eingestellt hast. Ich bin so gespannt auf alles Neue bei meiner Rückkehr.- Der heutige Tag war recht nett: es war Frl. Sponer zu Besuch, mit der ich in Göttingen zusammen studiert hab. Wir haben uns gut verstanden und lange über vergangene Zeiten 'geklönt'.

Donnerstag früh. Gestern abend war ich von einer Gruppe jüngerer Leute im Institut eingeladen und kam erst um 3/4 1h nach Hause. Da war ich dann doch zu müd, um noch zu schreiben. Ich bereite jetzt schon die Abreise vor. Morgen nachmittag geht mein Koffer nach New York ab. Übermorgen früh halte ich hier die letzte Vorlesung, dann fahren mich die Nordheims im Auto nach Ann Arbor. Bis dahin hab ich allerdings noch viel Arbeit. Heute soll ich zwei Vorlesungen halten, die ich beide noch nicht vorbereitet hab. Im Ganzen muss ich in den noch übrigen Tagen hier viermal reden.- Das Wetter ist seit Anfang der Woche vorbildlich, nie zu warm, meist strahlender Sonnenschein und nur einmal vorgestern ein riesiges Gewitter mit ungeheuren Regenmengen; aber auch das dauerte nicht lange. Bis jetzt hab ich hier in Lafayette u. überhaupt in Amerika meinen Mantel noch nicht angehabt. Wie gut, dass ich keinen Hut mitgenommen habe; er wäre der unnötigste Gegenstand von der Welt gewesen.

Übrigens hab ich Dir glaub ich noch garnicht von unserem Musikabend am Montag erzählt: der "Chef" hatte einen Cellisten aufgetrieben, sodass wir mit ihm und einer ihm bekannten Geigerin Quartett spielen konnten. Wir haben den Beethoven und die zwei Mozarts durchgenommen; das war ein ganz grosser Genuss. Trotz des schlechten Klaviers (auf einigen Tasten fehlte das Elfenbein; in den höheren Lagen erinnerte der Ton an Steinklopfen) hab ich glaub ich ganz anständig gespielt. Jedenfalls hat es mir Spass gemacht, bei dem Fehlen Jacobis, so ein Quartett richtig selbst zu dirigieren. Wahrscheinlich werden wir heut oder morgen nochmal spielen; da der Cellist nicht kann, sollen Trios probiert werden, bei denen die Viola das Cello ersetzt. Wir haben neulich herausgebracht, dass das beim Schubert ganz anständig geht.

Wenn Du diesen Brief bekommst, steckst Du sicher schon energisch in den Vorbereitungen zur Reise an den Walchensee. Woher kommt es eigentlich, dass die Transpostkosten so unglaublich hoch sind? Haben wir denn so viel an Gewicht dorthin zu schicken? Bedauerlich ist auch, dass das Vulkanisieren der Reifen nicht klappt. Es wundert mich, dass dafür jetzt so lange Lieferzeiten vorgesehen sind. Aber es ist schön, dass Du neue Reifen aufgetrieben hast und es ist überhaupt kolossal tüchtig, dass Du neben der Arbeit mit den Kindern die ganze Organisation der Reise schaffst. Wenn ich nach Leipzig komme, muss ich einige praktische Dinge erledigen: ich muss auf die Bank gehen, muss im Insitut Post erledigen, mit den Leuten dort reden u. muss schliesslich noch einiges einkaufen. Wenn die Seereise glatt verläuft, so werden wir wohl am Dienstag früh in Bremerhaven eintreffen. Also käme ich dann am Dienstag abend in Leipzig an. Aber man kann natürlich nicht vorher wissen, ob die Reise nicht durch Nebel oder Ähnliches verzögert wird.- Abends: Jetzt muss der Brief fort, um die Luftpost zu erreichen. Grüss die Kleinen, insbesondere auch den Jüngsten, selbst wenn er nicht parieren will. Dir selbst alles Gute von Deinem Werner

 

Montag 24.7.39, New York

Meine liebe Li!

Diesmal bekommst Du einen etwas kürzeren Brief als sonst; in den Tagen der Reise hierher bin ich garnicht zum Schreiben gekommen. Am Freitag ging der Tag hin mit Packen, Vorlesung halten und Abschied feiern, wir haben noch bis kurz vor 1 Uhr bei Bekannten gesessen. Am Sonnabend hab ich von zehn bis elf Uhr noch Vorlesung gehalten, dann sind wir gleich ins Auto gestiegen und sind die etwas 400 km lange Strecke nach Ann Arbor ziemlich ohne Unterbrechung durchgefahren. Dort waren wir abends um sieben Uhr. Die Fahrt führte durch ein hügeliges, teils waldiges Gelände mit vielen Kornfeldern, dazwischen gab es in einer Gegend viele Seen, so ähnlich wie in Mecklenburg. In Ann Arbor traf ich gleich in einer Gesellschaft mit den Fermis zusammen, die mir viel über ihre Erlebnisse der letzten Monate erzählten. Auch die Kinder hab ich kennengelernt, die sprachen schon recht gut englisch. Einige alte Bekannte wiederzusehen, hat mir viel Freude gemacht. Vieles ist dort verändert, aber die freundliche Ruhe dieser nur aus Gärten bestehenden Stadt ist immer noch die gleiche geblieben. An meiner früheren Wohnung bin ich leider nicht vorbeigekommen. Bis zum Sonntag abend blieb ich dort, am Nachmittag zusammen mit der ganzen italienischen Kolonie: Fermi, Amaldi, Fano u. andere. Gestern abend stieg ich dann in den Schlafwagen und wachte früh bei wolkenlosem Himmel auf, als wir eben am Hudson entlang fuhren. Auch in der Nacht waren wir einmal über einen ganz breiten Strom gefahren, aber ich hab noch nicht herausgebracht, wo das war. Vermutlich war es der Niagara, aber ich konnte in der Dunkelheit die Wasserfälle nicht sehen. Hier hab ich als erstes erfreuliches Ereignis Deinen Brief vorgefunden; hab vielen Dank dafür! Wie schön, dass es Euch so gut geht. Es freut mich auch, dass Du mit der Hilfe zufrieden bist, hoffentlich bleibt das so.

Dienstag nachmittag. In einer Stunde hab ich Vorlesung und danach muss ich eilen, um den Zug nach Larchmont zu erreichen. So muss ich den Brief schnell fertig schreiben. Heute in einer Woche gehe ich schon wieder aufs Schiff. So hab ich das Gefühl, als sei ich schon wieder in der Abreise, die Zeit kommt mir nicht mehr lang vor. In vierzehn Tagen komme ich, wenn der Dampfer richtig fährt, wohl in Leipzig an. Bis dahin werde ich es hier bei Onkel Karl sicher sehr nett haben, ich wohne da ganz auf dem Land, von allen Fenstern sieht man auf hohe Bäume, und in der Früh wacht man von dem Singen der Vögel auf. Auch macht die wenn auch entfernte Ähnlichkeit Onkel Karls mit meinem Vater, dass ich mich ganz zu Hause fühle.-

Also grüss die Kleinen von mir, und wenn Du den Brief bekommst sind es wohl nur noch zehn Tage bis zu meiner Rückkehr. Leb wohl! Dein Werner.

 

 

New York, Freitag mittg, 28.7.39

Meine liebe Li!

Hier in New York komme ich nicht mehr recht zum schreiben. Durch die weite Entfernung der Wohnung von der Universität vertue ich so viel Zeit und an den Abenden sitze ich bis spät in die Nacht bei Onkel Karl u. Tante Helen. Auch ist hier so eine greulich feuchte Hitze, die einem alle Lust zu irgendeinem Vorhaben nimmt. Ich bin jetzt richtig froh, in wenigen Tagen wieder nach dem Osten zu fahren; und bin richtig gespannt auf Leipzig - wie's Euch geht, wie gross die Kinder geworden sind. Seit Deinem Brief vom 11. hab ich nichts mehr gehört; die Post geht eben langsam. Mit Deinem Reiseplan bin ich einverstanden, nur find ichs schad, dass Du nicht im Auto mitkommst; aber vielleicht ist's so am besten ....... Auf recht gutes Wiedersehn! Dein Werner.

 

New York, Sonntag abend, 30.7.39

Meine liebe Li!

Inzwischen hab ich einen langen Brief von Dir bekommen und Du kannst mir wohl vor der Abreise nicht mehr schreiben; aber vielleicht bekomme ich wieder Nachricht in Cherbourgh. Ich bin so froh, dass bei Euch alles so gut geht, dass der kleine Jochen gut gedeiht und dass Du Dich auf meine Rückkehr freust. Ich freu mich jetzt jeden Tag mehr auf Euch, es liegen ja jetzt nur noch ein paar Tage dazwischen und wenn Du den Brief bekommst, so bin ich wahrscheinlich nur noch tausend Kilometer von der englischen Küste entfernt. Das Schiff, mit dem ich heimfahre, liegt schon im Hafen, morgen früh packe ich meinen Koffer; übermorgen gehts aufs Schiff. Ich werde hier bei Onkel Karl zwar sehr verwöhnt, aber die Zeit wird mir doch lang jetzt. Mit aller Arbeit hier bin ich fertig, es ist beinahe unnötig, dass ich noch hier bin. Mama schrieb mir schon vom Walchensee; es scheint viel Arbeit zu geben, und die Einrichtung wird noch einiges kosten. Aber dafür werden wirs alle doch sicher oft sehr schön haben.-

Dienstag morgen (1.8.) Inzwischen hab ich mich nochmal allein in der Stadt herumgetrieben und hab mir angeschaut, was ich noch sehen wollte: Nachdem ich auf dem Zollamt meine Papiere in Ordnung gebracht hatte, bin ich auf das höchste Gebäude der Stadt heraufgefahren (400m hoch) und hab mir bei klarem Wetter alles von oben angeschaut; hab dann dort auf dem 86. Stockwerk zu Mittag gegessen - dort ist es noch erheblich luftiger als auf dem Europahaus - und beinahe wäre mir, als ich auf die freie Terrassse heraustrat, meine Mappe vom Wind aus der Hand gerissen worden. Diese hohen Türme, die wie riesige Felsen in der Stadt stehen, gefallen mir mehr als alles andere. Dagegen sind alle unsere grossen Bauwerke nur Spielzeug. Wenn Du Dir eine Vorstellung von diesen Gebäuden hier machen willst, musst Du am ehesten an die Felsen in den Dolomiten - die kleine Zinne oder die Brenta - denken. Und in der Nacht sind es ganz unwahrscheinliche Märchenschlösser mit tausenden von Lichtern. So - heut abend nehm ich von dieser Welt der von Menschen erbauten Felsen wieder Abschied, um in die von der Natur geformten freundlicheren Berge zu fahren. Aber etwas muss ich Dir noch erzählen, damit Du Dir ein richtigeres Bild machen kannst und weisst, warum ich von "Felsen" spreche: gestern ging ich durch die Strassen und schaute an einem dieser Bauwerke herauf, da hatte sich,-ähnlich wie oft in den Bergen - um den obersten Teil eines solchen Turmes eine Wolke gehängt, die den Gipfel lange Zeit ganz verdeckte, und erst als der Wind stärker wurde, erschien die oberste Spitze wieder, von der Feuchtigkeit in der Sonne glitzernd. Von oben hab ich auch schon das Schiff im Hafen liegen sehen, das mich nach Deutschland bringen soll. Heut abend gehe ich an Bord und kurz nach Mitternacht fahren wir ab. Auf die Seereise freu ich mich, und natürlich noch viel mehr auf Euch alle.- Von Onkel Karl u. Tante Helen soll ich Euch auch sehr grüssen, Also in einer Woche bin ich wieder bei Euch. Auf frohes Wiedersehn, Li, Dein Werner.

 

 

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