[Aus: Geistiges und Künstlerisches München in
Selbstbiographien, hersg. W.-Zils München, Kellers Verlag, München 1913]
Heisenberg, August, Dr. phil. o..Professor der mittel- und
neugriechischen Philologie an der Universität München, a.o.Mitglied der Kgl.
Bayer. Akademie der Wissenschaften, ev., München,
Hohenzollernstr. 110/III.- Am 13.November (18)69 kam
ich in Osnabrück in einem evangelischen Bürgerhause zur Welt. Mein Vater war
in jungen Jahren, nachdem er das Schlosserhandwerk erlernt hatte, weit in
Deutschland herumgekommen; in die Heimat zurückgekehrt, erwarb
er von seinem Lehrherrn Haus und
Nach einem Jahr stand der Entschluss fest, in Bayern
zu bleiben. Ein Sommersemester 90 in Leipzig, wohin ich auf Wunsch meiner
Angehörigen ging, da meine Zukunftspläne einerlei Bedenken wachriefen, bestärkte
nur meine Absicht; nach weiteren zwei Münchner Semestern erwarb ich die
bayrische Staatsangehörigkeit und bestand mit Glück das erste Staatsexamen.
Es folgten dann frohe Jahre der ersten selbständigen
wissenschaftlichen Arbeit. Dazu machte ich am Maximiliansgymnasium in
München freiwillig ein pädagogisches Praktikum durch; denn das Lehramt
interessierte
Nach kurzer Lehrtätigkeit am
Maximiliansgymnasium verlebte ich als Studienlehrer ein glückliches Jahr in
Lindau, erhielt unterdessen das bayerische archäologische Staatsstipendium und
verbrachte den Herbst und Winter 93 in Italien, den Frühling 94 in
Griechenland. Mit grösster Begeisterung widmete ich
Wenige Tage nach der Rückkehr in die Heimat führte
ich in München die älteste Tochter Annie des Rektors vom Maximilians-gymnasium,
der Philologen und hervorragenden Kenners der griechischen Tragiker, Nikolaus
Wecklein und seiner Frau Magda, einer Tochter des bekannten Schriftstellers und
Ästethikers Adolf Zeising, als Gattin heim. Während meines Aufenthalts in Athen
hatte

Acht Jahre habe ich in
Würzburg gelebt, von 01-09, manches Gute erfahren und einige treue Freunde füüs
Leben gewonnen. Zu dem am 10 März 1900 in München geborenen Knaben Erwin
gesellte sich am 5.Dezember (19)01 in Würzburg ein Bruder, Werner. Die
Würzburger Zeit war schwer infolge des doppelten Berufes. Freilich bin ich
stets mit Freuden Lehrer gewesen, darin glücklicher als
viele andere Männer, denen bei einem starken Interesse für wissenschaftliche
Arbeit der Schulunterricht nur eine widerwillig getragene Last ist. Das war er
mir nie. Wohl habe ich gelegentlich gelitten unter der Wirkung engen
bureaukratischen Geistes, der sich im Gymnasialdienst bemerkbar machte, noch
mehr unter den vielen Sorgen, die der gesamte Stand der Gymnasiallehrer Bayerns
wegen seiner sozialen Stellung hegt und die ich durchaus als die meinen
empfinde. Aber der Verkehr mit den Schülern, der Unterricht selbst, ist mir in niederen wie oberen Klassen des Gymnasiums stets
eine ungetrübte Quelle reiner Befriedigung gewesen. Meine Schüler und ich haben
uns immer wundervoll verstanden, nicht der leiseste Misston trübt mir die
Erinnerung an sie, deren Anhänglichkeit ich jetzt oft
mit Freuden empfinde. Aber weil ich die Schule nicht vernachlässigen und doch
die Vorlesungen gründlich vorbereiten, ausserdem aber mich an der
wissenschaftlichen Arbeit weiter beteiligen wollte, musste die Arbeitszeit
gedehnt werden bis weit über den Tag hinaus; es ist verzeihlich, wenn ich
zuweilen mein Schicksal mit dem der glücklicheren Philologen verglich, die …
ihre ganze Kraft und Zeit in den Dienst der Wissenschaft allein stecken
konnten. Doch ging es trotz der Schwierigkeiten vorwärts.
Die Ausgabe des Akropolites erschien (03), dann machte ich
An der Universität Würzburg
war es allmählich gelungen, den mittel- und neugriechischen Studien Anhänger
unter den Studierenden zu gewinnen. Ein kleiner Bücherbestand war mit der Zeit
geschaffen worden, dann auch eine Art Seminar, in dem fleissig gearbeitet
wurde; die Universität beschloss ein Extraordinariat für mein Fach zu gründen.
Da starb am 12. Dezember 09 mein Lehrer, Karl Krumbacher, und ich wurde als Nachfolger an unsere Universität berufen; seit dem Jahre
11 gehöre ich der Bayerischen Akademie der Wissenschaften als a.o. Mitglied an.
Die Aufgaben, die ich in
München zu erfüllen habe, liegen mir klar vor Augen: es ist
mit einem Worte die Erhaltung und Fortsetzung des grossen Werkes, das Karl
Krumbacher als Begründer der modernen mittel- und neugriechischen Philologie
geschaffen hat. Im Mittelpunkt steht das mittel- und neugriechische Seminar an
unserer Universität, das nicht nur eine philologisch-historische Schule für
junge Studierende, sondern ausserdem und vor allen
Dingen Forschungsinstitut sein soll. Es ist bis jetzt das einzige seiner Art
in Europa und enthält, besonders seitdem ihm Krumbacher letztwillig seine
Bücherschätze überwiesen hat, eine unvergleichliche Spezialbibliothek, die
sich lebhafter Fürsorge von seiten des Staates und der Universität erfreut. Sie bedarf insbesondere nach der kunsthistorischen Seite hin noch
des Ausbaus, wird aber auch jetzt schon alljährlich von einer auserlesenen
Schar von Gelehrten aufgesucht. Meine Lehrtätigkeit
fanden das Schwergewicht im Seminar; daneben versuche ich in den auf dem
Gebiete der Sprache und Literatur, Kunst und Geschichte meinen Zuhörern nahe zu
bringen und treibe mit besonderer Liebe historische Grammatik.
Vorbedingung für alles selbstäädige Arbeiten in der byzantinischen Philologie ist die Vertrautheit mit den Denkmälern der literarischen
Überlieferung, den griechischen Handschriften, und mit der Kunst der
Entzifferung. Nirgends in Deutschland aber ist die
Gelegenheit zu Studien in der griechischen Paläographie so wundervoll geboten
wie in München, wo unsere
Auch
andere grosse Aufgaben bleiben ausserdem zu erledigen. Die Bayerische Akademie der
Wissenschaften hegt die mittel- und neugriechischen Studien mit besonderer
Fürsorge, die Mittel der Thereianosstiftung werden ihnen in reichlichem Masse
zugewendet. Mit Unterstützung unserer Akademie gründete Krumbacher im Jahre 92
die Byzantinische Zeitschrift, die durch ihn allmählich das internationale
Zentralorgan für die byzantinischen Studien geworden ist. Seit Krumbachers Tode
ist ihre Leitung von der Akademie mir anvertraut
worden, ausgezeichnete Mitarbeiter helfen die Zeitschrift in den bewährten
Bahnen weiterzuführen.
Unsere Akademie beteiligt
sich eifrig an den Unternehmungen der Association
internationale des academies. Insbesondere hat sie
es im Verein mit der Wiener Akademie der Wissenschaften übernommen, ein
umfassendes Corpus der griechischen Urkunden des Mittelalters und der Neuzeit zu
schaffen, das für die Erforschung der Geschichte des osteuropäischen
Mittelalters von grösster Bedeutung sein wird. Die Arbeiten sind
bisher über vorbereitende Massnahmen und Sammlung des Materials nicht
hinausgekommen, doch lassen sich bereits einzelne Aufgaben bestimmter
umgrenzen, so dass die Arbeit voraussichtlich bald lebhaft in Fluss kommen
wird.
Die Beziehungen von München zum neuen Griechenland
waren einst ganz besonders eng; die Begeisterung König Ludwigs I. für die
Freiheit von Hellas und seine Hingabe an die edlen Gedanken des Philhellenismus
bilden ein Ankerplatz in der Geschichte Bayerns und seines Königshauses. Seit
jener Zeit hat die Pflege der mittel- und neugriechischen Philologie in München
niemals aufgehört; weder im Ausland noch anderswo in Deutschland ist ihr solche Fürsorge zuteil geworden wie gerade hier. Nur
München besitzt von den deutschen Universitäten
eine … die diese Wissenschaft, die hier seit einem Jahrhundert durch
Männer wie …, …, Christ, Krumbacher ununterbrochen die eifrigste Pflege
gefunden … Nicht etwas Neues gilt es jetzt zu schaffen, sondern auf der alten
Grundlage weiterzubauen und das grosse Werk nach allen Seiten auszugestalten.
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