Meine liebe Li! (Alswede) 25.1.46

Heut kam Dein erster Brief seit meinem Hiersein, das war eine wirklich grosse Freude. Dein Brief war am 18. geschrieben, offenbar hattest Du mir schon einmal vorher geschrieben, aber der Brief vorher ist noch nicht angekommen. Was Du über die Kinder schreibst, hat mich hell begeistert; im Grunde ist mir von dem, was die Kinder jetzt lernen können, Musik und Skilaufen das Wichtigste. Und beides scheint ja reichlich geübt zu werden, und nach Deinem Brief sieht es so aus, als ob die Kinder auch richtige Fortschritte machten. Dass sie schon nach dem Essen im Bett lesen können! Das bedeutet doch offenbar, dass ihnen das Lesen garkeine Schwierigkeiten mehr macht. Du schreibst garnichts darüber, wie es mit dem Essen und dem Geld steht; daraus schliesse ich, dass Du keine allzugrossen Sorgen hast, aber Du musst mir einmal genauer berichten. Ich habe auch nochmal nach Frankfurt wegen der 1700 M geschrieben, ausserdem habe ich Telschow gebeten, Dir Geld zu schicken; so kommst Du hoffentlich durch bis zur Übersiedlung nach Göttingen. Es sieht jetzt sehr so aus, als ob wir nach Göttingen kämen, aber die Entscheidung liegt bei den höchsten Stellen. Dass Du gem nach Göttingen gingst, freut mich sehr; ich hab ja auch viele alte Erinnerungen an Göttingen und werd mich dort schon zurechtfinden. Nur muss ich erreichen, dass ich auch die amerikanische Zone wieder betreten darf, denn wenn ich nicht wenigstens in den Ferien nach Urfeld u. Bayern könnte, wär ich doch etwas unglücklich. Einstweilen ist eben Urfeld die Stelle, die mir wie eine Heimat vorkommt. Aber das wird früher oder später auch sicher zu erreichen sein.
Du fragst, ob wir die Wahl hatten, in Deutschland zu bleiben, oder nach Amerika zu gehen. Ich glaube nicht, dass man unsere ganze Gruppe drüben haben wollte; aber Hahn und ich sind halboffiziell gefragt worden: Goudsmith hat mich gleich beim ersten 'Verhör' in Heidelberg gefragt, ob ich nach Amerika wollte, und Blackett hat in England die Frage nochmal angeschnitten. Ich hatte mir das schon vorher sehr reiflich überlegt und etwa folgenden Standpunkt eingenommen: Ich bin mir klar darüber, dass in den nächsten Jahrzehnten Amerika das Zentrum des wissenschaftlichen Lebens sein wird u. dass die Bedingungen für meine Arbeit in Deutschland viel schlechter sein werden als drüben. Andererseits werde ich eben deswegen drüben nicht so nötig gebraucht; es gibt dort viele ausgezeichnete, tüchtige Physiker. Aber hier kommt es doch darauf an, dass wieder geistiges Leben entsteht. Seit 1933 ist mir klar gewesen, dass sich hier eine entsetzliche Tragödie für Deutschland abspielt, nur das Ausmass und das Ende war mir nicht vorstellbar; und ich bin damals hier geblieben, um auch nachher da zu sein u. zu helfen. Genau das hatte ich auch meinen amerikanischen Freunden im Sommer 1939 gesagt, und das ist von den Besten unter ihnen auch gut verstanden worden; diesem Vorsatz will ich nicht untreu werden, und Goudsmith fand das auch ganz richtig u. verständlich. Der Krieg wäre ja auch vom amerikanischen Standpunkt aus völlig sinnlos gewesen, wenn es nicht gelänge, Mitteleuropa wieder mit der geistigen Tradition der letzten zwei Jahrtausende zu verknüpfen; wenn es sich nur um das Zerstören handeln sollte, so hätte man das ja gut dem Hitler überlassen können. Jedenfalls wird doch wohl kein Amerikaner ernstlich behaupten wollen, Deutschland sei eine Bedrohung für Amerika gewesen, oder ein Hitler'sches Europa sei machtmässig gefährlicher, als ein eurasischer Kontinent, dessen politische Führung in Russland liegt. Also der tiefere Grund des Krieges ist sicher die Gefahr des Bruches mit der westlichen Kultur gewesen, und insofem müssen auch die Amerikaner es richtiger finden, dass es noch Menschen gibt, die diese Art zu Denken in Deutschland pflegen wollen, als dass die aIle Europa verlassen und nach dem Westen auswandem. Ich glaube zu wissen, dass ein Mann wie Roosefelt durchaus Verständnis für solche Überlegungen hatte, aber die jetzige amerikanische Politik ist mir undurchsichtig und manches, was ich von der amerikanischen Zone berichten höre, scheint mir unsicher u. inkonsequent. Ich höre jetzt gelegentlich sagen, die Amerikaner hätten die Absicht, Europa wieder zu verlassen und, was wohl beinahe das Gleiche ist, es so zu einem Teil des russischen Imperiums werden zu lassen. Wenn das so ist, so erscheint natürlich auch die Frage, ob man hier bleiben solI, in einem ganz neuen Licht. Aber ich kann mir einstweilen noch nicht denken, dass die amerikanische Politik sich tatsächlich in dieser Richtung entwickelt.- Unsere Kinder sollen natürlich später die Möglichkeit haben, sich in der Welt umzusehen, und sich eine Heimat dort zu suchen, wo sie glauben, dass es am besten sei. Wir müssen uns durch unsere Arbeit Mühe geben, dass wir den Kindern später diese Freiheit ermöglichen. Auch sollen die Kinder viele fremde Sprachen lernen. Ich will jedenfalls in den nächsten Jahren versuchen, hier am Wiederaufbau zu helfen, und wenn die Uneinigkeit der Politiker das nicht zu sehr stört, muss es doch auch gelingen, wieder etwas von dem regen geistigen Leben der 20er Jahre zu wecken. Übrigens denkt Fritz genau so, und hat im Grunde auch die feste Absicht, wieder hierherzukommen und hier mitzuhelfen. Dass es in vieler Weise schöner u. bequemer wäre, in Amerika zu leben, das muss man halt in Kauf nehmen.
Also richten wir uns einstweilen innerlich auf Göttingen ein; wenn dann Hamburg daraus wird, ist es ja auch kein Unglück.- Ich bitte Dich noch, mir die Adresse von Jacobis und Deiner Eltern zu schreiben. Ich wollte an beide mal einen Gruss schicken.- Übrigens hörte ich, Otto Westphal hätte in Göttingen Schwierigkeiten bekommen; ich weiss aber noch nicht, was los ist.
Dass ich hier einen Koffer voll Kindersachen habe, von Fritz, und aIle möglichen nahrhaften Herrlichkeiten, das hab ich Dir doch geschrieben. Wir müssen sehen, wie wir das nach Urfeld bringen.
So, jetzt bin ich sehr müde, es ist spät und ich hatte heute früh einen langen Spaziergang gemacht, Hab nochmal vielen, vielen Dank für Deinen Brief, Es war herrlich, dass Du geschrieben und so viel von den Kindern erzählt hast.
Alles Gute und grüss die Kinder! Dein Werner.

 

Meine liebe Li! Göttingen 15.2.46

Damit Du nicht so lange auf einen Brief von mir warten musst, will ich Dir schreiben, obwohl seit Deiner Abreise erst ein Tag vergangen ist. Die Zeit in Alswede war so besonders schön, ein guter Anfang für das kommende gemeinsame Leben, und ich bin so dankbar dafür, dass uns diese vierzehn Tage gegeben worden sind. Hoffentlich dauerts nicht allzu lange, bis ich von Dir Nachricht über die Kinder bekomme.
Hier in Göttingen geniesse ich das "Tätigsein". Ich habe seit dem Kriegsende so sehr für mich allein gelebt, dass es gut ist, wieder neue Menschen zu sehen, Pläne zu machen, und in Verhandlungen und Gesprächen am Lebenskampf teilzunehmen. Unsere Übersiedlung in die AVA wird in etwa zehn Tagen stattfinden, bis dahin geniesse ich noch die vollen Fleischtöpfe am Nikolausbergerweg. Heute abend nehme ich am ersten Kolloquium teil, und es wird wohl nicht allzulange dauern, bis ich wieder Vorlesungen u. Vorträge halte. Ich habe immer geglaubt, das ich von Natur faul wäre, sehe aber jetzt, dass mir nach einer so langen Pause das Arbeiten Spass macht.- Ich bin auch überzeugt, dass Du Dich mit einigen Kollegenfrauen sehr gut verstehen würdest, z.B. würde die Frau Kopfermann im Alter und im Temperament gut zu Dir passen.
Die Verbindung mit Westphals hab ich noch nicht hergestellt, will es aber morgen tun. Frau Westphal solI in Göttingen sein - zu schade, dass Du sie hier nicht getroffen hast. Eben höre ich, dass ich herunter zu den Engländern muss. Also alles Gute, und schreib mir bald! Dein Werner.

Meine liebe Li! Göttingen, 22.2.46

Der Einstand in den Göttinger Alltag ist nun doch schwieriger gewesen, als ich dachte; erstens war das Alleinsein nach Deiner Abreise natürlich schwerer, als vor Deinem Besuch -, und zweitens bin ich von der ersten Typhusimpfung noch zwei Tage ganz abscheulich krank gewesen; ich hatte am Dienstag und Mittwoch ziemlich hohes Fieber und konnte am Mittwoch abend überhaupt nur noch mit Mühe einzelne Glieder bewegen. Da man wusste, dass die Sache von selbst in Ordnung kommt, konnte man sich natürlich dabei beruhigen, aber ich hoffe doch, dass die beiden nächsten Impfungen nicht zu ähnlichen Effekten führen. Leider gehen mit solchem köperlichen Missbehagen auch seelische Depressionen Hand in Hand, aber jetzt ist alles wieder in der Reihe.- Ich bin dann nochrnal beim Wohnungsamt gewesen, mit der gleichen pessimistischen Auskunft wie bisher. Wahrscheinlich kann in der Wohnungssache nichts geschehen, bis die Entscheidung in den Verhandlungen über die Institute gefallen ist; erst dann wird ein so starker behördlicher Druck von oben ausgeübt werden, dass wirklich etwas geschieht. Aber natürlich wird man ebendeshalb als feindlicher Eindringling betrachtet werden. Unsere Übersiedlung in die AVA wird wohl Anfang nächster Woche stattfinden. Bis dahin kommen auch die Alsweder hierher; wir sollen alle in den fünf Zimmern des obersten Stockwerks dort untergebracht werden. Etwas prirnitiv, aber sonst ganz brauchbar. Wenn Wirtz und v.W. hier sind, kann ich dann gut mal für einen längeren Urlaub nach Urfeld fahren.
Gestern abend war ich mit Hahn zusammen im Theater; es wurde die Entführung aus dem Serail gegeben. Das war natürlich ein grosser Genuss; das Theater ist jetzt viel besser, als vor dem Kriege, da Schauspieler u. Sänger von viel grösseren Opern nach Göttingen geflüchtet sind. Ich finde die "Entführung" noch nicht ganz so gut, wie Figaro und Don Juan, aber es ist doch von Anfang bis zum Ende eine wunderbare Musik. Ein kleinerer Teil des Theaters ist für englisches Militär reserviert, aber auch dort sitzen viele Deutsche, die von den Engländern eingeladen werden. Und die Engländer sind stets taktvoll zurückhaltend. Überrascht war ich nur, dass nach englischer Sitte vor dem Stück die Königshymne "God save the king" gespielt wurde, zu der sich alles erhob. Ich empfand es garnicht als ungewohnt, wartete aber unbewusst nach dem letzten Takt darauf, dass sich nun "Die Fahne hoch" etc. anschliessen würde. Ich möchte wissen, was meine guten Göttinger Landsleute dabei empfinden; manche wären sicher ganz froh, wenn sie sich nun als Untertanen des englischen Königs betrachten dürften, der dann auch als guter Führer für sie zu sorgen hätte. Aber vielleicht ist es garnicht schlecht, wenn für die Menschen die Welt so einfach aussieht. - Morgen abend will ich zu Blieseners und Robert Bliesener dort treffen. Am Sonntag will ich zu Otto Westphal, vielleicht schon etwas Musik verabreden. Heute abend ist eine Besprechung mit englischen Offizieren, morgen früh trage ich im Physikal. Kolloquium vor. Du siehst, meine Zeit ist ausgefüllt. Inzwischen bist Du hoffentlich längst in Urfeld, nach gut überstandener Reise. Leider wird es noch einige Zeit dauern, bis ein Brief von Dir kommen kann; aber ich habe ja das Warten gelernt. Mein Gesamteindruck ist jetzt immer wieder: es geht alles sehr langsam, aber schliesslich wird es auch ganz gut werden. Wir müssen nur beide Geduld haben. Und Du musst für Deine Gesundheit sorgen, gelt! Überanstreng Dich nicht! Grüss die Kinder, ich werde ihnen nächstens auch wieder mal schreiben. Dein Werner.

Meine liebe Li! (Göttingen) 24.2.46

Heut war ich bei Otto Westphal u. seiner Familie, draussen vor der Stadt, etwa eine knappe Stunde von hier. Es war ein nettes Beisammensein; aber das wichtigste Ergebnis war, dass das kleine Häuschen, das er bewohnt, vielleicht frei wird und dann uns unter Umständen zur Verfügung stünde. Westphals wollen nämlich wieder in die Stadt ziehen u. haben auch Aussicht auf eine kleine Wohnung. Das Häuschen liegt hinter dem Hainberg, hat eine Garage u. wäre mit einem Auto vielleicht zu bewirtschaften. Das Auto würde ich wohl bekommen; ausserdem hat das Haus einen grossen Garten mit viel Beerenobst. Aber leider hat es neben diesen guten Eigenschaften auch sehr grosse Mängel: es ist eigentlich viel zu klein. Unten: ein grösseres Wohnzimmer, eine Küche u. ein kleines Zimmer, oben, im Dachgeschoss mit schrägen Wänden, ein grosses Kinder-Spiel-u.Schlafzimmer, und zwei kleinere Zimmer. Also für uns alle eigentlich viel zu eng, daher nur im äussersten Notfall geeignet. Das Wohnen da draussen ist auch eine etwas romantische Angelegenheit, und wegen der Nähe der Russen vielleicht politisch unzweckmässig. Immerhin der erste diskutable Vorschlag, der bisher in Göttingen aufgetaucht ist. Zugleich kam ein Brief von Sommerfeld, der mir wieder die Sehnsucht nach München geweckt hat, und den Gedanken, dass wir in der Meichelbeckstr. natürlich zehnmal besser wohnen würden als in irgendeinem Haus, das wir hier bekommen. Wenn ich nächstens nach Urfeld komme, müssen wir die ganzen Zukunftspläne nochmal ausführlich durchsprechen. Ich bin so etwas unglücklich darüber, dass ich selbst nicht recht weiss, was ich will. Wir müssen jedenfalls uns alles so genau überlegen, dass wir beide das Gleiche wollen, gelt? - Morgen ziehe ich in die AVA, Bunsenstr. 10 um, da geht also der Alltag des Lebens im deutschen Rahmen wieder an. Alles Gute für heute! Dein Werner.

 

Meine liebe Li! Göttingen, 28.2.46

In Gedanken bin ich in dieser Zeit so viel bei Dir, ich weiss nicht, ob Du das merkst, und ich warte mit Sehnsucht auf den ersten Brief von Dir aus Urfeld. Nicht als ob ich wirklich Sorge hätte, jedenfalls nicht im wachen Bewußtsein; aber wie ich heute hörte, dass Irmgard Schumacher mich dringend habe sprechen wollen, bin ich zuerst doch richtig erschrocken und war dann froh, im Telefon zu hören, dass es sich um ganz harmlose Dinge handelte. So ist im Unterbewusstsein doch offenbar noch eine geheime Unruhe zurückgeblieben, entstanden aus den Unglücken des letzten Sommers und genährt durch die Schwierigkeit der Postverbindung. Aber es wir schon bald Post kommen; gestern kam Ria's schön geschriebener Brief, den ich auch gleich beantwortet habe. Ich glaube, ich werde mit der kleinen Ria gute Freundschaft halten, wenn wir wieder beisammen sind. In ihrer kleinen Seele scheint mir manches lebendig, was mir nahesteht, und man muss es nur pflegen, wenn sie grosser wird.
- Ja, hier in Göttingen geht alles so recht und schlecht weiter. Unsere Zimmer in der AVA sind einstweilen scheusslich, reine Büroräume ohne eine Spur von Wärme, aber als vorübergehende Zeltlager in dem Feldzug des Lebens noch gut zu brauchen. Ich verliere auch den Mut fast nie, obwohl die Schwierigkeiten umso größer scheinen, je näher sie kommen. Wie unsere Zukunft wirklich aussehen wird, das kann ich noch garnicht erkennen. Trotzdem hab ich das deutliche Gefühl, das sie garnicht so schlecht werden wird, wenn wir nur Geduld haben. Was hier im Kleinen geschieht, ist ja nur ein Ausschnitt aus jenem grossen Spiel, das seit einigen tausend Jahren gespielt wird; dem Kampf zwischen Geist und brutaler Gewalt. Und allenthalben auf der Welt werden die rein menschlichen Kräfte stärker, und ich glaube manchmal fast körperlich zu spüren, dass das Toben der Dämonen schwächer wird. Das sind so allgemeine Sätze, und vielleicht soll das alles nur bedeuten, dass ich an irgendeiner Stelle wieder ganz fest an die Zukunft glaube. Das musst Du auch tun, und musst Geduld haben, und dann müssen wir fest zusammenhalten.
Draussen ists wieder richtig Winter geworden, die Lampe unter dem Torbogen zeichnet das kunstvolle Gitter der Türen vergrössert auf den Schnee. Unsere englischen Freunde sprechen von Schitouren im Harz, und wenn ich Glück habe, werde ich vielleicht mal mitgenommen. Freilich, der Brocken liegt schon in Russland, aber Andreasberg und die umliegenden Höhen, die Orte unserer ersten Schiexerzitien vor 25 Jahren gehören noch zu Europa. Ich bin körperlich so richtig in dem Zustand, lange Schitouren zu machen, und wenns nicht hier ist, so will ich nächstens ein paar Mal den Herzogstand herunter fahren. Wann ich zu Euch komme, weiss ich noch nicht, aber so arg lange wirds wohl nicht mehr dauern. Zuerst müssen die Alsweder hierherkommen, und dann noch zwei oder drei Wochen.
Alles Gute, mein Liebes, bleib gesund und grüss die Kinder! Dein Werner.

Meine liebe Li! Göttingen 10.3.46

Heute war ein recht schöner Tag. Ich war von unserem Oberst zu einer Schitour im Harz eingeladen worden. Ich hab mir eine Schihose vom Kollegen Becker geliehen, den Pullover von Hahn, die Schier von englischen Offizieren. So fuhren wir urn 9 h mit dem Auto nach Altenau, das etwas 12 km westlich vom Brocken in etwa 500 m Höhe liegt. Die russische Grenze läuft gerade diesseits vom Brockengipfel von Norden nach Süden. In Altenau gabs viel Schnee, und es war neblig und warm. Wir stiegen dann auf den Bruchberg, der nicht ganz so hoch ist wie der Brocken; kurz unter dem Gipfel tauchten wir aus dem Nebel auf, oben wars klar und es gab sogar ein bisschen Sonne. Und dann sah man all die Stellen, die wir von früher so gut kennen: den Brockengipfel, der mit all seinen Türmen und Häusern wie eine mittelalterliche Burg aussah, die schiefe Spitze des "Achtermanns", auf dem ich seinerzeit mit Ernst gestiegen wäre, und unten der Oderteich, den ich von den Schitouren vor 25 Jahren so gut kannte. Aber das schönste waren eigentlich die beschneiten Bäume, und eben die schneebedeckten Flächen der Berge. Es ist ja merkwürdig, wie viel die Landschaft bedeutet, in der man aufgewachsen ist; diese erste Schitour im neuen Leben ist mir so ganz nahe gegangen; ein paar Mal bekam ich ein Heimweh nach meinen bayrischen Bergen, dass ich dem Weinen ganz nahe war und kaum mit meinem netten Begleiter sprechen konnte. Ich hab wieder viel darüber nachgedacht, ob wir nach München oder Göttingen gehen sollen. Vielleicht liesse sich beides mit grosser Anstrengung erreichen. Wenn ich München engdültig ablehne, so bedeutet es wohl, dass ich nie mehr in meiner eigentlichen Heimat wohnen werde. Aber habe ich ein Recht, dass zu wünschen, da ja Deine Heimat weiter im Norden liegt und Du wohl hier viel glücklicher wärest? Wir müssen darüber noch ausführlich sprechen. Vielleicht gibt es eine Möglichkeit, für ein paar Jahre hierher zu kommen u. später nach München zu gehen; aber würdest Du das wollen? - Ich habe auch tapfer um Eure Rationen gekämpft; es gibt offenbar Leute, die die Kürzung der Rationen als Druckmittel verwenden sollen, dass Ihr möglichst bald von Urfeld wegzieht, eventuell hier in irgend etwas 'provisorisches', das man doch nur als Flüchtlingslager ansprechen könnte. Ich bin aber jetzt ganz optimistisch. Übermorgen werden in Frankfurt darüber die entscheidenden Verhandlungen gepflogen und ich glaube, dass Ihr die Zusatzrationen noch für einige Zeit bekommen werdet. In vierzehn Tagen kommt Blackett hierher. So lange muss ich noch hierbleiben. Aber dann hoffe ich, für einige Wochen, d.h. also über Ostern zu Euch zu kommen. Wenn ich richtig an Ostern bei Euch sein könnte, vielleicht erst etwas Schilaufen, dann Frühling und Sonnenschein und Ostereiersuchen mit den Kindern, das wäre unvorstellbar schön.
Es kann übrigens auch sein, dass ich mit dem Oberst zusammen nach Urfeld komme; der würde vielleicht einige Tage bleiben wollen.
Du schreibst, dass Du dringend einen Handwerker im Haus brauchen würdest? Ich werde Hiby schreiben, er solle zusehen, dass Wiechers oder Hornung nach Urfeld für ein paar Tage kommen und alles in Ordnung bringen. Das Schlimmste werden ja wohl die Stühle sein; also müsste es wohl eher ein Tischler sein, d.h. Kaehs? Vielleicht überlasse ich es Hiby, wer gerade frei ist. Auch wenn wir bald in Urfeld ausziehen, ist es wichtig, dass wir es nicht zu verwahrlost an andere übergeben.- In der Wohnungsfrage hier sind gewisse Fortschritte zu verzeichnen; es ist nicht unmöglich, dass wir das Sommerfeld'sche Haus hier bekommen, und selbst wenn das nicht geht, könnte eventuell bis zum Juli ein neues Haus gebaut sein, das nach Plänen gebaut wird, die ein hiesiger Architekt ausgearbeitet hat. Also so ganz hoffnungslos scheint es mir nicht mehr, aber es dauert alles entsetzlich lange. An die Schulfrage der Kinder hab ich gedacht; das Treffen mit der betreffenden Schule ist aber noch nicht zustandgekommen.
So, jetzt muss ich zu Westphals zur Musik. Es ist das erste Mal, dass ich in Göttingen Musik mache, hoffentlich wird es bei mir, nach so langer Zeit ohne Musik, einigermassen gehen. Auch über die Möbel und den Besuch in Urfeld kann ich mit Frau Westphal sprechen. Grüss die Kinder und bleib gesund! Dein Werner.

Meine liebe Li! (Göttingen) 20.3.46

Heut will ich Deinen so besorgten Brief vom 10. richtig ausführlich beantworten. Zunächst mein Telegramm: ich hatte in dem unleserlichen Mittelsatz gesagt, dass ich hoffte, über London u. Frankfurt etwas für Euch tun zu können. Tatsächlich ist am 12.3. ein Offizier in Frankfurt gewesen und hat erreicht, dass Ihr Eure verbesserten Rationen weiter bekommen sollt. Ich hoffe, dass dieser Befehl bis nach unten durchgedrungen ist u. dass Ihr jetzt wieder mehr bekommt. Sollte das nicht so sein, so bitte ich Dich vor dem 30.3. nochmal um telegraphische Nachricht; ich könnte gerade am 30.3. bei einer sehr wichtigen Besprechung noch einmal darauf hinweisen. Also diese Sorge schien mir eben behoben, da kam die zweite Sorge: meine Hechinger Wohnung ist zwangsweise geräumt, der Flügel beschlagnahmt worden. Zunächst stehen die Möbel bei Konzelmann, der Flügel noch bei Dr. Höcker(?). Ich habe auch da verschiedene sehr energische Massnahmen ergriffen, aber gerade in der französischen Zone ist alles sehr schwierig. Du kannst Dir denken, dass mir das sehr bitter war. Ich hoffe auch einstweilen noch, dass wir das meiste retten können. Der dritte Schlag war die bevorstehende Gehaltskürzung; es sah zunächst so aus, als würde ich in Zukunft nur etwa die Hälfte des bisherigen bekommen. Inzwischen sieht es wieder etwas günstiger aus, aber ich werde noch viel Ärger und Kampf darum haben. Das waren also heute Hiobsposten und ich war doch ziemlich down in diesen Tagen. Ich glaube wenigstens jetzt getan zu haben, was ich konnte.
Aber es gibt auch einige Lichtblicke. Erstens hoffe ich betimmt, in den Osterwochen nach Urfeld zu kommen, und ich bitte Dich, in diesen Wochen wenn möglich auch Christinchens Taufe zu organisieren. Die Besprechungen sind vom 28.3.-2.4. und danach werde ich wohl frei sein. Dann sieht die Sache mit dem Sommerfeld'schen Haus irgendwie günstig aus. Die Engländer haben, wie ich zufällig hörte, heute angeordnet, dass die Möbel des bisherigen deutschen Inhabers aus dem Haus zu verschwinden haben (worüber dieser Inhaber sehr froh ist, denn er kommt auf diese Weise wieder zu seinen Möbeln). Das ist eine sehr ungewöhnliche Anordnung u. könnte bedeuten, dass sie uns das Haus bald geben wollen. Du wärest hell begeistert, wenn Du es sehen würdest: hinten, auf der Südseite ein grosserer Garten, z.T. Beete, z.T. grössere Bäume; eine Veranda, oben ein Balkon. Im Ganzen wohl etwa 6 grosse, 2 kleinere Zimmer, Küche, Bad. Dachkammem. Innen war ich noch nicht, nur im Garten. Vom Haus nebenan, in dem Bekannte von mir wohnen (Prof. Brandi), konnten wir noch Möbel bekommen, z.B. Betten, vielleieht auch Esszimmermöbel, Schränke. Also halt den Daumen, dass alles so wird. Auch für das Institut gibt es hier viele schöne Apparate u. damit eine solide Arbeitsgrundlage, selbst wenn die Franzosen wenig hergeben.
Dann bin ich bei einer Göttinger Lehrerin gewesen, um den Lernstoff für die Kinder in den Schulen zu erfahren. Die Kinder, die in die zweite Klasse aufgenommen werden wollen (also wohl Jochen) müssen können: Rechnen: Addition u. Subtraktion 1-100. Einfaches Diktat schreiben (auf Tafel oder ins Heft), d.h. sie müssen schon gross- u. kleingeschriebene Wörter auseinanderhalten können, überhaupt die Wörter trennen können, müssen wissen, dass der Anfang eines Satzes gross geschrieben wird, wo der Punkt steht u.s.w. Sie müssen Kürzungen u. Dehnungen hören u. dann etwa 2m oder ein h schreiben (kommen, Stuhl). Sie müssen Lesestücke langsam vorlesen können. Die Kinder, die in die dritte Klasse wollen (also die Zwillinge), müssen das kleine 1x1 können, auch durcheinander (3x4, 7x9 u.s.w.). Sie müssen ein schwereres Diktat schreiben können u. eine Geschichte schriftlich oder mündlich wiedererzählen. Sie müssen die Grundbegriffe der Grammatik: Hauptwort, Geschlechtswort, Zeitwort kennen. Ausserdem müssen sie gut lesen können. (Das schreiben mit Bleistift oder Tinte). Andere Fächer gibt es noch nicht; über den Religionsunterricht wusste die Lehrerin nicht Bescheid; viel scheint es nicht zu sein. Für die vierte Klasse wird Rechnen 1-1000 verlangt, auch Aufgaben mit Einkleidung, und Rechnung wie 7x8+ 15=. Aber für die vierte Klasse sind die Kinder sicher noch zu jung. Vielleicht kann die Lehrerin in Urfeld versuchen, sich einigermassen nach dem Programm zu richten. Wann die Kinder hier eingeschult werden können, hängt natürlich von Umständen ab, die wir nicht übersehen können; ich will schon alles tun, dass es schnell geht.
Darüber, dass Du zu den "Mitläufern" gehörst, lass Dir mal keine grauen Haare wachsen. Den "Entlastungsantrag" würde ich nur stellen, wenn Du nachweisen kannst, dass Du sozusagen "gezwungen" worden bist, beizutreten. Ich glaube, nur das gilt. Aber vielIeicht kann das alIes warten, bis ich nach Hause komme. Ich muss mir mal erst ansehen, wie das bei Euch gehandhabt wird; jedenfalIs ist es sehr unwichtig und sollte Dir kein Kopfzerbrechen machen. Dass die Welt ungerecht ist, wissen wir ja schon von früher. Über den Vater v. Weizsäcker weiss ich nur, dass er in Rom lebt u. dass der Papst offenbar seine schützende Hand über ihn hält. Ich glaube nicht, dass ihm viel geschehen wird, schon, weil Henderson(?) ihn so gelobt hat. Es ist wirklich traurig zu sehen, wieviele anständige Menschen jetzt mit den übelsten Naziverbrechern in einen Topf geworfen werden; dabei glaube ich, dass es sich von Seiten des Auslands nur um Verwechslung handelt, bei den Deutschen ist manchmal schlechter Wille dabei. In Berlin solI jeder Pg. in die KPD eintreten dürfen und damit "charakterlich gereinigt" sein. Ganz so wirds wohl nicht sein, aber vielleicht auch nicht völlig anders. "Wandrer, gegen solche Not solltest du dich sträuben - Wirbelwind u. trocknen Kot -lass sie drehn u. stäuben" steht schon beim Verfasser des Götz v. Berlichingen.-

Was Du von der Gesundheit der Kinder u. Deiner eigenen schreibst, macht mich sehr besorgt. Aber ich kann ja leider von hier garnicht helfen. Ein Aufenthalt in der Schweiz könnte man höchstens durch Onkel Karl oder Fritz finanzieren, ausserdem wären viele Genehmigungen dazu nötig. Im Mai solI ich wahrscheinlich kurz nach Kopenhagen, da will ich dann versuchen, für etwas mehr Essen zu sorgen.- Hier bekomme ich übrigens Schwerarbeiterzulage u. werde ausreichend verpflegt; mach Dir keine Sorge! - Hast Du schon einen eventuellen Mieter für das Urfelder Haus? - Aber jetzt Schluss, der Brief ist so voller Sachlichkeit, dass mirs graust.
So in 2 bis 3 Wochen bin ich dann bei Euch! Dein Werner.

Meine liebe Li!

Heut kamen zwei Briefe von Dir, vom 6. und vom 15. einer, und Deine Schilderung von dem Gesundheitszustand der Kinder macht mir etwas Sorge. Ich kann vielleicht, wenn ich (in etwa 14 Tagen!) zu Euch komme, Vitamintabletten u. Lebertran mitbringen-, vielleicht, sicher ist es noch nicht. Ausserdem werde ich hier wahrscheinlich Gemüsesamen bekommen und kann (auch wieder vielleicht) anfangen, unseren zukünftigen Garten anzubauen. In diesem Garten des Sommerfeld-Hauses gibt es jedenfalls Beerenobst (vielleicht etwas weniger als in Leipzig) und Gemüsebeete. Ich hab aber noch nicht heraus, wer den Garten bisher für sich beansprucht; wenn wir Glück haben, gibt der bisherige Nutzniesser ihn gutwillig her. Natürlich wird der Garten nicht für uns reichen; ein Grundstück ausserhalb der Stadt würde aber mit grösster Wahrscheinlichkeit bestohlen werden, also viele Enttäuschungen bringen. Wir müssen eher versuchen, durch Bauermeisters etwas zu bekommen.
Ein Aufenthalt für Nuss u. Barbara in der Schweiz wäre natürlich sehr schön, könnte aber nur durch Fritz oder Onkel Karl finanziert werden. Ausserdem hätte ich die Kinder gern mal in meiner Nähe; also ich weiss nicht so recht. Wenn wir, wie ich zu hoffen wage, etwa Anfang Mai umziehen, glaub ich, dass wir im Lauf des Sommers zu erträglichen Rationen vordringen werden. Die Schwerarbeiterzulagen ist mir bereits so halb zugesagt worden. Ich kann von hier aus nicht beurteilen, ob die Kinder noch vier Monate 'durchhalten' können, dann wird es schon langsam besser gehen. Es kann mit dem Sommerfeld'schen Haus natürlich auch noch länger dauern.- Vorgestern hab ich telegraphisch bei Dir angefragt, ob Ihr wieder die höheren Rationen bekommt. Das Frankfurter Hauptquartier hat am 12.3. diesen Befehl gegeben; wenn nichts geschehen ist, will ich nochmal nachfragen. Das französische Hauptquartier hat inzwischen auch die Rückgabe meines Flügels u. sonstigen Eigentums befohlen. Aber auch da hab ich noch keine Nachricht, dass es geschehen ist.
Liebes, ich bin in Unruhe und tätig und nicht so recht beim Briefschreiben. Aber ich sorge tapfer für die Zukunft unserer Familie und Du musst noch etwas Geduld haben. Einstweilen ist hier noch jeder Tag wichtig. Aber ich hoffe, dass wir in Urfeld ein paar ruhige Wochen haben werden, Ich bleibe über Ostern. Kann Christines Taufe dann sein? Alles, alles Gute! Dein Werner.

Meine liebe Li! Göttingen 5.5.46

Vor acht Tagen sind wir zusarnmen von Urfeld fort, nun sitz ich wieder alleine hier und die ersten Tage waren nicht leicht; zwar der Flieder blüht und die Kastanien; und die Sonne scheint, aber der Himmel ist nie wirklich blau. Aber damit werd ich schon fertig werden. Die Autofahrt bis Würzburg war recht schön, dann gings mit der Bahn weiter bis Frankfurt, wo ich den Anschluss verpasste und bei Hahns übernachtete. Donnerstag mittag kam ich hier an.
In der Zwischenzeit hat sich einiges wichtige ereignet. Die Engländer behaupten, das Sommerfeldhaus nicht freimachen zu können, sie wollen mir aber dafür ein anderes geben, nämlich das am Nikolausbergerweg, das Du kennst. Ich will morgen mit dem Besitzer verhandeln und zusehen, ob sich alles einrichten lässt. Das Haus selbst ist sehr schön, wohl sogar etwas grösser als das Sommerfeld'sche, aber der Garten ist kleiner und trägt keinerlei Obst oder Gemüse. Aber vielleicht kann man dann irgendein anderes Stück Land finden. Ausserdem solI das alles sehr schnell gehen. Der Transport von Hechingen solI vielleicht schon in vierzehn Tagen abgehen. Ich bitte Dich deshalb, sofort die Reisegenehmigung nach Hechingen in Tölz zu beantragen (telefonisch durch Frl. Fehrg), als Datum würde ich einen weiten Spielraum angeben, etwa: zwischen 15.5. und 15.6. Ferner müsstest Du wohl vorher (evtl. auf der Reise nach Hechingen) nach München fahren und folgendes machen: erstens in Tante Muckls Wohnung nachsehen, wieviele Sachen wir von dort mitnehmen und davon eine Liste machen (übrigens: es könnten dort noch ein paar nette kleine Ölbilder geben, Landschaften aus der Kügelgenzeit, die vielleicht uns beiden gefallen); zweitens mit Ilse Roth (Friedrichstr. 17) über die Verwendung des Urfelder Hauses beraten; ich werde Ilse Roth in den nächsten Tagen schreiben, dass wir Mitte Juni vielleicht schon ausziehn. Drittens müsstest Du Dir, wenn Du eine Liste aller Sachen hast, die von Urfeld und von München hierhersollen, von einem Transportgeschäft einen Rat holen, wieviele Militärlastwagen (etwa 3-to-Wagen) man wahrscheinlich für den Transport braucht, ferner wieviele Kisten u. Decken. Der Transport wird dann später (nach der Hechinger Expedition) durch amerikanische Militärwagen durchgeführt werden. (Vielleicht braucht man aber einen Packer von einer Firma). Eine Abschrift der Liste und des geschätzten Wagenbedarfs musst Du mir so bald wie möglich hierherschicken; dann kann ich auch von hier aus etwas mitvorbereiten. Wahrscheinlich würde der Transport Urfeld-München-Göttingen von der Militärregierung in Tölz durchgeführt werden. Du müsstest aber warten, bis die von sich aus an Dich herantreten. Aber nun zum Hechinger Transport: Sobald ich weiss, wann der Transport startet, telegraphiere ich Dir, wann Du in Hechingen sein musst. Du fährst dann also dorthin, bereitest mit den anderen Frauen zusammen das Packen vor - die Oberleitung wird wahrscheinlich Hiby haben, da wir nicht nach Hechingen dürfen und dann werden zwei oder drei Tage später 30-50 Lastautos in Hechingen anrollen. Diese Autos werden Kisten, Holzwolle und, wenn irgend möglich, Decken mitbringen. Die Packer müssen dagegen in Hechingen u. Tübingen organisiert werden das wird hoffentlich Hiby vorher schaffen. Beim Einpacken musst Du halt so gut es geht darauf achten, dass sorgfältig verpackt wird; insbesondere ist das beim Flügel, den Glasschränken und dem Porzellan wichtig. Und Du musst halt sehen, dass Du wirklich alles mitbekommst (in unserer Liste neulich hatten wir die drei Klavier- u. Notenpultlampen vergessen!).
Das Packen wird wohl zwei bis drei Tage dauern, dann fahrt Ihr alle mit den Autos mit hierher. Wir könnten dann hier auspacken und das Haus provisorisch einrichten, auch könnte ich schon vorher die Zimmer durch Handwerker etwas herrichten lassen. Dann wirst Du aber bald wieder nach Urfeld fahren müssen (ich will versuchen, ob ich dabei mitkommen kann; aber vielleicht ist es auch notwendig, dass ich hierbleibe) und den zweiten Transport vorbereiten. Der Wunsch der Engländer ist, dass wir bis zum 22. Juni hierher umgezogen sind; länger werden wir auch die erhöhten Rationen nicht bekommen. (Ich rate Dir, die Marken für die nächste Periode möglichst bald abzuholen.) Hier in Göttingen ist dann zunächst Schmalhans Küchenmeister.- Das also ist der ganze Plan; gib mir immer telegraphisch Nachricht wenn Schwierigkeiten auftreten.
Inzwischen hatte ich einen Brief von Onkel Karl als Antwort für meinen Brief vom 1.11.45. Es geht dort allen gut, nur Tante Helen scheint sehr alt zu werden. Onkel Karl will uns auch demnächst Pakete schicken und er fragt, was wir brauchen können. Inzwischen hab ich auch ein Liebesgabenpaket von Oberst Calvert bekommen, der Dir sieben Paar Schuhe aller Grössen für die Kinder geschickt hat. Ich finde das sehr nett von ihm und werde ihm einen sehr herzlichen Dankbrief schreiben; er meint, er könnte uns auch in Zukunft noch helfen.- Übrigens sollst Du mir keine Lebensmittelmarken schicken, da ich sie hier nur unter grössten Schwierigkeiten verwenden kann. Um die Kinderkarte stempeln zu lassen, die Du mir gegeben hattest, musste ich bis zu hohen englischen Stellen gehen. Nur Reisemarken kann man ohne weiteres verwenden. Aber die wirst Du kaum bekommen können. Das ist auch nicht so wichtig, irgendwie komme ich schon durch.
Gestern hab ich einen Brief an Jochen geschrieben, der für seinen Geburtstag bestimmt ist. An Ria schreib ich noch, nur muss ich vorher viele andere Briefschulden erledigen. Also, Liebes, hoffentlich werden die nächsten Monate nicht zu anstrengend für Dich; mit dem Haus wirst Du sicher zufrieden sein, u. schliesslich wirds mir dann auch in Göttingen gefallen.

Also alles Gute! Dein Werner.

Meine liebe Li, Göttingen, 17.5.46

heute lieg ich im Bett u. spiele so etwas Kranksein. Ich hab wohl so eine leichte Grippe, aber ich denke, morgen kann ich wieder arbeiten, also keinerlei Grund zur Besorgnis. Im Gegenteil, die Ruhe des Alleinseins und Nichtverhandelnmüssens geniesse ich sehr, und da will ich Dir zuerst einen langen Brief schreiben. Dein Brief vom 12. kam eben an, wie schön, dass die Post jetzt schneller geht. Ich hab ein schlechtes Gewissen, dass ich Dich durch meinen Brief beunruhigt habe und dass Du nun das Gefühl hast, wir zögen sehr schnell hierher um. Ich bin dabei auch wieder dem Druck der hohen Behörden erlegen, die immer mal wieder Befehle geben, dass der Hechinger Transport u. der Umzug in wenigen Wochen stattfinden müssten. In Wirklichkeit ist das, was befohlen wird, eben unmöglich, aber so etwas wollen Soldaten nie einsehen. Jedenfalls war die Unmöglichkeit zum Glück bisher nie unsere Schuld. Die Einwilligung der Franzosen zum Hechinger Transport liegt noch nicht vor. Erst wenn sie vorliegt, kann der Befehl zum "Ankurbeln" gegeben werden; dann bekommst Du das Telegramm, nach Hechingen zu fahren, dann musst Du dort packen u. kommst schliesslich hierher an. Dann räumen wir das Haus ein, das wir ja einstweilen nicht haben, und dann erst kann der Umzug vorbereitet werden. In anderen Worten, es scheint mir ausgeschlossen, dass der Umzug vor Anfang Juli stattfindet, und es wundert mich nicht, wenn es Ende August oder September wird. Auch die Entscheidung, was wir von Urfeld hierher mitnehmen, kann erst getroffen werden, wenn wir hier unsere Möbel im Haus haben: Denn dann wissen wir, was fehlt.
Hinsichtlich unseres Hauses wird vielleicht in 8 bis 14 Tagen das Stadium erreicht sein, dass die Militärs merken, wie gross die Schwierigkeiten sind. Für die Soldaten genügt ja immer ein Befehl, dann haben sie ein Haus, leer oder möbliert, je nach Wunsch. Dass dabei häufig ein paar Menschen sich das Leben nehmen, interessiert nicht. Der Soldat sieht nur, wie einfach ein Haus zu bekommen ist, und wie bequem es darin aussieht. Für mich ist so ein Verfahren absolut unannehmbar, ich kann das Haus nur nehmen, wenn die deutschen Besitzer oder Einwohner einverstanden sind. Daher ist das Sommerfeld'sche Haus ein singular günstiger Fall. Einstweilen wurden mir nun andere Häuser vorgeschlagen, ich muss also so bald wie möglich zu den ausgewiesenen deutschen Familien gehen u. mit denen sprechen. Beim Nikolausbergerweg 20 ist das erwartungsgemäss schief gegangen; als nächstes kommt Rohnsweg 21, wo früher Walter Weigmann gewohnt hat. Wo seine Frau u. die Kinder jetzt wohnen, muss ich erst feststellen. Dass ich auf dem Umweg über die bewaffnete Macht dieser in äusserster Not befindlichen Familie die Wohnung wegnähme, ist natürlieh auch indiskutabel. Etwas anderes wäre es, wenn ich Weigmanns dabei helfen könnte. Trotz aller dieser Schwierigkeiten, die sicher noch lange dauern, darfst du aber nicht pessimistisch werden und denken, dass wir hier doch nichts Gescheites bekämen. Ich werde schliesslich schon etwas Gutes zustandbringen. Schlimmstenfalls würde ich beantragen, dass für noch eine Zeit lang in Urfeld wohnen bleiben dürft u. ich Euch den Sommer über dort besuche. Bei den Vorbereitungen des Umzugs, Verhandlungen mit der Militärregierung u.s.w. bitte ich Dich, im allgemeinen nicht mehr u. nicht weniger zu tun, als ich Dir schreibe; auch durch zu grosse Aktivität bei Dir könnten Dinge ins Rollen kommen, die dann nicht in den allgemeinen Fahrplan passen.
Solltest Du Flüchtlinge aufnehmen müssen, so gib mir bitte sofort Nachricht. Auch bitte ich Dich, das Problem des baldigen Umzugs mit niemandem zu diskutieren, als mit Ilse Roth. Auch Ilse Roth kennt ja Familien, die als Flüchtlinge aus dem Osten kommen, und ich bin fest davon überzeugt, dass ich erreichen kann, dass eine solche Familie, die uns geeignet erscheint, in unser Haus ziehen darf. Die Schritte bei den Behörden lass also nur meine Sorge sein.--
Inzwischen hab ich zur Feier des Krankseins ein ungewöhnlich gutes Essen bekommen: Kotelette u. Bratkartoffeln. Die Osnabrückerin, die uns hier betreut, sorgt sehr nett für mich.- Seit einigen Tagen ist hier viel Besuch: Mentzer u. Bopp aus Hechingen, Frau v. Weizsäcker aus der Schweiz. Aus Hechingen gab es wieder Hiobsbotschaften: in die Institutsbibliothek ist Wasser gelaufen, sodass etwa die Hälfte meiner Bücher stark verdorben ist; verschiedenes wurde einfach weggeworfen. Zum Glück ist jetzt der Flügel wieder zurückgegeben worden und steht in Höckers Wohnung. Wie er schliesslich hier ankommen wird, ist leider noch nicht entschieden. Wenn Du nach Hechingen kommst, musst Du an folgende Dinge denken: Wäsche von mir ist bei Frau Pahl, ein Paar Schuhe noch bei Schuster Bechtold (hinter dem "Anker"). Du musst versuchen, Vorhangstoff bei Häusslers zu bekommen. Im Institut gibt es, ausser meinen Büchem, noch einige Rotaprintdrucke von Physical Review, an denen mir viel liegt. Vom Institut also meine Möbel, Bücher, Sonderdrucksammlung. Anzug und Stoff bei Häusslers (?). Klavierlampen, Kühlschrank, Quecksilberlampe, Notenpult, Gartengeräte. Gasherd oder Gaskühlschrank je nachdem, was hier vorhanden sein wird. Bei der Verpackung des Flügels ist äusserste Sorgfalt notwendig, da die Lastwagen natürlich viel schaukeln. Aber ich will nicht immer von diesen praktischen Fragen schreiben. Das beste hier in Göttingen sind Deine Briefe und die der Kinder. Solange ich das Gefühl haben kann, dass Ihr da droben ruhig leben könnt und die Kinder vergnügt sind, kann ich hier schon aushalten. Und Du musst das Vertrauen haben, dass ichs hier schliesslich ganz erträglich einrichten kann. Am meisten Sorge macht mir die Ernährung; die britische Zone ist wegen der Industrie offenbar das schlimmste Hungergebiet Deutschlands. Insofern haben wirs hier sehr unglücklich getroffen; aber ich versuche, über Onkel Karl und Bohrs Hilfe zu bekommen. Es besteht auch eine gewisse Hoffnung, unseren Wagen wieder zu bekommen, und der würde natürlieh vieles erleichtern.
Heute nachmittag wollte ich eigentlich im Garten des Sommerfeldhauses arbeiten; es wird reichlich spät zum Pflanzen. Auch zur Musik bin ich seit langem nicht mehr gekommen. Nun muss ich halt abwarten, wie lange ich im Bett bleiben muss. Für übermorgen abend hab ich eine Karte für die Oper "Martha", die ich mir ganz gern anhörte, da ich diese Schlagersammlung aus Grossvaters Zeiten nie gehört habe. Hahn pflegt zu singen: "Martha, Martha, Du entsehwandest - und mit Dir mein Portmonnaie!" Aber vielleicht ist die Oper besser, als ihr "Pliischmobel-Renommee". Das Buch, das Erich Kuby mir geliehen hatte, ein amerikanischer Roman, war mir ziemlich greulich. Diese müde, pessimistische Einstellung des modernen Intellektuellen zum Leben ist mir so völlig fremd. Im Grunde bin ich doch immer wieder glücklich über dieses Leben, besonders seit Du zu mir gehörst, und die Kinder; und selbst das grosse äussere Unglück hat, wie ich an mir selbst erlebe, nichts an diesem Grundton geändert. Ich bin froh, dass Du meine "Philosophie" gelesen hast und dass sie etwas für Dich bedeutet. Es schadet doch auch nichts, dass wir das einstweilen für uns behalten.
Liebes, leb ruhig in Urfeld u. mach Dir nicht zu viel Sorgen um die Zukunft. Mit dem Hechingentransport kommst Du doch hierher, gelt? Alles Gute, und grüss die Kinder Dein Werner.

Meine liebe Li, Göttingen 22.5.46

Dein Telegramm hab ich noch nicht beantwortet, weil ich noch keine Antwort weiss. Ich habe das Problem an die Engländer weitergegeben und telegraphiere Dir, sobald ich Antwort bekomme. Inzwischen ist die Genehmigung zum Möbeltransport von den Franzosen gegeben worden; Du wirst also bald nach Hechingen reisen müssen, und für die Genehmigung werde ich irgendwie sorgen. Dass Du vorher hierherkämst, ist zu umständlich, aber mit dem Transport solltest Du dann kommen.
Hier ist alles unendlich mühsam, einstweilen finde ich das Leben hier greulich. Ein Haus habe wir bisher noch nicht, aber ich gebe nicht auf; schliesslich werden wir sicher eins bekommen. Du stellst verschiedene praktische Fragen, die ich beantworten will. Die Inschrift auf dem Grabstein in München werde ich durch Frau Pflügel regeln lassen, damit brauchst Du Dich dann nicht weiter zu befassen. Dagegen die Sache in Tö1z musst Du leider zu Ende führen, da es sonst niemand tun kann. Der Schreiner, der das Kreuz gemacht hat, heisst Bachleitner; die Malerfirma, die es lasieren und beschriften solI, hat einen Doppelnamen; ich habe sowas wie Eggert + Lickleder in Erinnerung. Im Notfall weiss das Bachleitner. Das wichtigste ist mir die Bearbeitung des Gärtners, dass er das Grab bepflanzt. Im äussersten Notfall, wenn die Leute nicht zum Arbeiten zu bewegen sind, musst Du mal nach Tö1z fahren, eventuell mit Ria u. Woi, und die Anpflanzung und das Aufstellen des Kreuzes selbst machen. Das ist keine allzu grosse Sache; nur wird es auch dabei schwer sein, die Blumen zu bekommen. Vielleicht können Dir Rohdes helfen.- Nagele sollst Du bitten, auf jeden Fall die beiden Klos zu richten, das wird er schon für die zwei Ster Holz machen, die in Kochel liegen. (Er bekommt aber das Holz erst, wenn er die Arbeit gemacht hat!!) Vielleicht kannst Du ihn aber bewegen, dafür auch die Grube in Ordnung zu bringen, eventuell unter zu Hilfenahme von weiterm Holz von Ott. Das Vorrichten des Klos scheint mir sehr dringend, das solltest Du auf jeden Fall erzwingen (auch das Beschaffen der Klodeckel!), die Grube scheint mir nicht ganz so wichtig, weil ich da auch vor der Geldausgabe Angst habe. -
Dann ist natürlich sehr wichtig, dass Du mit Ilse Roth über einen Mieter für unser Haus verhandelst. Wann wir umziehen können, lässt sich freilich noch nicht vorhersagen, aber vielleicht muss man das auch noch nicht so genau festlegen. Es ist natürlich möglich, dass ich vor dem Umzug nochmal nach Urfeld komme, vielleicht für einige Wochen, aber sicher ist es nicht.
Es tut mir leid, dass ich Dir hierbei nicht viel Arbeit abnehmen kann; aber die Vorarbeiten hier in Göttingen sind ja auch unendlich mühsam und leider auch deprimierend. Aber ich komme schon durch, wenn Du in Urfeld den Mut nicht verlierst.
Waltrauts Zukunftsaussichten sehen ja zunächst recht verlockend aus; hoffen wir, dass es auch auf die Dauer so bleibt.
Dass Fritz hier war, hab ich schon an Woi geschrieben. Sein Besuch war sehr nett; wir haben zusammen die "Martha" angehört und uns anschliessend mit Weizsäckers u. Wirtz noch nett unterhalten. Fritz hat einige Lebensmittel mitgebracht, von denen ich mir gelegenltich einige Zulagen spendiere. Das wird Dir doch recht sein. Im letzten Monat ist es mir, dank Deiner Zusatzkarten, überhaupt im Essen nicht schlecht gegangen. Fritz wohnt halb in Berlin, halb in Minden.-
Liebes, ich bin sehr müde; ich schreib oder telegraphier Dir, sobald ich Näheres weiss. Alles Gute! Dein Werner.

Meine liebe Li, Göttingen 31.5.46

heut kamen zwei Briefe von Dir, der eine war acht, der andere vier Tage a1t; wie schon, dass die Post jetzt schneller geht.- Also Waltraut verlässt uns jetzt für immer; Du musst ihr noch von mir Dank u Grüsse sagen, sie war im Ganzen doch eine grosse und angenehme Hilfe. Hoffentlich fügt sich auch ihre Nachfolgerin harmonisch in den Betrieb des Hauses, so wie Du ihn haben willst. Ich denke hier in dieser seelischen Einöde oft an dem zukünftigen Zustand unseres Famileinlebens herum; dabei merke ich, dass ich in diesem einen Punkt stets optimistisch bin, und das ist doch ein gutes Zeichen. Mit Woi werde ich immer sehr gut auskommen, gerade weil er so ist wie Du, und mit Jochen wohl auch. Dass Du Dich jetzt mit Ria so anfreundest, freut mich ganz besonders. Inzwischen bessern sich auch unsere Aussichten auf ein Haus zusehends; aber ich will Dir erst davon schreiben, wenn ich ganz sicher weiss, welches wir bekommen. Inzwischen rückt auch der Hechinger Transport in greifbare Nähe. Es steht nur noch die Einreisegenehmigung für Dich u. Wirtz nach Hechingen aus. Ich habe Dir deshalb in englischem Auf trag telegraphiert, Du solltest nach Hechingen abreisen, sobald Dich die Genehmigung, die von hier aus organisiert wird, in Urfeld erreicht. Dort müsst Ihr dann packen und auf die Autos warten. Etwa gleichzeitig mit Deiner Abreise von Urfeld, die Du mir telepraphisch mitteilen musst, gehen 40 grosse Lastwagen von hier ab, um die Möbel zu holen. Sie bringen auch Kisten, Holzwolle u. Decken mit; Wirtz wird dabei sein u. alles organisieren. Beim Packen musst Du energisch darauf bestehen, dass es sorgfältig u. von Fachleuten gemacht wird.
Dann möchte ich Dich nochmal daran erinnern, dass es sehr zweckmässig wäre, wenn Du in München Ilse Roth sehen könntest, die erstens wegen der Vermietung des Hauses, und dann in anderen Dingen sehr hilfreich sein kann.- Von Hechingen kommst Du am besten mit den 40 Autos hierher mit. Dann wollen wir gleich das Haus einrichten, das dann hoffentlich schon so weit in Stand ist, dass das geht.- Sehr glücklich war ich darüber, dass Du nun auch an Urfeld etwas hängst. Dann wirst Du eben auch alles daransetzen, dass wir Urfeld behalten u. in einiger Zeit auch im Sommer wieder dort wohnen. Das wird bestimmt möglich sein.- Ich freu mich sehr auf Dein Kommen, auch wenn Du dann zunächst an der Last der Sorgen hier teilnehmen musst; aber vielleicht freust Du Dich dann auch über das, was wir uns hier einrichten können. Alles Gute, und grüss die Kinder! Dein Werner.

Meine liebe Li! Göttingen 3.6.46

Eben kam ein Brief von Dir, der nur vier Tage alt war; der mit dem Kofferschlüssel, der mich offenbar etwas trösten solI über einen betrübteren Brief vom Tag vorher. Ich kann mir so gut vorstellen, dass Du manchmal etwas mutlos wirst, besonders, wenn die Ernährung qualitativ so schlecht ist, dass Ihr ständig krank seid. Mir geht es hier in Göttingen in den letzten Wochen viel besser. Ich hab keine Schwierigkeiten mehr, das Essen zu vertragen, auch werde ich dank der Zusätze von Fritz einigermassen satt. Aber woran liegt es bei Euch? Sehr beunruhigt hat mich Deine Nachricht, dass Ihr die Rationen dies mal noch nicht bekommen habt. Ich hatte von hier aus schon mancherlei Kämpfe auszustehen dafür, dass Ihr sie wenigstens diesmal noch bekommt, und für die nächste Perionde wird es sehr mühsam werden. Aber ich dachte nach meinem letzten Gespräch mit den amerikanischen Offizieren, dass Eure Rationen jedenfalls für den Juni gesichert wären. Jedenfalls versuche Du, Dich zu wehren, wenn die Sache von Euren Behörden verschleppt wird.
Dass ich jetzt mit grösster Wahrscheinlichkeit ein Haus für uns gefunden hab, schrieb ich gestern schon in meinem Brief an Ria. Die Verhandlungen mit den deutschen Besitzern sind erfolgreich zum Abschluss gekommen, und die Engländer haben die Freigabe mündlich definitiv zugesagt. Auch hab ich schon Handwerker bekommen, die es in Stand setzen werden, sobald die Truppen heraussen sind. Ich hoffe also, dass Du Dich drüber freuen wirst, wenn Du mit dem Hechinger Transport hierherkommst. Wie schnell das alles gehen wird, muss sich erst zeigen; aber jedenfalls freue ich mich auf Dein Kommen. Leider kommen wir durch den Übergang vom Sommerfeldhaus auf das Neue um die Früchte meiner Gartenarbeit. Ich habe aber in meinem neuen Vertrag erreichen können, dass wir im neuen Garten wenigstens die Hälfte des Obstes bekommen; also wahrscheinlich etwas Beerenobst und Äpfel. Vielleicht kann ich auch noch Erbsen anpflanzen. Wahrscheinlich kannst du hier schon etwas einmachen (an Beeren), wenn Du in einigen Wochen herkommst. Du siehst, so ganz schlecht sieht es hier nicht aus. Trotzdem macht mir die Ernährung der Gesamtfamilie später hier in Göttingen Sorge. Aber auch dafür sind Vorarbeiten im Gange (Onkel Karl, Bohr).-Also hoffentlich kommst Du bald, dann können wir über die Zukunft ausführlich beraten. Alles Gute! Dein Werner.

Meine liebe Li! Göttingen 5.6.46

Damit Du Dir eine bessere Vorstellung von meinen Göttinger Plänen machen kannst, schick ich Dir ein Bild des Hauses, das wir wahrscheinlich bekommen werden. Die Besitzer habens mir heute gegeben, das Bild ist wohl vor etwa zehn Jahren aufgenommen; inzwischen sieht das Haus nicht mehr ganz so weiss gestrichen aus wie damals. Der Garten reicht bis zur unteren der beiden Hecken; er ist jetzt viel dichter bewachsen als damals, auch ist die obere Hecke jetzt so hoch, dass sie den Garten fast vollständig teilt. In der unteren Hälfte steht das meiste Gemüse und das Beerenobst; vom Obst sollen wir in diesem Jahr die Hälfte bekommen. Im Erdgeschoss gibt es, ausser der Küche, drei grössere Zimmer und die ziemlich geräumige Veranda; im ersten Stock fünf kleinere Zimmerchen, was zum "Teilen" der Kinder sehr zweckmässig sein wird, ganz oben nochmal zwei oder drei Dachkammern.
Der Haupteingang zum Haus ist rechts, auf dem Bild nicht direkt sichtbar, dahinter die Garage. Das Haus solI 250 M Miete kosten; es wird nicht ganz leicht sein, das aufzubringen, da die Steuern auf unser relativ hohes Einkommen ganz enorm sind. Aber über die Finanzen müssen wir in aller Ruhe später beraten. Die erste u. schwierigste Aufgabe für mich hier ist das Herrichten des Hauses; zwar scheint es im Augenblick noch garnicht so schwierig, da eine Baufirma, die für die K.W.G. arbeitet, die Sache übernehmen will. Aber ich fürchte, es wird noch Materialprobleme geben. Dann kommt die Frage, wie wirs möblieren, da unsere Möbel kaum reichen werden. Aber mit der Zeit wird es schon werden, besonders, wenn Du dann hier bist und mithilfst.
Gestem kam Dein Telegramm, dass Du auch ohne Genehmigung nach Hechingen fahren könntest. Wenn Du vor dem Eintreffen der Genehmigung reisen sollst, telegraphiere ich Dir. Sonst fahre aber jedenfalls, wenn ein offizieller Brief kommt, und telegraphiere, dass Du abgereist bist. Heut kam Dein etwas trauriger Brief. Liebes, Du darfst es nicht zu schwer nehmen, wenn ich müde bin u. mich in mein Schneckenhaus verkrieche; das ist bei mir so. Wenn Du hierherkommst, wird es auch für mich so viel leichter, und dann bin ich viel seltener müde. Ich bin jetzt so froh über das Haus, da werden wirs bestimmt schön drin haben.
Mittwoch abend. Inzwischen bin ich ein wenig spazieren gegangen, an der Leine entlang zu einer grossen Kiesgrube, die voll Wasser gelaufen ist und jetzt zum Baden und Bootfahren benutzt wird. Weisst Du, irgendwie werde ich mich mit Göttingen schon abfinden. lch sehe, dass diese fruchtbare Landschaft in mancher Weise lebendiger ist, als unsere Felsen, und die Menschen sind kaum so eigennützig und starrköpfig wie unsere bayrischen Bauern. Aber ich hab halt manchmal noch richtig Heimweh. Ich denke an die makellose Schönheit des Blicks von unserer Terrasse, und ich hatte so gern einmal den ganzen Jahreslauf, Frühling, Sommer und Herbst, dort oben verlebt. Weisst Du, so einen Oktober, wo hinter dem Pass der Nebel anfängt, und der See in der Farbenpracht der italienischen Seen leuchtet. Aber man kann nicht alles haben, schliesslich muss ich ja meine Arbeit tun, und auch in Göttingen werden wirs besser haben, als die meisten anderen Menschen. Und vielleicht können wir das Urfeld ja in einigen Jahren wieder haben.- Du kannst übrigens völlig frei mit Herrn Steiniger verhandeln, Du weisst alles ja ebensogut wie ich. Noch eins: vergiss nicht, für Mamas Grab in Tölz zu sorgen, schreib mir mal, wie es damit steht.-
Also auf baldiges gutes Wiedersehn hier! Dein Werner.

Meine liebe Li! (Göttingen), Pfingstsonntag abend (46)

Bevor der Tag zu Ende geht, will ich noch ein bisschen mit Dir plaudem. Draussen ist eine richtige warme Sommernacht, ich bin eben von einer Einladung am anderen Ende von Göttingen zwischen alIen Gärten im Mondschein nach Haus gegangen, Ja, Liebes, mit mir ists nichts so rechtes, ich bin sehr unzufrieden mit mir, aber weiss nicht mehr so recht, was ich machen soll. Aus meinem Telegramm hast Du wohl gesehen, dass der Transport aus Hechingen wieder etwas länger dauern kann, da neue Schwierigkeiten aufgetaucht sind. Damit verschiebt sich auch Dein Kommen hierher, und das ist garnicht gut. Ich hab jetzt schon dran gedacht, Dir zu schreiben, Du solltest vorher noch hierher kommen; aber es ist praktisch unvemünftig und es müsste ja auch so gehen. Was eigentlich ist, weiss ich nicht, ich bin sicher völlig gesund, aber immer müde bis zur Erschöpfung. Sicher spielt das Hungern dabei eine grosse Rolle; aber es geht mir mit den Geschenken von Fritz ja jetzt besser, und sicher ist es nicht allein der Hunger. Ich bin diesem dauernden Herumorganisieren mit den vielen Enttäuschungen nicht mehr recht gewachsen. Ich sag mir jeden Tag, dass es einfach gehen muss, denn von dem, was ich jetzt tue, hängt viel für unsere ganze Zukunft ab, und bei den Verhandlungen bin ich wohl immer noch ganz energisch. Aber innerlich kann ich nicht mehr recht. Wenn Du hierher kommst, wird es sicher besser, weil dann wenigstens Du mir Mut machen kannst, und Hoffnungen und Wünsche mitbringst. Es wäre jetzt so wichtig, menschlich nicht immer ganz allein zu sein, aber einstweilen ist Göttingen für mich völlig tot. Ich hab ein schlechtes Gewissen, Dir das alles zu schreiben, denn es macht Dir Sorgen. Aber wenn ich so tue, als sei alles in Ordnung, merkst Du ja doch, dass zwischen den Zeilen etwas anderes steht, und Du denkst dann, ich sei Dir fern. Aber trotz alledem, ich muss halt warten, bis Du kommst, und es ist praktisch das einzig Richtige, dass Du zuerst nach Hechingen fährst und dann hierherkommst. Ich will bis dahin tun, was in meinen Kräften steht.
In der Sache unseres Hauses ist nicht mehr viel geschehen, Die Engländer wollen die Räumung des Hauses für uns anordnen, aber bisher ist der Befehl jedenfalls noch nicht durchgeführt worden. Der Hechinger Transport verzögert sich, weil ein Offizier, der die Organisation leiten sollte, auf Urlaub gefahren ist; nun muss sich erst ein Ersatzmann einarbeiten. Ausserdem ist die Genehmigung für Wirtz und Dich von den Franzosen noch nicht da. Hoffentlich habt Ihr inzwischen wenigstens Eure Zusatzrationen bekommen; wenn das auch nicht klappt, würde ich völlig verzweifeln.
Mit der wissenschaftlichen Arbeit im Institut hab ich jetzt so etwas angefangen, wenigstens in der Form, dass Kolloquien abgehalten werden. Ausserdem richten wir das Haus her und schaffen Maschinen und Apparate heran.-
Heut am Pfingstsonntag hab ich zuerst ein ausgedehntes Frühstiick mit Weizsäckers eingenommen, hab dann einige jüngere Physiker gesehen und bin von Mittags bis spät Abends beim Philosophen Baumgarten gewesen, den ich im Jahre 1929 in Amerika kennengelernt hatte. Das ist eine ganz nette Familie, Baumgarten spielt auch recht gut Geige (aber natürlich nicht entfernt so gut wie Jacobi). Er hat jetzt leichte politische Schwierigkeiten und ist für freundschaftliche Beziehungen dankbar. Am Abend vorher hab ich mit Weizsäckers und dem jüngeren Bruder Weizsäcker Bridge gespielt. Ausserdem hat dieser jüngere Bruder interessant von Nürnberg erzählt, wo er einige Tage den Gerichtsverhandlungen zuhören durfte.-
Am Donnerstag abend hatte ich zwei Freikarten zu einem Liederabend geschenkt bekommen und habe, um Versäumtes gutzumachen, Irmgard Schumacher dazu eingeladen. Es gab Beethoven, Cornelius, Schubert, alles sehr gut gesungen. Ja, das ist so mein Tageslauf.- Also, Liebes, sei nicht zu unzufrieden mit mir, wenn ich müde bin; es wird sicher besser, wenn Du hier bist, und wenn ich wieder etwas mehr zu essen bekomme. Gestern fand ich unter alten Papieren einen Brief, den ich Dir vor einem Jahr geschrieben hatte und der dann nicht abgehen konnte. Der war so optimistisch, dass ich ihn Dir beilege, damit Du weisst, dass ich auch netter sein kann, wenn die äusseren Umstände etwas besser sind, als hier.
Leb wohl, und grüss die Kinder! Dein Werner.




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