Heidelberg 4.5.45

Meine liebe Li,

heut nur diese paar kurzen Zeilen, die ich, so hoffe ich, einem amerikanischen Offizier mitgeben kann. Wir sind gestern bis hierher gefahren, eine landschaftlich unglaublich schöne, nur im offenen Wagen sehr kalte Autoreise. Gegen 3 Uhr morgens kamen wir an. In meinen Gefühlen ist das Unglück der vergangenen Zeit und der Anblick der unendlichen Zerstörung gemischt mit dem intensiven Glück darüber, neu anfangen und wieder aufbauen zu können. Auch für unseren kleinen Kreis fängt das Leben neu an.- Äusserlich geht es mir ausgezeichnet, ich wohne im schönsten Zimmer der schönsten Villa von Heidelberg, Blick auf Neckar und Schloss, bekomme beliebig viel zu essen und werde sehr nett behandelt; allerdings als Gefangener, denn ich darf nicht ausgehen. Aber das macht nichts, ist der Lage der Dinge nach selbstverständlich. Es wird davon geredet, dass ich vielleicht nach Amerika soll, eventuell nach San Francisco (das hat Diebner gehört, der auch hier ist). In diesem Fall werde ich versuchen, Euch mitzunehmen. Ich selbst habe das Gefühl, zum ersten Male seit 12 Jahren wirklich etwas für Deutschland tun zu können und bin so frisch und lebendig wie seit Jahren nicht mehr. Hoffentlich gibt es das Schicksal, dass ich meiner Aufgabe gewachsen bin.- Bleibt behütet, ich komme wohl bald, Euch zu besuchen u. alles zu verabreden. Die Lebensmittelkarte schick ich Euch, da ich sie hier nicht brauche. Tausend Grüsse! Dein Werner.

 

Heidelberg, den 7.5.45

Meine liebe Li,

ich schreibe Dir mit der Maschine, damit der Censor den Brief besser lesen kann. Seit heute weiss ich etwas mehr über die Zukunftspläne. Zunächst etwas Trauriges: es wird bis zu meiner Rückkehr noch etwas Zeit vergehen. Prof. Goudsmith, der hier ist, meint, es kann noch acht Tage oder auch vier Wochen dauern. Wahrscheinlich komme ich noch für kurze Zeit in die Gegend von Paris. Aber sonst sind alle Zukunftsaussichten erfreulich. Die Wünsche der hiesigen Kommission über unsere spätere wissenschaftlich Arbeit decken sich weitgehend mit meinen eigenen. Wir haben die Frage besprochen, ob ich etwa nach Amerika gehen sollten, sind aber zu dem Schluss gekommen, dass man es noch einmal hier versuchen soll. Ob in Berlin oder Hechingen, müsste noch geklärt werden, das hängt auch davon ab, wieviel vom Berliner Institut noch steht, und davon, ob Debye zurückkehren will, was Goudsmith merkwürdigerweise für möglich hält. Jedenfalls habe ich jetzt die bestimmte Hoffnung, dass wir noch in diesem Sommer zusammen in unsere endgültige Wohnung ziehen, und da uns Alle helfen, werden wir uns schon nett einrichten können.

Meine Hauptsorge für die nächsten Wochen ist, ob Ihr in Urfeld keinen Hunger leidet. Am besten ist es wohl, wenn Schuster die entstehenden Schwierigkeiten mit dem kommandierenden Offizier bespricht. Dabei handelt es sich in erster Linie um die Brottransporte von Lugauer und um die Butter- und Milchzufuhr von Schermer, die durch die Zerstörung der Schlehdorfer Brücke behindert ist. Die amerikanischen Behörden haben ja selbst das grösste Interesse daran, dass diese Dinge in Ordnung kommen, ausserdem wird die Urfelder Bevölkerung ebenfalls darüber froh sein. Ich werde den Offizier, der so freundlich sein wird, Dir diesen Brief zu bringen, bitten, sich nach Deinen Sorgen zu erkundigen und Dir nach Möglichkeit behilflich zu sein. Bei der grossen Freundlichkeit, die uns hier entgegengebracht wird, zweifle ich nicht daran, dass geholfen werden wird, wo es irgend angeht.

Die Unterredungen mit Goudsmith und Kemble waren so freundschaftlich, als seien die letzten sechs Jahre nicht gewesen, und mir selbst geht es innerlich und äusserlich so gut, wie seit Jahren nicht mehr. Ich bin voller Hoffnung und Unternehmungslust für die Zukunft. Natürlich wird es auch Rückschläge geben, aber das darf einen nicht irre machen.

Also, Liebes, wir werden noch in diesem Jahr richtig von vorne anfangen; ob es gleich ein Haus und ein Garten mit Rosen wird, weiss ich nicht, aber es wird besser werden als bisher. Drum sei nicht zu traurig, wenn ich noch etwas wegbleibe, das Schlimmste ist jetzt überstanden.

Dir und den Kindern alles Gute, Dein Werner.

Gib dem Offizier ein paar Zeilen für mich mit.

 

(Farm Hall) 12.5.45

Meine liebe Li!

Unsere äusseren Lebensumstände haben sich nach einem etwas weniger angenehmen Zwischenzustande wieder in die erfreulichsten Formen verwandelt; und wenn nicht die Trennung von Euch und die Sorge um Euch wäre, so könnte ich mir kaum ein schöneres Dasein denken, Wir, d.h. die acht wichtigsten Leute unserer Arbeitsgruppe, leben in einem kleinen Schloss. Der Park steht uns zu einem Teil offen, und so sind wir den grössten Teil der Zeit von dem herrlichsten Frühsommer umgeben. Vom festlichen Esszimmer tritt man auf eine Terrasse, unter der ein ganz verwilderter Rasen mit längst nicht mehr beschnittenen Ziersträucher anfängt. Rechts an der Ecke rankt sich eine wunderbare Kletterrose bis zur Höhe des Balkons hinauf, die Blüten ganz gross und gefüllt, noch viel schöner als an der Ecke des Bozenerwegs, und dabei von dem schönsten Duft, den ich an Rosen kenne. Im ersten Stock hab ich ein eigenes Zimmer mit einem übermannshohen Fenster, dessen unterer Teil von einem kunstvoll geschmiedeten Eisengitter geschützt ist, sodass es als eine Art Balkon gelten kann. Hier kann ich allein arbeiten und schlafen. Geführt und bewacht wird unser Kreis von einem ungewöhnlich netten englischen Major, mit dem wir gemeinsam die Malzeiten im Speisesaal einnehmen. So bekommen wir auch die Offiziersverpflegung, die der Verpflegung auf einem grossen Atlantikdampfer um nichts nachsteht. Du siehst, besser kann es einem äusserlich wohl nicht gehen, und der vorübergehende Verlust der Freiheit kann nach der Gewöhnung der letzten Jahre auch nicht stören. Der wichtigste Wunsch, der bleibt, ist der nach einem schnelleren Ingangkommen der Verhandlungen u. Besprechungen. Offenbar sollen wir zunächst mal sichergestellt werden, und wenn auch inzwischen ein Bericht über die ersten Besprechungen nach Amerika gelangt ist, so dauert es doch wieder einige Zeit, bis der sich in Beschlüssen über unsere weitere Tätigkeit auswirkt. Wenn ich wüsste, dass es Euch gut geht und dass Ihr auch ohne meine Arbeitskraft in Urfeld durchkommt, so würde mich auch die Wartezeit hier nicht zu sehr beunruhigen. So aber fällt das Warten schwerer. Wir müssen uns damit trösten, dass die kommenden Wochen wohl für das ganze zukünftige Leben unserer Familie entscheidend sind, dass wir jetzt eben neu anfangen und zwar mit viel grösseren Hoffnungen als bisher. Dabei müssen wir halt Geduld haben, Hoffentlich bekomme ich nächstens auch Nachricht von Dir. Grüss die Mama und die Kinder und bleib gesund und tapfer. Dein Werner.

 

(Farm Hall) (6).8.45

Meine liebe Li!

Seit langer Zeit dürfen wir heute endlich nach Hause schreiben. Ich hoffe aber, dass Du von amerikanischen Offizieren in Urfeld gelegentlich gehört hast, dass es mir gut geht und dass mein Schweigen nichts Ungünstiges bedeutet. Wenn die Trennung von Euch nicht wäre, so ginge es mir hier ganz ausgezeichnet, Die Tatsache, dass wir von der Aussenwelt völlig abgeschnitten sind, stört mich nicht, und ich benütze die Zeit zu wissenschaftlicher Arbeit, ausserdem treibe ich viel Sport. Also um mich brauchst Du Dir nicht die geringste Sorge zu machen. Wenn auch noch nichts gesagt werde kann über den Zeitpunkt meiner Rückkehr, so bin ich doch hinsichtlich der weiteren Zukunftspläne in jeder Weise optimistisch.

Das einzige, was mich sehr bedrückt, ist die Sorge um Euch. Ich habe ein sehr schlechtes Gewissen, dass ich jetzt in dieser schlimmsten Zeit nicht bei Euch bin, aber ich kanns ja nicht ändern. Ich bitte Dich daher, mir sehr ausführlich zu schreiben, wie die Verhältnisse bei Euch sind, ob Ihr zu essen habt, ob Du Arbeitskräfte hast, wo Mama wohnt und ob Ihr gesund seid. Ich habe bisher nur einen Brief vom 17. Mai von Dir bekommen. Der Offizier, der Dir diesen Brief bringt, wird auch Deine Antwort zurückschicken, und da es möglich ist, dass er selbst hierherkommt, ist es gut, wenn Du ihm auch mündlich ein Bild von den Lebensbedingungen in Urfeld vermittelst.

Grüss Mama und die Kinder, besonders den kleinen Martin, der morgen Geburtstag hat. Hoffentlich dauert die Trennung jetzt nicht mehr allzu lange. Alles Gute! Dein Werner.

 

 

 

(Farm Hall) ?.11.45

Meine liebe Li!

Wenn dieses Paket Euch erreicht, steht Weihnachten vor der Tür, und Ihr sollt wenigstens diesen Gruss und ein paar kleine Geschenke von mir haben, wenn Ihr im Wohnzimmer unter dem Christbaum zusammensitzt. Dabei muss ich gestehen, dass ich in einem Winkel meines Herzens noch ein wenig Hoffnung habe, doch an Weihnachten bei Euch sein zu können. Denn die grundsätzlichen Fragen über die Atomforschung sollten in Washington geklärt worden sein, also könnte ja auch über uns etwas beschlossen werden. Aber ich wage hier garnicht mehr, solche Hoffnungen auszusprechen, um nicht von den anderen, die hinsichtlicher der menschlichen Regungen unserer politischen Herren pessimistischer denken als ich, verhöhnt zu werden. Im übrigen werden wir hier von den Offizieren sehr gut behandelt; auch die Kleinigkeiten in diesem Paket verdanke ich der Freundlichkeit des uns betreuenden Hauptmanns. Und nach den Zeitungen kämpfen die amerikanischen und englischen Physiker tapfer für die Unabhängigkeit und Internationalität der Wissenschaft und damit auch für uns.

Vorgestern habe ich Deine beiden Briefe aus Frankfurt bekommen, und das war seit langer Zeit wieder einmal eine grosse Freude. Dass die materiellen Schwierigkeiten in Urfeld gross sind, wusste ich ja; aber wenn die Hilfe, die Dir zugesagt worden ist, einmal in Gang gekommen ist, so müsst Ihr eigentlich, gemessen an den sonstigen Verhältnissen in Deutschland sehr gut davon leben können. Da mein letzter Brief offenbar nicht mit einem Kurier sondern mit der Post nach Urfeld gegangen ist, weiss ich nicht, ob Du die 1700 M bekommen hast, die ich in einem versiegelten Umschlag mitgeschickt hatte. Wenn nicht, so erkundige Dich bitte bei Herrn Robertson in Frankfurt danach. Im übrigen hoffe ich, dass Du in Hechingen dafür hast sorgen können, dass mein Gehalt (sowohl das von der K.W.G. wie das von der Univ. Berlin) zu einem von der K.W.G. festgesetzten Prozentsatz von der K.W.G. an Dich überwiesen wird; ich hatte Herrn Menzer geschrieben, er solle mit dafür sorgen. Es ist gut, dass Du die Verbindung mit Hechingen aufgenommen hast; im Notfall kann Dir das Institut helfen, vielleicht kannst du auch mit Frau Wirtz einen Briefwechsel aufrechterhalten.

Aber nun will ich noch von Weihnachten schreiben. Die Kinder werden also alle wieder oben in Urfeld versammelt sein, Wolfgang u. Maria nach dem grossen Erlebnis einer längeren Zeit in Kinderheim u. Schule. Sicher werden die beiden besonders glücklich sein und Du wirst mit ihnen Musik machen, Lieder singen, Flöte spielen wie im letzten Jahr; aber der Kreis ist kleiner als damals. Die Geschenke musst Du so verteilen, wie Du's für gut hältst. Unser Hauptmann, der sich in seiner freundlichen Art alles überlegt hat, meinte: Der Plastilinkasten für Woi, das Nähkästchen für Ria, der Bleistiftkasten für Jochen, die Malstifte für Martin, der Hase für Barbara und der Hund für Christinchen. Für Dich ist der nahrhafte Rest, der, wie ich eben hörte, auf anderem Wege zu Dir kommen soll; aber vielleicht hab ich noch ein Geschenk, das eigentlich für Deinen Geburtstag bestimmt war: Im kleinen braunen Handkoffer auf dem Speicher liegt ein längliches graues Paket, das Du wohl noch nicht gefunden hast, sonst hättest Du's geschrieben. Das soll Waltraut auspacken u. auf Deinen Tisch legen. Dann leg ich auch noch einen Brief für Woi u. Ria bei; die sind gross genug, ihn selbst zu lesen. Du musst ihn ihnen auf den Weihnachtstisch legen.

Was Du über die Berufungen nach Heidelberg u. München schreibst, hat mich sehr gefreut; dass die Kinder in der Münchner Gegend aufwachsen könnten, wäre mir ein verlockender Gedanke. Aber unsere Zukunft wird von den politischen Behörden entschieden.

Also, Liebes, sei nicht zu traurig, wenn ich an Weihnachten nicht bei Euch bin; hoffen wir, dass das neue Jahr eine gute Lösung für alle Schwierigkeiten bringt. Grüss auch Waltraut, W's Mutter und die Bekannte von Jägers, die so freundlich hilft.

Die herzlichsten Wünsche für Euch alle! Dein Werner.

 

 

 

Alswede bei Minden, 3.1.46

Meine liebe Li!

Dies ist seit dem Kriegsende der erste Abend wieder in Deutschland. Ob und wann dieser Brief weggehen wird, weiss ich noch nicht, aber ich will doch gleich mit Dir plaudern. Es war ein schöner Flug von England hierher, Wolken und blauer Himmel abwechselnd, das Meer unter uns mit kleinen Wellen, wie bei einer ruhigen Seefahrt. Vielleicht darf ich Dir jetzt endlich einmal schreiben, wo ich war und jetzt bin. Wir sind viel in Europa herumgekommen: Zuerst von Heidelberg nach Versailles, dann haben wir einige Wochen in einer Vorstadt von Paris, le Vesinet, gewohnt, auch gelegentlich die Stadt gesehen, Anfang Juni kamen wir auf einen Landsitz in Belgien bie Lüttich, schliesslich Anfang Juli -, im Flugzeug -, nach England, wo wir in einem kleinen Dorf bei Cambridge in einem Landschlösschen wohnten. Dort sind wir das letzte halbe Jahr, völlig abgeschlossen von der Aussenwelt, geblieben. Nur einige Collegen und Freunde hab ich gesehen: Blackett hat sich vor allem um uns bemüht. Zweimal hab ich Fritz gesehen. Das letzte Mal gestern Abend in einer Sitzung der Royal Institution in London. Es ging ihm wieder gut - er war 6 Wochen ernstlich krank gewesen - und er wird vielleicht wieder nach Deutschland kommen. Von diesen paar Ausnahmen abgesehen, sind wir Gefangene gewesen; wir wurden zwar freundlich behandelt, materiell ging es uns ausgezeichnet, aber der Umstand, dass uns über unser zukünftiges Schicksal und das unserer Familien nichts mitgeteilt wurde - die Geheimhaltung schien uns hier völlig absurd - hat uns das Leben doch recht schwer gemacht.

Diese lange Zeit der Gefangenschaft schien uns nur erträglich durch die wissenschaftliche Arbeit, die wir teils gemeinsam, teils jeder für sich, machten, über das, was uns gerade einfiel. Mit Büchern wurden wir freundlicherweise versorgt. Wie es hier werden wird, wissen wir noch nicht. Es sieht so aus, als würden wir viel freier sein. Aber man muss abwarten. Der Sinn unseres Hierseins ist der Folgende: Die höchsten Stellen haben beschlossen, dass wir alle in Zukunft unsere Arbeitsstätte in der britischen Besatzungszone haben sollen; warum, wissen wir nicht. Vielleicht, weil unsere Arbeit hier auf die Dauer am leichtesten überwacht werden kann. Von vielen Seiten ist uns gesagt worden, dass die Verhältnisse in der englischen Zone am günstigsten seien. Insofern haben wir keinen Grund, unzufrieden zu sein. Aber wie dem auch sei: wir sollen also jetzt hier die zukünftige Lage unseres Instituts aussuchen. Ich habe den Eindruck, dass wir schliesslich entweder nach Göttingen oder nach Hamburg kommen werden. Beide Orte haben viele positive Seiten. Für Institutsraum und Wohnraum wollen die Engländer sorgen. Die nächsten Wochen werden also damit hingehen, Pläne zu machen und Verabredungen zu treffen. Wenn wir etwas weiter sind, wird Blackett herkommen u. die Lage mit uns besprechen. Vorher betreut uns ein sehr netter englischer Chemiker. Über die Rufe nach Heidelberg oder München kann ich also einstweilen nichts sagen; soweit ich sehen kann, werde ich sie nicht annehmen dürfen -, was mir bei München bitter ist, schon wegen Urfeld und wegen Sommerfeld. Aber diese Entscheidung scheint von den höchsten Herren dieser Welt gefällt zu sein, sodass sie nicht so leicht zu ändern wäre. Ausserdem kann ich mir in Göttingen wie in Hamburg das Leben sehr nett vorstellen.

Ob ich vor dem endgültigen Umzug nach Urfeld kommen kann, etwa auf eine Art von Urlaub, weiss ich noch nicht. Wahrscheinlich würde es für Dich leichter sein, mich hier zu besuchen, als umgekehrt. Aber auch darüber wird erst in einigen Tagen entschieden werden. Ich hoffe, dass etwa von der nächsten Woche ab im Hinblick auf unsere Zukunft wirklich etwas geschieht. Bei der Diskussion der Möglichkeiten in Hamburg würde mir der Bürgermeister Petersen, Fritzens Schwiegervater, sicher viel helfen können. Wenn ich nach Göttingen komme, will ich mich natürlich auch nach Westphals und unserer Geige erkundigen, Ausserdem wohne ich hier nur etwa 40 km von Osnabrück entfernt, vielleicht kann ich die Fäden dorthin auch aufnehmen,

Wir wohnen in einem kleinen Geschäftshaus in dem Dorf Alswede bei Minden. Von meinem Zimmer, das nach Süden liegt, geht der Blick über etwa 5 km steif gefrorenes Ackerland und dahinter die Hügelkette des Weser-Berglandes. Ich finde es schön, endlich wieder Berge zu sehen, Weitere Ausflüge werden sich allerdings schon durch die Kälte verbieten; wir haben ja nur Sommeranzüge u. Sommermäntel bei uns.

Sonntag abend: Inzwischen habe ich noch eine Besprechung mit zwei Herren des Wissenschaftsrates im englischen Hauptquartier gehabt. In der nächsten Woche soll die erste Fahrt nach Göttingen stattfinden; da werden wir sehen, wie es mit Institutsraum u. Wohnraum aussieht. Harteck fährt in den nächsten Tagen nach Hamburg zurück, der kann auch in Hamburg schon das Gelände sondieren. Wir dürfen jetzt völlig frei herumlaufen und beliebig Briefe schreiben. Ebenso kannst Du mit der gewöhnlichen Post an mich schreiben, Meine Adresse ist: Alswede bei Lübbeke, Kreis Minden, Westfalen, Haus Albersmeier. Wenn mein Aufenthalt hier noch lange dauert, so könntest Du mich mal besuchen; aber einstweilen kann man hoffen, dass es schneller geht, sodass ich vielleicht in nicht allzu ferner Zeit mal zu Euch kommen kann. Jedenfalls schreib ich Dir noch darüber. Ich bin neugierig, wann ich die ersten Briefe von Dir hierher bekomme.

Deinen Weihnachtsbrief hab ich noch in England bekommen. Wenn die 1700 M, die ich Dir geschickt hatte, noch nicht angekommen sein sollten - ich habe nochmal nachfragen lassen -, so wende Dich bitte schriftlich an die amerikanischen Militärbehörden in Frankfurt. Bisher haben die Frankfurter mitgeteilt, der versiegelte Brief mit dem Geld und ein Privatbrief an Dich seien Anfang November an Dich abgegangen. Wahrscheinlich seien sie nach Urfeld gekommen, als du nicht da warst. Du musst also auch selbst mitteilen, ob die Urfelder etwas von dem Brief gesehen haben, ob etwa ein Kurier da war u.s.w.-

So, nun will ich diesen Brief als erste Taube ausschicken, von der ich hoffe, dass sie mit einem Ölzweig zurückkommt. Hoffentlich ist es an Weihnachten bei Euch nett gewesen, vielleicht kann ich durch Deinen Brief noch etwas an Euerm Weihnachtsfest teilnehmen.

Also auf hoffentlich baldiges gutes Wiedersehn! Grüss die Kinder! Dein Werner.

 

Alswede, 9.1.46

Meine liebe Li!

Seit meinem ersten Brief von hier hat sich nicht mehr allzuviel ereignet; aber ich will die Gelegenheit, Dir zu schreiben, ausnützen und wieder ein Stündchen mit allen Gedanken bei Dir sein. Wir hatten heute wieder eine längere Verhandlung mit einem der englischen Offiziere, der gleichzeitig Physiker ist und unsere Umsiedlung in Gang setzen soll. Wenn man so zu den praktischen Realitäten kommt, sieht man natürlich erst die ungeheuren Schwierigkeiten, die noch zu überwinden sind, bis wir wieder vernünftig zusammen leben und arbeiten können. Am Sonnabend fahren Hahn und ich nach Göttingen, um die Möglichkeiten dort auszukundschaften. Mein Gefühl ist aber augenblicklich eher, dass wir schliesslich nach Hamburg kommen werden; denn ich sehe nicht, wie wir Wohnraum in Göttingen bekommen sollen, während es in Hamburg vielleicht in der grossen Masse leichter ist. Auch müssen noch Verhandlungen mit den Franzosen stattfinden, ob die Institute von Hechingen fortgelassen werden. Das merkwürdigste ist, dass die Amerikaner uns nicht in die amerikanische Zone lassen wollen; und zwar geht dieser Befehl von der höchsten Stelle aus. Der einzige Grund, den ich mir bisher denken kann, ist der, dass sie dort zu wenig Kontrolle haben - die Amerikaner haben ja ganz wenige Truppen zurückgelassen -, und die Hauptsorge der politischen Stellen schien zu sein, dass wir nicht plötzlich von Russen weggeholt werden; daran hätte ich natürlich auch selbst nicht das geringste Interesse, aber es wundert einen, dass die Amerikaner offenbar in ihrem eigenen Bereich nicht vor den Russen sicher zu sein glauben. Schliesslich zum Umzug müssen mich die Amerikaner ja wohl mal nach Hechingen und Urfeld lassen. Der Transport wird natürlich auch nocheinmal eine ungehure Arbeit. Aber wir kommen gesunde und wohlgenährt aus England, und sind voll Energie zum Wiederaufbau des Instituts. Wenn ich noch dazu Briefe von Dir bekommen-, und darauf hoffe ich von der nächsten Woche ab sehr -, so werden auch die gelegentlichen Stimmungsrückschläge schneller überwunden werden.- Da Du wahrscheinlich oft gefragt worden bist, inwiefern ich mit der "Atombombe" zu tun habe, schicke ich Dir die Abschrift einer Stelle aus einem Brief v.Weizsäckers an seine Frau mit, die dieses Problem genau richtig darstellt. Von den englischen u. amerikanischen Kollegen, die daran gearbeitet haben, kenn ich viele, z.Teil sind sie Schüler von mir, und sie tun mir sehr leid, weil ihr Name jetzt mit dieser Scheusslichkeit verknüpft ist. Dass die Physiker diesen Gebrauch ihrer Kenntnisse nicht gewollt haben, ist ganz selbstverständlich, und es mag hinter den Kulissen der amerikanischen Politik manche Schwierigkeiten deswegen geben. Aber das ist ja nun geschehen; und vielleicht, wenn die Menschen wieder etwas ruhiger geworden sind, weckt diese neue Drohung das Gefühl für die Zusammengehörigkeit aller Menschen in einer so gefährlichen Welt.

- Wenn Du noch Bilder von den Kindern hast, so schick mir doch ein paar mit; und erzähl mir viel von ihnen, von Weihnachten u. von der Schule. Grüss sie sehr herzlich von mir! Dein Werner.

 

Alswede, 14.1.46

Meine liebe Li!

Ein paar Briefe von mir wirst Du, seit wir wieder in Deutschland sind, wohl schon bekommen haben. Da jetzt einer der Burschen, die uns bisher als Kriegsgefangene betreut haben, nach Bayern fährt, will ich ihn nach Urfeld schicken - er heisst Scholz -, der kann auch Deine Antwort hierher zurückbringen. Sorg auch etwas für ihn, d.h. gib ihm zu essen oder Übernachtungsmöglichkeit, wenn er es braucht. Leider kann ich ihm kein Gepäck mitgeben, weil er nicht viel tragen kann. Ich habe hier einen ganzen Koffer voll Kindersachen, den mir Fritz in London mitgegeben hat, ausserdem einige Schätze an Tee, Kaffee, Kakao. Vielleicht könntest Du mich mal hier besuchen und die Sachen holen -, sonst muss es halt warten, bis ich nach Urfeld komme, was immerhin noch etwas dauern kann. Ich weiss, dass das Reisen jetzt sehr schwierig ist und will Dir daher nichts zumuten, was nicht unbedingt nötig ist. Jedenfalls wären wir hier frei genug, auch Besuch von Euch zu bekommen -, und dass ich Dich gern wieder sehn würde, darüber brauch ich nichts zu schreiben; aber schreib mal zuerst, was Du über diese Möglichkeit denkst.

Ich war jetzt drei Tage in Göttingen, mit einem ungewöhnlich netten englischen Oberst und habe über die Zukunft meines Instituts beraten. Es deutet viel darauf hin, dass wir in nicht allzuferner Zeit alle nach Göttingen kommen. Dort gibt es riesige leere Institutsräume, also die äusseren Vorbedingungen sind nicht schlecht. Schwierigkeit: Nähe der Russen und Mangel an Wohnraum. In der letzteren Beziehung ist es auch nicht so ganz schlecht, es sieht so aus, als könnten wir eine Etagenwohnung in einem ziemlich hässlichen Haus bekommen, die aber innen vorher anständig hergerichtet würde. Im gleichen Haus würden viele andere vom Institut wohnen. Das Leben ohne Garten würde mich etwas bekümmern, aber man kann nicht gleich alles haben, ausserdem kann man sich ja später verbessern. Bevor dieser Plan in Gang kommt, wird aber noch einige Zeit vergehen; denn die Entscheidungen über uns scheinen tatsächlich von Herrn Truman persönlich gefällt zu werden. Atomphysiker gelten als sehr verdächtige Menschen. Vielleicht kann ich vor dem Umzug mal nach Urfeld kommen; aber das ist leider keineswegs sicher. In Göttingen habe ich viel Bekannte gesehen; den Otto Westphal hab ich telefonisch gesprochen. Maria Westphal hat vor zehn Tagen ein Baby bekommen, und es scheint ihr gut zu gehen. Ihre Mutter war auch in Göttingen, aber ich hab sie leider nicht getroffen. Sonst ging es dort so einigermassen; alle waren mit der englischen Zone sehr zufrieden und schimpften auf die Amerikaner, die offenbar nicht sehr geschickt sind. Ich bitte Dich, mir ausführlich und diesmal völlig offen über die Zustände bei Euch zu schreiben. Dein Brief, den Herr Scholz mitnimmt, geht ja nicht mehr durch die Zensur. (Eine gewisse Vorsicht in der Form ist trotzdem gut, man kann ja nie wissen, wer den Brief mal zu sehen bekommt). Otto Westphal erzählte, Maria hätte einen Brief von Dir bekommen, der die Zustände in Urfeld als recht traurig schildert. Ich hatte aber den Eindruck, dass dies eine ältere Nachricht war; denn Dein Brief zu Weihnachten war doch ganz froh gewesen. Du hattest doch meinen Brief, und den an Woi u. Ria, und das Weihnachtspaket bekommen? Auch bist Du von den amerikanischen Offizieren doch offenbar sehr gut behandelt worden.

Im Ganzen bin ich seit meinem Göttinger Besuch sehr optimistisch, trotz aller Schwierigkeiten, die es geben wird.-- Walter Weigmann scheint wegen Parteizugehörigkeit leider aus der Universität entlassen zu sein; mehr habe ich über ihn nicht erfahren. Ich weiss auch nicht, wo er jetzt wohnt und lebt. Zerstört ist in Göttingen fast nichts. Auch das wäre, schon im Hinblick auf die Kinder, ein grosser Pluspunkt für Göttingen.

Wenn Du Sommerfeld siehst, so erzähl ihm bitte das Folgende: Die Amerikaner haben bisher den Befehl gegeben, dass wir in die englische Zone kommen sollen; einen Wiederaufbau der Universität München scheinen sie überhaupt nicht sehr zu fördern. Ich hörte von Jensen, dass die Sommerfeld'sche Professur einstweilen zur Vertretung dem Herrn Ganz angeboten werden sollte; das finde ich einen ziemlich guten Plan, denn jedenfalls einstweilen - d.h. in den nächsten Jahren - werde ich nicht nach München gelassen. Aber Sommerfeld kann sich ja auch selbst bei den amerikanischen Kollegen oder Offizieren erkundigen; er scheint mir bei den Amerikanern eine sehr gute Note zu haben. Aber Entscheidungen über Atomphysik wird auch er nicht beeinflussen können. Grüsse auch Sommerfeld sehr von mir!-

In einigen Tagen wird wahrscheinlich Blackett hierherkommen und mit uns beraten. So gibt es Viele, die sich sehr freundlich um uns bemühen. Es hat mich sehr getröstet, zu sehen, dass die menschlichen Beziehungen der Wissenschaftler der verschiedenen Länder durch den Krieg nicht gelitten haben.

Vielleicht wird Fritz eine Stellung in der Finanzverwaltung Deutschlands bekommen; aber das ist noch unsicher, und vielleicht sollte ich davon garnichts schreiben. So, nun muss ich schliessen, da ich den Brief abliefern muss. Ich freue mich schrecklich auf die Antwort von Dir, vielleicht bringt ja schon die Post in den nächsten Tagen etwas. Grüss die Kinder herzlich, auch Waltraut und die anderen Urfelder! Dein Werner.

 

Alswede, 20.1.46

Meine liebe Li!

Heut früh haben Herr Hahn u. ich einen langen Ausflug mit dem Oberst Blount gemacht, von hier nach Süden auf den Kamm des Wesergebirges und zurück. Dabei wurde natürlich wieder ausführlich über unsere Zukunftspläne gesprochen. Der allgemeine Plan ist etwa der folgende: Zuerst müssen die Politiker in Washington beschliessen, das wir nach Göttingen kommen, und die Franzosen müssen zugeben, dass unser Institut dort freigegeben wird. Dies soll alles in den nächsten Wochen geschehen, dauert aber natürlich länger, als man wünschen möchte. Dann würden wir wohl sehr blad nach Göttingen übersiedeln, würden die Herrichtung des (wahrscheinlich nicht allzu reichlichen) Wohnraums leiten, und dann könnte der Umzug der Familien erfolgen. Es sieht nicht so aus, als ob uns die Erlaubnis gegeben würde, vor dem Umzug und zum Umzug etwas nach Hechingen oder Bayern zu kommen. Den Familien wird also der Umzug zwar technisch irgendwie ermöglicht werden, aber die Durchführung müsste von den Frauen besorgt werden. Nur die Hechinger können als männliche Hilfen eingestzt werden, insbesondere auch unsere Mechaniker. Über die Einzelheiten können wir uns brieflich verständigen, auch könntest Du mich jederzeit besuchen, aber heute wird man - besonders, wenn es so kalt ist, wie jetzt - nur reisen, wenn es unumgänglich nötig ist; also warten wir einstweilen ab, wie es sich enwickelt.

In der letzten Woche haben wir hier viel Besuch gehabt und dadurch manchens Neue über Deutschland erfahren. Wir haben Fragebogen ausfüllen müssen, die denen der dritten Reichs - bis auf das Vorzeichen - aufs Haar gleichen. Ich musste wieder an den dummen Witz vor vielen Jahren denken, bei dem vermutet wurde, die Fragebogen des 4. Reiches würden die Fragen enthalten: Waren Sie einmal im K.Z.? Wenn nicht; warum nicht? Die erste Frage ist tatsächlich in etwas anderer Form im Fragebogen vorhanden; nur die zweite fehlt. Zu den etwas problematischeren Freuden hier gehören Besuche von Kollegen, die sich sehr aktiv und zum Teil wenig erfreulich im N.S.-Sinn betätigt haben und die jetzt unsere Freundschaft suchen, Aber das sind ja alles unwichtige Dinge.

Im Ganzen geht es mir hier recht gut, weil ich das Gefühl habe, für die Zukunft zu arbeiten; nicht nur für die unseres kleinen Kreises, sondern für die unserer weiteren kulturellen Gemeinschaft. Ich wäre froh, wenn diese weitere kulturelle Gemeinschaft nicht nur Deutschland, sondern in Zukunft Europa hiesse, aber die Politik läuft leider nicht immer so, wie man es sich wünscht.- Mit Weizsäcker zusammen habe ich ein paar Arbeiten über Hydrodynamik geschrieben, ein Gebiet, mit dem ich früher nie etwas zu tun hatte, ausser bei meiner Dr-Arbeit. Ich glaube, dass diese Arbeiten ganz gut gelungen sind. Natürlich kann man einstweilen in Deutschland nichts publizieren, aber das wird sich ja bald ändern.

Wirtz und ein paar andere sind heute Abend in einen Zirkus gegangen, der das Dorf für einige Tage unterhält. Ich selbst hab noch nicht das Bedürfnis nach der Art Abwechslung. Ich brenne jetzt darauf, Post von Dir zu bekommen u. meine jeden Tag, es müsste ein Brief da sein. Vielleicht kommt auch der Scholz bald wieder zurück. Hoffentlich geht es Euch allen gut. Kannst Du mir mal die Adresse von Jacobis schreiben?

Grüss die Kinder, auch Waltraut u. alle anderen Hausgenossen! Dein Werner.

 

 

Briefe nach Rückkehr von England


 

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