Meine liebe
Li,
heut nur diese
paar kurzen Zeilen, die ich, so hoffe ich, einem amerikanischen Offizier
mitgeben kann. Wir sind gestern bis hierher gefahren, eine landschaftlich
unglaublich schöne, nur im offenen Wagen sehr kalte Autoreise. Gegen 3 Uhr morgens
kamen wir an. In meinen Gefühlen ist das Unglück der vergangenen Zeit und der
Anblick der unendlichen Zerstörung gemischt mit dem intensiven Glück darüber,
neu anfangen und wieder aufbauen zu können. Auch für unseren kleinen Kreis fängt
das Leben neu an.- Äusserlich geht es mir ausgezeichnet, ich wohne im schönsten
Zimmer der schönsten Villa von Heidelberg, Blick auf Neckar und Schloss,
bekomme beliebig viel zu essen und werde sehr nett behandelt; allerdings als
Gefangener, denn ich darf nicht ausgehen. Aber das macht nichts, ist der Lage
der Dinge nach selbstverständlich. Es wird davon geredet, dass ich vielleicht
nach Amerika soll, eventuell nach San Francisco (das hat Diebner gehört, der
auch hier ist). In diesem Fall werde ich versuchen, Euch mitzunehmen. Ich
selbst habe das Gefühl, zum ersten Male seit 12 Jahren wirklich etwas für
Deutschland tun zu können und bin so frisch und lebendig wie seit Jahren nicht
mehr. Hoffentlich gibt es das Schicksal, dass ich meiner Aufgabe gewachsen
bin.- Bleibt behütet, ich komme wohl bald, Euch zu besuchen u. alles zu
verabreden. Die Lebensmittelkarte schick ich Euch, da ich sie hier nicht
brauche. Tausend Grüsse! Dein Werner.
Meine liebe
Li,
ich schreibe Dir
mit der Maschine, damit der Censor den Brief besser lesen kann. Seit heute
weiss ich etwas mehr über die Zukunftspläne. Zunächst etwas Trauriges: es wird
bis zu meiner Rückkehr noch etwas Zeit vergehen. Prof. Goudsmith, der hier ist,
meint, es kann noch acht Tage oder auch vier Wochen dauern. Wahrscheinlich komme
ich noch für kurze Zeit in die Gegend von Paris. Aber sonst sind alle Zukunftsaussichten
erfreulich. Die Wünsche der hiesigen Kommission über unsere spätere
wissenschaftlich Arbeit decken sich weitgehend mit meinen eigenen. Wir haben
die Frage besprochen, ob ich etwa nach Amerika gehen sollten, sind aber zu dem
Schluss gekommen, dass man es noch einmal hier versuchen soll. Ob in Berlin
oder Hechingen, müsste noch geklärt werden, das hängt auch davon ab, wieviel
vom Berliner Institut noch steht, und davon, ob Debye zurückkehren will, was
Goudsmith merkwürdigerweise für möglich hält. Jedenfalls habe ich jetzt die
bestimmte Hoffnung, dass wir noch in diesem Sommer zusammen in unsere endgültige
Wohnung ziehen, und da uns Alle helfen, werden wir uns schon nett einrichten können.
Meine Hauptsorge
für die nächsten Wochen ist, ob Ihr in Urfeld keinen Hunger leidet. Am besten
ist es wohl, wenn Schuster die entstehenden Schwierigkeiten mit dem
kommandierenden Offizier bespricht. Dabei handelt es sich in erster Linie um
die Brottransporte von Lugauer und um die Butter- und Milchzufuhr von Schermer,
die durch die Zerstörung der Schlehdorfer Brücke behindert ist. Die
amerikanischen Behörden haben ja selbst das grösste Interesse daran, dass diese
Dinge in Ordnung kommen, ausserdem wird die Urfelder Bevölkerung ebenfalls darüber
froh sein. Ich werde den Offizier, der so freundlich sein wird, Dir diesen
Brief zu bringen, bitten, sich nach Deinen Sorgen zu erkundigen und Dir nach Möglichkeit
behilflich zu sein. Bei der grossen Freundlichkeit, die uns hier
entgegengebracht wird, zweifle ich nicht daran, dass geholfen werden wird, wo
es irgend angeht.
Die Unterredungen
mit Goudsmith und Kemble waren so freundschaftlich, als seien die letzten sechs
Jahre nicht gewesen, und mir selbst geht es innerlich und äusserlich so gut, wie
seit Jahren nicht mehr. Ich bin voller Hoffnung und Unternehmungslust für die
Zukunft. Natürlich wird es auch Rückschläge geben, aber das darf einen nicht
irre machen.
Also, Liebes, wir
werden noch in diesem Jahr richtig von vorne anfangen; ob es gleich ein Haus
und ein Garten mit Rosen wird, weiss ich nicht, aber es wird besser werden als
bisher. Drum sei nicht zu traurig, wenn ich noch etwas wegbleibe, das
Schlimmste ist jetzt überstanden.
Dir und den
Kindern alles Gute, Dein Werner.
Gib dem Offizier
ein paar Zeilen für mich mit.
Meine liebe Li!
Unsere äusseren
Lebensumstände haben sich nach einem etwas weniger angenehmen
Zwischenzustande wieder in die erfreulichsten
Formen verwandelt; und wenn nicht die Trennung von Euch und die Sorge um Euch wäre,
so könnte ich mir kaum ein schöneres Dasein denken, Wir, d.h. die acht
wichtigsten Leute unserer Arbeitsgruppe, leben in einem kleinen Schloss. Der
Park steht uns zu einem Teil offen, und so sind wir den grössten Teil der Zeit
von dem herrlichsten Frühsommer umgeben. Vom festlichen Esszimmer tritt man auf
eine Terrasse, unter der ein ganz verwilderter Rasen mit längst nicht mehr
beschnittenen Ziersträucher anfängt. Rechts an der Ecke rankt sich eine wunderbare
Kletterrose bis zur Höhe des Balkons hinauf, die Blüten ganz gross und gefüllt,
noch viel schöner als an der Ecke des Bozenerwegs, und dabei von dem schönsten
Duft, den ich an Rosen kenne. Im ersten Stock hab ich ein eigenes Zimmer mit
einem übermannshohen Fenster, dessen unterer Teil von einem kunstvoll geschmiedeten
Eisengitter geschützt ist, sodass es als eine Art Balkon gelten kann. Hier kann
ich allein arbeiten und schlafen. Geführt und bewacht wird unser Kreis von
einem ungewöhnlich netten englischen Major, mit dem wir gemeinsam die Malzeiten
im Speisesaal einnehmen. So bekommen wir auch die Offiziersverpflegung, die der
Verpflegung auf einem grossen Atlantikdampfer um nichts nachsteht. Du siehst,
besser kann es einem äusserlich wohl nicht gehen, und der vorübergehende
Verlust der Freiheit kann nach der Gewöhnung der letzten Jahre auch nicht stören.
Der wichtigste Wunsch, der bleibt, ist der nach einem schnelleren Ingangkommen
der Verhandlungen u. Besprechungen. Offenbar sollen wir zunächst mal
sichergestellt werden, und wenn auch inzwischen ein Bericht über die ersten
Besprechungen nach Amerika gelangt ist, so dauert es doch wieder einige Zeit,
bis der sich in Beschlüssen über unsere weitere Tätigkeit auswirkt.
Wenn ich wüsste,
dass es Euch gut geht und dass Ihr auch ohne meine Arbeitskraft in Urfeld
durchkommt, so würde mich auch die Wartezeit hier nicht zu sehr beunruhigen. So
aber fällt das Warten schwerer. Wir müssen uns damit trösten, dass die
kommenden Wochen wohl für das ganze zukünftige Leben unserer Familie
entscheidend sind, dass wir jetzt eben neu anfangen und zwar mit viel grösseren
Hoffnungen als bisher. Dabei müssen wir halt Geduld haben, Hoffentlich bekomme
ich nächstens auch Nachricht von Dir. Grüss die Mama und die Kinder und bleib
gesund und tapfer. Dein Werner.
Meine liebe Li!
Seit langer Zeit dürfen
wir heute endlich nach Hause schreiben. Ich hoffe aber, dass Du von
amerikanischen Offizieren in Urfeld gelegentlich gehört hast, dass es mir gut
geht und dass mein Schweigen nichts Ungünstiges bedeutet. Wenn die Trennung von
Euch nicht wäre, so ginge es mir hier ganz ausgezeichnet, Die Tatsache, dass
wir von der Aussenwelt völlig abgeschnitten sind, stört mich nicht,
und ich benütze
die Zeit zu wissenschaftlicher Arbeit, ausserdem treibe ich viel Sport. Also um
mich brauchst Du Dir nicht die geringste Sorge zu machen. Wenn auch noch nichts
gesagt werde kann über den Zeitpunkt meiner Rückkehr, so bin ich doch hinsichtlich
der weiteren Zukunftspläne in jeder Weise optimistisch.
Das einzige, was
mich sehr bedrückt, ist die Sorge um Euch. Ich habe ein sehr schlechtes
Gewissen, dass ich jetzt in dieser schlimmsten Zeit nicht bei Euch bin, aber
ich kanns ja nicht ändern. Ich bitte Dich daher, mir sehr ausführlich zu
schreiben, wie die Verhältnisse bei Euch sind, ob Ihr zu essen habt, ob Du
Arbeitskräfte hast, wo Mama wohnt und ob Ihr gesund seid. Ich habe bisher nur
einen Brief vom 17. Mai von Dir bekommen. Der Offizier, der Dir diesen Brief
bringt, wird auch Deine Antwort zurückschicken, und da es möglich ist, dass er
selbst hierherkommt, ist es gut, wenn Du ihm auch mündlich ein Bild von den
Lebensbedingungen in Urfeld vermittelst.
Grüss Mama und die
Kinder, besonders den kleinen Martin, der morgen Geburtstag hat. Hoffentlich
dauert die Trennung jetzt nicht mehr allzu lange. Alles Gute! Dein Werner.
Meine liebe Li!
Wenn dieses Paket
Euch erreicht, steht Weihnachten vor der Tür, und Ihr sollt wenigstens diesen
Gruss und ein paar kleine Geschenke von mir haben, wenn Ihr im Wohnzimmer unter
dem Christbaum zusammensitzt. Dabei muss ich gestehen, dass ich in einem Winkel
meines Herzens noch ein wenig Hoffnung habe, doch an Weihnachten bei Euch sein
zu können. Denn die grundsätzlichen Fragen über die Atomforschung sollten in
Washington geklärt worden sein, also könnte ja auch über uns etwas beschlossen
werden. Aber ich wage hier garnicht mehr, solche Hoffnungen auszusprechen, um
nicht von den anderen, die hinsichtlicher der menschlichen Regungen unserer
politischen Herren pessimistischer denken als ich, verhöhnt zu werden. Im übrigen
werden wir hier von den Offizieren sehr gut behandelt; auch die Kleinigkeiten
in diesem Paket verdanke ich der Freundlichkeit des uns betreuenden Hauptmanns.
Und nach den Zeitungen kämpfen die amerikanischen und englischen Physiker
tapfer für die Unabhängigkeit und Internationalität der Wissenschaft und damit
auch für uns.
Vorgestern habe
ich Deine beiden Briefe aus Frankfurt bekommen, und das war seit langer Zeit
wieder einmal eine grosse Freude. Dass die materiellen Schwierigkeiten in
Urfeld gross sind, wusste ich ja; aber wenn die Hilfe, die Dir zugesagt worden
ist, einmal in Gang gekommen ist, so müsst Ihr eigentlich, gemessen an den
sonstigen Verhältnissen in Deutschland sehr gut davon leben können. Da mein
letzter Brief offenbar nicht mit einem Kurier sondern mit der Post nach Urfeld
gegangen ist, weiss ich nicht, ob Du die 1700 M bekommen hast, die ich in einem
versiegelten Umschlag mitgeschickt hatte. Wenn nicht, so erkundige Dich bitte
bei Herrn Robertson in Frankfurt danach. Im übrigen hoffe ich, dass Du in
Hechingen dafür hast sorgen können, dass mein Gehalt (sowohl das von der K.W.G.
wie das von der Univ. Berlin) zu einem von der K.W.G. festgesetzten Prozentsatz
von der K.W.G. an Dich überwiesen wird; ich hatte Herrn Menzer geschrieben, er
solle mit dafür sorgen. Es ist gut, dass Du die Verbindung mit Hechingen
aufgenommen hast; im Notfall kann Dir das Institut helfen, vielleicht kannst du
auch mit Frau Wirtz einen Briefwechsel aufrechterhalten.
Aber nun will ich
noch von Weihnachten schreiben. Die Kinder werden also alle wieder oben in
Urfeld versammelt sein, Wolfgang u. Maria nach dem grossen Erlebnis einer längeren
Zeit in Kinderheim u. Schule. Sicher werden die beiden besonders glücklich sein
und Du wirst mit ihnen Musik machen, Lieder singen, Flöte spielen wie im
letzten Jahr; aber der Kreis ist kleiner als damals. Die Geschenke musst Du so
verteilen, wie Du's für gut hältst. Unser Hauptmann, der sich in seiner
freundlichen Art alles überlegt hat, meinte: Der Plastilinkasten für Woi,
das Nähkästchen
für Ria, der Bleistiftkasten für Jochen, die Malstifte für Martin,
der Hase für
Barbara und der Hund für Christinchen. Für Dich ist der nahrhafte Rest, der,
wie ich eben hörte, auf anderem Wege zu Dir kommen soll; aber vielleicht hab
ich noch ein Geschenk, das eigentlich für Deinen Geburtstag bestimmt war: Im
kleinen braunen Handkoffer auf dem Speicher liegt ein längliches graues Paket,
das Du wohl noch nicht gefunden hast, sonst hättest Du's geschrieben. Das soll
Waltraut auspacken u. auf Deinen Tisch legen. Dann leg ich auch noch einen
Brief für Woi u. Ria bei; die sind gross genug, ihn selbst zu lesen. Du musst
ihn ihnen auf den Weihnachtstisch legen.
Was Du über die Berufungen
nach Heidelberg u. München schreibst, hat mich sehr gefreut; dass die Kinder in
der Münchner Gegend aufwachsen könnten, wäre mir ein verlockender Gedanke. Aber
unsere Zukunft wird von den politischen Behörden entschieden.
Also, Liebes, sei
nicht zu traurig, wenn ich an Weihnachten nicht bei Euch bin; hoffen wir, dass
das neue Jahr eine gute Lösung für alle Schwierigkeiten bringt. Grüss auch
Waltraut, W's Mutter und die Bekannte von Jägers, die so freundlich hilft.
Die herzlichsten Wünsche für Euch alle! Dein Werner.
Meine liebe Li!
Dies ist seit dem
Kriegsende der erste Abend wieder in Deutschland. Ob und wann dieser Brief
weggehen wird, weiss ich noch nicht, aber ich will doch gleich mit Dir
plaudern. Es war ein schöner Flug von England hierher, Wolken und blauer Himmel
abwechselnd, das Meer unter uns mit kleinen Wellen, wie bei einer ruhigen
Seefahrt. Vielleicht darf ich Dir jetzt endlich einmal schreiben, wo ich war
und jetzt bin. Wir sind viel in Europa herumgekommen: Zuerst von Heidelberg
nach Versailles, dann haben wir einige Wochen in einer Vorstadt von Paris, le
Vesinet, gewohnt, auch gelegentlich die Stadt gesehen, Anfang Juni kamen wir
auf einen Landsitz in Belgien bie Lüttich, schliesslich Anfang Juli -, im
Flugzeug -, nach England, wo wir in einem kleinen Dorf bei Cambridge in einem
Landschlösschen wohnten. Dort sind wir das letzte halbe Jahr, völlig
abgeschlossen von der Aussenwelt, geblieben. Nur einige Collegen und Freunde
hab ich gesehen: Blackett hat sich vor allem um uns bemüht. Zweimal hab ich
Fritz gesehen. Das letzte Mal gestern Abend in einer Sitzung der Royal
Institution in London. Es ging ihm wieder gut - er war 6 Wochen ernstlich krank
gewesen - und er wird vielleicht wieder nach Deutschland kommen. Von diesen
paar Ausnahmen abgesehen, sind wir Gefangene gewesen; wir wurden zwar
freundlich behandelt, materiell ging es uns ausgezeichnet, aber der Umstand,
dass uns über unser zukünftiges Schicksal und das unserer Familien nichts
mitgeteilt wurde - die Geheimhaltung schien uns hier völlig absurd - hat uns
das Leben doch recht schwer gemacht.
Diese lange Zeit
der Gefangenschaft schien uns nur erträglich durch die wissenschaftliche
Arbeit, die wir teils gemeinsam, teils jeder für sich, machten, über das, was
uns gerade einfiel. Mit Büchern wurden wir freundlicherweise versorgt. Wie es
hier werden wird, wissen wir noch nicht. Es sieht so aus, als würden wir viel
freier sein. Aber man muss abwarten. Der Sinn unseres Hierseins ist der
Folgende: Die höchsten Stellen haben beschlossen, dass wir alle in Zukunft
unsere Arbeitsstätte in der britischen Besatzungszone haben sollen; warum,
wissen wir nicht. Vielleicht, weil unsere Arbeit hier auf die Dauer am
leichtesten überwacht werden kann. Von vielen Seiten ist uns gesagt worden,
dass die Verhältnisse in der englischen Zone am günstigsten seien. Insofern
haben wir keinen Grund, unzufrieden zu sein. Aber wie dem auch sei: wir sollen
also jetzt hier die zukünftige Lage unseres Instituts aussuchen. Ich habe den
Eindruck, dass wir schliesslich entweder nach Göttingen oder nach Hamburg
kommen werden. Beide Orte haben viele positive Seiten. Für Institutsraum und
Wohnraum wollen die Engländer sorgen. Die nächsten Wochen werden also damit
hingehen, Pläne zu machen und Verabredungen zu treffen. Wenn wir etwas weiter
sind, wird Blackett herkommen u. die Lage mit uns besprechen. Vorher betreut
uns ein sehr netter englischer Chemiker. Über die Rufe nach Heidelberg
oder München kann ich also einstweilen nichts sagen; soweit ich sehen kann,
werde ich sie nicht annehmen dürfen -, was mir bei München bitter ist, schon
wegen Urfeld und wegen Sommerfeld. Aber diese Entscheidung scheint von den höchsten
Herren dieser Welt gefällt zu sein, sodass sie nicht so leicht zu ändern wäre.
Ausserdem kann ich mir in Göttingen wie in Hamburg das Leben sehr nett
vorstellen.
Ob ich vor dem
endgültigen Umzug nach Urfeld kommen kann, etwa auf eine Art von Urlaub, weiss
ich noch nicht. Wahrscheinlich würde es für Dich leichter sein, mich hier zu
besuchen, als umgekehrt. Aber auch darüber wird erst in einigen Tagen
entschieden werden. Ich hoffe, dass etwa von der nächsten Woche ab im Hinblick
auf unsere Zukunft wirklich etwas geschieht. Bei der Diskussion der Möglichkeiten
in Hamburg würde mir der Bürgermeister Petersen, Fritzens Schwiegervater,
sicher viel helfen können. Wenn ich nach Göttingen komme, will ich mich natürlich
auch nach Westphals und unserer Geige erkundigen, Ausserdem wohne ich hier nur
etwa 40 km von Osnabrück entfernt, vielleicht kann ich die Fäden dorthin auch
aufnehmen,
Wir wohnen in
einem kleinen Geschäftshaus in dem Dorf Alswede bei Minden. Von meinem Zimmer,
das nach Süden liegt, geht der Blick über etwa 5 km steif gefrorenes Ackerland
und dahinter die Hügelkette des Weser-Berglandes. Ich finde es schön, endlich
wieder Berge zu sehen, Weitere Ausflüge werden sich allerdings schon durch die
Kälte verbieten; wir haben ja nur Sommeranzüge u. Sommermäntel bei uns.
Sonntag abend:
Inzwischen habe ich noch eine Besprechung mit zwei Herren des
Wissenschaftsrates im englischen Hauptquartier gehabt. In der nächsten Woche
soll die erste Fahrt nach Göttingen stattfinden; da werden wir sehen, wie es
mit Institutsraum u. Wohnraum aussieht. Harteck
fährt in den nächsten Tagen nach Hamburg zurück, der kann auch in Hamburg schon
das Gelände sondieren. Wir dürfen jetzt völlig frei herumlaufen und beliebig
Briefe schreiben. Ebenso kannst Du mit der gewöhnlichen Post an mich schreiben,
Meine Adresse ist: Alswede bei Lübbeke, Kreis Minden, Westfalen, Haus
Albersmeier. Wenn mein Aufenthalt hier noch lange dauert, so könntest Du mich
mal besuchen; aber einstweilen kann man hoffen, dass es schneller geht, sodass
ich vielleicht in nicht allzu ferner Zeit mal zu Euch kommen kann. Jedenfalls
schreib ich Dir noch darüber. Ich bin neugierig, wann ich die ersten Briefe von
Dir hierher bekomme.
Deinen
Weihnachtsbrief hab ich noch in England bekommen. Wenn die 1700 M, die ich Dir
geschickt hatte, noch nicht angekommen sein sollten - ich habe nochmal
nachfragen lassen -, so wende Dich bitte schriftlich an die amerikanischen
Militärbehörden in Frankfurt. Bisher haben die Frankfurter mitgeteilt, der
versiegelte Brief mit dem Geld und ein Privatbrief an Dich seien Anfang
November an Dich abgegangen. Wahrscheinlich seien sie nach Urfeld gekommen, als
du nicht da warst. Du musst also auch selbst mitteilen, ob die Urfelder etwas
von dem Brief gesehen haben, ob etwa ein Kurier da war u.s.w.-
So,
nun will ich diesen Brief als erste Taube ausschicken, von der ich hoffe, dass
sie mit einem Ölzweig zurückkommt. Hoffentlich ist es an Weihnachten bei Euch
nett gewesen, vielleicht kann ich durch Deinen Brief noch etwas an Euerm
Weihnachtsfest teilnehmen.
Also
auf hoffentlich baldiges gutes Wiedersehn! Grüss die Kinder! Dein Werner.
Meine liebe Li!
Seit meinem ersten
Brief von hier hat sich nicht mehr allzuviel ereignet; aber ich will die Gelegenheit,
Dir zu schreiben, ausnützen und wieder ein Stündchen mit allen Gedanken bei Dir
sein. Wir hatten heute wieder eine längere Verhandlung mit einem der englischen
Offiziere, der gleichzeitig Physiker ist und unsere Umsiedlung in Gang setzen
soll. Wenn man so zu den praktischen Realitäten kommt, sieht man natürlich erst
die ungeheuren Schwierigkeiten, die noch zu überwinden sind, bis wir wieder
vernünftig zusammen leben und arbeiten können. Am Sonnabend fahren Hahn und ich
nach Göttingen, um die Möglichkeiten dort auszukundschaften. Mein Gefühl ist
aber augenblicklich eher, dass wir schliesslich nach Hamburg kommen werden;
denn ich sehe nicht, wie wir Wohnraum in Göttingen bekommen sollen, während es
in Hamburg vielleicht in der grossen Masse leichter ist. Auch müssen noch
Verhandlungen mit den Franzosen stattfinden, ob die Institute von Hechingen
fortgelassen werden. Das merkwürdigste ist, dass die Amerikaner uns nicht in
die amerikanische Zone lassen wollen; und zwar geht dieser Befehl von der höchsten
Stelle aus. Der einzige Grund, den ich mir bisher denken kann, ist der, dass
sie dort zu wenig Kontrolle haben - die Amerikaner haben ja ganz wenige Truppen
zurückgelassen -, und die Hauptsorge der politischen Stellen schien zu sein,
dass wir nicht plötzlich von Russen weggeholt werden; daran hätte ich natürlich
auch selbst nicht das geringste Interesse, aber es wundert einen, dass die
Amerikaner offenbar in ihrem eigenen Bereich nicht vor den Russen sicher zu
sein glauben. Schliesslich zum Umzug müssen mich die Amerikaner ja wohl mal
nach Hechingen und Urfeld lassen. Der Transport wird natürlich auch nocheinmal
eine ungehure Arbeit. Aber wir kommen gesunde und wohlgenährt aus England, und
sind voll Energie zum Wiederaufbau des Instituts. Wenn ich noch dazu Briefe von
Dir bekommen-, und darauf hoffe ich von der nächsten Woche ab sehr -, so werden
auch die gelegentlichen Stimmungsrückschläge schneller überwunden werden.- Da
Du wahrscheinlich oft gefragt worden bist, inwiefern ich mit der "Atombombe"
zu tun habe, schicke ich Dir die Abschrift einer Stelle aus einem Brief
v.Weizsäckers an seine Frau mit, die dieses Problem genau richtig darstellt. Von
den englischen u. amerikanischen Kollegen, die daran gearbeitet haben, kenn ich
viele, z.Teil sind sie Schüler von mir, und sie tun mir sehr leid, weil ihr
Name jetzt mit dieser Scheusslichkeit verknüpft ist. Dass die Physiker diesen
Gebrauch ihrer Kenntnisse nicht gewollt haben, ist ganz selbstverständlich, und
es mag hinter den Kulissen der amerikanischen Politik manche Schwierigkeiten
deswegen geben. Aber das ist ja nun geschehen; und vielleicht, wenn die
Menschen wieder etwas ruhiger geworden sind, weckt diese neue Drohung das Gefühl
für die Zusammengehörigkeit aller Menschen in einer so gefährlichen Welt.
- Wenn Du noch
Bilder von den Kindern hast, so schick mir doch ein paar mit; und erzähl mir
viel von ihnen, von Weihnachten u. von der Schule. Grüss sie sehr herzlich von
mir! Dein Werner.
Meine liebe Li!
Ein paar Briefe
von mir wirst Du, seit wir wieder in Deutschland sind, wohl schon bekommen
haben. Da jetzt einer der Burschen, die uns bisher als Kriegsgefangene betreut
haben, nach Bayern fährt, will ich ihn nach Urfeld schicken - er heisst Scholz
-, der kann auch Deine Antwort hierher zurückbringen. Sorg auch etwas für ihn,
d.h. gib ihm zu essen oder Übernachtungsmöglichkeit, wenn er es braucht.
Leider kann ich ihm kein Gepäck mitgeben, weil er nicht viel tragen kann. Ich
habe hier einen ganzen Koffer voll Kindersachen, den mir Fritz in London mitgegeben
hat, ausserdem einige Schätze an Tee, Kaffee, Kakao. Vielleicht könntest Du
mich mal hier besuchen und die Sachen holen -, sonst muss es halt warten, bis
ich nach Urfeld komme, was immerhin noch etwas dauern kann. Ich weiss, dass das
Reisen jetzt sehr schwierig ist und will Dir daher nichts zumuten, was nicht
unbedingt nötig ist. Jedenfalls wären wir hier frei genug, auch Besuch von Euch
zu bekommen -, und dass ich Dich gern wieder sehn würde, darüber brauch ich
nichts zu schreiben; aber schreib mal zuerst, was Du über diese Möglichkeit
denkst.
Ich war jetzt drei
Tage in Göttingen, mit einem ungewöhnlich netten englischen Oberst und habe über
die Zukunft meines Instituts beraten. Es deutet viel darauf hin, dass wir in
nicht allzuferner Zeit alle nach Göttingen kommen. Dort gibt es riesige leere
Institutsräume, also die äusseren Vorbedingungen sind nicht schlecht.
Schwierigkeit: Nähe der Russen und Mangel an Wohnraum. In der letzteren
Beziehung ist es auch nicht so ganz schlecht, es sieht so aus, als könnten wir
eine Etagenwohnung in einem ziemlich hässlichen Haus bekommen, die aber innen
vorher anständig hergerichtet würde. Im gleichen Haus würden viele andere vom
Institut wohnen. Das Leben ohne Garten würde mich etwas bekümmern, aber man kann
nicht gleich alles haben, ausserdem kann man sich ja später verbessern. Bevor
dieser Plan in Gang kommt, wird aber noch einige Zeit vergehen; denn die
Entscheidungen über uns scheinen tatsächlich von Herrn
Truman persönlich gefällt
zu werden. Atomphysiker gelten als sehr verdächtige Menschen. Vielleicht kann
ich vor dem Umzug mal nach Urfeld kommen; aber das ist leider keineswegs
sicher. In Göttingen habe ich viel Bekannte gesehen; den Otto Westphal hab ich
telefonisch gesprochen. Maria Westphal hat vor zehn Tagen ein Baby bekommen,
und es scheint ihr gut zu gehen. Ihre Mutter war auch in Göttingen, aber ich
hab sie leider nicht getroffen. Sonst ging es dort so einigermassen; alle waren
mit der englischen Zone sehr zufrieden und schimpften auf die Amerikaner, die
offenbar nicht sehr geschickt sind. Ich bitte Dich, mir ausführlich und diesmal
völlig offen über die Zustände bei Euch zu schreiben. Dein Brief, den Herr
Scholz mitnimmt, geht ja nicht mehr durch die Zensur. (Eine gewisse Vorsicht in
der Form ist trotzdem gut, man kann ja nie wissen, wer den Brief mal zu sehen
bekommt). Otto Westphal erzählte, Maria hätte einen Brief von Dir bekommen, der
die Zustände in Urfeld als recht traurig schildert. Ich hatte aber den
Eindruck, dass dies eine ältere Nachricht war; denn Dein Brief zu Weihnachten
war doch ganz froh gewesen. Du hattest doch meinen Brief, und den an Woi u.
Ria, und das Weihnachtspaket bekommen? Auch bist Du von den amerikanischen
Offizieren doch offenbar sehr gut behandelt worden.
Im Ganzen bin ich
seit meinem Göttinger Besuch sehr optimistisch, trotz aller Schwierigkeiten,
die es geben wird.-- Walter Weigmann scheint wegen Parteizugehörigkeit leider
aus der Universität entlassen zu sein; mehr habe ich über ihn nicht erfahren.
Ich weiss auch nicht, wo er jetzt wohnt und lebt. Zerstört ist in Göttingen
fast nichts. Auch das wäre, schon im Hinblick auf die Kinder, ein grosser Pluspunkt
für Göttingen.
Wenn Du Sommerfeld
siehst, so erzähl ihm bitte das Folgende: Die Amerikaner haben bisher den
Befehl gegeben, dass wir in die englische Zone kommen sollen; einen
Wiederaufbau der Universität München scheinen sie überhaupt
nicht sehr zu fördern.
Ich hörte von Jensen, dass die Sommerfeld'sche Professur einstweilen zur
Vertretung dem Herrn Ganz angeboten werden sollte; das finde ich einen ziemlich
guten Plan, denn jedenfalls einstweilen - d.h. in den nächsten Jahren - werde
ich nicht nach München gelassen. Aber Sommerfeld kann sich ja auch selbst bei
den amerikanischen Kollegen oder Offizieren erkundigen; er scheint mir bei den
Amerikanern eine sehr gute Note zu haben. Aber Entscheidungen über Atomphysik
wird auch er nicht beeinflussen können. Grüsse auch Sommerfeld sehr von mir!-
In einigen Tagen
wird wahrscheinlich Blackett hierherkommen und mit uns beraten. So gibt es
Viele, die sich sehr freundlich um uns bemühen. Es hat mich sehr getröstet, zu
sehen, dass die menschlichen Beziehungen der Wissenschaftler der verschiedenen
Länder durch den Krieg nicht gelitten haben.
Vielleicht wird
Fritz eine Stellung in der Finanzverwaltung Deutschlands bekommen; aber das ist
noch unsicher, und vielleicht sollte ich davon garnichts schreiben. So, nun
muss ich schliessen, da ich den Brief abliefern muss. Ich freue mich
schrecklich auf die Antwort von Dir, vielleicht bringt ja schon die Post in den
nächsten Tagen etwas. Grüss die Kinder herzlich, auch Waltraut und die anderen
Urfelder! Dein Werner.
Meine liebe Li!
Heut früh haben
Herr Hahn u. ich einen langen Ausflug mit dem Oberst Blount gemacht, von hier
nach Süden auf den Kamm des Wesergebirges und zurück. Dabei wurde natürlich
wieder ausführlich über unsere Zukunftspläne gesprochen. Der allgemeine Plan
ist etwa der folgende: Zuerst müssen die Politiker in Washington beschliessen,
das wir nach Göttingen kommen, und die Franzosen müssen zugeben, dass unser
Institut dort freigegeben wird. Dies soll alles in den nächsten Wochen
geschehen, dauert aber natürlich länger, als man wünschen möchte.
Dann würden
wir wohl sehr blad nach Göttingen übersiedeln, würden die Herrichtung des
(wahrscheinlich nicht allzu reichlichen) Wohnraums leiten, und dann könnte der
Umzug der Familien erfolgen. Es sieht nicht so aus, als ob uns die Erlaubnis
gegeben würde, vor dem Umzug und zum Umzug etwas nach Hechingen oder Bayern zu
kommen. Den Familien wird also der Umzug zwar technisch irgendwie ermöglicht
werden, aber die Durchführung müsste von den Frauen besorgt werden. Nur die
Hechinger können als männliche Hilfen eingestzt werden, insbesondere auch
unsere Mechaniker. Über die Einzelheiten können wir uns brieflich verständigen,
auch könntest Du mich jederzeit besuchen, aber heute wird man - besonders, wenn
es so kalt ist, wie jetzt - nur reisen, wenn es unumgänglich nötig ist; also
warten wir einstweilen ab, wie es sich enwickelt.
In der letzten
Woche haben wir hier viel Besuch gehabt und dadurch manchens Neue über
Deutschland erfahren. Wir haben Fragebogen ausfüllen müssen, die denen der
dritten Reichs - bis auf das Vorzeichen - aufs Haar gleichen. Ich musste wieder
an den dummen Witz vor vielen Jahren denken, bei dem vermutet wurde, die
Fragebogen des 4. Reiches würden die Fragen enthalten: Waren Sie einmal im
K.Z.? Wenn nicht; warum nicht? Die erste Frage ist tatsächlich in etwas anderer
Form im Fragebogen vorhanden; nur die zweite fehlt. Zu den etwas problematischeren
Freuden hier gehören Besuche von Kollegen, die sich sehr aktiv und zum Teil
wenig erfreulich im N.S.-Sinn betätigt haben und die jetzt unsere Freundschaft
suchen, Aber das sind ja alles unwichtige Dinge.
Im Ganzen geht es
mir hier recht gut, weil ich das Gefühl habe, für die Zukunft zu arbeiten;
nicht nur für die unseres kleinen Kreises, sondern für die unserer weiteren kulturellen
Gemeinschaft. Ich wäre froh, wenn diese weitere kulturelle Gemeinschaft nicht
nur Deutschland, sondern in Zukunft Europa hiesse, aber die Politik läuft
leider nicht immer so, wie man es sich wünscht.- Mit Weizsäcker
zusammen habe ich ein paar Arbeiten über
Hydrodynamik geschrieben, ein Gebiet, mit dem ich früher nie etwas zu tun
hatte, ausser bei meiner Dr-Arbeit. Ich glaube, dass diese Arbeiten ganz gut
gelungen sind. Natürlich kann man einstweilen in Deutschland nichts
publizieren, aber das wird sich ja bald ändern.
Wirtz und ein paar
andere sind heute Abend in einen Zirkus gegangen, der das Dorf für einige Tage
unterhält. Ich selbst hab noch nicht das Bedürfnis nach der Art Abwechslung. Ich
brenne jetzt darauf, Post von Dir zu bekommen u. meine jeden Tag, es müsste ein
Brief da sein. Vielleicht kommt auch der Scholz bald wieder zurück. Hoffentlich
geht es Euch allen gut. Kannst Du mir mal die Adresse von Jacobis schreiben?
Grüss die Kinder,
auch Waltraut u. alle anderen Hausgenossen! Dein Werner.
Briefe nach Rückkehr von England